Demyelinisierung: Ursachen, Erkrankungen und Therapieansätze

Die Demyelinisierung ist ein pathologischer Prozess, der durch den Verlust oder die Beschädigung der Myelinscheide um Nervenzellen im zentralen und peripheren Nervensystem charakterisiert ist. Diese Scheide ist essentiell für die effektive Übertragung elektrischer Signale entlang der Nervenfasern. Wenn die Myelinschicht beeinträchtigt wird, kann dies zu verschiedenen neurologischen Symptomen führen. Zudem spielt die Demyelinisierung eine zentrale Rolle in mehreren neurologischen Erkrankungen.

Was ist Demyelinisierung?

Demyelinisierung beschreibt den Verlust oder die Beschädigung der Myelinscheide, einer schützenden Schicht um die Nervenzellen. Diese Schicht ermöglicht die effiziente Übertragung elektrischer Signale zwischen den Neuronen. Wenn die Myelinschicht beschädigt wird, kann dies zu einer Verzögerung oder Unterbrechung der Nervenimpulse führen und somit verschiedene neurologische Symptome hervorrufen, wie z.B. Muskelschwäche und Gleichgewichtsstörungen.

Die Markscheiden (auch „Myelin“ genannt) dienen der Isolierung der Nervenzellfortsätze voneinander - ähnlich wie die Isolierung der einzelnen Leiter in einem Stromkabel. Die Zerstörung der Markscheiden wird als „Entmarkung“ oder „Demyelinisierung“ bezeichnet. Diese Entmarkung kann durch die dann gestörte Reizweiterleitung innerhalb der Nervenzellfortsätze in Abhängigkeit von deren Lokalisation und Funktion zu unterschiedlichen Symptomen wie Lähmungen oder Missempfindungen führen.

Ursachen der Demyelinisierung

Es gibt verschiedene Ursachen für die Demyelinisierung. Zu den häufigsten zählen:

  • Autoimmunerkrankungen: Der Körper greift irrtümlicherweise das eigene Myelin an, wie es bei Multipler Sklerose der Fall ist. Die chronisch inflammatorisch demyelinisierende Polyneuropathie (CIDP) gilt als autoimmunologisch bedingte Erkrankung des peripheren Nervensystems. Ursächlich für die Entstehung einer Autoimmunerkrankung ist wahrscheinlich eine Kreuzreaktion (Molekulare Mimikry). Hierbei entsteht auf dem Boden einer Infektion eine Immunantwort aufgrund von gemeinsamen, kreuzreagierenden Epitopen, die ihrerseits mit Komponenten des peripheren Nervensystems reagieren. Diese können zum Beispiel gegen die Hüllschicht, also das Myelin, gerichtet sein. Es kommt zu einer Schädigung des Myelins, also zu einer sogenannten Demyelinisierung. Höchstwahrscheinlich trägt aber auch eine Vorschädigung der Nerven, durch die bestimmte Epitope freigesetzt werden können, entscheidend dazu bei.
  • Infektionen: Bestimmte virale oder bakterielle Infektionen können das Myelin direkt oder indirekt durch Immunantworten schädigen. Ein gutes Beispiel für eine durch Infektion ausgelöste Demyelinisierung ist das Guillain-Barré-Syndrom, wo nach einer viralen oder bakteriellen Infektion das Immunsystem Nerven im peripheren System angreift.
  • Genetische Faktoren: Bestimmte genetische Anomalien können die Integrität der Myelinscheide beeinträchtigen und so zu demyelinisierenden Erkrankungen führen. Erbkrankheiten wie die Neuropathien können die Myelinscheide beeinträchtigen. Bei etwa 5-20% der MS-Patienten lässt sich eine positive Familienanamnese für die MS erfragen. Untersuchungen an Zwillingen belegen eine sog. genetische Prädisposition zur MS. Man nimmt an, dass zahlreiche Gene die Entstehung einer MS begünstigen.
  • Toxine: Exposition gegenüber giftigen Substanzen, einschließlich Schwermetallen und bestimmten Chemikalien, kann zu Schädigungen des Myelins führen. Lösungsmittel - Kontakt oder Inhalation von toxischen Lösungsmitteln (z. B.

