Mit den Nerven am Boden: Ursachen, Hilfe und Behandlung von Polyneuropathie und Stress

Einleitung:Das Gefühl, ständig "unter Strom" zu stehen, Kribbeln in den Füßen oder ein allgemeiner Zustand der Anspannung können Anzeichen dafür sein, dass die Nerven am Boden liegen. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen und Symptome von Polyneuropathie und Stress, sowie die Möglichkeiten zur Linderung und Behandlung dieser Zustände.

Was ist eine Polyneuropathie?

Der medizinische Fachbegriff Neuropathie bedeutet Nervenkrankheit. Von einer Polyneuropathie spricht man, wenn viele („poly“) Nerven gleichzeitig betroffen sind. Der Begriff bezeichnet also verschiedene Erkrankungen des peripheren Nervensystems - das sind alle Nerven außerhalb von Gehirn und Rückenmark. Bei einer Polyneuropathie sind die Nerven in ihrer Funktion gestört, sodass Signale zwischen Gehirn, Rückenmark und Körper nur eingeschränkt weitergeleitet werden können. Welche Beschwerden auftreten, hängt davon ab, welche Nerven betroffen sind - zum Beispiel solche, die für Bewegung, Empfindungen oder unbewusste Körperfunktionen zuständig sind. Die Erkrankung betrifft Männer und Frauen gleichermaßen und nimmt mit dem Alter zu. Etwa 5% der über 55-Jährigen leiden unter einer Polyneuropathie.

Das Nervensystem im Überblick

Das Nervensystem empfängt Informationen von Sinneszellen aus der Außenwelt oder von spezialisierten Zellen (Rezeptoren) aus Geweben und Organen. Diese Informationen wandelt es in elektrische Impulse um, leitet sie weiter und verarbeitet sie. So kann das Nervensystem die Körperfunktionen und Reaktionen steuern.

Man unterscheidet drei Bereiche des Nervensystems:

  • Zentrales Nervensystem
  • Periphere Nerven
  • Vegetative Nerven

Das zentrale Nervensystem, das aus dem Gehirn und dem Rückenmark besteht, verarbeitet die Informationen und steuert Handlungen, Muskelaktivität und Körperreaktionen. Die peripheren Nerven sind für die Körperperipherie zuständig, das heißt für alle Körperteile außerhalb von Gehirn und Rückenmark. Die sensiblen peripheren Nerven übermitteln Informationen aus der Außenwelt und der Körperperipherie an das Gehirn. Die peripheren motorischen Nerven leiten Anweisungen von Gehirn und Rückenmark an die Muskulatur weiter. Das vegetative Nervensystem hat zentrale und periphere Anteile. Es ist für die Regulation vielfältiger Körperfunktionen, wie z. B. dem Herzschlag, der Atmung, dem Blutdruck, der Nierenfunktion und der Verdauung zuständig.

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Ursachen von Polyneuropathien

Polyneuropathien können durch eine Vielzahl von Erkrankungen und Einflüssen entstehen. Häufig führen Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes mellitus oder chronischer Alkoholmissbrauch zu Nervenschäden. Auch Schilddrüsen-, Nieren- oder Lebererkrankungen, Tumorerkrankungen und bestimmte Medikamente, etwa Chemotherapeutika, können eine Polyneuropathie auslösen. Weitere mögliche Ursachen sind Infektionen (z. B. HIV, Borreliose, Diphtherie oder Pfeiffersches Drüsenfieber), Vitaminmangel - insbesondere ein Mangel an Vitamin B12 - sowie Autoimmunerkrankungen, Vergiftungen oder Erkrankungen der Blutgefäße. Darüber hinaus gibt es erbliche Formen der Polyneuropathie. In etwa 20 % der Fälle bleibt die Ursache unklar. Diese Formen bezeichnet man als idiopathische Polyneuropathien. Insgesamt gibt es mehr als 300 Ursachen für eine Polyneuropathie.

