Depressionen können in jedem Lebensalter auftreten, wobei im höheren Lebensalter beginnende Depressionen oft als Altersdepression bezeichnet werden. Es handelt sich dabei nicht um eine eigenständige Krankheit, sondern um eine Form der Depression, die durch alterstypische Auslöser und Symptome gekennzeichnet ist, die oft übersehen werden.
Altersdepression: Eine besondere Form der Depression
Bei älteren Menschen äußern sich Depressionen oft anders als bei jüngeren. Typische Anzeichen wie Traurigkeit oder Niedergeschlagenheit treten weniger deutlich auf oder werden bewusst überspielt. Stattdessen können körperliche Beschwerden wie Schmerzen, Schwindel, Schlafprobleme oder Verdauungsstörungen auf eine Depression hinweisen und die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen.
Häufige Auslöser für Depressionen im Alter sind gesundheitliche Einschränkungen, der Verlust von Selbstständigkeit oder Mobilität sowie einschneidende Veränderungen wie der Renteneintritt, der Auszug der Kinder oder der Tod nahestehender Personen.
Wenn die Depression das Denken verändert: Pseudodemenz
Depressionen beeinflussen nicht nur die Stimmung, sondern können auch das Denken verändern. Viele ältere Menschen mit Depressionen wirken vergesslich, unkonzentriert oder unsicher. Manchmal verlangsamen sich auch Sprache und Bewegungen. Orientierung und logisches Denken bleiben aber meist erhalten. Trotzdem entsteht gerade bei älteren Menschen schnell der Eindruck, es könne sich um eine beginnende Demenz handeln. Fachleute sprechen in solchen Fällen von einer „Pseudodemenz“ - einer kognitiven Beeinträchtigung, die durch eine Depression entsteht.
Gedächtnisambulanzen oder Gedächtnissprechstunden in Krankenhäusern sind auf kognitive Störungen spezialisiert und können bei der Diagnose helfen.
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Depression vs. Demenz: Unterscheidung ist entscheidend
Depression und Demenz können sich im höheren Lebensalter auf sehr ähnliche Weise zeigen. Vergesslichkeit, Konzentrationsprobleme, Antriebslosigkeit - all das kann bei beiden Erkrankungen auftreten. Daher ist eine eindeutige Diagnose oft schwierig.
Ein zentraler Unterschied besteht darin, dass Menschen mit einer Depression ihre kognitiven Einschränkungen meist sehr bewusst wahrnehmen und ansprechen. Sie äußern oft Sätze wie „Ich kann mich auf nichts mehr konzentrieren.“ oder „Ich weiß gar nichts mehr.“ Menschen, die an einer Demenz erkrankt sind, erkennen ihre Ausfälle oft nicht oder spielen sie herunter.
Auch beim Gedächtnis zeigen sich Unterschiede: Bei einer Depression treten Gedächtnisprobleme oft nur phasenweise auf und können durch Stress verstärkt werden.
Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass sich auch bei Menschen mit Demenzerkrankungen wie Alzheimer im Verlauf zusätzlich eine Depression entwickeln kann.
Depressive Störungen können im Alter durch Sprech- und Denkhemmung, Konzentrationsstörungen und Klagen über Gedächtnisstörungen Ähnlichkeiten mit einer Demenz aufweisen (depressive Pseudodemenz). Dies erfordert im Alter nicht selten die Abgrenzung von einer Demenz. Depressive Patienten sind in der Regel nicht desorientiert, das heißt, sie können auf Nachfragen beispielsweise das Datum und die Uhrzeit richtig angeben. Bei Demenzerkrankten ist dies häufig nicht mehr der Fall. Bei der Schilderung ihrer Beschwerden spürt man bei depressiven Patienten den mit dieser Krankheit einhergehenden Leidensdruck, während Patienten mit einer Demenz ihre Beschwerden häufiger bagatellisieren oder dazu neigen, die Defizite zu verstecken. Auch die Untersuchung des Gehirns mit dem EEG oder mit Bildgebungsverfahren wie Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) können wichtig für die Diagnosestellung sein.
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Behandlung von Depressionen bei Demenz
Auch wenn die Diagnose manchmal schwierig ist: Eine Depression lässt sich auch bei bestehender Demenz behandeln. Ziel ist es, die Stimmung zu stabilisieren, Unruhe und Rückzug zu verringern - und die Lebensqualität spürbar zu verbessern.