Demyelinisierende Erkrankungen: Beispiele

Demyelinisierende Erkrankungen sind eine Gruppe von Krankheiten, die durch den Verlust der Myelinscheide in Nervenbahnen des zentralen oder peripheren Nervensystems gekennzeichnet sind. Diese Erkrankungen können sowohl genetisch bedingt als auch durch Umweltfaktoren ausgelöst werden.

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  • Multiple Sklerose (MS): Eine chronische Erkrankung, bei der das Immunsystem die Myelinscheide der Nervenfasern angreift. Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die zu einer Demyelinisierung führt, das heißt zur Zerstörung der Myelinscheide der Nervenzellen sowie der Nervenzellen selbst. Sie zählt zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen junger Erwachsener und weist eine große Variabilität hinsichtlich des Krankheitsverlaufs auf. Klinisch lassen sich schubförmig-remittierende von primär und sekundär progredienten (fortschreitenden) Verläufen unterscheiden. Typische Symptome sind Sehstörungen, Taubheitsgefühl und Gleichgewichtsstörungen.
  • Neuromyelitis optica: Betroffen sind vor allem die Nerven des Rückenmarks und der Augen, was zu schweren Sehstörungen und Lähmungen führt.
  • Chronisch entzündliche demyelinisierende Polyneuropathie (CIDP): Diese Erkrankung betrifft die peripheren Nerven und führt zu Muskelschwäche und Verlust der Sensibilität. Die CIDP ist eine langsam verlaufende und andauernde Nervenerkrankung, bei der es durch entzündliche Reaktionen zum Abbau der Ummantelung der Nervenfasern kommt. Folge ist eine Störung der Signalweiterleitung in den Nerven. Durch den Abbau der Nervenfaserummantelungen (Myelin) wird die Signalweiterleitung der Nerven gestört. Betroffen ist in der Hauptsache das periphere Nervensystem. Es befindet sich außerhalb von Gehirn und Rückenmark (zentrales Nervensystem) und durchzieht mit seinen Nervenbahnen den ganzen Körper. Dabei hat es unter anderem zwei wichtige Funktionen: Es ist für die Weiterleitung von Sinneseindrücken zum Gehirn und für die Muskelbewegung zuständig.

Multiple Sklerose (MS) im Detail

Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des Gehirns und Rückenmarks, die zur Zerstörung der Markscheiden führt. Der Entmarkung liegt sowohl bei der MS des Erwachsenen- als auch des Kindes- und Jugendalters wahrscheinlich eine fehlgeleitete Entzündungsreaktion des körpereigenen Immunsystems zu Grunde. Daher zählt die MS zu den sogenannten Autoimmunerkrankungen. In den entmarkten Herden im Gehirn gehen aber nicht nur die Markscheiden zugrunde, auch die Nervenzellfortsätze, die Axone, werden zerstört. Dieser Vorgang ist die wahrscheinliche Ursache für die dauerhafte Behinderung der MS-Patienten. In den MS-Herden entsteht am Ende eine sog. Glianarbe.

Die MS tritt vorwiegend in gemäßigten Klimazonen mit einem Nord-Süd-Gefälle bis zum Äquator auf. Es erkranken mehr Frauen als Männer - vor der Pubertät scheint das Geschlechterverhältnis jedoch eher ausgeglichen.

Bei der Auslösung der MS scheinen auch verschiedene Viren und Bakterien, wie das Epstein-Barr-Virus, beteiligt zu sein. Zumindest fanden sich bei pädiatrischen MS Patienten häufiger Antikörper gegen EBV als bei bis dahin gesunden Kindern. Auch Zigarettenrauchen und ein Vitamin D-Mangel z.B. bei unzureichender Tageslichtexposition sollen Risikofaktoren sein.