Viele Brustkrebspatientinnen entwickeln nach der Behandlung eine Polyneuropathie, eine häufige und belastende Nebenwirkung, besonders nach einer Chemotherapie.

Risikofaktoren für Polyneuropathien

Nicht alle genannten Ursachen führen automatisch zu einer Polyneuropathie. Sie können jedoch das Risiko für Nervenschäden deutlich erhöhen - insbesondere, wenn weitere belastende Faktoren hinzukommen. Wer diese Risikofaktoren meidet oder reduziert, kann die Entstehung einer Polyneuropathie möglicherweise verhindern oder verzögern:

  • Hoher Alkoholkonsum schädigt direkt die Nerven und die Leber.
  • Rauchen beeinträchtigt die Sauerstoffversorgung der Nerven.
  • Mangelernährung oder einseitige Kost führen zu Vitamin- und Nährstoffmangel.
  • Bewegungsmangel verringert die Durchblutung und damit auch die Sauerstoffversorgung.
  • Starkes Übergewicht fördert Leber- und Gefäßschäden.
  • Drogen- oder Medikamentenmissbrauch schädigt Leber und Nieren.

Symptome und Krankheitsverlauf einer Polyneuropathie

Die Symptome von Polyneuropathien sind äußerst vielfältig. Erste Anzeichen einer Polyneuropathie treten häufig an den Füßen oder den Händen auf. Es handelt sich meist um ein Gefühl der Taubheit, fehlendes Temperatur- oder Schmerzempfinden oder auch Missempfindungen wie Kribbeln - ein Gefühl, als ob „Ameisen über die Beine laufen“, wie es manche Patient*innen beschreiben. Muskelschwäche sowie allgemeine Schwäche können ebenfalls auftreten. Ein häufiges Symptom der Polyneuropathie ist der neuropathische Schmerz.

Neuropathische Schmerzen

Schmerzen, die entstehen, wenn Nerven direkt geschädigt werden, bezeichnet man als Nervenschmerzen oder neuropathische Schmerzen.

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  • Der neuropathische Schmerz wird als durchdringend, brennend, stechend und/oder einschießend beschrieben.
  • Er tritt häufig symmetrisch an Händen und Füßen oder im Bereich bestimmter Nervenversorgungsgebiete auf.
  • Um den neuropathischen Schmerz auszulösen, genügt oft eine leichte Berührung.
  • Neuropathische Schmerzen können nicht durch übliche Schmerzmittel gelindert werden.

Verschiedene Beschwerden je nach Art der Nerven

Die Art der Symptome einer Polyneuropathie weist darauf hin, welche peripheren Nerven erkrankt sind:

  • Symptome bei Erkrankung motorischer Nerven:
    • Muskelzucken
    • Muskelkrämpfe
    • Muskelschwäche bis hin zu Lähmungen der Muskulatur
    • Muskelschwund
  • Symptome bei Neuropathie sensibler Nerven: Die Symptome beginnen meistens an den Füßen, etwas später an den Händen und steigen langsam Richtung Körpermitte auf.
    • Kribbeln („Ameisenlaufen“)
    • Stechen
    • Gefühl der Taubheit der Haut
    • Gefühlsstörungen an Händen oder Füßen
    • Schwellungsgefühle
    • Druckgefühle
    • Gestörter Gleichgewichtssinn
    • Gangunsicherheit
    • Verschlechterung der Feinmotorik
    • Störung des Temperaturempfindens
  • Beschwerden, wenn vegetative Nerven betroffen sind:
    • Herzrhythmusstörungen
    • Völlegefühl und Appetitlosigkeit
    • Aufstoßen
    • Blähungen
    • Durchfall und Verstopfung
    • Urininkontinenz, Stuhlinkontinenz
    • Impotenz
    • Störung der Schweißregulation
    • Kreislaufprobleme, z. B mit Schwindel beim (raschen) Aufstehen
    • Schwellung von Füßen und Händen

