Demenz und Aggressivität am Abend: Ursachen und Behandlungsansätze

Demenz ist eine weit verbreitete Erkrankung im Alter, von der in Deutschland etwa 1,8 Millionen Menschen betroffen sind. Die Wahrscheinlichkeit, an Demenz zu erkranken, steigt mit zunehmendem Alter stark an, wobei etwa jeder fünfte 85-Jährige betroffen ist. Die Alzheimer-Demenz ist die häufigste Form, bei der nach und nach Nervenzellen im Gehirn zerstört werden. Die vaskuläre Demenz, die zweithäufigste Form, wird beispielsweise durch Durchblutungsstörungen im Gehirn nach einem Schlaganfall verursacht. Auch Morbus Parkinson gehört zu den neurodegenerativen Erkrankungen, die das Nervensystem betreffen.

Eine besondere Herausforderung bei der Betreuung von Menschen mit Demenz ist die sogenannte abendliche Aggressivität, auch bekannt als "Sundowning". Dieses Phänomen, bei dem Betroffene in den späten Nachmittags- und Abendstunden unruhiger, verwirrter und aggressiver werden, kann für Angehörige und Pflegekräfte sehr belastend sein.

Ursachen für abendliche Aggressivität bei Demenz

Die Ursachen für abendliche Aggressivität bei Demenz sind vielfältig und komplex. Es ist wichtig zu verstehen, dass aggressives Verhalten bei Demenz oft nicht mutwillig, sondern vielmehr ein Ausdruck von Verzweiflung, Hilflosigkeit und Frustration ist.

Mögliche Ursachen sind:

  • Verwirrung und Frustration: Die Demenzerkrankung selbst kann zu Verwirrung und Frustration führen, da Betroffene Schwierigkeiten haben, sich zu orientieren, Situationen richtig zu deuten und sich auszudrücken.
  • Überforderung: Zu viele Reize, eine zu hektische Umgebung oder eine Flut von Anweisungen können Menschen mit Demenz überfordern und zu aggressiven Reaktionen führen.
  • Schmerzen und körperliches Unwohlsein: Körperliche Schmerzen oder Unwohlsein können ebenfalls eine Ursache für Aggressivität sein, da Betroffene oft nicht in der Lage sind, ihre Beschwerden verbal zu äußern.
  • Störungen der inneren Uhr: Das Sonnenuntergangsphänomen wird in erster Linie durch Störungen der inneren Uhr ausgelöst, welche auf die Degeneration bestimmter Neuronen im Gehirn zurückzuführen sind.
  • Medikamente: Schlafstörungen können auch durch Medikamente bedingt sein.
  • Psychische Faktoren: Depressionen, Angstzustände, Misstrauen oder Reizbarkeit können ebenfalls zu aggressivem Verhalten beitragen.
  • Unerfüllte Bedürfnisse: Das Gefühl, keine Aufgabe mehr zu haben, kann Menschen mit Demenz unzufrieden machen.

Behandlung und Umgang mit abendlicher Aggressivität

Die Behandlung von abendlicher Aggressivität bei Demenz erfordert einen ganzheitlichen Ansatz, der sowohl nicht-medikamentöse als auch medikamentöse Maßnahmen umfasst.

Lesen Sie auch: Fortgeschrittene Demenz: Ein umfassender Überblick

Nicht-medikamentöse Maßnahmen

Nicht-medikamentöse Maßnahmen sollten immer die erste Wahl sein, da sie in vielen Fällen eine deutliche Verbesserung bewirken können, ohne die Risiken von Medikamenten in Kauf nehmen zu müssen.