Ursachen und Risikofaktoren der MS

Die Entstehung der Multiplen Sklerose beruht auf einem komplexen Zusammenspiel aus genetischer Veranlagung, immunologischer Fehlregulation und verschiedenen Umweltfaktoren. Als Autoimmunerkrankung richtet sich das Immunsystem fehlgeleitet gegen Strukturen des zentralen Nervensystems, insbesondere gegen die Myelinscheiden der Nervenfasern. Dabei sind sowohl T- als auch B-Zellen beteiligt, ebenso wie lösliche Mediatoren wie Zytokine und Antikörper. Diese immunvermittelte Entzündungsreaktion verursacht fokale Läsionen in weißer und grauer Substanz und kann langfristig zu strukturellen und funktionellen Schäden führen.

Zwar wird MS nicht im klassischen Sinn vererbt, doch familiäre Häufungen belegen eine genetische Prädisposition. Verwandte ersten Grades von MS-Erkrankten haben ein signifikant erhöhtes Risiko, selbst zu erkranken. Genomweite Analysen identifizierten mehrere hundert Genvarianten mit Relevanz für die Erkrankung - viele davon betreffen immunologisch aktive Genregionen, ähnlich wie bei anderen Autoimmunerkrankungen wie Typ-1-Diabetes oder rheumatoider Arthritis.

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Einen besonders engen Zusammenhang zeigt die Forschung mit dem Epstein-Barr-Virus (EBV). Nahezu alle MS-Betroffenen weisen serologische Hinweise auf eine frühere EBV-Infektion auf. Ein deutlich erhöhtes Risiko besteht insbesondere bei einer Primärinfektion im Jugend- oder Erwachsenenalter, während eine Infektion im frühen Kindesalter mit einem geringeren Risiko assoziiert ist.

Weitere Risikofaktoren betreffen vor allem Umwelt- und Lebensstilbedingungen. So ist das Erkrankungsrisiko in Regionen mit geringer Sonnenexposition - etwa in höheren Breitengraden - erhöht. Ein Zusammenhang mit niedrigen Vitamin-D-Spiegeln wird vermutet, da Vitamin D eine immunmodulierende Wirkung besitzt. Personen mit höheren Spiegeln oder regelmäßiger Sonnenlichtexposition zeigen nicht nur ein geringeres Risiko, sondern auch einen milderen Verlauf.

Zudem ist Rauchen mit einem erhöhten Erkrankungsrisiko und einer ungünstigeren Krankheitsdynamik assoziiert. Adipositas im Jugendalter wird ebenfalls als potenziell relevanter Faktor diskutiert.

Pathogenese der MS

Multiple Sklerose ist durch eine fehlgeleitete Immunreaktion gegen Strukturen des zentralen Nervensystems (ZNS) gekennzeichnet. Autoreaktive Immunzellen überwinden die Blut-Hirn-Schranke und greifen die Myelinscheiden der Axone an. Das Myelin, eine fetthaltige Schutzschicht, unterstützt die elektrische Signalübertragung im Nervensystem. Neben der Demyelinisierung kommt es auch zur Schädigung der Axone selbst und der Zellkörper im Bereich der grauen Substanz. Mit fortschreitender Erkrankung kann die kortikale Hirnsubstanz schrumpfen - ein Prozess, der als kortikale Atrophie bezeichnet wird und Parallelen zu anderen neurodegenerativen Erkrankungen aufweist.

Pathologisch zeigen sich Läsionen („Plaques“) im Gehirn und Rückenmark, insbesondere in der weißen Substanz rund um die Ventrikel, in Sehnerven, Kleinhirnstielen, im Hirnstamm sowie in subpialen Bereichen. Diese Plaques treten in allen MS-Verlaufsformen auf, ihre immunopathologischen Muster variieren jedoch - insbesondere zwischen schubförmigem und progredientem Verlauf.