Diabetischer Fuß

Viele Menschen mit Diabetes mellitus entwickeln im Verlauf ihrer Erkrankung eine Polyneuropathie, die häufig an den Füßen beginnt. Erste Anzeichen sind Kribbeln, Brennen oder ein vermindertes Schmerzempfinden. Gefährlich ist, dass Verletzungen dadurch oft unbemerkt bleiben und sich schwer heilende Wunden bilden können (Diabetischer Fuß). Regelmäßige Fußpflege und tägliche Kontrolle auf Druckstellen oder Verletzungen helfen, Komplikationen vorzubeugen.

Krankheitsverlauf der Polyneuropathie

Von einer akuten Polyneuropathie spricht man, wenn die Beschwerden maximal vier Wochen anhalten. In vielen Fällen dauert eine Polyneuropathie jedoch deutlich länger. Bei chronischen Grunderkrankungen und bei erblichen Ursachen müssen die Beschwerden infolge der Polyneuropathie ein Leben lang behandelt werden.

Diagnose: Wie wird eine Polyneuropathie festgestellt?

Der Verdacht auf eine Polyneuropathie besteht bei den obengenannten Symptomen. Für die Diagnose Polyneuropathie werden verschiedene neurologische Tests und Untersuchungen durchgeführt.

  • Test auf Berührungsempfindlichkeit: z. B. mit einem Nylonfaden, der leicht auf Hände und Füße gedrückt wird
  • Test auf Vibrationsempfindlichkeit (Stimmgabeltest): Eine angeschlagene Stimmgabel wird an den Hand- oder den Fußknöchel gehalten. Der Stimmgabeltest prüft, ob die Tiefensensibilität erhalten ist.
  • Untersuchung der Muskeleigenreflexe
  • Bestimmung der Nervenleitgeschwindigkeit (Elektroneurografie): Dabei misst man, wann ein absichtlich gesetzter Nervenreiz an einer bestimmten Stelle als Signal ankommt. Bei beginnenden Nervenschädigungen ist die Leitgeschwindigkeit vermindert.
  • Untersuchung der Aktivität von Muskeln mithilfe der Elektromyografie
  • Bei Bedarf werden auch Proben des Nervengewebes (Nervenbiopsien) und ggfls. Proben des Muskelgewebes, welches mikroskopisch und histochemisch untersucht wird, sowie das Druck- und Temperaturempfinden untersucht.

Wie wird die Ursache einer Neuropathie festgestellt?

Erste Hinweise auf die Ursache einer Polyneuropathie liefert das Gespräch zwischen Ärztin und Patientin. Wichtig sind Informationen zur persönlichen Krankengeschichte (Anamnese) und zur Anamnese der Familie, zum Medikamentengebrauch, zu Symptomen und Entwicklung der Beschwerden sowie zur Ernährung, dem Lebensstil und Risikofaktoren wie dem Konsum von Alkohol.

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Darüber hinaus werden folgende Untersuchungen durchgeführt:

  • Kontrolle des Blutzuckerspiegels
  • Weitere Blutuntersuchungen, z. B. Leber- und Nierenwerte, großes Blutbild, Entzündungswerte, gegebenenfalls auch auf Hinweise für Vergiftungen oder einen Vitamin-B-Mangel, spezielle Laboruntersuchungen des Immunsystems
  • Urinuntersuchung
  • Laboruntersuchungen auf infektiöse Ursachen

