Was tun, wenn bei Demenz ein Gebiss verloren geht? Umfassender Ratgeber zur Mundpflege und Prothesenmanagement

Die Demenz stellt Betroffene und ihre Betreuer vor vielfältige Herausforderungen. Neben Gedächtnisverlust und Veränderungen im Verhalten kann auch die Fähigkeit zur selbstständigen Körperpflege, einschließlich der Mundhygiene, beeinträchtigt sein. Der Verlust eines Gebisses kann diese Situation zusätzlich erschweren. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die Mundpflege bei Demenz, insbesondere im Zusammenhang mit Zahnprothesen, und gibt praktische Ratschläge, was zu tun ist, wenn ein Gebiss verloren geht.

Bedeutung der Mund- und Zahngesundheit bei Demenz

Die Mundhygiene ist ein menschliches Grundbedürfnis und spielt eine entscheidende Rolle für Gesundheit und Wohlbefinden. Gerade im Alter steigt die Anfälligkeit für Erkrankungen des Mundraumes. Eine mangelnde Mundpflege kann zu Entzündungen, Infektionen, Karies und Reizungen führen. Menschen mit Demenz können akute Probleme im Mundbereich oft nicht mehr äußern, daher ist eine aufmerksame Beobachtung durch Angehörige und Pflegekräfte unerlässlich.

Anzeichen für Probleme im Mundraum:

  • Verweigerung bestimmter Speisen
  • Ablehnung von Nahrung aufgrund von Schmerzen
  • Unruhiges Verhalten bei Tisch
  • Blutendes Zahnfleisch
  • Starker Mundgeruch

Um die Mund- und Zahngesundheit zu verbessern, sind neben der regelmäßigen Reinigung auch vorbeugende Maßnahmen wichtig:

  • Regelmäßiges und ausreichendes Trinken
  • Zuckerfreie Lutschbonbons oder gefrorene Obststücke (bei erhaltener Schluckfähigkeit)
  • Wasserhaltige Lebensmittel zur Anregung des Speichelflusses
  • Mundbefeuchtung mit Mulltupfern, getaucht in das Lieblingsgetränk

Allgemeine Grundsätze der Mundpflege bei Demenz

Idealerweise sollten Zähne, Zahnprothesen und Zunge mindestens zweimal täglich gereinigt werden. Wählen Sie dafür einen Zeitpunkt, an dem der Mensch mit Demenz entspannt und kooperativ ist. Betroffene mit Sinneseinschränkungen sollten ihre Brille und Hörgeräte tragen. Lassen Sie Menschen mit Demenz grundsätzlich so viel wie möglich selbst machen und beziehen Sie sie in die Prozedur ein, auch wenn Sie einen Teil der Handlung übernehmen müssen.

Auswahl der richtigen Zahnbürste und Zahnpasta

Die Zahnbürste sollte nach den individuellen Vorlieben und Gewohnheiten des Menschen mit Demenz ausgewählt werden. Mittelharte Borsten werden im Allgemeinen empfohlen, aber wenn Angehörige oder Pflegefachkräfte die Zahnreinigung übernehmen, ist eine weiche Bürste ratsam, um das Verletzungsrisiko zu reduzieren. Menschen mit Greifproblemen profitieren von einem dickeren, ergonomischen Griff. Elektrische Zahnbürsten können die Handhabung erleichtern, werden aber möglicherweise aufgrund des Kitzelns oder der Geräusche abgelehnt. Alternativ kann eine Dreikopfzahnbürste verwendet werden, die die drei Seiten der Zähne gleichzeitig putzt.

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Bei der Wahl der Zahnpasta sollten Sie ebenfalls die Vorlieben des Menschen mit Demenz berücksichtigen. Die Zahnpasta sollte Fluorid enthalten und möglichst wenig schäumen, um ein Verschlucken zu vermeiden. Oft bevorzugen die Betroffenen die von früher gewohnte Zahnpasta-Marke und deren altvertrauten Geschmack. Wenn der "minzige" Geschmack nicht mehr gemocht wird, kann Kinderzahncreme eine Alternative sein.

