Demenz nach Corona-Infektion: Ursachen und Risiken

Die COVID-19-Pandemie hat nicht nur akute gesundheitliche Auswirkungen, sondern auch langfristige Folgen, die zunehmend in den Fokus der Forschung rücken. Eine dieser Folgen ist die mögliche Verbindung zwischen einer Corona-Infektion und der Entwicklung von Demenz. Viele Betroffene klagen über Gedächtnisprobleme, Konzentrationsschwierigkeiten und Erschöpfung, was die Frage aufwirft, ob COVID-19 das Risiko für neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer erhöhen könnte.

Kognitive Beschwerden nach COVID-19: Ein wachsendes Problem

Assistenzarzt Julius Rave von der Klinik für Neurologie des UKSH, Campus Kiel, berichtet von einer Zunahme von Patienten mit auffälligen kognitiven Beschwerden nach einer Corona-Infektion. In der Gedächtnissprechstunde werden wöchentlich etwa fünf bis sieben Personen behandelt, die über eine verringerte Konzentration, Aufmerksamkeitsstörungen, Wortfindungsstörungen und Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis klagen. Diese Beschwerden treten nicht nur bei Patienten mit schweren Krankheitsverläufen auf, sondern auch bei solchen, die sich ambulant von einer leichten Infektion erholt haben. Viele Betroffene beschreiben einen "zähen Gedankengang" oder "Nebel im Kopf" und äußern die Sorge, ihr früheres Leistungsniveau nicht mehr zu erreichen.

Um diese Beschwerden genauer zu erforschen, startete die Forschungsgruppe für Demenz, Gedächtnisstörungen und Neuroplastizität im April 2021 eine Studie. Dabei werden mindestens 100 Patienten zu verschiedenen Zeitpunkten nach einer COVID-19-Infektion mit neuropsychologischen Testverfahren, klinisch und neuroradiologisch untersucht. Ziel ist es, die kognitiven Beschwerden des Post-COVID-Syndroms genau zu charakterisieren, Risikogruppen zu identifizieren und den Verlauf der Beschwerden zu beobachten.

Neuropsychologische Tests und Bildgebung zur Ursachenforschung

Im Rahmen der Studie werden umfangreiche Tests durchgeführt, um Hirnfunktionen wie Aufmerksamkeit, Konzentration und planerisches Denken zu überprüfen. Ergänzend werden standardisierte Fragebögen zur Einschätzung von Fatigue und zur Kontrolle von Emotionen eingesetzt. Bei ausgewählten Patienten erfolgt zudem eine Magnetresonanztomografie (MRT) des Gehirns, um Art und Ort der Schädigung aufzuspüren. Ziel ist es, zwischen funktionellen Störungen ("Software") und strukturellen Schäden ("Hardware") zu unterscheiden.

Mittels MRT-Bildern lässt sich feststellen, ob bestimmte Hirnareale betroffen sind, beispielsweise der Hippocampus, der eine zentrale Rolle für die Gedächtnisbildung spielt. Die Tests sollen auch klären, ob die Gedächtnisstörung eher auf Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen zurückzuführen ist oder ob Schädigungen in anderen Bereichen vorliegen.

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Langzeitrisiken: Neurologische Erkrankungen und Demenz

Eine Studie, die Krankenakten von etwa 2,5 Millionen Patienten aus verschiedenen Ländern auswertete, zeigte, dass das Risiko für kognitive Defizite, Demenz, psychotische Störungen, Epilepsie oder Krampfanfälle bei COVID-19-Patienten selbst zwei Jahre nach der Infektion leicht erhöht bleibt. Während sich die Risiken für häufige psychiatrische Störungen wie Depressionen und Angststörungen nach ein bis zwei Monaten normalisierten, blieben die Risiken für die meisten neurologischen Erkrankungen längerfristig erhöht.