Behandlung der Polyneuropathie

Die Behandlung richtet sich immer nach der zugrunde liegenden Ursache. Wird diese erkannt und frühzeitig behandelt, können sich die Symptome häufig deutlich bessern. Bei idiopathischen Polyneuropathien, bei denen keine Ursache gefunden wird, konzentriert sich die Therapie auf die Linderung der Beschwerden und die Erhaltung der Lebensqualität. Ziel ist es, Schmerzen zu reduzieren, Beweglichkeit und Kraft zu fördern und den Alltag bestmöglich zu unterstützen. Akute Formen der Polyneuropathie können sich oft innerhalb weniger Wochen bessern oder vollständig ausheilen. Häufig verläuft die Erkrankung jedoch über einen längeren Zeitraum. Wenn bleibende Nervenschäden bestehen oder eine chronische Grunderkrankung wie Diabetes mellitus vorliegt, ist meist eine langfristige Behandlung erforderlich. Erbliche Polyneuropathien können bislang nicht geheilt werden. Hier gilt es, die Beschwerden zu lindern, das Fortschreiten der Neuropathie zu verlangsamen sowie die Körperfunktionen und die Lebensqualität der Patientinnen zu verbessern. Eine Ausnahme ist die heriditäre Transthyretin Amyloidose (hATTR). Patientinnen mit dieser Erbkrankheit erleiden aufgrund einer fortschreitenden Amyloid-(Eiweiß)Ablagerung Schäden an multiplen Organen, die inzwischen erfolgreich behandelt werden können. Die Behandlung einer Polyneuropathie ist stets individuell und kann nicht verallgemeinert werden.

Therapie bei neuropathischen Schmerzen

Übliche Schmerzmedikamente wirken bei neuropathischen Schmerzen nicht. Bei der Behandlung neuropathischer Schmerzen hat man gute Erfahrungen mit Medikamenten gemacht, die bei Depressionen oder zur Verhinderung von Krampfanfällen bei Epilepsie eingesetzt werden. Häufig muss man jedoch verschiedene Präparate ausprobieren, bis man das im Einzelfall wirksamste und verträglichste Mittel herausfindet.

  • Pflaster mit lokalen Betäubungsmitteln können Nervenschmerzen punktuell lindern. Manchen Patient*innen helfen auch Capsaicin-Pflaster. Capsaicin stammt aus Chilischoten. Es kann Schmerzen lokal betäuben und fördert die Durchblutung. Capsaicin kann als Salbe auf die schmerzenden Stellen aufgetragen werden. Wichtig ist, dass lokale Betäubungsmittel und Capsaicin-Präparate nach ärztlicher Verordnung angewendet werden, um Nebenwirkungen zu vermeiden.
  • Im Einzelfall können auch physikalische Therapien und Naturheilverfahren helfen, die Schmerzen zu lindern. Elektrotherapien können Nervenschmerzen lindern, indem sie die Schmerzempfindung in ein Kribbeln „umwandeln“. Tägliche Bewegung und Sport, zum Beispiel Wassergymnastik und Nordic Walking, sowie Physiotherapie unterstützen die medikamentöse Behandlung. Das gilt auch für Verfahren zur Schmerzbewältigung, wie z. B. Entspannungsmethoden.

Rehabilitation bei Polyneuropathie

In vielen Fällen ist die Polyneuropathie eine langwierige Erkrankung, die vielfältige Auswirkungen auf den Beruf und das Privatleben der Betroffenen hat. In einer stationären oder ambulanten Reha können sich Patient*innen ganz auf ihre Behandlung konzentrieren.

Ziele der Rehabilitation bei Polyneuropathie sind:

  • Wiederherstellung gestörter Nervenfunktionen
  • Wenn eine vollständige Heilung nicht möglich ist, lernen Sie, wie Sie Ihren Alltag im Rahmen Ihrer körperlichen Fähigkeiten bestmöglich bewältigen können.
  • Falls Sie Hilfsmittel wie Gehhilfen oder einen Rollstuhl brauchen, passen wir diese genau an Ihre Bedürfnisse an. Sie lernen auch, wie Sie diese sicher und bequem nutzen.
  • Heilung chronischer Wunden und Regeneration strapazierter Haut

Behandlungskonzept in der Reha

Patientinnen mit Polyneuropathie werden nach einem ganzheitlichen Konzept behandelt. Dabei arbeitet ein interdisziplinäres Team aus Ärztinnen, Psychologinnen, Physio-, Sport- und Ergotherapeutinnen sowie Fachpersonal mit spezieller Schmerzschulung eng zusammen. Gemeinsam mit Ihnen erstellen sie einen Therapieplan, der genau auf Sie und Ihre Erkrankung abgestimmt ist.