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Die Plaques entstehen durch fokale Entzündungsprozesse, in deren Verlauf Immunzellen - vorrangig CD8+- und CD4+-T-Zellen des Typs Th1 und Th17 - Zytokine wie Interferon-γ, IL-17 und GM-CSF freisetzen. Diese fördern die Demyelinisierung, axonale Schädigung und degenerative Prozesse. Ein Versagen zentraler und peripherer Toleranzmechanismen trägt zur Persistenz autoreaktiver T-Zellen bei.

Gleichzeitig sind Gedächtnis-B-Zellen im Liquor und Parenchym aktiv, die durch klonale Expansion, somatische Hypermutation und die Produktion von oligoklonalen Immunglobulinen (OCBs) charakterisiert sind - ein zentrales diagnostisches Merkmal der MS.

Verlaufsformen der MS

Die Multiple Sklerose wird traditionell in drei Hauptformen unterteilt:

  • Schubförmig-remittierende MS (RRMS): Mit etwa 80-90% die häufigste Erstmanifestation. Sie ist gekennzeichnet durch klar definierte Schübe mit vollständiger oder unvollständiger Rückbildung der neurologischen Symptome.
  • Sekundär progrediente MS (SPMS): Entwickelt sich bei vielen Patient:innen im Verlauf aus einer RRMS. Dabei kommt es zu einer allmählichen Zunahme der Behinderung - mit oder ohne weiterhin auftretende Schübe. Etwa 30-40% der Patient:innen gehen nach 10-15 Jahren in diese Phase über; nach 20 Jahren sind es bis zu 90%.
  • Primär progrediente MS (PPMS): Betrifft rund 10-15% der Betroffenen. Hier verläuft die Erkrankung von Beginn an kontinuierlich fortschreitend - meist ohne erkennbare Schübe.

Seit 2013 wird empfohlen, MS-Verlaufsformen zusätzlich nach Krankheitsaktivität (Schübe, MRT-Läsionen) und klinischer Progression zu differenzieren. Damit wird unterschieden, ob eine Zunahme der Behinderung schubabhängig (relapse-associated worsening, RAW) oder schubunabhängig (progression independent of relapse activity, PIRA) erfolgt. Letzteres tritt häufiger auf als früher angenommen, auch bei formal schubförmig klassifizierten Verläufen.

Symptome der MS

Die ersten Symptome einer Multiplen Sklerose sind häufig neurologischer Natur und betreffen vor allem das visuelle und motorische System. Typisch ist eine Entzündung des Sehnervs (Optikusneuritis), die sich in Form von Verschwommensehen, Nebel- oder Doppelbildern sowie Schmerzen bei Augenbewegung äußert. Ebenfalls häufig zu Beginn sind motorische Störungen wie Muskelschwäche, Lähmungserscheinungen, ein Gefühl von Steifigkeit oder unsicherem Gang. Diese Paresen betreffen insbesondere die Beine und können mit spastischer Tonuserhöhung einhergehen.

Weitere frühe Symptome sind:

  • Sensibilitätsstörungen wie Kribbeln, Taubheitsgefühl oder brennende Missempfindungen, meist an Armen, Beinen, Gesicht oder Rumpf
  • Gleichgewichtsstörungen und Koordinationsprobleme beim Gehen oder Greifen
  • Blasenfunktionsstörungen - vom imperativen Harndrang bis zur Inkontinenz
  • Schwindel und Gangunsicherheit

Neben den sichtbaren Symptomen leiden viele MS-Betroffene unter Beschwerden, die für Außenstehende schwer erkennbar sind, im Alltag aber massiv einschränken können. Dazu zählen:

  • Fatigue
  • Kognitive Einschränkungen
  • Stimmungsveränderungen
  • Schmerzen
  • Sexuelle Funktionsstörungen

Im fortgeschrittenen Stadium können Bewegungsstörungen, Muskelsteifigkeit (Spastik) und Lähmungen das Gehen oder Stehen erheblich beeinträchtigen - in Einzelfällen bis hin zur Notwendigkeit eines Rollstuhls. Blasenentleerungsstörungen, Dysarthrie (verwaschene Sprache) oder visuelle Defizite können ebenfalls persistieren oder sich verschlimmern.

