Depression und Gehirnfunktion: Neue Erkenntnisse und Therapieansätze

Depressionen sind eine weit verbreitete und belastende Erkrankung, die nicht nur die Stimmung, sondern auch die kognitiven Fähigkeiten beeinträchtigen kann. Jüngste Forschungen haben neue Einblicke in die komplexen Zusammenhänge zwischen Depressionen und der Funktionsweise des Gehirns gegeben. Diese Erkenntnisse könnten in Zukunft zu einer stärker individualisierten und effektiveren Behandlung von Depressionen führen.

Depression: Mehr als nur eine Stimmungsstörung

Depressionen äußern sich vielfältig. Zu den typischen Symptomen gehören Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit, Schlaf- und Appetitlosigkeit. Es gibt jedoch auch kognitive Beeinträchtigungen wie Konzentrationsstörungen und Gedächtnisprobleme. Viele Betroffene sind sich dessen nicht bewusst, aber diese kognitiven Einschränkungen können den Alltag erheblich erschweren.

Die Vorstellung, dass Depressionen ein einheitliches Krankheitsbild darstellen, gilt inzwischen als überholt. Nicht nur die seelischen Auslöser unterscheiden sich von Mensch zu Mensch, auch bei den physiologischen Mechanismen gibt es offenbar Unterschiede. Den einen Wirkstoff, der allen gleichermaßen hilft, kann es demnach kaum geben.

Der "kognitive Biotyp" der Depression

Eine aktuelle Studie der Stanford University hat eine interessante Entdeckung gemacht: Etwa ein Drittel der Menschen mit Depressionen könnte zu einer neu entdeckten Subgruppe gehören, dem sogenannten "kognitiven Biotyp". Diese Patientengruppe zeigt in Verhaltenstests Schwierigkeiten bei der vorausschauenden Planung, der Selbstkontrolle und der Unterdrückung unangemessenen Verhaltens. Sie reagieren kognitiv verlangsamt und haben Schwierigkeiten, sich trotz Ablenkung zu konzentrieren.

Diese kognitiven Veränderungen spiegeln sich in einer verringerten Aktivität in bestimmten Regionen des Frontalhirns wider, die für diese Aufgaben zuständig sind. Interessanterweise sprechen Menschen mit diesem kognitiven Biotyp schlechter auf herkömmliche Antidepressiva an, die auf den Serotoninspiegel im Gehirn wirken.

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Konzentrationstest im Hirnscanner

Im Rahmen der Studie absolvierten die Teilnehmer einen speziellen Konzentrationstest, während ihre Hirnaktivitäten mittels funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT) erfasst wurden. Dabei zeigte sich, dass bei Teilnehmern vom kognitiven Biotyp die neuronale Aktivität in zwei Hirnbereichen deutlich niedriger war als bei einer gesunden Kontrollgruppe: dem dorsolateralen präfrontalen Kortex und in den dorsalen anterioren cingulären Regionen. Diese Areale bilden Kontrollinstanzen, die unter anderem unerwünschte oder irrelevante Gedanken reduzieren, die Menschen mit Depressionen häufig plagen.

Individualisierte Therapie als Ausweg?

Die Ergebnisse dieser Studie unterstreichen die Notwendigkeit, Depressionen künftig individualisiert zu behandeln und dazu Untergruppen wie den kognitiven Biotyp zu identifizieren. Bildgebende Verfahren zur objektiven Messung der Hirnaktivitäten könnten dabei eine wichtige Rolle spielen.

Derzeit werden Menschen mit Depressionen oft nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum behandelt. Es werden nacheinander verschiedene Antidepressiva ausprobiert, was sich aufgrund der verzögerten Wirkung der Medikamente über Wochen hinziehen kann. Dies kann für die Betroffenen sehr belastend sein.

Für Menschen mit dem kognitiven Biotyp könnten andere Therapieformen besser geeignet sein, wie z.B.:

  • Verhaltenstherapien: Diese Therapien wirken gezielt auf die Problematiken ein, die mit dem kognitiven Biotyp einhergehen.
  • Transkranielle Magnetstimulation (TMS): Dieses Verfahren beeinflusst die Hirnströme und könnte die Aktivität in den betroffenen Hirnregionen verbessern.