Zur Therapie bei einer Polyneuropathie gehören je nach Bedarf:

  • Behandlung der Ursachen
  • Physikalische Therapie: Bäder, Elektrotherapie und Wärmeanwendungen können die Symptome der Polyneuropathie lindern.
  • Physiotherapie und Krankengymnastik: Die Muskulatur wird gestärkt, die Beweglichkeit gesteigert, Gleichgewicht und Gangsicherheit werden verbessert und Fehlhaltungen korrigiert.
  • Schmerztherapie: Neben physikalischer Therapie helfen individuell angepasste Medikamente sowie Strategien zur Schmerzbewältigung.
  • Wundbehandlung: Chronische Wunden behandelt unser spezialisiertes Fachpersonal. Sie werden außerdem darin geschult, chronische Wunden zu vermeiden.
  • Ergotherapie: verbessert die Feinmotorik und unterstützt dabei, alltägliche Aufgaben trotz körperlicher Einschränkungen - mit oder ohne Hilfsmittel - besser zu meistern
  • Psychologische Therapie: psychische Krankheitsbewältigung in Gruppen oder Einzelsitzungen; wir unterstützen Sie auch bei spezifischen Problemen, z. B. nach einem Alkoholmissbrauch
  • Bewegungstherapie: verbessert Ihre Beweglichkeit und Ihr Körpergefühl
  • Sport und Krafttraining werden angepasst an Ihre persönlichen körperlichen Möglichkeiten und verbessern Ihre Ausdauer, Ihre allgemeine körperliche Kondition und Ihr Wohlbefinden
  • Individuell angepasste Ernährung bei Begleitbeschwerden, wie Verdauungsstörungen oder häufiger Übelkeit
  • Schulungen z. B. zum gesunden Lebensstil, Alltag mit Polyneuropathie und vielen anderen Themen
  • Gemeinsame Einschätzung der beruflichen Leistungsfähigkeit mit dem Sozialdienst.

Wenn Stress die Nerven blank liegen lässt

Wir alle kennen solche Momente: Das Herz rast, weil wir nur im letzten Augenblick einem herannahenden Auto ausweichen können. Angespannte Muskeln an einem stressigen Arbeitstag, an dem ein Termin den nächsten jagt und kaum Zeit zum Durchatmen bleibt. Ein plötzliches Erstarren und der Fluchtreflex, wenn unerwartet ein bellender Hund auf uns zurennt. Diese Reaktionen sind Zeichen dafür, dass unser Nervensystem in Alarmbereitschaft ist.

Das vegetative Nervensystem und seine Rolle bei Stress

Du kannst dein Nervensystem mit einem riesigen Kommunikationsnetzwerk vergleichen - ähnlich wie das Internet, aber in deinem Körper. Hierbei handelt es sich um das Nervensystem, das über die Sinnesorgane und Nerven alle Informationen aus der Umwelt (wie ein lautes Geräusch hinter dir) aufnimmt und sie an Gehirn oder Rückenmark weiterleitet. Dort werden passende Reaktionen gesteuert, die dann wieder über das periphere Nervensystem an den Körper zurückgegeben werden, zum Beispiel Zusammenzucken und nach der Ursache schauen.

Die Nerven, die zum somatischen Nervensystem gehören, sind vor allem für die Bewegungsabläufe unseres Körpers zuständig. Hier kommt der entscheidende Punkt: Wenn wir darüber sprechen, dass unser Nervensystem in Aufruhr ist und wir das Nervensystem regulieren wollen, dann geht es dabei aber vor allem um das vegetative bzw. autonome Nervensystem. Das vegetative Nervensystem können wir zum Großteil nicht direkt steuern (daher auch „autonom”). Es funktioniert ohne dein willentliches Zutun - und das ist auch gut so. Stell dir vor, du müsstest bewusst daran denken, dein Herz schlagen zu lassen - das wäre ziemlich anstrengend! Das vegetative Nervensystem ist nämlich ständig aktiv und reguliert alle unsere Körperfunktionen, die immer ablaufen müssen, egal ob wir gerade daran denken oder nicht.

