Schwindel und Gleichgewichtsstörungen sind weit verbreitete Beschwerden, die Menschen jeden Alters betreffen können. Eine Schwindelattacke kann Betroffene regelrecht aus der Bahn werfen und zu Desorientierung und Überforderung führen. Schwindel, auch Vertigo genannt, entsteht im Kern durch eine Störung der räumlichen Orientierung. Dieser Artikel beleuchtet die vielfältigen Ursachen von Schwindel und Gleichgewichtsproblemen und bietet einen umfassenden Überblick über mögliche Behandlungen.
Was sind Schwindel und Gleichgewichtsprobleme?
Schwindel ist ein vielschichtiges Symptom, das sich als Gefühl von Desorientierung, Gleichgewichtsverlust oder unsicherer Wahrnehmung der Umgebung äußert. Es gibt verschiedene Arten von Schwindel:
- Vertigo: Hierbei handelt es sich um einen Drehschwindel, bei dem sich die Umgebung oder die eigene Person dreht oder bewegt, obwohl sie stillstehen. Vertigo kann von Übelkeit, Erbrechen und Desorientierung begleitet sein. Die häufigste Ursache ist eine Störung im Innenohr.
- Benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel (BPLS): Diese Erkrankung führt zu kurzzeitigen Schwindelattacken, die durch bestimmte Kopfbewegungen ausgelöst werden.
- Präsynkopaler Schwindel: Dieser Schwindel tritt oft auf, wenn jemand fast in Ohnmacht fällt und geht mit Schwäche, Übelkeit und verschwommener Sicht einher.
- Psychogener Schwindel: Schwindel kann auch psychische Ursachen haben, wie Angststörungen oder Panikattacken.
- Visueller Schwindel: Dieser Schwindel tritt auf, wenn die visuellen Informationen, die das Gehirn erhält, nicht mit den Informationen übereinstimmen, die das Gleichgewichtssystem des Körpers sendet.
Gleichgewichtsstörungen äußern sich durch Schwindel, Übelkeit, Sehstörungen und allgemeines Unwohlsein. Betroffene haben das Gefühl, dass die Umgebung verschwimmt oder sich dreht, oder dass sie auf schwankendem Untergrund stehen.
Ursachen von Schwindel und Gleichgewichtsproblemen
Die Ursachen für Schwindelgefühle sind vielfältig und reichen von harmlosen Zuständen bis hin zu ernsteren Erkrankungen. Schwindelattacken können organische oder psychische Ursachen haben.
Organische Ursachen
In 80 Prozent der Fälle haben Schwindelattacken organische Ursachen. Dazu gehören:
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- Gutartiger Lagerungsschwindel: Dieser Schwindel wird durch winzige Kristalle im Gleichgewichtsorgan verursacht, die ihre Position verändert haben. Stell dir vor, in den Kanälen deines Gleichgewichtsorgans gibt es feine Härchen, die sich, ähnlich wie Wasserpflanzen im Strom, bei Bewegung neigen. Auf einigen dieser Härchen befinden sich winzige Kristalle, die Otokonien genannt werden. Wenn diese Kristalle aus ihrer Position geraten, können sie durch den hinteren Kanal gleiten und bei Bewegungen Irritationen verursachen: Selbst bei einer geringfügigen Bewegung könnten sie dem Gehirn eine schnelle Drehung suggerieren. Diese fehlerhafte Information stimmt nicht mit dem überein, was deine Augen sehen. Das Ergebnis der konträren Sinneseindrücke ist ein Gefühl von Schwindel.
- Menièresche Krankheit: Diese Krankheit entsteht, wenn Zellen im Innenohr zu große Mengen einer Gewebeflüssigkeit produzieren. Der entstehende Überdruck lässt Membranen reißen, kaliumreiche Flüssigkeit tritt aus und lähmt dann kurzzeitig den Gleichgewichtsnerv. Typische Symptome sind Drehschwindel, Druckgefühl im Ohr, Übelkeit, einseitige Hörminderung oder Hörverlust sowie einseitiges Ohrgeräusch.