  • Schaffung einer ruhigen und vertrauten Umgebung: Eine vertraute, übersichtliche und gut ausgeleuchtete Wohnumgebung, die sich möglichst wenig ändert, kann Menschen mit Demenz Sicherheit und Orientierung geben. Vermeiden Sie grelles Licht, Lärm und andere Reize, die überfordern könnten.
  • Strukturierter Tagesablauf: Ein strukturierter Tagesablauf mit festen Essens- und Ruhezeiten kann Menschen mit Demenz helfen, sich sicherer zu fühlen und Ängste abzubauen.
  • Klare und einfache Kommunikation: Sprechen Sie in einfachen, möglichst kurzen und deutlichen Sätzen. Wiederholen Sie wichtige Informationen bei Bedarf und bleiben Sie geduldig.
  • Ablenkung: Manchmal hilft es, die Person abzulenken, um herausforderndes Verhalten zu beenden. Bieten Sie alternative Aktivitäten an, wie z.B. Musik hören, ein Fotoalbum anschauen oder einen Spaziergang machen.
  • Aktivitäten im Freien: Studien deuten darauf hin, dass Aktivitäten im Freien und körperzentrierte Therapien wie Massagen weitaus effektiver sind als Medikamente, um körperliche und verbale Aggressionen zu mindern.
  • Anpassung der Wohn- oder Pflegeumgebung: Die Angehörigen können versuchen, eine demenzgerechte Raumgestaltung einzusetzen, so dass Verlockungen wie Türen weniger einladend wirken. Zum Beispiel kann eine Tür mit einem großformatigen Bild eines Bücherregals verdeckt werden.
  • Schlafhygiene: Eine gute Schlafhygiene kann dazu beitragen, Schlafstörungen zu reduzieren und die abendliche Unruhe zu verringern.
  • Beruhigende Rituale: Führen Sie beruhigende Rituale vor dem Schlafengehen ein, wie z.B. ein warmes Bad, eine Tasse Kräutertee oder das Vorlesen einer Geschichte.
  • Validation: Nehmen Sie die Gefühle der Person ernst und versuchen Sie, sich in ihre Situation hineinzuversetzen. Auch wenn die Äußerungen der Person nicht der Realität entsprechen, ist es wichtig, ihre Gefühle zu validieren und ihr das Gefühl zu geben, verstanden zu werden.
  • Selbstvertrauen stärken: Sprechen Sie mit Menschen mit Demenz über früher, besonders über Dinge, die ihnen am Herzen liegen und auf die die betroffenen Personen stolz sind. Lassen Sie sie beispielsweise im Haushalt helfen, auch wenn die ihnen übertragene Aufgabe vielleicht sehr langsam oder auch fehlerhaft von der Hand geht. Lassen Sie sie weiter einkaufen, auch wenn sie dabei die Hälfte vergessen. Loben Sie sie für das Mitgebrachte und danken Sie den Menschen mit Demenz für die Hilfe. Das fördert die Zufriedenheit, gibt Selbstvertrauen und vermindert Aggressionen.
  • Humor: Um Konflikten und Aggressionen vorzubeugen, hilft es auch, den Sinn für Humor zu trainieren. Gemeinsames Lachen entspannt nämlich alle Beteiligten und hat nachweislich gesundheitsfördernde Auswirkungen.

Medikamentöse Maßnahmen

Medikamente sollten nur in Erwägung gezogen werden, wenn nicht-medikamentöse Maßnahmen nicht ausreichend wirksam sind und die Person eine Gefahr für sich oder andere darstellt.

  • Schlafmittel: Herkömmliche Schlafmittel wie zum Beispiel Zopiclon, Zolpidem, Doxepin und Oxazepam sollten nur bei großem Leidensdruck und vorübergehend eingenommen werden.
  • Neuroleptika: Neuroleptika wie Risperidon, Quetiapin, Pipamperon und Melperon hingegen werden immer noch häufig verschrieben. Sie wirken schlaffördernd, angstlösend und bergen keine Abhängigkeitsgefahr. Allerdings ist bei dieser Medikamentengruppe die Sturzgefahr und die Entstehung von Druckgeschwüren erhöht.
  • Antidepressiva: Antidepressiva wie Mirtazapin wirken ebenfalls schlaffördernd, machen aber nicht abhängig. Da auch hier Sturzgefahr durch einen „hangover“ besteht, dürfen diese Medikamente nicht zu spät am Abend verabreicht werden.

Es ist wichtig zu beachten, dass Medikamente zur Beruhigung nur unter strenger fachärztlicher Aufsicht eingesetzt werden sollten, da sie Nebenwirkungen haben können. Auch die Wechselwirkung mit anderen Medikamenten bedarf der genauen ärztlichen Überprüfung.

Verhalten in akuten aggressiven Situationen

In akuten aggressiven Situationen ist es wichtig, Ruhe zu bewahren und die eigene Sicherheit zu gewährleisten.

  • Distanz wahren: Versuchen Sie, Abstand zu halten und die Person nicht zu bedrängen.
  • Beruhigend sprechen: Sprechen Sie in einem ruhigen und beruhigenden Tonfall.
  • Nicht widersprechen: Vermeiden Sie es, der Person zu widersprechen oder sie zu korrigieren.
  • Ablenken: Versuchen Sie, die Person abzulenken oder sie in eine andere Umgebung zu bringen.
  • Professionelle Hilfe: Wenn die Situation eskaliert, sollten Sie professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.

Unterstützung für Angehörige

Die Pflege eines Menschen mit Demenz, insbesondere bei abendlicher Aggressivität, kann für Angehörige sehr belastend sein. Es ist wichtig, sich nicht zu überfordern und Unterstützung anzunehmen.

Lesen Sie auch: Wechselwirkungen zwischen Schmerzmitteln und Demenz

  • Pflegekurse: Als Angehörige oder als Interessierter können Sie sich Wissen zum Umgang mit Demenz in Pflegekursen aneignen.
  • Beratungsstellen: Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. (DAlzG) bietet eine kostenlose Beratungshotline unter der Rufnummer 030 - 259 37 95 14 an, auch in türkischer Sprache.
  • Selbsthilfegruppen: Der Austausch mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen kann sehr hilfreich sein.
  • Entlastungsangebote: Angebote wie Nachtpflege, Tagesbetreuung oder stundenweise Hilfe können Angehörige entlasten.

Lesen Sie auch: Ursachen und Behandlung von Zittern bei Demenz

tags: #demenz #abends #aggressiv