Die Idee eines "zweiten Gehirns" fasziniert seit langem sowohl Wissenschaftler als auch Laien. Es ist ein Konzept, das in verschiedenen Kontexten auftaucht, von wissenschaftlich-okkulten Betrachtungen bis hin zu modernen neurowissenschaftlichen Forschungen über den Darm. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte dieses Konzepts, von historischen Entdeckungen bis zu aktuellen Forschungsergebnissen, und untersucht die potenziellen Auswirkungen auf unser Verständnis von Körper und Geist.
Historische Wurzeln und Okkulte Betrachtungen
Der Begriff "zweites Gehirn" taucht bereits in frühen wissenschaftlich-okkulten Schriften auf. Autoren wie Dr. Maack beschäftigten sich mit den "zukünftigen Aufgaben eines wissenschaftlichen Okkultismus" und verwendeten dabei den Begriff "das zweite Gehirn". Diese frühen Betrachtungen vermischten wissenschaftliche und esoterische Ideen und suchten nach verborgenen Verbindungen zwischen Körper, Geist und Universum. Auch fernöstliche Praktiken wie Dantyan Tsigun erwähnen Konzepte wie "Pustaya sila, energiya promezhnosti i Vtoroy Mozg", die auf eine alternative Energiequelle im Körper hinweisen. Es gab sogar Forschungen zu "Ferromagnetischen Erscheinungen am Menschen", die versuchten, physikalische Phänomene mit psychologischen Zuständen in Verbindung zu bringen.
Die Wiederentdeckung des Bauchhirns
Obwohl die Idee eines zweiten Gehirns in esoterischen Kreisen kursierte, erlangte sie erst durch die moderne Wissenschaft eine neue Bedeutung. Der Begriff "Bauchhirn" bezieht sich auf das enterische Nervensystem (ENS), ein komplexes Netzwerk von über 100 Millionen Nervenzellen, das den gesamten Verdauungstrakt auskleidet. Diese Nervenzellen sind zahlreicher als im Rückenmark und steuern weitgehend autonom die Verdauungsprozesse.
Die Entdeckung des Bauchhirns lässt sich bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen, insbesondere zu den Arbeiten des deutschen Nervenarztes Leopold Auerbach. Auerbach entdeckte bei seinen mikroskopischen Untersuchungen die "Schaltzentrale der Verdauungsmaschinerie". Diese Schaltzentrale analysiert die Nährstoffzusammensetzung, den Salzgehalt und den Wasseranteil und koordiniert Absorptions- und Ausscheidungsmechanismen. Im Laufe eines 75-jährigen Lebens wandern mehr als 30 Tonnen Nahrung und 50.000 Liter Flüssigkeit durch den Darm.
Der Darm ist nicht nur für die Verdauung zuständig, sondern auch das größte Immunorgan im Körper, in dem sich über 70 Prozent aller Abwehrzellen befinden. Er beherbergt ein komplexes Ökosystem von Bakterien und Pilzen, von denen viele potenziell tödlich sind. Die Darmwände bilden eine effektive Verteidigungslinie gegen diese Bedrohungen. Eine große Anzahl von Abwehrzellen ist direkt mit dem Bauchhirn verbunden und lernt, zwischen "gut" und "böse" zu unterscheiden.
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Autonome Funktionen und Alarmsignale
Viele Prozesse im Verdauungstrakt laufen völlig autonom vom Kopf ab. Das Bauchhirn kann Daten seiner Sensoren selbst generieren und verarbeiten, Reaktionen kontrollieren, Nachbarorgane anweisen, die Infektabwehr und Muskelbewegung koordinieren, schnell entscheiden und gespeichertes Wissen abrufen. Es ist funktionell organisiert, arbeitet mit Kreisläufen und kann unterschiedliche Zustände registrieren und darauf reagieren.
Gelangen allerdings Gifte in den Körper, "fühlt" das Darmhirn die Gefahr zuerst und schickt sofort Alarmsignale ins Oberstübchen. Diese Fähigkeit, Gefahren frühzeitig zu erkennen, ist ein entscheidender Vorteil des autonomen Nervensystems im Darm.