Der Sympathikus ist wie dein innerer Turbo-Modus: Er aktiviert unseren Körper und bereitet uns auf körperliche oder geistige Leistungen vor (oft als „Kampf-oder-Flucht-Reaktion” bezeichnet). Der Parasympathikus ist dein innerer Entspannungsmodus: Er sorgt für Erholung, aktiviert die Verdauung und kurbelt verschiedene Stoffwechselvorgänge an.

Der Vagusnerv: Dein wichtigster Entspannungsnerv

Ein Teil des parasympathischen Nervensystems ist der Vagusnerv („Nervus vagus”) - der längste Hirnnerv deines Körpers. Warum der Vagusnerv so wichtig für dich ist: Er ist wie eine „Bremse” für dein vegetatives Nervensystem. Wenn er aktiviert wird, sendet er Signale an Herz, Lunge und andere Organe, um deinen Körper zu beruhigen. Das Besondere: Den Vagusnerv kannst du durch gezielte Übungen wie Atemtechniken, Kältereize oder Summen bewusst aktivieren.

Die Polyvagal-Theorie

Die Polyvagal-Theorie (Porges, 2009) hat unser Verständnis des vegetativen Nervensystems stark erweitert.

  • Soziales Engagement (ventraler Vagus): Sicherheit, Verbindung, Ruhe - das Erdgeschoss, wo du dich wohlfühlst.
  • Kampf-oder-Flucht (Sympathikus): Alarmbereitschaft und Mobilisierung bei Gefahr - die Garage.
  • Erstarrung/Kollaps (dorsaler Vagus): Totaler Shutdown als Schutz - das Kellergeschoss.

Dein Nervensystem entscheidet, je nach wahrgenommener Sicherheit oder Bedrohung, in welchem Bereich du dich befindest. Besonders interessant: 80 % der Vagusnerv-Fasern sind afferent, das bedeutet, sie senden Informationen vom Körper zum Gehirn statt andersherum.

Chronischer Stress und seine Auswirkungen

In Gefahrensituationen und bei Stress wird vom Sympathikus eine Kaskade neurologischer und hormoneller Reaktionen ausgelöst, die uns helfen sollen, die Situation zu bewältigen: Adrenalin sorgt dafür, dass deine Muskeln besser durchblutet werden, Cortisol hält dich auf Trab und Endorphine helfen dir nicht in Panik zu verfallen. Dein Herzschlag beschleunigt sich, dein Blutdruck steigt und du atmest schneller. Die Muskeln sind angespannt, die Schmerzempfindlichkeit nimmt ab und deine Sinne sind geschärft. Aktuelle Forschungen zeigen, dass chronischer Stress zu einer dauerhaften sympathischen Dominanz führen kann (Goldstein, 2023).

In unserer heutigen modernen Zeit haben sich die Bedrohungen etwas geändert. Dauernde Anspannung durch ständige Erreichbarkeit, Überstunden, Großstadtlärm, Mental Load und tausend To-dos lässt sich nicht so schnell abschütteln. Das führt dazu, dass wir manchmal gar nicht so richtig in die Parasympathikus-Reaktion kommen, weil der Sympathikus einfach dauerhaft aktiviert bleibt - wir also dauerhaft „unter Strom” stehen.

» Das Nervensystem reagiert nicht auf die tatsächlichen Ereignisse, sondern auf unsere Interpretation dieser Ereignisse. Dr. Daniel J.

