Depressionen sind eine weit verbreitete psychische Erkrankung, die Millionen von Menschen weltweit betrifft. Die Diagnose erfolgt in der Regel durch ein klinisches Interview, doch die Forschung hat in den letzten Jahren bedeutende Fortschritte bei der Untersuchung der neurobiologischen Grundlagen von Depressionen gemacht. Dieser Artikel beleuchtet verschiedene Aspekte von Depressionen, einschließlich der Rolle von Gehirnbotenstoffen, genetischen Faktoren, bildgebenden Verfahren und potenziellen neuen diagnostischen und therapeutischen Ansätzen.
NeuroSpot-Test: Analyse von Stresshormonen und Gehirnbotenstoffen
In der Allgemeinmedizin wird ein breites Leistungsspektrum angeboten, das von der Behandlung von Infekten und Reisemedizin bis hin zu spezielleren Bereichen wie Sportmedizin und Psychosomatik reicht. Im Bereich der Psychosomatik und bei Beschwerden wie Burnout und Schlafstörungen spielt die Diagnostik eine wichtige Rolle. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf den Gehirnbotenstoffen und Stresshormonen.
Chronischer Stress kann sich negativ auf die Gesundheit auswirken und Veränderungen in den Gehirnbotenstoffen, den sogenannten Neurotransmittern, verursachen. Der NeuroSpot-Test, der in einigen Praxen angeboten wird, analysiert Urin- und Speichelproben, um festzustellen, ob wichtige Stresshormone aus dem Gleichgewicht geraten sind.
Welche Hormone und Neurotransmitter werden getestet?
Der Test konzentriert sich auf verschiedene Hormone und Neurotransmitter, die für die seelische Ausgeglichenheit von Bedeutung sind:
- Cortisol: Dieses Hormon zeigt im gesunden Zustand eine ausgeprägte Tagesrhythmik mit hohen Spiegeln am Morgen und einem Abfall im Laufe des Tages. Bei dauerhaftem Stress kann diese Rhythmik gestört sein, was entweder zu dauerhaft erhöhten oder, im späteren Verlauf, zu erniedrigten Cortisolspiegeln führen kann.
- DHEA (Dehydroepiandrosteron): Auch als "Anti-Aging-Hormon" bekannt, nimmt die Produktion von DHEA ab dem 25. Lebensjahr kontinuierlich ab. Ein dauerhaft erniedrigter Spiegel kann Alterungsprozesse verstärken und depressive Beschwerden, Lernschwierigkeiten, Vergesslichkeit und Libidostörungen verursachen.
- Dopamin: Dieser Neurotransmitter wirkt vorwiegend erregend. Ein Mangel an Dopamin kann zu Unzufriedenheit, Motivationsstörungen, Vergesslichkeit, Müdigkeit und Craving-Attacken führen.
- GABA (Gamma-Aminobuttersäure): Der GABA-Spiegel ist ein wichtiger diagnostischer Parameter bei Angstzuständen und "Gedankenkreisen". GABA hat eine beruhigende Wirkung im Körper und ist wichtig für Lernen, Gedächtnis und die Reinigung von Schadstoffen zwischen den Hirnnervenzellen.
- Serotonin: Oft als "Glückshormon" bezeichnet, spielt Serotonin eine wichtige Rolle für die Stimmungslage.
- Noradrenalin und Adrenalin: Diese Hormone wirken stark aktivierend auf Aufmerksamkeit, Wachheit, Konzentration und Motivation.
Nach der Bestimmung der Stressbelastung wird ein individuelles Therapiekonzept entwickelt, das in der Regel Stressmanagement, die Gabe von Nahrungsergänzungsmitteln zur Unterstützung der Botenstoffproduktion und gegebenenfalls weitere Therapieoptionen umfasst.
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Ursachen für Veränderungen der Gehirnbotenstoffe
Verschiedene Faktoren können zu Veränderungen der Gehirnbotenstoffe führen:
- Chronischer Stress: Dauerhafter Stress kann die Gehirnbotenstoffe innerlich verändern.
- Störungen im Magen-Darm-Trakt: Diese können die Aufnahme von Nährstoffen beeinträchtigen, die für die Produktion von Neurotransmittern benötigt werden.
- Chronische Entzündungen oder häufige Infekte: In solchen Fällen werden Aminosäuren und Mikronährstoffe für den Entzündungsprozess genutzt und stehen nicht mehr für die Synthese der Botenstoffe zur Verfügung.
- Stressreaktionen: Bei Stress werden Adrenalin und Noradrenalin freigesetzt, um den Körper in eine Alarmsituation zu versetzen.