Konkret ergab die Studie, dass bei Patienten im mittleren Alter (18 bis 64 Jahre) die Inzidenz für kognitive Defizite zwei Jahre nach einer COVID-19-Infektion bei 6,39 % lag, verglichen mit 5,50 % in der Kontrollgruppe mit anderen Atemwegserkrankungen. Bei Erwachsenen über 65 Jahre lag die Inzidenz einer Demenz bei 4,46 % nach einer COVID-19-Infektion und bei 3,34 % nach anderen Atemwegsinfektionen.

Interessanterweise zeigten Kinder nach sechs Monaten ein erhöhtes Risiko für kognitive Defizite, Schlaflosigkeit, intrakranielle Blutungen, ischämische Schlaganfälle, Nerven-, Nervenwurzel- und Plexuserkrankungen, psychotische Störungen und Epilepsie oder Krampfanfälle. Allerdings war das Risiko für kognitive Defizite bei Kindern weniger als ein Vierteljahr lang erhöht.

Einfluss von Virusvarianten auf neurologische Risiken

Die Studie ergab auch, dass sich die Risikoprofile vor und kurz nach dem Aufkommen der Alpha-Variante von SARS-CoV-2 ähnelten. Nach dem Aufkommen der Delta-Variante wurden jedoch erhöhte Risiken für ischämische Schlaganfälle, Epilepsie oder Krampfanfälle, kognitive Defizite, Schlafstörungen und Angststörungen beobachtet. Dies ging mit einer erhöhten Sterberate einher.

Mögliche Mechanismen: Immunreaktion und gesellschaftliche Belastung

Die Ursachen für die erhöhten neurologischen und psychiatrischen Risiken nach einer COVID-19-Infektion sind noch nicht vollständig geklärt. Es gibt verschiedene Hypothesen, die sowohl biologische Mechanismen als auch die Auswirkungen der Pandemie auf die Gesellschaft berücksichtigen.

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Ein möglicher Mechanismus ist eine maladaptive Reaktion des Immunsystems, die zu einer nachhaltigen neurologischen Schädigung führen kann. Die Immunantwort auf die Corona-Infektion setzt massenhaft entzündliche Botenstoffe frei, die ins Gehirn gelangen und dort "Kollateralschäden" auslösen können, selbst wenn das Virus nicht bis dorthin vordringt. Dies könnte degenerative Prozesse im Gehirn beschleunigen oder neu anstoßen.

Ein weiterer Faktor könnte die durch die Pandemie verursachte gesellschaftliche Belastung sein. Stress, Angst und Störungen des täglichen Lebens könnten ebenfalls zu den beobachteten erhöhten Risiken für psychiatrische und neurologische Erkrankungen beitragen.

Alzheimer-Risiko: Veränderungen im Gehirn und Virusinfektionen

Einige Studien deuten darauf hin, dass eine Corona-Infektion Veränderungen im Gehirn beschleunigen könnte, die mit einem erhöhten Alzheimer-Risiko in Verbindung stehen. So wurde festgestellt, dass sich die Biomarker nach einer Infektion verändern, was ein Hinweis auf eine mögliche Amyloid-Ablagerung im Gehirn sein könnte. Diese Veränderung, zusammen mit Gehirnbildern und schlechteren kognitiven Tests, sind typische Zeichen einer Alzheimer-Erkrankung.

Eine Studie, die Blutplasmaproben von Personen mit und ohne Corona-Infektion untersuchte, stellte fest, dass auch bei einem milden Verlauf einer Corona-Infektion Veränderungen feststellbar sind. Diese Biomarker-Veränderungen waren bei älteren Personen (insbesondere bei den über 70-Jährigen) und bei Personen mit bereits bestehenden Risikofaktoren wie Bluthochdruck und Fettleibigkeit stärker ausgeprägt.