Fieber, Infekte oder Hitzeeinwirkung können bestehende Symptome temporär verschlechtern - ein Phänomen, das als Uhthoff-Phänomen bezeichnet wird.

Diagnose der MS

Die Diagnose der Multiplen Sklerose (MS) beruht auf den McDonald-Kriterien von 2017. Dabei wird der Nachweis einer zeitlichen (DIT) und räumlichen Dissemination (DIS) von Läsionen im zentralen Nervensystem gefordert - entweder anhand klinischer Befunde oder mittels bildgebender bzw. laborchemischer Verfahren.

Die Magnetresonanztomographie (MRT) spielt eine zentrale Rolle in der MS-Diagnostik. Sie ermöglicht den strukturellen Nachweis typischer Läsionen in Gehirn und Rückenmark. Besonders aussagekräftig ist die Darstellung sowohl kontrastmittelaufnehmender als auch nicht aufnehmender Läsionen, da dies Hinweise auf unterschiedliche Entzündungszeitpunkte liefert und damit den DIT-Nachweis unterstützt. Zusätzlich dient die MRT dem Ausschluss anderer neurologischer Erkrankungen.

Die Lumbalpunktion dient dem Nachweis liquorspezifischer oligoklonaler Banden (OKB), die eine intrathekale Immunaktivität anzeigen. Dieser Befund kann als Ersatz für den DIT-Nachweis herangezogen werden und hilft insbesondere in diagnostisch unklaren Situationen oder bei atypischer MRT-Befundlage.

Die Diagnose darf nur gestellt werden, wenn keine besser passende alternative Erklärung („no better explanation“) für die Symptome oder paraklinischen Befunde vorliegt. Neben der MS sollten differenzialdiagnostisch entzündliche, vaskuläre, infektiöse und metabolische ZNS-Erkrankungen berücksichtigt werden.

Behandlung der MS

Ein gesunder Lebensstil kann den Verlauf der Multiplen Sklerose (MS) günstig beeinflussen und sollte integraler Bestandteil jeder Therapie sein. Regelmäßige Bewegung verbessert nicht nur Fitness und Mobilität, sondern wirkt sich auch positiv auf Komorbiditäten wie Adipositas, Bluthochdruck oder Diabetes aus. Ergänzend dazu spielt eine ausgewogene Ernährung eine wichtige Rolle. Sie unterstützt das Mikrobiom, wirkt präventiv gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen und kann helfen, Übergewicht zu reduzieren. Mikronährstoffmängel - insbesondere ein Vitamin-D-Mangel - sollten erkannt und gezielt ausgeglichen werden, wobei von Ultra-Hochdosistherapien abzuraten ist. Ebenso bedeutsam ist die psychische Gesundheit: Stress, depressive Symptome oder traumatische Erfahrungen können den Verlauf ungünstig beeinflussen - frühe psychologische Unterstützung, Achtsamkeitstechniken oder digitale Angebote können helfen. Schließlich ist ein Rauchstopp essenziell, da aktives und passives Rauchen nachweislich die Krankheitsprogression fördert; ein bewusster Umgang mit Alkohol wird ebenfalls empfohlen.