Im Vordergrund stehen nicht-medikamentöse Maßnahmen. Dazu gehören strukturierende Tagesabläufe, Bewegung, Musik, Gespräche, kreative Angebote oder soziale Kontakte. Diese Ansätze sind individuell anpassbar und können sich positiv auf Stimmung, Schlaf und Antrieb auswirken.
In bestimmten Fällen kann auch eine medikamentöse Behandlung sinnvoll sein: Antidepressiva wie Mirtazapin oder Sertralin gelten als gut verträglich und beeinflussen die kognitive Leistungsfähigkeit nicht negativ. Bei der medikamentösen Therapie ist eine sorgfältige Auswahl des Antidepressivums durch den Arzt wichtig, da häufig bereits mehrere Medikamente eingenommen werden und es zu Wechselwirkungen zwischen den Medikamenten kommen kann. Auch wenn die medikamentöse Behandlung bei älteren Menschen komplizierter ist, so ist diese jedoch besonders wichtig.
Für die Psychotherapie, insbesondere für die sog. kognitive Verhaltenstherapie, gibt es ebenfalls ausreichende Belege, dass diese auch bei älteren Menschen wirksam ist. Leider ist der Anteil über 60-jähriger Patienten in Psychotherapie mit gerade mal 6 % noch sehr gering.
Depressionen bei Demenz: Was tun als Angehörige?
Wenn Menschen mit Demenz zusätzlich an einer Depression erkranken, ist das für Angehörige oft besonders belastend. Rückzug, Traurigkeit, körperliche Beschwerden oder Hoffnungslosigkeit lassen sich schwer einordnen, vor allem, wenn die betroffene Person sich nicht mehr klar äußern kann.
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Angehörige übernehmen in dieser Situation eine wichtige Rolle:
- Aufmerksam beobachten: Achten Sie auf Veränderungen im Verhalten und Befinden der betroffenen Person.
- Verständnisvoll begleiten: Zeigen Sie Verständnis für die Gefühle und Bedürfnisse der Person.
- Professionelle Hilfe in Anspruch nehmen: Ermutigen Sie zu ärztlicher Hilfe und erklären Sie, dass eine Depression keine Schwäche ist, sondern eine behandelbare Erkrankung.
- Auf mögliche Nebenwirkungen von Medikamenten achten: Einige Wirkstoffe können depressive Symptome verstärken. Sprechen Sie dies offen im Arztgespräch an, gerade auch, wenn mehrere Medikamente gleichzeitig eingenommen werden.
- Soziale Kontakte fördern: Einsamkeit verstärkt Depressionen. Gespräche, Gruppentreffen oder Selbsthilfeangebote können insbesondere zu Beginn der Erkrankung entlasten.
- Bewegung fördern: Körperliche Aktivität hilft nachweislich bei depressiven Symptomen. Selbst kleine Bewegungseinheiten können die Stimmung und die mentale Gesundheit verbessern.
- Große Veränderungen vermeiden: Ein Umzug, der Verlust einer vertrauten Bezugsperson oder andere tiefgreifende Veränderungen können Ängste und depressive Phasen verschärfen.
- Sicherheit schaffen: Vermeiden Sie stressige Themen wie Geld, die Demenzerkrankung oder die damit verbundenen Einschränkungen. Auch Lärm oder Orte mit vielen Menschen können überfordern.
- Einfache, sinnvolle Beschäftigung anbieten: Kochen, musizieren oder gärtnern - das, was früher Freude gemacht hat, kann helfen. Wichtig ist: nicht überfordern.
- Den Alltag so ruhig und angenehm wie möglich gestalten.
Depressionen als Risikofaktor für Demenz
Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Menschen, die im Laufe ihres Lebens an einer Depression erkranken, ein erhöhtes Risiko haben, im Alter eine Demenz zu entwickeln. Besonders auffällig ist dieser Zusammenhang bei Depressionen, die im mittleren Lebensalter auftreten.
Warum Depressionen das Risiko für eine Demenz steigern, ist noch nicht vollständig geklärt. Fachleute vermuten mehrere Ursachen:
- Menschen mit Depressionen ziehen sich oft sozial zurück, bewegen sich weniger und vernachlässigen ihre Gesundheit.
- Zusätzlich steht ein dauerhaft erhöhter Spiegel des Stresshormons Cortisol im Verdacht, Entzündungsprozesse im Gehirn zu fördern und Nervenzellen zu schädigen.
Die gute Nachricht: Wer seine Depression frühzeitig behandeln lässt - ob mit Medikamenten, Psychotherapie oder einer Kombination - kann das Risiko senken.
