Demografische Entwicklung und Demenzstatistik in Deutschland

Der Begriff Demenz umfasst eine Gruppe chronischer Hirnerkrankungen, die zu einem fortschreitenden Verlust kognitiver, emotionaler und sozialer Fähigkeiten führen. Betroffene leiden insbesondere unter Gedächtnisstörungen und Vergesslichkeit, die sich im Krankheitsverlauf bis hin zum Verlust der Sprach- und Rechenfähigkeiten ausweiten können und Pflegebedürftigkeit zur Folge haben. Die Alzheimer-Krankheit ist die häufigste Form der Demenz und fordert allein in Deutschland jährlich über 10.000 Todesopfer. Demenz tritt meist erst ab dem 60. Lebensjahr auf, wobei Frauen aufgrund ihrer höheren Lebenserwartung ein höheres Erkrankungsrisiko haben.

Aktuelle Prävalenz und Inzidenz von Demenz in Deutschland

Nach aktuellen Berechnungen leben in Deutschland derzeit rund 1,84 Millionen Menschen mit einer Demenzerkrankung. Die meisten von ihnen sind von der Alzheimer-Krankheit betroffen. Im Jahr 2023 sind schätzungsweise zwischen 364.000 und 445.000 Menschen neu an einer Demenz erkrankt. Im Jahr 2023 waren deutschlandweit 2,97 % der Bevölkerung an Demenz erkrankt. Als Erkrankung gilt, wenn die Krankheit im zurückliegenden Jahr dokumentiert wurde (1-Jahres-Prävalenz). Es werden Erkrankungsfälle bei Personen ab dem 40. Lebensjahr gezählt.

Die Zahl an neu aufgetretenen Demenzfällen (Inzidenz) bei Personen > 65 Jahre ist 2022 im Vergleich zu 2015 um 25,7 % gesunken. Zusätzlich ging die relative Häufigkeit (Prävalenz) um 18,4 % zurück. Aus der Auswertung ergibt sich eine absolute Reduktion der dokumentierten Demenzfälle in Deutschland um 8,4 % von 1,56 Millionen im Jahr 2015 auf 1,43 Millionen im Jahr 2022. Auch wenn ein Rückgang der altersbezogenen Neuerkrankungsraten in vielen Industrieländern beobachtet wird, wird im Regelfall angenommen, dass die absolute Häufigkeit von Demenzen aufgrund der demografischen Entwicklung ansteigt. Daher sind dies erstaunliche und nicht erwartete Zahlen.

Regionale Unterschiede in Deutschland

Der Anteil von Menschen mit Demenz an der Bevölkerung unterscheidet sich zwischen den Bundesländern deutlich. Dies liegt an den Unterschieden in der Altersstruktur der Länder. Während in Hamburg und Berlin, die bundesweit den niedrigsten Altersdurchschnitt haben, weniger als 1,8 Prozent der Bevölkerung eine Demenz haben, ist der Anteil in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen prozentual mit mehr als 2,4 Prozent am höchsten.

Demografischer Wandel und Zunahme der Demenzzahlen

Die steigende Lebenserwartung in Deutschland führt zu einer Zunahme von Neuerkrankungen, da mehr Menschen ein höheres Alter erreichen, in dem das Demenzrisiko steigt. Infolge dieser demografischen Veränderungen kommt es aber auch zu weitaus mehr Neuerkrankungen als zu Sterbefällen unter den bereits an einer Demenz Erkrankten. Aus diesem Grund nimmt die Zahl der Demenzerkrankten auch in den kommenden Jahrzehnten kontinuierlich zu.

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Je nachdem, wie sich die Altersstruktur der Bevölkerung insgesamt entwickelt, wird sich die Zahl der Menschen mit Demenz über 65 Jahren bis zum Jahr 2050 auf 2,3 bis 2,7 Millionen erhöhen. Wenn die Lebenserwartung in Deutschland nur moderat wächst, wir höhere Zuwanderungsraten haben und die Geburtenrate deutlich ansteigt, und wir dadurch im Jahr 2050 eine relativ junge Bevölkerung haben, würde die Zahl der Demenzerkrankten bis dahin auf rund 2,3 Millionen ansteigen. Wenn die Geburtenrate aber auf dem heutigen Stand bleibt, die Lebenserwartung stärker steigt und weniger Menschen nach Deutschland zuwandern, läge die Zahl der Betroffenen 2050 bei rund 2,7 Millionen.