Die Therapie von akuten MS-Schüben erfolgt standardmäßig mit hochdosierten Glukokortikosteroiden, in der Regel Methylprednisolon (MP). Ziel ist die rasche Linderung neurologischer Defizite. Bei unzureichendem Ansprechen kann eine Eskalation erfolgen, etwa durch erneute Hochdosis-Gabe oder Plasmapherese - insbesondere bei anhaltender, alltagsrelevanter Beeinträchtigung

Ziel moderner MS-Therapie ist es, die Krankheitsaktivität zu reduzieren, das Fortschreiten der Behinderung zu verlangsamen und die Lebensqualität zu erhalten. Die Wahl der passenden Immuntherapie erfolgt individuell anhand des Erkrankungsverlaufs und potenzieller Risiken.

Die zugelassenen Medikamente werden in drei Wirksamkeitskategorien unterteilt. Die Therapiewahl hängt dabei nicht nur von der Wirksamkeit, sondern auch von der individuellen Krankheitsdynamik, Komorbiditäten, Lebensumständen und Therapiezielen ab.

  • Kategorie 1 (30-50% Reduktion der Schubrate): Beta-Interferone, Glatirameracetat, Teriflunomid, Dimethylfumarat
  • Kategorie 2 (50-60 %): Cladribin, S1P-Modulatoren
  • Kategorie 3 (> 60 % oder ≥ 40 % vs. Kategorie 1): CD20-Antikörper (z. B. Ocrelizumab), Alemtuzumab, Natalizumab

Neben der Immuntherapie ist die gezielte Behandlung krankheitsspezifischer Symptome ein zentraler Bestandteil der MS-Versorgung. Viele der häufigen Beschwerden lassen sich durch eine Kombination aus medikamentösen und nicht-medikamentösen Maßnahmen effektiv lindern.

Chronisch inflammatorische demyelinisierende Polyneuropathie (CIDP) im Detail

Die chronisch inflammatorisch demyelinisierende Polyneuropathie (CIDP) gilt als autoimmunologisch bedingte Erkrankung des peripheren Nervensystems. Sie ist eine sehr seltene Erkrankung und tritt bei ca. 4 - 8 von 100 000 Menschen auf. Sie kann in jedem Alter auftreten, gehäuft allerdings im 6. und 7. Lebensjahrzehnt und betrifft häufiger Männer.

Das periphere Nervensystem umfasst Nerven, die sowohl motorische, sensible aber auch sogenannte autonome Funktionen übernehmen.

Symptome der CIDP

In der klassischen Ausprägung, die ca. 50 % aller Patienten mit der Diagnose einer CIDP umfasst, klagen die Patientinnen und Patienten typischerweise über eine sich im Verlaufe von Wochen bis Monaten entwickelnde Schwäche der Beine sowie der Arme, die sowohl körperstammnah (proximal) als auch körperfern (distal) auftritt. Die Fußhebung und das Treppensteigen können erschwert sein. Es können Schwierigkeiten in der Feinmotorik der Hände aber auch bei Überkopfarbeiten auftreten. Darüber hinaus treten sensible Störungen in Form von Taubheitsgefühlen, Kribbelgefühlen oder auch in Form von Gangunsicherheit auf. Selten treten auch Brennschmerzen auf. Bei der klassischen CIDP stehen die motorischen Ausfälle im Vordergrund. Neben der klassischen Ausprägung kann sich eine CIDP aber auch in „atypischen“ Varianten ausprägen.

Im Gegensatz zu der am ehesten altersbedingten idiopathischen Polyneuropathie, die sehr langsam über Jahre fortschreitet, entwickelt sich die Symptomatik bei allen Erscheinungsformen (klassisch und atypische Varianten) jedoch in der Regel rascher, d.h. innerhalb von Wochen und Monaten. Der Verlauf kann sowohl kontinuierlich fortschreitend, aber auch schubförmig sein.