- Vorübergehender Kurzschluss im Gleichgewichtsorgan: Dieser Schwindel entsteht, wenn die Schutzummantelung des Gleichgewichtsnervs durch ein pulsierendes Blutgefäß beeinträchtigt wird. Die Folge ist ein Drehschwindel, der einige Sekunden bis Minuten dauern kann.
- Entzündung der Gleichgewichtsnerven: Viren wie Herpes labialis können eine einseitige Entzündung der Gleichgewichtsnerven (Neuritis vestibularis) verursachen, die zu Dauerdrehschwindel führt.
- Migräne: Es besteht ein Zusammenhang zwischen Migräne und Schwindel. Viele Migränepatienten berichten von Schwindel während einer Migräneattacke oder als Vorbote. Weitere Symptome von migränebedingtem Schwindel sind Bewegungs-, Licht- und Geräuschempfindlichkeit.
- Schlaganfall im Hirnstamm: Wenn Schwindel gemeinsam mit Lähmungen, Doppelbildsehen, Schluck- oder Sprechstörungen auftritt, kann es sich um einen Schlaganfall handeln.
- Medikamente: Verschiedene Medikamente wie Beruhigungsmittel, Schlafmittel, Präparate gegen Epilepsie, Herz-Kreislauf-Medikamente und bestimmte Antibiotika können Schwindel auslösen.
- Störungen im Herz-Kreislaufsystem: Zu niedriger oder zu hoher Blutdruck, Blutdruckschwankungen sowie Durchblutungsstörungen können zu Schwindel führen. Ein Mangel an Vitamin B12, kann Schwindel verursachen. Manchmal ist Schwindel aber auch ein Anzeichen für eine Herzerkrankung.
Weitere organische Ursachen für Gleichgewichtsstörungen sind:
- Hypotonie (niedriger Blutdruck)
- Hypertonie (hoher Blutdruck)
- Herz-Kreislauf-Beschwerden
- Kopfverletzungen (z.B. Gehirnerschütterung)
- Schlaganfall (Schäden im Stamm- oder Kleinhirn)
- Erkrankungen des Gleichgewichtsorgans (Geschwulst oder Entzündung im Innenohr)
Psychische Ursachen
Wenn keine organischen Ursachen für den Schwindel gefunden werden, kann es sich um psychogenen Schwindel handeln, auch "Phobischer Schwankschwindel" genannt. In etwa 15 Prozent der Fälle hat Schwindel psychosomatische oder psychische Ursachen, in weiteren 5 Prozent sind die Ursachen unklar. Neben möglichen Angsterkrankungen sind es vor allem verdeckte Depressionen. Angstempfindung ist ein prägendes Symptom und Unterscheidungsmerkmal von den „Kinetosen“.
Psychogener Schwindel geht mit Stand- und Gangunsicherheiten und einer starken Fallneigung einher, zeigt aber keinen Nystagmus. Er beginnt meist im Zusammenhang mit besonderen psychischen Belastungen (z.B. partnerschaftliche o. berufliche Konflikte, Verluste) oder auch anderen Krankheitserlebnissen. Überzufällig oft leiden die Betroffenen gleichzeitig unter Angststörungen oder Depressionen. Meist erleben die Patienten attackenartige Anfälle von Schwankschwindel, möglicher Unruhe sowie Benommenheit mit Stand- und Gangunsicherheiten, die anfangs nur wenige Sekunden andauern. Diese Anfälle werden als sehr bedrohliche Zustände erlebt, was zu einer ängstlichen Erwartungshaltung vor der nächsten Attacke führt. Oft sind es besondere Situationen, die den Schwindel auslösen wie das Überqueren von Brücken, Auto fahren, Fliegen, Treppen steigen, der Aufenthalt in leeren Räumen, Warteschlangen im Kaufhaus oder bestimmte soziale bzw. kommunikative Anforderungen wie Arbeitsbesprechungen oder Restaurantbesuche. In der Folgezeit versuchen die Betroffenen die Situationen, bei denen sie von den gefürchteten Attacken heimgesucht werden, zu vermeiden.