Unterstützung beim Zähneputzen

Die Mundpflege sollte in einer ruhigen Umgebung und entspannten Atmosphäre stattfinden. Waschen Sie vorab gründlich die Hände. In frühen Stadien der Demenz reicht es oft, an das regelmäßige Putzen zu erinnern oder die bereits mit Zahncreme versehene Zahnbürste anzureichen. Bei fortgeschrittener Demenz kann das korrekte Zähneputzen oder die Entnahme der Prothese vorgemacht werden. Das richtige Bewegungsmuster kann auch "angebahnt" werden, indem Sie sich hinter den Menschen mit Demenz stellen, seine Hand mit der Zahnbürste nehmen und die Putzbewegungen starten.

Vorgehensweise am Waschbecken:

  1. Stellen Sie alle benötigten Utensilien vorher zusammen und verwenden Sie Einmalhandschuhe.
  2. Sorgen Sie für einen bequemen und stabilen Sitzplatz.
  3. Erläutern Sie das Vorgehen in Ruhe und kleinschrittig.
  4. Stellen Sie sich nah hinter die Person, führen Sie mit einer Hand die Zahnbürste und stützen Sie mit der anderen den Kopf.
  5. Wenn der Mensch mit Demenz den Mund nicht öffnet, erzwingen Sie es nicht. Berühren Sie stattdessen zunächst die Arme, dann die Schulter und streichen Sie über die Wange beziehungsweise von der Schläfe bis zum Mund.
  6. Verwenden Sie bei Bedarf Mundstützen oder zwei Bürsten (eine zum Putzen, eine zum Draufbeißen).
  7. Putzen Sie mit kreisenden Bewegungen und leichtem Druck zur Kaufläche, immer in derselben Reihenfolge.
  8. Machen Sie zwischendurch kurze Pausen zum Ausspucken und Ausspülen.
  9. Geben Sie der Person ein Handtuch zum Abtrocknen und bieten eine Lippenpflege an.
  10. Kontrollieren Sie bei Bedarf mit einer Minitaschenlampe, ob im Mundraum alles in Ordnung ist.

Wenn das Zähneputzen mit einer Bürste unmöglich wird, können Sie einen Mulltupfer mit einem abgekühlten Thymian-, Ringelblumen- oder Zinnkrauttee tränken und vorsichtig über Zähne, Zahnfleisch und Mundschleimhaut fahren. Verwenden Sie für jede neue Wischbewegung einen neuen Tupfer und vermeiden Sie es, zu weit nach hinten in den Mund einzudringen, um keinen Würgereiz auszulösen.

Pflege von (Teil-)Prothesen

Überprüfen Sie regelmäßig den Sitz der Prothese und achten Sie auf wunde Stellen am Zahnfleisch. Damit verloren gegangene oder gefundene Gebissteile schnell zugeordnet werden können, sollten sie unbedingt individuell gekennzeichnet werden (z.B. mit dem Namen).

Einsetzen und Entnahme der Prothese

Tipps zum Einsetzen:

  1. Lassen Sie die Person ihren Mund zunächst ausspülen.
  2. Spülen Sie auch die Prothese vorher mit Wasser ab, weil sie im feuchten Zustand besser hält.
  3. Tragen Sie bei Bedarf Haftcreme punktuell und dünn auf.
  4. Greifen Sie die Prothese mit Daumen und Zeigefinger und stützen Sie den Hinterkopf der Person.
  5. Achten Sie darauf, dass Lippen, Wangen sowie Zunge dabei nicht eingeklemmt werden.
  6. Drücken Sie den Zahnersatz vorsichtig an, damit er gut sitzt.
  7. Bei Vollprothesen bitten Sie den Menschen mit Demenz zusätzlich, die Zähne zusammenzubeißen.

