Dauerton im Kopf: Neurologische Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten

Viele Menschen kennen das Gefühl: Ein ständiges Pfeifen, Piepen, Rauschen oder Brummen im Ohr, das scheinbar von keiner äußeren Quelle verursacht wird. Dieses Phänomen wird als Tinnitus bezeichnet und kann für Betroffene sehr belastend sein. Der Begriff "Tinnitus" stammt vom lateinischen Wort "tinnire" ab, was so viel wie klingeln oder klimpern bedeutet. Die Ursachen für Tinnitus sind vielfältig und können sowohl organische als auch psychische Ursachen haben. Dieser Artikel beleuchtet die neurologischen Ursachen von Tinnitus und gibt einen Überblick über Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten.

Was ist Tinnitus?

Tinnitus ist die auditive Wahrnehmung von Geräuschen im Ohr oder Kopf, ohne dass eine externe Schallquelle vorhanden ist. Diese Geräusche werden oft als Summen, Klingeln, Pfeifen oder Brummen beschrieben und können von Person zu Person unterschiedlich sein. Ein Tinnitus kann vorübergehend oder chronisch auftreten und das tägliche Leben und die Schlafqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Schätzungen zufolge leiden in Deutschland etwa 10 bis 15 % der Gesamtbevölkerung an Tinnitus. Die Häufigkeit von Tinnitus variiert je nach Altersgruppe und weiteren Faktoren.

Arten von Tinnitus

Grundsätzlich wird unterschieden, ob ein subjektiver oder ein objektiver Tinnitus vorliegt. Etwa 99 % der Betroffenen leiden an subjektivem Tinnitus. Bei dieser Art können die Ohrgeräusche ausschließlich von den Betroffenen selbst wahrgenommen werden, während sie beim objektiven Tinnitus unter bestimmten Umständen auch durch den Arzt hörbar sind. Darüber hinaus wird der Tinnitus nach der Dauer des Auftretens eingeteilt. Von einem akuten Tinnitus spricht man, wenn die Ohrgeräusche plötzlich einsetzen, erst seit kurzer Zeit bestehen und zeitlich begrenzt sind. In vielen Fällen verschwindet der akute Tinnitus von selbst wieder. Halten die Ohrgeräusche jedoch mindestens drei Monate an, wird dies als chronisch-komplexer Tinnitus bezeichnet.

Ursachen von Tinnitus

Die Ursachen für Tinnitus sind vielfältig. Man vermutet, dass bis zu 30% aller subjektiven Tinniti Folge übermäßiger Lärmbelastung sind. Dazu zählt die Musikbeschallung bei einem Rockkonzert oder über Kopfhörer ebenso wie der Lärm von lauten Maschinen. Außerdem können Traumen durch Explosionen oder einen lauten Knall (Knalltrauma) hervorgerufen werden. Eine häufige Ursache für die Entwicklung eines chronischen Tinnitus ist ein vorangegangener Hörsturz. Bei einem Hörsturz kommt es zu einem plötzlichen teilweisen oder kompletten, meist einseitigen Verlust des Gehörs (Innenohrschwerhörigkeit) sowie akuten Ohrgeräuschen.

Weitere mögliche Ursachen sind:

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  • Lärmbelastung und Hörverlust: Lauter Lärm, wie laute Musik oder Maschinen, kann die Hörzellen im Ohr schädigen. Dies führt oft zu Hörverlust und Tinnitus.
  • Psychische Belastungen: Stress und psychische Belastungen können die Symptome von Tinnitus verschlimmern. Psychische Belastungen beeinflussen die Art und Weise, wie das Gehirn auf Ohrgeräusche reagiert. Bei Vorliegen verschiedener seelischer Erkrankungen, wie Depressionen oder Angststörungen, kann ein höheres Risiko für die Entstehung eines Tinnitus bestehen. Psychische Erkrankungen können außerdem dazu führen, dass die Symptomatik eines Tinnitus, wie das Rauschen im Kopf, sich in der Ausprägung verstärkt.
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Ein hoher Blutdruck oder Herzprobleme können Tinnitus verursachen. Der Herzschlag kann die Ohrgeräusche verstärken. Herz- und Blutdruckprobleme, die oft mit Medikamenten behandelt werden, können ebenfalls Ohrenrauschen verursachen.
  • Nackenverspannungen und Kiefergelenksprobleme (CMD): Nackenverspannungen und craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) können die Muskeln im Kopf- und Nackenbereich beeinflussen und Tinnitus auslösen.
  • Erkrankungen des Innenohrs: Morbus Menière ist eine Erkrankung des Innenohrs, die zu Tinnitus, Schwindel und Hörverlust führen kann. Ein Hörsturz kann ebenfalls plötzlichen Hörverlust verursachen und zu Tinnitus führen. Ein gutartiger Tumor sitzt beengend am Hörnerv. Er kann neben einem Tinnitus Schwindel und vermindertes Hören verursachen.
  • Veränderte Druckverhältnisse im Ohr:
  • Toxische Ursachen: Drogen, Essen, Medikamente
  • Körperliche Überbelastung: Sport oder harte Arbeit
  • Unfall:
  • Schlaganfall:
  • Hörgerät:
  • Entzug: Zigaretten, Drogen o.ä. Substanzen
  • Fremdkörper im Ohr: Verstopfungen durch Ohrenschmalz etc.
  • Entzündung des Hals-Nasen-Ohren-Trakts: Erkältung etc.
  • Schilddrüsenerkrankung:
  • Nierenerkrankung:
  • Psychische Erkrankungen: Neurose, Psychose, depressive Erkrankung, Angststörungen, Burn-Out-Syndrom u. ggf.

Pulssynchroner Tinnitus

Eine besondere Form des Tinnitus ist der pulssynchrone Tinnitus. Anders als bei einem Tinnitus mit Dauerpfeifton, treten Ohrgeräusche beim pulssynchronen Tinnitus gleichzeitig mit dem Herzschlag auf. Die betroffenen Patienten nehmen ihn als rhythmisches Geräusch im Ohr oder im Kopf wahr. Der pulssynchrone Tinnitus wird „objektiver Tinnitus“ genannt, weil das Ohrgeräusch auch von anderen Personen zum Beispiel durch Abhören mit dem Stethoskop am Schädel und den Halsgefäßen. Er kann ein- oder beidseitig auftreten und entsteht durch turbulenten Fluss in den Kopf- und Halsgefäßen. Diese Flussgeräusche werden über den Knochen zum Ohr geleitet und vom Betroffenen wahrgenommen. Die Intensität und Frequenz des pulssynchronen Ohrgeräuschs können je nach Höhe des Blutdrucks, der Pulsfrequenz und der zugrunde liegenden Erkrankung unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Besonders belastend sind diese Ohrgeräusche bei Stille wie beim Einschlafen, während des Schlafes oder beim konzentrierten Arbeiten.

Die Ursache sollte unbedingt abgeklärt werden, rät Prof. Dr. med. Isabel Wanke, Spezialistin für Neuroradiologie im Swiss Neuro Radiology Institute (SNRI) in Zürich.

Ursachen für pulssynchronen Tinnitus:

  • Gefäßerkrankungen: Eine Störung in den Blutgefäßen, eine vaskuläre Ursache, liegt häufig zugrunde. Diese kann unter anderem durch eine Engstelle (Stenose), einen Tumor oder eine unerwünschte Kurzschluss-Verbindung des arteriellen und venösen Systems, eine sogenannte AV-Fistel, ausgelöst werden. Unterschiedliche Erkrankungen der Kopf- und Halsgefäße können den pulssynchronen Tinnitus verursachen:Arterio-venöser Kurzschluss (AV-Fistel) und Blutschwamm (AV-Malformation) Gefäßeinengung (Stenose) bei Atherosklerose oder Gefäßwandeinriss (Dissektion) Krankhafte Gefäßerweiterung (Aneurysma) Gefäßreiche Tumore in oder nahe der Schädelbasis krankhafte Veränderungen der großen venösen Blutleiter, z.B. Stenose nach Sinusthrombose Gefäßreiche Raumforderung nahe der Schädelbasis oder am Hals (z. B. Glomustumor) oder Gewebestrukturen, die auf die Halsgefäße drücken und einengen; z.B. sehr langer Knochensporn (Griffelfortsatz) an der Schädelbasis (lat. Proc. stylohyoideus sog. Eagle- Syndrom)
  • Durale arterio-venöse Fistel (dAVF): Eine der häufigsten Ursachen für pulssynchronen Tinnitus. Durale AV Fisteln sind Kurzschlussverbindungen zwischen einer Arterie und einer Vene an der harten Hirnhaut (Dura mater).
  • Carotis-Sinus-cavernosus-Fistel (CCF): Diese ist eine Kurzschlussverbindung zwischen der inneren (Arteria carotis interna) und/oder äußeren Halsschlagader (Arteria carotis externa) und dem Sinus cavernosus. Da bei einer CCF der Blutabfluss aus der Augenhöhle gestört ist, kommt es neben dem pulssynchronen Tinnitus regelhaft auch zu einer Rötung und Schwellung des Auges manchmal auch mit Doppelbildern.