Aktuelle Forschung: Beta-Amyloid-Dimere und Serotonin
Mehrere Risikofaktoren werden mit der Alzheimer-Krankheit in Verbindung gebracht, darunter fallen in erster Linie das Alter und genetische Faktoren. Aber auch Depressionen und Alzheimer scheinen eng miteinander verknüpft zu sein. Depressionen können gleichzeitig Symptom und Risikofaktor für eine Alzheimer-Erkrankung sein. In der frühen Krankheitsphase leiden Alzheimer-Patientinnen und -Patienten häufig unter Depressionen. Im mittleren Alter sind Depressionen aber auch ein Risikofaktor für eine spätere Alzheimer-Erkrankung. Erste Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass lösliche Protein-Komplexe, sogenannte Beta-Amyloid-Dimere, sowohl die Kognition als auch nicht-kognitive Funktionen, insbesondere die Depression, verschlechtern können. Diese Beta-Amyloid-Dimere lagern sich im Verlauf der Alzheimer-Krankheit typischerweise im Gehirn zu Plaques ab. Es wird vermutet, dass die löslichen Beta-Amyloid-Dimere den Botenstoff Serotonin beeinflussen. Serotonin ist auch als „Glückshormon“ bekannt und spielt eine entscheidende Rolle bei Depressionen.
Dr. Laila Abdel-Hafiz von der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf untersucht die Beta-Amyloid-Dimere im frühen Stadium der Alzheimer-Krankheit und ihren Einfluss auf Depressionen genauer. In dem Projekt, das durch den Kurt-Kaufmann-Preis finanziert wurde, gelang es Dr. Abdel-Hafiz und ihrem Team nachzuweisen, dass das Glückshormon Serotonin den Verfall in den frühen Stadien der Alzheimer-Krankheit beeinflussen kann. Dazu wurde ein Mausmodell, das lösliche Beta-Amyloid-Formen bildet und daher ein sehr frühes Stadium der Krankheit repräsentiert, genutzt. Dieses Modell zeigt sowohl milde kognitive Defizite als auch eine gesteigerte Ängstlichkeit, sowie eine Veränderung der Aktivität des Gehirns, ähnlich wie dies in frühen Krankheitsstadien beim Menschen zu beobachten ist. Diese Verhaltensänderungen sind vermutlich darauf zurückzuführen, dass das Gleichgewicht von Serotonin durch die löslichen Beta-Amyloid-Formen im Gehirn verändert wird. Tatsächlich konnten die Symptome des Mausmodells durch eine pharmakologische Manipulation eines Serotoninrezeptors vermindert werden. Frau Dr. Abdel-Hafiz konnte mit ihrer Studie die Bedeutung der löslichen Beta-Amyloid-Formen für den Krankheitsverlauf der frühen Alzheimer-Krankheit hervorheben und bietet eine gute Grundlage für einen neuen Therapieansatz, um den Krankheitsverlauf abzumildern und zu verlangsamen.
Das Ziel ist, eine neue Behandlungsstrategie zu entwickeln, die sowohl auf die frühen Stadien der Alzheimer-Krankheit als auch auf das wichtigste Begleitsymptom, die Depression, einwirken kann. Es wird geprüft, ob der schädigende Einfluss der Beta-Amyloid-Dimere auf das Serotonin-Gleichgewicht durch die beiden Wirkstoffe aufgehoben werden kann und damit die beiden Krankheiten therapiert werden können.
Depression und Suizidalität im Alter
Depression gehört neben dementiellen Erkrankungen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen im höheren Lebensalter. Zudem steigt das Suizidrisiko mit zunehmendem Alter, insbesondere bei Männern, an. Schwere Depressionen sind im Alter nicht häufiger, nach einigen Studien sogar weniger häufig als im jüngeren Erwachsenenalter. Laut einer Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland des Robert-Koch-Instituts (DEGS) sind 8,1 % aller Personen im Alter von 18 - 79 Jahren an einer Depression erkrankt. Betrachtet man nur die 70 bis 79 - Jährigen, so sind es 6,1 %. Allerdings sind leichtere Depressionen oder Depressionen, bei denen nicht alle Symptome vorliegen (sog. subklinische Depression) zwei bis drei Mal so häufig bei älteren Menschen zu finden.