Nach Prognosen könnte die Anzahl der Betroffenen (im Alter ab 65 Jahren) im Jahr 2030 auf bis zu 1,9 Millionen ansteigen, im Jahr 2040 auf bis zu 2,3 Millionen und im Jahr 2050 bis zu 2,7 Millionen erreichen.

Todesfälle durch Alzheimer und andere Demenzformen

Im Jahr 2023 starben rund 10.100 Menschen in Deutschland an einer Alzheimer-Erkrankung. Die Zahl der Todesfälle hat sich binnen 20 Jahren infolge der unheilbaren Demenzerkrankung fast verdoppelt (+96 %) - auch demografisch bedingt. Im Jahr 2003 starben rund 5.100 Menschen an Alzheimer. Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko, an Alzheimer zu erkranken: Mehr als die Hälfte (53 %) der im Jahr 2023 an Alzheimer Verstorbenen war 85 Jahre und älter.

In der Regel stirbt eine an Demenz erkrankte Person nicht direkt an der Erkrankung selbst, sondern an den Komplikationen und Begleiterkrankungen, die mit ihr einhergehen. So schwächt die Krankheit das Immunsystem, wodurch Menschen mit Demenz etwa an Infektionen wie Lungenentzündung, Harnwegsinfektionen, der Grippe oder einer Blutvergiftung versterben.

Kosten von Demenzerkrankungen

Je fortgeschrittener eine Demenz ist, desto höher wird auch der Pflegebedarf der betroffenen Person. Damit geht nicht nur einher, dass die psychische und körperliche Belastung für die Pflegenden ansteigt, sondern auch die finanziellen Kosten gehen in die Höhe. Weltweit beliefen sich die Krankheitskosten von Demenzerkrankungen zuletzt auf rund eine Billion US-Dollar, im Jahr 2030 könnten es schätzungsweise rund zwei Billionen sein.

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Berechnungen des DZNE beziffern die Kosten für Demenz in Deutschland für das Jahr 2020 mit rund 83 Milliarden Euro - das entspricht mehr als zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Nach Prognosen könnten diese Kosten im Jahr 2040 auf rund 141 Milliarden Euro, im Jahr 2060 auf rund 195 Milliarden Euro anwachsen.

Risikofaktoren und Prävention von Demenz

Eine mögliche Begründung für den Rückgang der Neuerkrankungsrate ist eine Reduktion von Risikofaktoren für Demenz auf Bevölkerungsebene. Die Lancet Commission kommt basierend auf ihrer aktuellen Metaanalyse zu dem Schluss, dass bis zu 45 % aller Demenzen durch potenziell modifizierbare Risikofaktoren bedingt sind. Risikoreduzierende Effekte hatten in den letzten Jahrzehnten:

  • ein im Mittelwert höherer Bildungsstand, verbunden mit kognitiv anspruchsvolleren Berufen
  • verbesserte Behandlungsmöglichkeiten für Hypertonie, Diabetes mellitus und Hypercholesterinämie, aber auch von Hör- und Sehstörungen.
  • ein Anstieg körperlicher Aktivität
  • eine gesündere Ernährung
  • eine Reduktion von Tabak- und Alkoholkonsum.

Bislang sind 14 Risikofaktoren für Demenz bekannt, die prinzipiell modifizierbar sind und durch medizinische Vorsorge und gesunde Lebensgewohnheiten zum Teil persönlich beeinflusst werden können. Dazu gehören unter anderem Bluthochdruck, Übergewicht, Diabetes, Schwerhörigkeit, Luftverschmutzung, geringe Bildung und soziale Isolation. Demnach wären bei Beseitigung dieser 14 Risiken rund 45 Prozent aller Demenzerkrankungen vermeidbar oder könnten hinausgezögert werden - theoretisch.