Tipps zur Entnahme:

  1. Füllen Sie das Waschbecken mit etwas Wasser oder legen Sie ein Handtuch hinein, um ein Zerbrechen der Prothese zu verhindern.
  2. Bieten Sie der Person mit Demenz zuerst einen Becher warmes Wasser zum Ausspülen an, da dies den Zahnersatz lockert.
  3. Waschen Sie Ihre Hände und bitten Sie den Menschen mit Demenz, den Mund zu öffnen.
  4. Greifen Sie die Prothese mit Daumen und Zeigefinger und wackeln Sie leicht daran.
  5. Ziehen Sie leicht an der Prothese, sodass sich diese löst.
  6. Beobachten Sie die Reaktion des Menschen mit Demenz - Schmerzen dürfen keinesfalls entstehen.

Reinigung und Aufbewahrung der Prothese

Auch Zahnersatz sollte zweimal täglich mit einer speziellen Prothesen-Zahnbürste und normaler Handseife gereinigt werden. Zahnpasta sollte nicht verwendet werden, da diese zu viele Schleifpartikel enthält. Wenn die oder der Betroffene es zulässt, wird auch dazu geraten, herausnehmbare Prothesen nach jeder Mahlzeit unter fließendem Wasser abzuwaschen. Hin und wieder sollte man das Gebiss mit entsprechenden Tabs in einer geschlossenen Dose reinigen. Eine manuelle Reinigung und Kombination mit Reinigungsflüssigkeit in der Aufbewahrungsdose ist besser als das bloße Einlegen der Prothese in eine Dose mit Reinigungstablette. Empfehlenswert für eine schonende Säuberung sind auch spezielle Ultraschallreiniger.

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Prothesen sollten möglichst häufig getragen werden, da sich der Kiefer ansonsten verformen kann. Insbesondere Teilprothesen sollten nach der Reinigung über Nacht wieder in den Mund eingesetzt werden. Bei Auffälligkeiten wie Zahnfleischbluten, Rötungen oder Juckreiz sollte die Teilprothese nachts entfernt beziehungsweise das Trageverhalten in einer zahnärztlichen Behandlung besprochen werden. Vollprothesen sollten nicht in der Nacht getragen werden, um das Infektionsrisiko und die Erstickungsgefahr zu reduzieren. Sie sollten nur zum Abtrocknen in eine offene Dose und nicht in ein Glas Wasser gelegt werden. Um versehentliches Wegwerfen zu verhindern, sollten sie niemals in Papier eingewickelt werden.

Was tun, wenn ein Gebiss verloren geht?

Der Verlust eines Gebisses kann für Menschen mit Demenz und ihre Betreuer eine belastende Situation darstellen. Hier sind einige Schritte, die Sie unternehmen können:

  1. Suchen Sie gründlich: Durchsuchen Sie das Zimmer, das Badezimmer und andere Bereiche, in denen sich die Person mit Demenz aufhält. Fragen Sie das Pflegepersonal, ob sie das Gebiss gesehen haben.
  2. Überprüfen Sie die Kennzeichnung: Wenn das Gebiss gekennzeichnet ist, kann es leichter seinem Besitzer zugeordnet werden.
  3. Kontaktieren Sie den Zahnarzt: Der Zahnarzt kann eine Duplikatprothese anfertigen oder eine neue Prothese erstellen.
  4. Beantragen Sie einen Härtefall-Zuschuss: Wenn die Kosten für eine neue Prothese eine finanzielle Belastung darstellen, kann ein Härtefall-Zuschuss bei der Krankenkasse beantragt werden.
  5. Berücksichtigen Sie die Wünsche des Betroffenen: Wenn der Mensch mit Demenz die Neuanfertigung eines Gebisses ablehnt, sollten Sie dies respektieren, sofern keine medizinischen Gründe dagegen sprechen.
  6. Sorgen Sie für eine angepasste Ernährung: Wenn kein Gebiss vorhanden ist, sollte die Ernährung auf weiche oder pürierte Speisen umgestellt werden, um eine ausreichende Nährstoffversorgung sicherzustellen.