Die offizielle Todesursachenstatistik des Statistischen Bundesamtes zeigt, dass die Suizidrate, d.h. die Anzahl der Suizide bezogen auf 100.000 Personen der jeweiligen Altersgruppe, mit steigendem Alter zunimmt. Das Risiko, an Suizid zu versterben, ist somit vor allem für ältere Menschen extrem erhöht. Etwa 35 % aller Suizide werden von Menschen über 65 Jahren verübt. Ihr Anteil an der Bevölkerung beträgt dagegen nur ca. 21 %.
Die Gründe für die dramatische Zunahme des Suizidrisikos bei älteren Männern sind nicht vollständig geklärt. Ein Faktor dürfte zumindest sein, dass Depression insbesondere bei älteren Männern noch häufig nicht oder nur sehr unzureichend behandelt wird.
Diagnostische Herausforderungen und Lösungsansätze
Die Frage inwieweit körperliche Erkrankungen, die im Alter häufiger auftreten, zu Depressionen führen, ist nicht leicht zu beantworten. Menschen, die an einer Depression erkrankt sind, neigen dazu, bestehende Probleme stärker und als bedrohlicher wahrzunehmen. Während in jüngeren Lebensabschnitten z. B. berufsbezogene Probleme im Vordergrund stehen, sind es bei älteren Menschen häufig gesundheitsbezogene Probleme. die mit Depression einhergehenden Konzentrations- und Auffassungsstörungen nicht selten mit der Sorge verknüpft, möglicherweise an einer Alzheimer Demenz erkrankt zu sein. Wird durch den Arzt nicht nach den psychischen Symptomen einer Depression, wie Hoffnungslosigkeit, Suizidgedanken, Schuldgefühlen etc. gefragt, kann die Depression als eigentliche zugrundeliegende Erkrankung übersehen werden. Betroffene richten ihre Aufmerksamkeit und Sorgen häufig auf bestehende körperliche Beschwerden, zu denen auch Schmerzen unterschiedlichster Art oder Schlaf- und Verdauungsprobleme gehören.
Kommt es bei einem Menschen im höheren Alter zum erstmaligen Auftreten einer depressiven Erkrankung, so ist in besonderer Weise auf mögliche körperliche Erkrankungen zu achten, die mit dieser einhergehen können. Mit einer Untersuchung des Gehirns (z.B. durch MRT) oder einer sorgfältigen Labordiagnostik werden z.B.
Wenn ältere Menschen unter Konzentrationsschwäche und Vergesslichkeit leiden, machen sie sich häufig Sorgen, dement zu werden. Geistige Einbußen im Alter müssen jedoch nicht zwangsläufig auf eine Demenz hinweisen, sondern können auch Symptome einer Depression sein. Depressionen mit kognitiven Einschränkungen sehen einer beginnenden Demenz manchmal zum Verwechseln ähnlich („Pseudodemenz“).
Zur diagnostischen Abgrenzung von Depression und beginnender Demenz sei in der Regel die Zusammenarbeit verschiedener Fachleute notwendig. Deshalb begrüße er es sehr, dass sich für dieses Symposium verschiedene Berufs- und Arztgruppen zusammengefunden haben. Neben der Diagnostik betreffe das auch die Behandlung von Depressionen im Alter. Zu viele ältere Patienten mit leichten Depressionen erhielten Antidepressiva und zu wenige Patienten würden psychotherapeutisch behandelt. Hier gebe es deutlichen Verbesserungsbedarf.
Hausärzte benötigten in einigen Fällen aber auch die Unterstützung anderer Ärzte und von Psychotherapeuten sowie praxistaugliche Testverfahren, um die richtige Diagnose treffen zu können. Außerdem müsse nach der Diagnosestellung der schnelle Zugang zu einer adäquaten Therapie für ältere Menschen mit Depressionen beziehungsweise beginnender Demenz gesichert werden. Hier gebe es Verbesserungsbedarf. Weiterhin forderte Mecking von der Politik, die Rahmenbedingungen für die Kooperation der beteiligten Gesundheitsberufe und damit die Versorgung der betroffenen alten Menschen zu verbessern.
Es wurde jedoch auch konstatiert, dass Hausärzte vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung unserer Gesellschaft mit der Versorgung älterer Menschen mit Depressionen und Demenzen nicht allein gelassen werden dürften. Vor allem für Psychotherapeuten und Neuropsychologen müsse es zukünftig selbstverständlicher werden, ihre diagnostische Expertise kurzfristig einzubringen und die Hausärzte bei der Diagnostik und Differenzialdiagnostik zu unterstützen.
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