Es gibt auch Hinweise darauf, dass verschiedene Viren das Alzheimer-Risiko beeinflussen könnten. Eine dänische Studie ergab, dass das Risiko für Alzheimer-Demenz oder ein Parkinson-Syndrom nach einer COVID-19-Infektion erhöht ist, aber auch nach anderen Atemwegserkrankungen wie Influenza oder bakterieller Lungenentzündung. Dies deutet darauf hin, dass der Infekt an sich das Risiko steigern könnte.

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Neurologische Forschung in Bonn: Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten

Das Zentrum für Neurologie am Universitätsklinikum Bonn (UKB) führt eine Studie durch, um das sogenannte neurologische Post-COVID-Syndrom besser zu verstehen und den Weg für eine effektivere Behandlung zu bereiten. Die Studie richtet sich an Personen, deren geistige Leistungsfähigkeit im zeitlichen Zusammenhang mit einer Corona-Infektion nachgelassen hat.

Das Forschungsteam vermutet, dass die Immunantwort auf die Corona-Infektion eine indirekte Rolle spielt. Die freigesetzten entzündlichen Botenstoffe können ins Gehirn gelangen und dort "Kollateralschäden" auslösen. Mit modernster Technik werden Blutproben der Studienteilnehmer untersucht, um die Aktivität der Immunzellen zu analysieren und einen molekularen Fingerabdruck zu erstellen.

Herausforderungen für Menschen mit Demenz während der Pandemie

Die Corona-Pandemie stellt Angehörige von Menschen mit Demenz vor besondere Herausforderungen. Da der größte Teil der Demenzerkrankten hochaltrig ist und häufig an weiteren Erkrankungen leidet, sind sie durch das Coronavirus besonders gefährdet. Es ist wichtig, die gewohnten Routinen so weit wie möglich beizubehalten, da Veränderungen im Tagesablauf für Menschen mit Demenz beängstigend sein können.

Das Tragen einer Maske kann für Menschen mit Demenz irritierend sein. In diesem Fall sollten Besuche von Geschäften und die Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln vermieden werden. Wenn dies nicht möglich ist, kann ein Verständniskärtchen helfen, das auf die Demenz hinweist.

Im Falle einer eigenen Erkrankung ist es sinnvoll, einen Notfallplan zu erstellen, der Informationen zum Hausarzt, zum Medikamentenbedarf, zum ambulanten Pflegedienst und zu weiteren Ansprech- und Kontaktpersonen enthält.

Prävention und Bewältigung: Tipps für Angehörige

Für Angehörige von Menschen mit Demenz ist es wichtig, auch für sich selbst zu sorgen, um die eigenen Kräfte zu schonen. Besuche von außen sollten weiterhin auf ein Mindestmaß beschränkt werden, aber Unterstützung von einer gesunden Person aus dem Familien- oder Freundeskreis kann hilfreich sein.

Weitere Tipps für Angehörige sind:

  • Nutzen Sie die Ruhezeiten der demenzerkrankten Person, um selbst auszuruhen.
  • Pflegen Sie Ihre sozialen Kontakte über verschiedene Kommunikationskanäle.
  • Nehmen Sie an Angehörigengruppen teil, um sich gegenseitig Mut zu machen und Unterstützung zu finden.

Weitere Forschung: Internationale Zusammenarbeit und Langzeitstudien

Die Frage nach den langfristigen Auswirkungen von COVID-19 auf das Gehirn und das Demenzrisiko erfordert weitere Forschung und internationale Zusammenarbeit. Die europäische NeuroCOV-Studie, die vom DZNE koordiniert wird, soll in den nächsten Jahren neue Erkenntnisse bringen.

Langzeitstudien sind notwendig, um aussagekräftigere Daten zu liefern und festzustellen, ob die Corona-Pandemie einen Anstieg der Demenz-Erkrankungen in den nächsten Jahren begünstigen könnte. Ein Blick in die Vergangenheit, beispielsweise auf die spanische Grippe, könnte Erkenntnisse für die Gegenwart bringen.

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