Die Lancet Commission fasste kürzlich die Evidenz für insgesamt zwölf potenziell modifizierbare Risikofaktoren für Demenz zusammen: Niedrige Bildung im frühen Lebensalter, Hörminderung, Schädel-Hirn-Trauma, Bluthochdruck, übermäßiger Alkoholkonsum und Adipositas im mittleren Lebensalter und Rauchen, Depression, soziale Isolation, körperliche Inaktivität, Luftverschmutzung und Diabetes im hohen Lebensalter. Nach Berechnungen der Lancet Commission können weltweit etwa 40 % der Demenzfälle auf diese potenziell modifizierbaren Risikofaktoren zurückgeführt werden, besonders viele auf die Risikofaktoren Hörminderung, niedrige Bildung und Rauchen.

Besonders erfolgversprechend sind Präventionsmaßnahmen, die gleichzeitig an mehreren Lebensstilfaktoren ansetzen. Eine der größten multimodalen Präventionsstudien, die finnische FINGER-Studie, richtete sich an ältere Menschen mit erhöhtem Demenzrisiko. Die Autorinnen und Autoren berichten für die Interventionsgruppe - die eine zweijährige Intervention aus Ernährungsberatung, körperlichem und kognitivem Training sowie ärztlichem Feedback zu kardiovaskulären Risikofaktoren erhielt - von kleinen, aber signifikant positiven Effekten auf die allgemeine Kognition im Vergleich zur Kontrollgruppe.

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Zunahme leichter kognitiver Störungen

Ein wesentlicher Befund ist der Anstieg der Diagnose leichter kognitiver Störungen („mild cognitive impairment“, MCI) um 61,6 % von 0,19 Millionen Fällen im Jahr 2015 auf 0,30 Millionen Fälle im Jahr 2022. Da es mehr Menschen mit einer neu aufgetretenen leichten kognitiven Störung als mit einer neu aufgetretenen Demenz gibt, zeigen die Zahlen zwar weiterhin eine Unterdiagnostik, aber doch eine wachsende Offenheit für diese Diagnose, die anteilig wahrscheinlich meistens im fachärztlichen Bereich vergeben oder von Gedächtnisambulanzen gestellt und in die Dokumentation der Vertragsärztinnen und -ärzte übernommen wird.

Dieser Befund ist bedeutsam, da die künftigen Antikörpertherapien gegen die Amlyoid-Pathologie zur Behandlung der Alzheimer-Krankheit in Stadium der leichten kognitiven Störung oder der sehr frühen Demenz gegeben werden müssten, um wirksam zu sein. Die S3-Leitlinie Demenzen hat das Konzept der Diagnostik der Alzheimer-Krankheit im Stadium der leichten kognitiven Störung bereits aufgegriffen. Mit ICD-11 wird die Diagnose der milden neurokognitiven Störung, die dem Konzept der leichten kognitiven Störung entspricht, eingeführt mit der Möglichkeit, die Alzheimer-Krankheit als Ursache zu codieren.

Nationale Demenzstrategie

Die von der Bundesregierung verabschiedete Nationale Demenzstrategie hat das Ziel, die Situation von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen zu verbessern. In Deutschland leben rund 1,8 Millionen Menschen mit einer Demenz. Bis zum Jahr 2050 wird die Zahl der Betroffenen voraussichtlich auf 2,8 Millionen steigen. Um dieser Herausforderung zu begegnen und um die Gesellschaft demenzfreundlich zu gestalten, hat die Bundesregierung die Nationale Demenzstrategie verabschiedet. Die Umsetzung hat am 23. September 2020 begonnen.

Ziel der Strategie ist, die Lebenssituation von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen in Deutschland zu verbessern und ein offenes Klima für den Umgang mit Betroffenen zu schaffen. Dafür enthält die Nationale Demenzstrategie über 160 konkrete Maßnahmen, die in den kommenden Jahren umgesetzt werden sollen.

Die Strategie definiert dafür vier Handlungsfelder:

  • Strukturen zur gesellschaftlichen Teilhabe von Menschen mit Demenz an ihrem Lebensort aus- und aufbauen
  • Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen unterstützen
  • Medizinische und pflegerische Versorgung von Menschen mit Demenz weiterentwickeln
  • Exzellente Forschung zu Demenz fördern

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