Der Peristaltische Reflex
Die englischen Mediziner William Bayliss und Ernest Starling setzten die Arbeit von Auerbach fort und entdeckten den "peristaltischen Reflex". Sie öffneten den Leib eines betäubten Hundes und isolierten eine pulsierende Darmschleife. Diese Schleife zeigte ein stereotypes Verhalten: Wenn die Forscher Druck auf das Isolat ausübten, antwortete die Schleife mit wellenartigen Muskelbewegungen, die den Inhalt in eine Richtung weiter schoben - immer von oral nach anal.
Diese hochkomplexe Transportmaschine wird vom Bauchhirn synchronisiert und reagiert auf feinste Druckreize. Dehnt ein Speiseklumpen ein Darmsegment, werden "mechanosensitive" Schleimhautzellen aktiviert. Diese schütten Neurotransmitter aus, die wiederum andere Nervenzellen, die "submucosalen sensorischen Neuronen" im Inneren der Darmwand, stimulieren. Um den Transport über die große Strecke zu ermöglichen, werden mehrere hemmende und aktivierende Schaltkreise nacheinander angeregt.
Das Gleichgewicht im Darmhirn
Das "kleine Hirn" ist verantwortlich für ein hochsensibles, fein austariertes Gleichgewicht. Wird das hemmende System zu stark, entspannt der Darm so sehr, dass er gelähmt wird, was zu chronischer Verstopfung führt. Ist dagegen das "erregende System" zu stark, erfolgt ein beschleunigter Transport.
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Michael Schemann, ein Forscher aus Hannover, erforscht die "Neurotransmitter-Cocktails" im Verdauungstrakt, um herauszufinden, wer mit wem spricht und ob bei Kranken die Kommunikation gestört ist.
Die Macht des Bauchhirns
Bayliss und Starling schnitten alle Nervenverbindungen zu anderen Organen und zum zentralen Nervensystem des Hundes ab, um zu verstehen, woher die Signale für die Bewegung kamen. Doch als die beiden Forscher auf das Eingeweide drückten, reagierte es weiterhin mit der absteigenden Welle von Kontraktion und Relaxation. Daraus schlossen sie, dass Nerven im Inneren diese Arbeit erledigen mussten.
Je tiefer im Verdauungstrakt, umso schwächer die Herrschaft des Kopfhirns. Mund, Teile der Speiseröhre und Magen lassen sich temporär noch etwas von oben sagen. Doch hinter dem Magenausgang übernimmt das Bauchhirn die Regie.
Die Kommunikation zwischen Bauch und Kopf
Ein Großteil der aktuellen Forschung konzentriert sich auf die innige Kommunikation zwischen den beiden Gehirnen. Was dem Hirn geschieht, bleibt dem Bauch nicht verborgen. Bei Alzheimer- und Parkinson-Patienten findet sich häufig der gleiche Typ von Gewebeschäden im Kopf- wie im peripheren Hirn. Auch bei BSE, dem "Rinderwahn", ist der Darm extrem befallen.
Der identische Zell- und Molekülaufbau erklärt, warum psychiatrische Medikamente für den Kopf auch auf den Darm wirken, und umgekehrt körpereigene Stoffe als Pharmaka im Gespräch sind. Sekretin, ein Verdauungshormon, wird als Arznei getestet, die möglicherweise autistischen Kindern helfen kann. Ein bekanntes Migränemittel beruhigt hochaktive Eingeweide. Betäubungsmittel können Entzündungen im Trakt in Schach halten. So auch die Psycho-Droge Prozac, die die Konzentration des Neurotransmitters Serotonin in den Räumen zwischen den Nervenzellen erhöht und im Kopf nicht selten die Stimmung hebt.
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Reizdarmsyndrom und Neuronale Fehlfunktionen
Vor kurzem wurde das erste Medikament gegen die Volkskrankheit "Reizdarm" auf den Markt gebracht, das auf den Erkenntnissen des intensiven Zusammenhangs von Bauchhirn und Psyche basiert. Die Arznei gegen "irritablen Darm" wurde ursprünglich als eine Anti-Angst-Droge entwickelt und soll zumindest einigen der Millionen betroffener Menschen helfen.