Ursachen der CIDP

Die CIDP gilt als Autoimmunerkrankung, die eher im späteren Erwachsenenalter auftritt. Ursächlich für die Entstehung einer Autoimmunerkrankung ist wahrscheinlich eine Kreuzreaktion (Molekulare Mimikry). Hierbei entsteht auf dem Boden einer Infektion eine Immunantwort aufgrund von gemeinsamen, kreuzreagierenden Epitopen, die ihrerseits mit Komponenten des peripheren Nervensystems reagieren. Diese können zum Beispiel gegen die Hüllschicht, also das Myelin, gerichtet sein. Es kommt zu einer Schädigung des Myelins, also zu einer sogenannten Demyelinisierung. Höchstwahrscheinlich trägt aber auch eine Vorschädigung der Nerven, durch die bestimmte Epitope freigesetzt werden können, entscheidend dazu bei.

Diagnose der CIDP

Die Diagnose wird gestellt auf dem Boden der typischen klinischen Präsentation, dem Ausschluss aller anderen in Fragen kommenden Ursachen für eine demyelinisierende Polyneuropathie sowie Nachweis einer Demyelinisierung in der elektrophysiologischen Untersuchung.

Einschlusskriterien:

  • a. Typische CIDP und erloschener oder generell abgeschwächter Reflexstatus
  • b. Atypische CIDP (rein sensibel, MADSAM, DADS, rein motorisch, fokal) sowie abgeschwächte/erloschenen Reflexe in betroffenen Regionen

Ausschlusskriterien:

  • Borrelieninfektion, Diphtherie, Drogen (Alkohol) oder Gifte
  • Vererbte Neuropathie (Hereditäre sensomotorische demyelinisierende Neuropathie)
  • Im Vordergrund stehende Blasen- und Mastdarmstörungen
  • Diagnose anderweitiger Immunneuropathie
  • IgM monoklonale Gammopathie mit anti-MAG-Antikörpern
  • Andere Gründe für demyelinisierende Polyneuropathie demyel.

Kriterien für definitiv diagnostizierte CIDP:

  • a. um ≥ 50 % verlängerte distal-motorische Latenzen in mindestens zwei Nerven über obere Normgrenze (ULN, upper limit of normal)
  • b. motorische Leitgeschwindigkeit ≥ 30 % unter untere Normgrenze (LLN, lower limit of normal) in mindestens zwei Nerven
  • c. ≥ 20 % Verlängerung über ULN der F-Wellen-Latenzen in mindestens zwei Nerven (≥ 50 %, falls distales CMAP < 80 % LLN)
  • d. Abwesenheit von F-Wellen in mindestens zwei Nerven, falls distales CMAP ≥ 20 % und zusätzlich ein demyelinisierender Parameter in einem weiteren Nerven
  • e. partieller motorischer Leitungsblock: ≥ 50 % Amplitudenreduktion im CMAP proximal versus distal, falls distaler MAP ≥ 20 % LLN in zwei Nerven oder in einem Nerv und zusätzlich ein demyelinisierender Parameter in einem weiteren Nerven
  • f. abnormale zeitliche Dispersion (> 30 % Anstieg der Dauer zwischen proximalem und distalem negativen Ausschlag des CMAP)
  • g. Distale Dauer des CMAP (Muskelsummenpotenzial, negativer Ausschlag, compound muscle action potential) ≥ 9 ms in mindestens einem Nerv und zusätzlich ein demyelinisierender Parameter in einem weiteren Nerven

Unterstützend für die Diagnose ist die Untersuchung des Nervenwassers, die bei 70 - 90 % aller Patienten mit CIDP eine typische Eiweißerhöhung ohne sonstige entzündliche Veränderungen zeigt. Zudem zeigen ca. 50 % aller CIDP-Patienten in der MR-tomographischen Darstellung entzündliche Veränderungen im Nervenplexus bzw. den -wurzeln. Auch in der ultrasonographischen Darstellung können multiple Nervenschwellungen als typischer Hinweis dargestellt werden.