Weitere Symptome von psychogenem Schwindel können sein:
- Engegefühl
- Atemnot
- Herzrasen
- Schweißausbrüche
- Antriebslosigkeit
- Rückzugsverhalten
- Schlaf- und Konzentrationsstörungen
Weitere Ursachen
Neben organischen und psychischen Ursachen können auch folgende Faktoren Schwindel und Gleichgewichtsstörungen auslösen:
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- Hitze und Sonneneinstrahlung
- Flüssigkeitsmangel
- Diäten oder Fastenkuren
- Sehstörungen
- Reisekrankheit
- Sauerstoffmangel
- Angst
Diagnose von Schwindel und Gleichgewichtsproblemen
Um die Ursache von Schwindel und Gleichgewichtsproblemen zu ermitteln, ist eine gründliche Anamnese und Untersuchung durch einen Arzt erforderlich. Wichtig ist, dass der Patient die Schwindelattacken präzise beschreibt:
- Art des Schwindels (Drehschwindel, Schwankschwindel, Benommenheitsschwindel)
- Dauer der Attacken
- Beginn (plötzlich oder allmählich)
- Auslösende Faktoren (Körperposition, Husten, Niesen, enge Räume etc.)
- Begleitende Symptome (Übelkeit, Erbrechen, Ohrensausen, Sehstörungen etc.)
Neben der Anamnese können verschiedene Tests zur Diagnose eingesetzt werden:
- Gleichgewichtstests (z.B. Gehen auf einer geraden Linie mit geschlossenen Augen, Stehen auf einem Bein)
- Hörtests
- Kopf-Impuls-Test (KIT)
- Elektronystagmographie (ENG)
- Blutuntersuchungen
- Hirnwasseruntersuchung
- Bildgebende Verfahren (CT, MRT)
Behandlung von Schwindel und Gleichgewichtsproblemen
Die Behandlung von Schwindel und Gleichgewichtsproblemen richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache.
Behandlung organischer Ursachen
- Gutartiger Lagerungsschwindel: Spezielle Bewegungsübungen für den Kopf (Befreiungsmanöver) können die Kristalle wieder aus dem Gleichgewichtsorgan herausbefördern.
- Menièresche Krankheit: Medikamente wie Betahistin, Dimenhydrinat und Cinnarizin können die Symptome lindern.
- Vorübergehender Kurzschluss im Gleichgewichtsorgan: Medikamente, die die Erregbarkeit des Nervs herabsetzen, können helfen.
- Entzündung der Gleichgewichtsnerven: Kortison kann zur Behandlung des Schwindels eingesetzt werden. Gleichgewichtsübungen (Balancetraining und Gangschulung) können ebenfalls helfen.
- Migräne: Antiemetika (z.B. Domperidon) oder spezielle Migränemedikamente können eingesetzt werden. Eine vorbeugende Migränebehandlung (z.B. mit Betablockern) kann sinnvoll sein.
- Schlaganfall im Hirnstamm: Vorbeugend hilfreich ist in den meisten Fällen Aspirin, um weitere Schlaganfälle zu verhindern, und Physiotherapie mit speziellen Gleichgewichtsübungen.
- Medikamente: Wenn Medikamente Schwindel auslösen, sollte die Dosis reduziert oder das Medikament gewechselt werden.
- Störungen im Herz-Kreislaufsystem: Medikamente, die den Blutdruck regulieren, können helfen. Sport kann sich ebenfalls positiv auswirken.
Behandlung psychogener Ursachen
Psychisch bedingter Schwindel kann mit einer Kombination aus Therapie, Physiotherapie und Medikamenten behandelt werden. Eine Konfrontationstherapie, bei der sich die Betroffenen genau jenen Situationen stellen, die ihnen Angst bereiten, kann ebenfalls hilfreich sein. Auch autogenes Training kann helfen.