Neurobiologische Veränderungen bei Depressionen
Die Rolle von Neurotransmittern
Jedes Gefühl, jede Stimmung, jeder Gedanke und jedes Verhalten geht mit einem besonderen Aktivitätsmuster der Nervenzellen im Gehirn einher. Die Aktivität innerhalb einer Nervenzelle wird über Axone zu anderen Nervenzellen weitergeleitet. Zwischen den Nervenzellen besteht jedoch keine direkte Verbindung. Um den Reiz zur nächsten Nervenzelle weiterzuleiten, werden Neurotransmitter in den synaptischen Spalt ausgeschüttet. Diese Botenstoffe aktivieren Rezeptoren an den nachgeschalteten Zellen und leiten so die Aktivität weiter.
Es gibt viele verschiedene Botenstoffe, die auf Hirnfunktionen Einfluss nehmen. Einer davon, der mit Depression in Verbindung gebracht wird, ist Serotonin. Die meisten Antidepressiva beeinflussen die Wirkung des Serotonins, was zu der Annahme führt, dass eine Störung im Serotoninsystem eine Rolle bei der Depressionsentstehung spielt. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass die Vorstellung, es würde schlicht ein Mangel an Serotonin vorliegen, zu simpel ist.
Genetische Faktoren
Im Zusammenhang mit den Ursachen einer Depression stellt sich oft die Frage nach der Vererbbarkeit der Erkrankung. Es gibt jedoch kein einzelnes "Depressionsgen", das hauptverantwortlich für die Erkrankung ist. Bei eineiigen Zwillingen, d.h. bei Personen mit gleicher genetischer Ausstattung, leiden in circa 50 % der Fälle beide Zwillinge an einer depressiven Erkrankung. Dies deutet darauf hin, dass die Gene nicht alles erklären können und dass auch andere Faktoren eine Rolle spielen.
Die Serotonintransporter-Variante
Aktuellen Forschungsergebnissen zufolge könnte auch eine genetische Veranlagung, eine Variante des Serotonintransporters, die Entwicklung von Erkrankungen mit depressiven Symptomen begünstigen. Der Serotonintransporter ist ein Transportmolekül, das an der Synapse ausgeschüttetes Serotonin zurück in die Nervenzelle pumpt. Eine verkürzte Variante des Serotonintransporter-Gens (Variante „K“) führt zu einer Verminderung der Anzahl an Serotonintransporter-Molekülen auf der Nervenzelle und somit zu einem funktionellen Serotoninmangel an der Synapse. Studien haben gezeigt, dass Träger zweier varianter Genkopien (Genotyp K/K) häufiger an Angststörungen und Depressionen leiden. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass etwa 20 % der Europäer homozygote Träger dieser Genvariante sind, was darauf hindeutet, dass hier weitere auslösende Faktoren hinzutreten müssen.
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Bildgebende Verfahren und die Suche nach Biomarkern
MRT-Studien zur Identifizierung von Biotypen
Um besser zu verstehen, was im Gehirn von Menschen mit Depressionen oder Angstzuständen vor sich geht, wurden Magnetresonanztomographie (MRT)-Studien durchgeführt. In einer Studie untersuchten Williams und ihre Kollegen 801 Studienteilnehmer, die zuvor eine entsprechende Diagnose erhalten hatten. Sie betrachteten die Gehirne der Freiwilligen im Ruhezustand und auch bei verschiedenen Aufgaben, mit denen ihre kognitiven und emotionalen Fähigkeiten getestet werden sollten. Die Wissenschaftler konzentrierten sich auf Hirnregionen und Verbindungen dazwischen, von denen bereits bekannt war, dass sie bei Depressionen eine Rolle spielen.
Die Studie identifizierte sechs verschiedene Biotypen von Depressionen, die sich in ihrer Gehirnaktivität unterscheiden. Interessanterweise sprachen diese identifizierten Biotypen auch unterschiedlich auf verschiedene Behandlungen an. Patienten mit einem Subtyp, der durch eine Überaktivität in den kognitiven Regionen des Gehirns gekennzeichnet ist, sprachen am besten auf das Antidepressivum Venlafaxin an. Für eine zweite Gruppe wiederum, deren Gehirne im Ruhezustand höhere Aktivitätswerte in drei Regionen aufwiesen, die mit Depression und Problemlösung in Verbindung gebracht werden, brachten therapeutische Gespräche eindeutig am meisten Linderung. Und bei Patienten mit einem dritten Subtyp, die im Ruhezustand niedrigere Aktivitätswerte in dem Hirnschaltkreis aufwiesen, der die Aufmerksamkeit steuert, war zu beobachten, dass Gesprächstherapien deutlich weniger nützten als in allen anderen Gruppen.
Die Autoren sehen ihre Arbeit als einen weiteren Schritt auf dem Weg zu besserer Diagnose und Behandlung von Depressionen an und planen die Entwicklung eines Instruments, das beim ersten Auftreten einer schweren Depression eingesetzt werden kann, um die spezifische Art der Depression (Biotyp) zu bestimmen, personalisierte Vorhersagen zu treffen und die Behandlungsentscheidungen eines Hausarztes oder eines Facharztes zu unterstützen.