Zusammenhang zwischen Mundgesundheit und Demenzrisiko

Aktuelle Studien deuten auf einen Zusammenhang zwischen schlechter Mundgesundheit und einem erhöhten Demenzrisiko hin. Mit jedem verlorenen Zahn steigt das Risiko, an Demenz zu erkranken, um 1,1 Prozent. Schlechte Mundgesundheit ist mit einem höheren Risiko für Demenz assoziiert, und das Tragen von Prothesen kann als Indikator für einen schnelleren kognitiven Verfall angesehen werden. Eine gute Mundhygiene begünstigt eine gesunde Ernährung und senkt das Risiko für ein Übergreifen von Entzündungserregern aus dem Mund auf andere Körperareale, insbesondere auf das Gehirn. Darum ist Mundhygiene stets auch „prophylaktische Hirnhygiene“.

Herausforderungen und Lösungen in der zahnärztlichen Behandlung von Demenzkranken

Die zahnärztliche Behandlung von Demenzkranken wird mit fortschreitender Demenz immer schwieriger. Angst kann nicht mehr durch kognitive Prozesse unterdrückt werden, sodass sie vor der Zahnbehandlung und dem Schmerz nicht kontrollierbar ist. Die Adaptationsfähigkeit an einen neuen Zahnersatz ist meist nicht mehr vorhanden. Die zahnärztliche Behandlung beschränkt sich zunehmend auf Prophylaxemaßnahmen, Schmerzbeseitigung und gegebenenfalls auf Reparaturen von vorhandenem Zahnersatz.

Herausforderungen:

  • Kommunikationsschwierigkeiten
  • Angst und Unruhe
  • Schwierigkeiten bei der Kooperation
  • Eingeschränkte Alltagskompetenzen
  • Polypharmazie (Einnahme vieler Medikamente)

Lösungen:

  • Geduld und Einfühlungsvermögen
  • Ruhige und vertraute Umgebung
  • Klare und einfache Kommunikation
  • Kurze und schmerzfreie Behandlungen
  • Regelmäßige professionelle Mundhygiene
  • Anpassung der Behandlung an die individuellen Bedürfnisse und Fähigkeiten des Patienten
  • Zusammenarbeit mit Angehörigen und Pflegekräften
  • Hausbesuche durch Zahnärzte

Kommunikation im letzten Stadium der Demenz

In späten Stadien der Demenz kommt es zu Wahrnehmungsstörungen wie illusionäre Verkennung und Halluzinationen. Ohne Sprachkompetenz ist ein Pacing über die Sprache nicht mehr möglich. Das Pacing kommt mit physiologischen Äußerungen (z.B. Atemfrequenz, Schluckmodus, Lidschlag, Mimik) zum Einsatz. Wenn eine grundlegende Verbindung hergestellt worden ist, sind auch Berührungen möglich, die das Pacing noch verstärken können. In der Regel geht gegen Ende des mittleren Demenzstadiums die Sprache verloren. Schreien, herausforderndes Verhalten und Ängste nehmen zu. Doch Demenzkranke bleiben weiter emotional ansprechbar. Jetzt ist es wichtig, genau hinzuschauen, um die Emotionen zu erkennen. Sehr hilfreich ist der Kurzfilm „Zeichensprachen“, der von der Universität Zürich erstellt worden ist.

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Präventive Maßnahmen zur Vermeidung von Demenzerkrankungen

Präventive Maßnahmen, um Demenzerkrankungen zu vermeiden, sind eine ausgewogene und kauaktive Ernährung (Vermeidung von Zucker und Transfetten), geistige, körperliche und soziale Aktivitäten, produktive Tätigkeiten sowie die Berücksichtigung und Wahrung körperlicher Rahmenbedingungen (z.B. Übergewicht vermeiden, Bluthochdruck behandeln lassen). Eine deutliche Korrelation besteht zwischen Anzahl bestehender Zähne und Demenz. Da der Demenzkranke häufig stark gesüßte und gesalzene Speisen bevorzugt (aufgrund von nachlassendem Geruchssinn mit eingeschränkter Geschmacksdifferenzierung) und seine Mundhygiene vernachlässigt, kommt es vermehrt zu Kronenrand- und vor allem Wurzelkaries.

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