Kognitives Training als ergänzende Behandlung

Neben den genannten Therapieansätzen könnte auch kognitives Training eine vielversprechende Ergänzung bei der Behandlung von Depressionen darstellen. Eine Metastudie aus dem Jahr 2015 hat gezeigt, dass kognitives Training nicht nur die kognitiven Fähigkeiten verbessern, sondern auch die Stimmung aufhellen und die alltägliche Funktionsfähigkeit verbessern kann.

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Kognitive Beeinträchtigungen sind ein häufiges Symptom von Depressionen. Sie können den Genesungsprozess erschweren. Gehirntraining kann helfen, diese Einbußen zu beseitigen und möglicherweise auch die Wirkung anderer Therapieformen zu verstärken.

Die Ergebnisse der Metastudie

Die Metastudie umfasste neun Studien, in denen die Wirksamkeit von Gehirntraining bei der Behandlung von Depressionen untersucht wurde. Die Ergebnisse zeigten, dass sich das Training in sämtlichen analysierten Bereichen positiv auswirkte:

  • Kognitive Fähigkeiten: Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis, kognitive Gesamtleistung
  • Stimmung: Niedergeschlagenheit
  • Alltagsaktivität: Fähigkeit, alltägliche Aufgaben selbstständig durchzuführen

Die Rolle von Neurotransmittern

Die Forschung hat gezeigt, dass verschiedene Neurotransmitter eine wichtige Rolle bei Depressionen und den damit verbundenen kognitiven Beeinträchtigungen spielen.

Serotonin

Die meisten modernen Antidepressiva wirken auf den Serotoninspiegel im Gehirn ein. Serotonin ist ein Neurotransmitter, der unter anderem für die Stimmungsregulation verantwortlich ist.

Noradrenalin

Noradrenalin ist ein weiterer wichtiger Botenstoff für Aufmerksamkeit, Wachheitsgrad und flexible Reaktionsfähigkeit. Bei psychischen Erkrankungen wie Depressionen kann die Aktivierung von Noradrenalin im Gehirn durch die Gabe von Antidepressiva angeregt werden. Ein erhöhter Noradrenalin-Spiegel im Nervensystem kann Depressionssymptome abmildern.

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Vortioxetin: Ein multimodales Antidepressivum

Vortioxetin ist ein relativ neues Antidepressivum, das auf verschiedene Serotonin-Rezeptoren wirkt und auch die Freisetzung anderer Neurotransmitter wie Noradrenalin, Dopamin, Histamin und Acetylcholin beeinflusst. In präklinischen Studien hat Vortioxetin positive Effekte auf Lernen und Gedächtnis gezeigt. Es wird derzeit in kontrollierten Studien an depressiven Patienten untersucht, um seine Wirkung auf die kognitive Funktion zu untersuchen.

Tipps zur Steigerung der Konzentration

Unabhängig von der spezifischen Therapie gibt es eine Reihe von Maßnahmen, die jeder ergreifen kann, um die Konzentration zu verbessern:

  • Gesunder Lebensstil: Ausreichend Schlaf (mindestens sieben Stunden pro Nacht), ausgewogene Ernährung, regelmäßige Bewegung
  • Vermeidung von Stress: Kurzfristiger Stress kann die Konzentration steigern, aber dauerhafter Stress erschöpft den Körper und beeinträchtigt die Leistungsfähigkeit.
  • Musik: Musik kann die Denkleistung verbessern, indem sie die rechte und linke Gehirnhälfte aktiviert.
  • Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Vitaminen und Nährstoffen ist wichtig für die Hirnfunktion. Vollkornprodukte liefern langfristig Energie, während Omega-3-Fettsäuren die Konzentration steigern können.
  • Flüssigkeitszufuhr: Ausreichend trinken (ca. 1,5 Liter pro Tag) ist wichtig, um Dehydration und damit verbundene Konzentrationsprobleme zu vermeiden.
  • Sport und Bewegung: Sport kann die Hirnleistung fördern und die Konzentration verbessern.
  • Kein Multitasking: Wer sich konzentrieren will, sollte sich nur mit einer Aufgabe beschäftigen und Ablenkungen vermeiden.
  • Achtsamkeitsübungen: Achtsamkeitsübungen können helfen, die Aufmerksamkeit auf das Hier und Jetzt zu lenken und die Konzentration zu steigern.

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