Das Buch "Das zweite Gehirn" von Emeran Mayer, einem international renommierten Gastroenterologen, beleuchtet die faszinierende Verbindung zwischen Darm und Gehirn. Es erklärt verständlich, wie diese beiden Organe miteinander kommunizieren und unser körperliches und geistiges Wohlbefinden beeinflussen. Mayer verbindet aktuelle neurowissenschaftliche Erkenntnisse mit neuesten Forschungsergebnissen zur menschlichen Darmflora.
Die Darm-Hirn-Achse: Ein komplexes Kommunikationssystem
Der Darm wird oft als "zweites Gehirn" bezeichnet, was auf sein eigenes Nervensystem, das enterische Nervensystem (ENS), zurückzuführen ist. Dieses Nervensystem, ein Geflecht aus bis zu 200 Millionen Nervenzellen, das sich über den gesamten Magen-Darm-Trakt zieht, steuert viele Abläufe und interagiert mit dem vegetativen Nervensystem. Es reguliert die Verdauung, die Nährstoffaufnahme, die Immunabwehr und kommuniziert sogar mit anderen inneren Organen wie Niere und Leber.
Die Kommunikation zwischen Gehirn und Darm erfolgt über die sogenannte Darm-Hirn-Achse. Dabei werden Informationen in beide Richtungen ausgetauscht. Signale aus dem Gehirn erreichen den Darm über das vegetative Nervensystem, während Signale aus dem Darm über den Vagusnerv, Hormone, entzündliche Moleküle und Metaboliten das Gehirn erreichen. Interessanterweise kommuniziert das Bauchhirn mehr Informationen an das Gehirn als umgekehrt.
Emeran Mayer betrachtet unseren Darm und sein Nervensystem als einen Pol der komplexen Gehirn-Darm-Achse - mit dem ersten Gehirn an einem Ende und dem enterischen Nervensystem und dem Darm-Mikrobiom am anderen Ende. Zusammen fungieren Gehirn und Darm als komplexe Regulierungssysteme, die viele verschiedene Funktionen koordinieren und die eng miteinander kommunizieren.
Die Rolle des Darms: Mehr als nur Verdauung
Der Darm ist nicht nur für die Verdauung, Absorption und Eliminierung von Nahrungsbestandteilen zuständig. Er ist auch ein Hauptsinnesorgan mit einer Oberfläche von der Größe eines Basketballfeldes, voll mit Sensoren und Rezeptoren, die Signale von Nahrung und Darmbakterien empfangen. Darüber hinaus beherbergt der Darm den größten Teil unseres Immunsystems, 150 Millionen Nervenzellen (das enterische Nervensystem) und das größte endokrine Organ mit mindestens 40 unterschiedlichen Hormonen und Neurotransmittern.
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Die Wechselwirkung all dieser Systeme im Darm und der Einfluss der Darmbakterien auf diese Interaktionen lässt den Darm zum komplexesten Organ neben unserem Gehirn werden.
Das Darm-Mikrobiom: Ein Schlüssel zur Gesundheit
Das Darm-Mikrobiom, die Gesamtheit der Mikroorganismen in unserem Magen-Darm-Trakt, bildet ein komplexes Ökosystem aus 1.000 Trillionen Mikroorganismen, 1.000 Arten und unzähligen Stämmen. Es beeinflusst unsere Gesundheit maßgeblich und scheint eine wichtige Rolle bei verschiedenen Krankheiten zu spielen.
Aktuelles Wissen deutet darauf hin, dass das Darm-Mikrobiom einen beträchtlichen Einfluss auf unseren Stoffwechsel, Adipositas und Unterernährung hat. Es gibt auch Hinweise darauf, dass Interaktionen zwischen Darmbakterien und dem Darmimmunsystem während der ersten Lebensjahre eine wichtige Rolle bei der Entstehung vieler Autoimmunerkrankungen spielen.
Auswirkungen auf Stimmung und Wohlbefinden
Die enge Verbindung zwischen Darm und Gehirn erklärt, warum sich Darmprobleme oft auf unsere Stimmung und unser Wohlbefinden auswirken. Wir alle kennen das Gefühl von Übelkeit, Bauchschmerzen oder "Schmetterlingen im Bauch" in stressigen Situationen. Patienten mit Reizdarmsyndrom (RDS) erleben solche Empfindungen in übertriebener Form, und viele Patienten mit chronischer Darmentzündung leiden auch an Angstzuständen, Depressionen oder Konzentrationsstörungen.
Der Gastroenterologe Emeran Mayer schreibt in seinem Buch "Das zweite Gehirn" darüber, wie der Darm unsere Stimmungen und unser Wohlbefinden beeinflusst. Emotionen, Gefühle, „Bauchentscheidungen“, gute oder schlechte Laune, Immunsystem, Beschwerden und Krankheiten werden mehr als vermutet über den Darm beeinflusst.
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Ernährung und Lebensstil für einen gesunden Darm
Eine optimale Ernährung, die reich an Pflanzenfasern ist und einen geringen Anteil an Fleisch enthält (vorzugsweise Fisch und Geflügel), ist entscheidend für einen gesunden Darm. Der vermehrte Verzehr von fermentierten Lebensmitteln kann ebenfalls positive Auswirkungen haben.
Stress und Angst können zu Darmerkrankungen und kognitiven Störungen führen. Daher ist es wichtig, Stress zu reduzieren und Entspannungstechniken zu erlernen.
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