Diagnostik von Tinnitus

Die Diagnostik eines Tinnitus stellt einen wichtigen Bestandteil der Behandlung dar, insbesondere wenn objektiv keine Ursachen und Auslöser für das subjektive Rauschen im Kopf feststellbar sind.

Allgemeine Diagnostik:

  • Anamnese: Der Arzt erfragt die Krankengeschichte des Patienten, einschließlich der Art und Dauer der Ohrgeräusche, möglicher Auslöser und Begleitsymptome. Neben der Anamnese (Krankengeschichte) ist das Abhören an typischen Stellen des Schädels und der Halsgefäße wegweisend.
  • Hörtest: Um den Grad des Hörverlusts zu bestimmen.
  • Otoskopie: Untersuchung des äußeren Gehörgangs und des Trommelfells.
  • Tympanometrie: Messung der Beweglichkeit des Trommelfells.

Spezielle Diagnostik bei pulssynchronem Tinnitus:

  • Ultraschall der zu- und abführenden Hirngefäße:
  • Magnetresonanztomographie (MRT) mit dynamischer MR-Angiographie:
  • Computertomographie (CT):
  • Katheterangiographie: Zur Diagnosesicherung und Therapieplanung ist eine Untersuchung in Kathetertechnik unverzichtbar. In der Hand eines erfahrenen Neuroradiologen ist diese Untersuchung mit geringem Risiko verbunden.

Behandlung von Tinnitus

Die Behandlung von Tinnitus ist abhängig von der Ursache des Symptoms bzw. der Erkrankung. Erst dann kann nach einer professionellen Untersuchung die passende Therapie ausgemacht werden. Die Wahl der Behandlungs­methode hängt dabei von der Ursache und Schwere des Tinnitus ab. Nach medizinischer Diagnostik ist oft eine multi­disziplinäre, also fachlich kombinierte Herangehens­weise sinnvoll.

Allgemeine Behandlungsansätze:

  • Behandlung der Grunderkrankung: Bei organischer Ursache, wie einer Entzündung im Ohr, wird dieser beispielsweise medikamentös behandelt. Beim Vorliegen verschiedener seelischer Erkrankungen, wie Depressionen oder Angststörungen, kann eine Psychotherapie helfen. Bei einem pulsierenden Tinnitus würde die entsprechende organische Ursache behandelt werden, beispielsweise durch die medikamentöse Senkung eines zu hohen Blutdrucks.
  • Hörgeräteversorgung:
  • Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT): Im Rahmen einer Psychotherapie kann erlernt werden, das Rauschen im Kopf in den Hintergrund der Wahrnehmung zu stellen, anstelle in das Zentrum der Aufmerksamkeit. Auch eine neutrale Bewertung des Rauschens, bis hin zu einer positiven (z.B.
  • Psychotherapie: Bei Beschwerden, wie einem Rauschen im Kopf, Ohrgeräuschen und ähnlichen Symptomen, empfiehlt es sich, wenn keine organische Ursache der Symptomatik ausfindig gemacht werden kann, eine ausführliche psychische Diagnostik vornehmen zu lassen. Seelische Belastungen und Erkrankungen (wie ein/e Überlastung, Burnout-Syndrom, Depression, somatoforme Störung, Halluzination und weitere) können das Rauschen im Kopf verursachen.
  • Medikamentöse Therapie: Einige Medikamente können die Symptome von Tinnitus lindern, insbesondere wenn er durch eine zugrunde liegende Erkrankung verursacht wird.
  • Physiotherapie und manuelle Therapie: Bei Tinnitus, der durch Nackenverspannungen oder CMD verursacht wird, kann Physiotherapie helfen. Durch gezielte Übungen werden die Muskeln entspannt und die Durchblutung verbessert.