Dauer der Beruhigung des Nervensystems

  • Akute Stressreaktionen: Bei normalen, kurzzeitigen Stressreaktionen kann sich das vegetative Nervensystem innerhalb von 20 - 30 Minuten wieder beruhigen.
  • Chronischer Stress: Bei längerer Belastung kann es Wochen bis Monate dauern, bis sich das dysregulierte Nervensystem wieder stabilisiert.
  • Traumabedingte Dysregulation: Die Regulation ist ein individueller Prozess, der unterschiedlich lange dauern kann und bei dem sich professionelle Unterstützung empfiehlt.

Strategien zur Beruhigung des Nervensystems

Du spürst, wie dein Herz rast und die Panik hochsteigt? Diese wissenschaftlich fundierte Methode kann dir helfen, ins Hier und Jetzt zurückzukehren und Ruhe zu finden. 1 Ding, das du schmecken kannst (evtl.

Die 4-7-8-Atemtechnik

Diese Technik eignet sich auch als Atemübung bei Panikattacken, da sie schnell beruhigend wirken kann. Es wird dich sicher nicht überraschen, wenn wir dir sagen, dass Sport gut für dich ist. Dass Sport gegen Stress hilft und deine Gesundheit und Laune verbessern kann, ist nichts Neues. Aber warum eigentlich? Körperliche Aktivität hilft dir, das ausgeschüttete Adrenalin und Cortisol abzubauen und signalisiert dem Gehirn, dass die Gefahr vorüber ist - so kann sich das Nervensystem wieder sicher und ausgeglichener anfühlen. Körperliche Aktivität wird auch als besonders hilfreich erlebt, um den Stressreaktionszyklus zu beenden und so langfristig auch einem Burnout - einer der häufigsten Folgen von chronischem Stress - vorzubeugen.

Stimulation des Vagusnervs

Da der Vagusnerv so zentral für deine Entspannung ist, gibt es spezielle Übungen, um ihn zu stimulieren und entspannter zu werden. Die Zwerchfellatmung (auch Diaphragmatic Breathing genannt) gilt als Goldstandard für Stressreduktion. Studien zeigen, dass Zwerchfellatmung den Cortisol-Spiegel reduzieren kann. Wissenschaftlicher Hintergrund: Zwerchfellatmung aktiviert das parasympathische Nervensystem und verbessert die Herzratenvariabilität.

Stress abbauen durch Ausschütteln

Hast du schon mal ein Video von einer Gazelle gesehen, die vor einem Löwen geflüchtet ist? Nachdem die Gazelle in Sicherheit ist und die unmittelbare Gefahr nicht mehr präsent ist, beginnt sie sich für eine kurze Weile stark zu schütteln. Dies ist eine instinktive Reaktion, um den verbleibenden Stress und die angesammelte Energie loszuwerden. Und das funktioniert nicht nur im Tierreich. Auch wir Menschen können so unseren Stress loswerden, wenn wir für ein paar Minuten den Stress aus uns herausschütteln.

Meditation und Achtsamkeit

Ähnlich wie die vorgestellten Atemübungen können regelmäßige Meditation und Achtsamkeitsübungen den Geist und das Nervensystem beruhigen und dir bei regelmäßiger, täglicher Übung helfen, deine Stressresilienz zu stärken. Bereits wenige Minuten am Tag reichen aus. Yoga gegen Stress und Yoga gegen Angst verbinden körperorientierte Ansätze mit Atemarbeit und können besonders effektiv sein, um das Nervensystem zu beruhigen.

Schlafhygiene

Wenn wir ohnehin in einer stressreichen Lebensphase stecken, belastet es unseren Körper und unser vegetatives Nervensystem noch mehr, wenn wir nicht ausreichend Schlaf erhalten. Denn guter Schlaf ist essenziell, um das Nervensystem beruhigen zu können. Sorge deswegen dafür, dass du genug Ruhezeit in der Nacht hast und nutze die 10 Regeln der Schlafhygiene, um deinen Schlaf zu verbessern.

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