Neben der klassischen Form kann die CIDP auch in Zusammenhang mit anderen, meist entzündlichen Erkrankungen auftreten. Hierzu zählen neben Infektionen auch chronisch entzündliche Darmerkrankungen, entzündlich rheumatische Erkrankungen, Sarkoidose sowie metabolische Erkrankungen, wie z.B. Diabetes mellitus. Auch eine Assoziation mit malignen Erkrankungen wurde vereinzelt beobachtet. Eine Assoziation mit einer monoklonalen Gammopathie unbestimmter Signifikanz (MGUS) liegt häufiger vor.

Behandlung der CIDP

Bei der gesicherten CIDP sind wirksame Therapien die immunmodulatorische Therapie mit intravenösen Immunglobulinen (IVIG), Glukokortikosteroiden (GS) und Plasmaaustauschverfahren, die in prospektiven und kontrollierten Studien Ansprechraten von ca. 50 - 75 % aufweisen konnten. Die Wahl der geeigneten Therapie hängt in erster Linie von der Gesamtsituation des Patienten ab. Bei Versagen dieser Therapien kommen auch immunsuppressive Medikamente wie Azathioprin, Methotrexat, Mycophenolat Mofetil, Ciclosporin A in Betracht. Unter Umständen kommen auch therapeutische Antikörper, wie z.B.

Weitere demyelinisierende Erkrankungen

  • Multifokale motorische Neuropathie: Eine erworbene Erkrankung mit langsamer Progredienz, die asymmetrisch ohne sensible Störungen auftritt.
  • Vaskulitische Neuropathien: Erkrankungen des peripheren Nervensystems (PNS), bei denen es durch entzündliche Veränderungen der Blutgefäße zu einer Nervenschädigung kommt.
  • Guillain-Barré-Syndrom (GBS): Eine akut oder subakut verlaufende, häufig postinfektiös auftretende Polyradikuloneuritis, die innerhalb von Tagen bis Wochen das Erkrankungsmaximum erreicht.

Diagnose von Demyelinisierung

Eine Demyelinisierung wird meist durch neurologische Untersuchungen, Magnetresonanztomographie (MRT) zur Erkennung von Läsionen im zentralen Nervensystem und durch Nervenleitungsstudien diagnostiziert.

Therapieansätze bei Demyelinisierung

Zu den Behandlungsmöglichkeiten bei einer Demyelinisierung gehören:

  • Immuntherapien: Kortikosteroide zur akuten Entzündungshemmung, Plasmapherese bei schwereren Fällen
  • Krankheitsmodifizierende Therapien: (z.B. Interferone) zur Verlangsamung des Fortschreitens
  • Symptomatische Therapie: Behandlung der spezifischen Symptome, die durch die Demyelinisierung verursacht werden

Forschung und Ausblick

Trotz der Vielschichtigkeit der Prozesse, die zur Demyelinisierung führen, gibt es bemerkenswerte Ansätze in der Forschung zur Regeneration und Heilung. Die Entdeckung von Zellen, die das Potenzial haben, neue Myelinscheiden zu bilden, eröffnet neue Möglichkeiten zur Behandlung von demyelinisierenden Erkrankungen. Mit den Fortschritten in der Stammzellenforschung und in der Entwicklung von Medikamenten, die die Remyelinisierung fördern, bestehen Hoffnungen, dass zukünftige Therapien nicht nur die Fortschreitung der Demyelinisierung verlangsamen, sondern auch das geschädigte Myelin wiederherstellen können.

Die Forschung zu den Ursachen der Demyelinisierung untersucht auch die Rolle von Umweltfaktoren und Lebensstil. Besonders in städtischen Gebieten wird der Einfluss von Luftverschmutzung und Stress auf das Nervensystem untersucht. Die Analyse genetischer Prädispositionen zeigt, dass die Kombination von genetischen Auffälligkeiten und umweltbedingten Auslösern das Demyelinisierungsrisiko erhöhen kann. Diese Erkenntnisse tragen dazu bei, personalisierte Therapieansätze zu entwickeln, die besser auf die individuellen Bedürfnisse der Patienten zugeschnitten sind.

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