Behandlung des pulssynchronen Tinnitus:

Die Art der Behandlung des pulssynchronen Tinnitus ist abhängig von der zugrundeliegenden Erkrankung, dem Behandlungsrisiko und vom spontanen Hirnblutungsrisiko. Wenn der Tinnitus durch eine potentiell gefährliche Gefäßveränderung wie eine AV-Fistel ausgelöst wird, sollte dieser Kurzschluss behoben werden. Dies ist durch einen minimal-invasiven Eingriff per Katheter möglich. Der Katheter wird meist über die Leiste in das Gefäßsystem eingeführt und ein Mikrokatheter bis zur Fistel vorgeschoben. Anschließend wird diese mit einem Embolisat verschlossen, um den Blutfluss zu normalisieren. Einige Stenosen (Gefäßverengungen) können auch medikamentös behandelt werden, so dass die störenden Geräusche schwächer werden oder aufhören.

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  • Endovaskuläre Embolisation: Therapie der Wahl ist der Fistelverschluss in Mikrokathetertechnik (endovaskuläre Embolisation). Zum Verschluss krankhafter Gefäßverbindungen werden Platinspiralen oder Flüssigkleber verwendet, die über Katheter von arterieller oder venöser Seite eingebracht werden.
  • Stentimplantation: Eine Einengung (Stenose) der großen venösen Blutleiter kann erfolgreich mit einem Stent und Aufdehnung (PTA) behandelt werden.
  • Neuroradiologisch interventionelle Behandlung: Die CCF kann neuroradiologisch interventionell meist durch das Einbringen von Platinspiralen und/oder mit Flüssigkleber erfolgreich behandelt werden.

Prävention von Tinnitus

Präventiv, um einem Rauschen im Kopf vorzubeugen, lassen sich allgemeine Empfehlungen für eine seelische und körperliche Gesundheit geben. Diese könnten beispielsweise folgende Verhaltensweisen umfassen:

  • Stressmanagement: Stress reduzieren, Ruhe- und Entspannungszeiten einplanen.
  • Gesunder Lebensstil: Ausreichend schlafen (mind. 6h pro Nacht im Erwachsenenalter), sich gesund und abwechslungsreich zu ernähren, regelmäßig zu bewegen oder sportlich aktiv sein.
  • Soziale Kontakte: In soziale Kontakte zu gehen, Freizeitaktivitäten zu finden.
  • Vermeidung von Lärm: Ohren vor lauten Geräuschen schützen, z.B. durch Tragen von Ohrstöpseln.
  • Vorsorgeuntersuchungen: Vorsorgeuntersuchungen wahrzunehmen.
  • Substanzverzicht: Substanzen mit Abhängigkeitspotenzial zu meiden.
  • Konfliktlösung: Konflikte zeitnah zu klären.
  • Sinnvolle Beschäftigung: Für sich selbst sinnerfüllenden Tätigkeiten nachzugehen.

Forschung zum Thema Tinnitus

Eine Forschungsgruppe der Neurochirurgischen Klinik des Uniklinikums Erlangen untersucht, welche Prozesse im Gehirn dafür verantwortlich sind, dass akut auftretende Ohrgeräusche chronisch werden, und sucht für ihre Studien noch Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Die Forschenden verfolgen verschiedene Ansätze, um Risikofaktoren für die Entwicklung von Tinnitus zu identifizieren und neurophysiologische Prozesse aufzudecken, die eine Chronifizierung von Ohrengeräuschen begünstigen. In den beiden Studien konzentrieren sie sich deshalb auf auditive und vor allem auch auf nichtauditive Abläufe, die die Klang- und Phantomwahrnehmung bei Tinnituspatientinnen und ‑patienten beeinflussen.

Teilnehmende gesucht!

„Wir suchen einerseits Probandinnen und Probanden mit fast dauernd zu hörendem Tinnitus, der noch nicht länger als acht Wochen besteht“, erklärt Dr. Nadia Müller-Voggel, Leiterin der Forschungsgruppe. „Für die zweite Studie suchen wir andererseits auch Menschen, die immer wieder einen vorübergehenden Tinnitus unter Stress oder nach Lärm haben.“ Die Forschenden untersuchen dann mittels Magnetenzephalografie (MEG), wie der akute Tinnitus im Gehirn während der Durchführung verschiedener Aufgaben verarbeitet wird. Mit einer MEG-Messung, die rein passiv und nicht schädlich ist, lassen sich magnetische Signale aufzeichnen, die durch die Aktivität von Nervenzellen im Gehirn entstehen. Darüber hinaus testen die Forschenden das Hörvermögen der Teilnehmenden und erfassen die spezielle Art des Tinnitus.

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