IBS-Symptome umfassen starkes Unwohlsein, Unregelmäßigkeiten beim Stuhlgang, Blähungen und Bauchschmerzen. Das Verdauungssystem dieser Menschen funktioniert nicht richtig, und kein Arzt weiß warum. Keine anatomischen oder chemischen Effekte sind erkennbar. Deshalb werden IBS-Patienten oft als hypochondrische Spinner abgetan. Viele solcher Erkrankungen beruhen jedoch auf einer "neuronalen Fehlfunktion" im Bauch, sagt Michael Schemann. Oder das Darmhirn spielt verrückt. Oder im Dialog zwischen oben und unten haben sich Missverständnisse eingeschlichen. Das Bauchhirn entwickele seine eigenen "Neurosen", sagt Michael Gershon.
Mehr Nervenstränge vom Bauch zum Gehirn
Forscher stellten fest, dass weitaus mehr Nervenstränge vom Bauch in das Gehirn führen als umgekehrt: 90 Prozent der Verbindungen verlaufen von unten nach oben. Die meisten Botschaften vom Darm sind allgegenwärtig, wir nehmen sie nur nicht bewusst wahr - außer den Alarmzeichen wie Übelkeit, Erbrechen oder Schmerzen. "Little brain" speist "big brain" mit einer Flut von Informationen.
Emeran Mayer von der University of California in Los Angeles hat sich der Aufgabe verschrieben, diesem geheimnisvollen Strom durch den menschlichen Körper noch genauer auf die Spur zu kommen. Mayer und sein Team unternahmen an IBS-Patienten Reizungen des Dickdarms. Dabei wird ein Kunststoff-Ballon eingeführt und solange aufgeblasen, bis die Versuchspersonen erste Anzeichen von Schmerz empfinden. Gleichzeitig wird die Gehirnaktivität tomographisch aufgezeichnet.
Schutzmechanismen und Stress
Bei gesunden Menschen müssen Reize aus dem Darmtrakt eine hohe Schwelle überspringen, bis sie bewusst werden. Ignoranz als Segen: Gesunde merken nicht, was unten abgeht. Bei IBS-Patienten aber funktionieren die Schutzmechanismen nicht mehr, weil das zuständige Hirnareal ungenügend gehemmt wird. Ihre Wahrnehmungsgrenze für negative Bauchgefühle ist somit herabgesetzt. Deshalb kommt bei ihnen alles Unwohlsein, jede Darmbewegung, jedes Gluckern, jeder negative Impuls, aller Ärger und Schmerz ungefiltert im Bewusstsein an.
Ungezügelte Stress-Kreisläufe scheinen die Hauptursache für den Ausfall der Schutzbarriere zu sein. Not-Situationen wie Schmerzen oder Prüfungsängste fühlen Menschen auch in der Leibesmitte: Wenn die Zentrale im Kopf bewusst oder unbewusst die Last von Anspannung und Furcht wahrnimmt, dann ruft sie den Satelliten im Bauch über spezialisierte Immunzellen im Darm. Die schütten Entzündungsstoffe wie Histamin aus, die Nervenzellen im Verdauungsrohr sensibilisieren und aktivieren. Diese schließlich veranlassen Muskelzellen, sich zu kontrahieren. Die allgemeine Alarmstimmung im Darmhirn wiederum wird dem Kopfhirn mitgeteilt, und das funkt zurück nach unten …und so weiter - einer von Tausenden Zirkeln, die vor allem bei Dauerangst und "high level stress" chronisch werden können: Der Kreislauf verselbstständigt sich.
Der fortwährende Beschuss mit Stress-Chemikalien kann sogar zu Zellzerstörungen im Gehirn führen. Früher Lebensstress ist eingebrannt in Gehirn und Bauch und bestimmt die Sensibilität der Darm-Hirn-Achse für das ganze Leben. Kinder mit den berüchtigten Säuglings-Koliken wachsen nicht selten zu Erwachsenen mit "irritablem" Darm heran. Ein solches Gedächtnis im Bauchhirn "beruht auf Lernprozessen auf der Mikroebene", sagt Michael Schemann. Das Bauchhirn lernt jung am besten, da es nach der Geburt weiterreift und für mindestens drei Jahre plastisch und entwicklungsfähig ist.