Pupillometrie als Fenster zum Hirnstamm
Da unser Gehirn zu komplex ist und unsere bildgebenden Methoden zu grob sind, um Informationen über die Aktivität in der Tiefe des Gehirns zu erhalten, stellt der Locus Coeruleus (LC) oder blue spot eine Ausnahme dar. Glücklicherweise können wir die Aktivität des LCs und einiger anderer wichtiger Hirnstammzentren nicht-invasiv beobachten, da sie stark mit der Pupillen-Größe verknüpft ist.
Drei Projekte untersuchen dieses „Fenster“ in den Hirnstamm. Eines davon untersucht die sogenannte Salienz, d.h. der LC fängt an zu feuern, wenn ein interessanter Reiz registriert wird. Ein weiteres Projekt befasst sich mit kognitiven Beschwerden, die häufig bei Depressionen auftreten.
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Um diese Erkenntnisse in den klinischen Alltag zu übertragen, wurden digitale Anwendungen (Apps) für mobile Pupillometrie-Endgeräte entwickelt, die von einem Team aus Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern in Kliniken getestet werden.
Nuklearmedizinische Untersuchungen
Eine nuklearmedizinische Untersuchung könnte Psychiatern künftig helfen, die richtige Entscheidung zur Behandlung einer schweren Depression zu treffen. Ob Medikamente oder eine Psychotherapie besser wirken, konnten US-Mediziner an der Aktivität in einer bestimmten Hirnregion vorhersagen.
Die Forscher nutzten die Möglichkeiten der Positronen-Emissions-Tomografie (PET), die den Glukoseverbrauch und damit die Aktivität in den einzelnen Hirnregionen misst. Den Patienten werden dabei schwach radioaktiv markierte Zuckermoleküle in die Vene gespritzt, deren Verteilung im Gehirn ein PET-Scanner erfasst.
Das US-Forscherteam achtete bei den Aufnahmen auf die Aktivität in der sogenannten Inselrinde oder Insellappen - einer Hirnregion, die über dem Ohr liegt. Ein verminderter Glukoseverbrauch in der Insula im Vergleich zum restlichen Großhirn ist mit guten Behandlungschancen einer kognitiven Verhaltenstherapie verbunden. Patienten mit einem gesteigerten Glukoseverbrauch in der Insula sprechen dagegen eher auf eine medikamentöse Therapie mit Antidepressiva an.
Weitere Ursachen und Arten von Depressionen
Psychosoziale Belastungen
Typische Belastungen, die vor Depressionen auftreten, sind interpersonelle Konflikte, Ansehensverluste oder Kränkungen, drohende oder tatsächliche Trennungen oder der Tod eines nahestehenden Menschen.
Körperliche Erkrankungen
Krankheiten, wie Krebserkrankungen, Herzinfarkte, M. Parkinson und AIDS können depressive Symptome auslösen oder verstärken. Auch bei der Behandlung eingesetzte Medikamente können die Entstehung einer Depression begünstigen.
Kognitionen
Laut dem kognitiven Erklärungsmodell basiert eine Depression auf einer verzerrten Sicht der Realität - Eine negative Sicht der Dinge betrifft die Welt sowie die eigene Person und Zukunft (Triade).
Arten von Depressionen
- Depressive Episode: Diese können einmalig oder wiederholt auftreten und leicht bis schwer verlaufen.
- Rezidivierende Depression: Eine Depression, die nicht einmalig, sondern wiederholt auftritt.
- Anhaltende depressive Störung (Dysthemie): Eine leicht ausgeprägte Depression, die meist schon im Jugendalter auftritt und lange anhält.
- Bipolare Depression: Neben depressiven Episoden kommt es auch zu manischen Episoden.
Behandlung von Depressionen
Die Behandlung der Depression erfolgt mit Psychotherapie, antidepressiven Medikamenten und körperlichem Training sowie Entspannungstraining. Zusätzlich können ergänzend eine Neural-Akupunktur und eine magneto-elektrische Stimulation angewendet werden. Insgesamt empfiehlt sich die Behandlung integriert und multimodal, das heißt unter Ausschöpfung aller Behandlungsmöglichkeiten zu gestalten.
Psychotherapeutische Behandlung
Die Psychotherapie ist eine effektive Methode zur Behandlung der Depression. Man unterscheidet Verhaltenspsychotherapie und analytische Psychotherapie. Für die Depression wird man überwiegend die Verhaltenspsychotherapie anwenden.
Medikamentöse Therapie
Ziel der medikamentösen Therapie der Depression ist es Störungen im Stoffwechsel der Überträgerstoffe zwischen den Nervenzellen im Gehirn zu verbessern. Wichtige Überträgerstoffe hierfür sind Serotonin, Dopamin, Noradrenalin und Melatonin.
Körperliches Training und Entspannungstraining
Ratsam sind 30-60 min Ausdauertraining mehrfach wöchentlich. Durch körperliches Training werden die Gehirnzellen aktiviert und Stammzellen im Gehirn zur Teilung angeregt.
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