Allgemeine Maßnahmen
Unabhängig von der Ursache des Schwindels können folgende allgemeine Maßnahmen helfen:
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- Ausreichende Flüssigkeitszufuhr
- Vermeidung von Hitze und Sonneneinstrahlung
- Regelmäßige Bewegung
- Vermeidung von Stress
- Ausreichend Schlaf
- Vermeidung von Alkohol und Nikotin
- Orientierungshilfen im Alltag (regelmäßiger Tagesablauf, vertraute Gegenstände und Bilder in der Umgebung)
- Ruhige, helle Räumlichkeiten
- Gut angepasste Seh- und Hörhilfen
Gleichgewichtsstörungen bei Kindern und Senioren
Gleichgewichtsstörungen bei Kindern
Einer Gleichgewichtsstörung bei Kindern können ähnliche Ursachen zugrunde liegen wie bei Erwachsenen. Dazu zählen Durchblutungsstörungen, ein zu hoher bzw. zu niedriger Blutdruck sowie eine Herz-Kreislauf-Schwäche. Ein eingeschränktes Sehvermögen lässt sich häufig mit einer Sehhilfe korrigieren. Wenn Schwindel und Gleichgewichtsstörung von einem Mangel an Nahrung und/oder Flüssigkeit ausgelöst werden, schafft eine ausreichende Versorgung Abhilfe.
Ein Kinderarzt, im Bedarfsfall auch ein Neurologe, sollte konsultiert werden, wenn die Gleichgewichtsstörungen über längere Tage hinweg anhalten und nicht auf den vor allem im Kleinkindesalter noch unsicheren Bewegungsabläufen beruhen.
Gleichgewichtsstörungen bei Senioren
Viele Menschen erachten eine Gleichgewichtsstörung als eine normale Begleiterscheinung des Alters und versäumen es daher, medizinischen Rat zu suchen. Da jedoch auch in dieser Lebensphase eine Vielzahl an Ursachen infrage kommen, sollte bei Auftreten der ersten Symptome ein Facharzt für Neurologie und Psychiatrie konsultiert werden. Ein weiterer Aspekt ist die mit den Gleichgewichtsstörungen einhergehende Sturzgefahr und die gerade bei älteren Menschen erhöhte Neigung zu Knochenbrüchen.
Eine häufige Erkrankung, die mit Schwindel und Gleichgewichtsstörungen ihren Anfang nimmt, ist beispielsweise die Demenz. Wird rechtzeitig ein Facharzt bzw. Spezialist für Gleichgewichtsstörungen eingeschaltet, so lässt sich der weitere Krankheitsverlauf in der Regel positiv beeinflussen.
Verwirrtheit als Begleiterscheinung
Verwirrtheit, also eine Schwierigkeit, sich räumlich und zeitlich zu orientieren, kann ebenfalls im Zusammenhang mit Gleichgewichtsstörungen auftreten. Auch das Gedächtnis, die Merkfähigkeit und die Konzentration leiden bei Verwirrtheit. Die Ursachen für eine Verwirrtheit sind vielfältig und reichen von Schlaganfall über Demenz bis hin zu chronischen Krankheiten und psychiatrischen Erkrankungen.
Wann sollte man einen Arzt aufsuchen?
Es gibt viele Gründe, bei Schwindelgefühl einen Arzt aufzusuchen. Grundsätzlich empfiehlt sich eine Abklärung der genauen Ursachen, um ernste Erkrankungen auszuschließen und gezielte therapeutische Schritte einleiten zu können. Ein Arzt sollte aufgesucht werden, wenn:
- Schwindelattacken häufig auftreten oder lange anhalten
- Schwindel plötzlich und ohne erkennbaren Grund auftritt
- Schwindel von anderen Symptomen wie Lähmungen, Doppelbildsehen, Schluck- oder Sprechstörungen begleitet wird
- Schwindel nach einer Kopfverletzung auftritt
- Schwindel die Lebensqualität beeinträchtigt
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