Emotionen, Intuition und Evolution
Kein Kollege lacht heute mehr, wenn Emeran Mayer, der Neurogastroenterologe und Professor für Physiologie, in den so überraschend umfangreichen Nervenfasern, die das kleine mit dem großen Gehirn von unten nach oben verbinden, quasi das biologische Korrelat menschlicher "Bauchgefühle" sieht - und der Intuition.
Forscher postulieren eine "Emotions-Gedächtnis-Bank" im Kopfhirn, die alle hoch gesendeten Reaktionen und Daten des Bauches sammelt, etwa jene unangenehmen Sensationen bei stark beängstigenden Situationen. Jedes Mal, wenn der Mensch eine Entscheidung in einer ähnlichen Situation fällen muss, basiert diese nicht nur auf intellektuellen Kalkulationen, sondern wird massiv von jenen unbewussten Informationen aus dem gigantischen Katalog von gespeicherten Emotionen und Körperreaktionen mitgeprägt, eben den "gut feelings".
Forscher sehen darin auch eine Triebfeder der Evolution: Die starke Ausbildung der vorderen Hirnrinde im Kopf ist dem Bauch zuzuschreiben. Den ganzen Tag erzählt der Bauch dem Kopf Geschichten und kreiert das "emotionale Profil". Jede Minute des Lebens wird im Gehirn ein "Gefühlsbett" bereitet - auch für die Nacht, wie Studien nahe legen, in der sich das ständige Bombardement durch die Träume entlädt: Erzeugt das Darmhirn während der Tiefschlafphasen eher sanfte rhythmische Wellenbewegungen, beginnen die Innereien während der traumreichen REM-Phasen des Schlafes aufgeregt zu zucken. Die intensive Stimulierung der Eingeweide und ihrer Serotoninzellen erfolgt parallel zu den nächtlichen Bildern im Kopf. Träumt der Darm etwa mit?
Tag und Nacht nutzen Menschen diese verborgenen Speicher - ohne es wahrzunehmen. Die Chiffren des Bauches steigen nur dann aus dem dunklen Gewässer des Unbewussten, wenn sie künstlich verstärkt werden - eben durch chronischen Stress. Je besser Menschen Angst erinnern, um so besser können sie das nächste Mal entscheiden. Unsere Evolution sei deshalb so erfolgreich, weil Emotionen - ob negativ oder positiv - uns erlauben, bessere Entscheidungen zu treffen. Je stärker die emotionale Erfahrung, um so bessere "somatische Marker" aus der Vergangenheit können wir zu Rate ziehen.
Das Unbewusste und Zukünftige Forschung
Angesichts dieser Erkenntnisse stellt sich die Frage, ob "der Bauch auch ein Teil der biologischen Matrix für das große Unbewusste sein" könnte. Das Unbewusste als protektiver Ratgeber und grausamer Verführer.
Die Forschung zum zweiten Gehirn steht noch am Anfang, aber die bisherigen Erkenntnisse deuten auf eine tiefe und komplexe Verbindung zwischen Körper und Geist hin. Die Entschlüsselung dieser Verbindung könnte neue Wege zur Behandlung von Krankheiten und zur Verbesserung des Wohlbefindens eröffnen.
Die PARA-Methode und Digitale Organisation
Abseits der biologischen Aspekte des zweiten Gehirns gibt es auch Konzepte, die sich mit der Organisation von Informationen und Aufgaben beschäftigen, um das Gehirn zu entlasten. Die PARA-Methode, entwickelt von Ing. Grunewald, ist ein Ansatz, um das digitale Leben zu vereinfachen, zu organisieren und zu meistern. Diese Methode bietet eine Struktur, um Informationen zu kategorisieren und zu verwalten, wodurch geistige Kapazitäten freigesetzt werden können.