Depressionen sind komplexe psychische Erkrankungen, die durch eine Vielzahl von Faktoren verursacht werden können. Die Forschung hat gezeigt, dass sowohl biologische als auch psychologische und soziale Faktoren eine Rolle spielen. Eine der ältesten und bekanntesten Theorien zu den biologischen Vorgängen im Gehirn während einer Depression ist die Monoaminmangel-Hypothese. Diese Hypothese konzentriert sich auf die Rolle von Botenstoffen (Neurotransmittern) im Gehirn, die für die Kommunikation zwischen Nervenzellen unerlässlich sind.
Die Monoaminmangel-Hypothese: Ein Ungleichgewicht der Botenstoffe
Die Monoaminmangel-Hypothese besagt, dass ein Mangel an bestimmten Neurotransmittern im Gehirn, insbesondere Serotonin und Noradrenalin, zur Entstehung von Depressionen beitragen kann.
Wie Nervenzellen kommunizieren
Um die Monoaminmangel-Hypothese zu verstehen, ist es wichtig, die Kommunikationsweise des Gehirns zu betrachten:
- Nervenzellen (Neuronen): Nervenzellen sind auf den Austausch von Informationen spezialisiert. Sie bestehen aus einem Zellkörper, einem Axon und synaptischen Endknöpfchen.
- Elektrische und chemische Signale: Nervenzellen kommunizieren sowohl über elektrische als auch über chemische Signale. Wenn eine Nervenzelle aktiviert wird, leitet sie ein elektrisches Signal durch ihr Axon.
- Neurotransmitter: In den synaptischen Endknöpfchen angekommen, löst die Spannung die Freisetzung von chemischen Stoffen aus: die Neurotransmitter. Diese Botenstoffe überbrücken den Zwischenraum zur nächsten Zelle.
- Synapse: Die gegenüberliegenden Enden der beiden Nerven werden zusammen mit ihrem Zwischenraum als Synapse bezeichnet.
- Rezeptoren: Wenn die Konzentration der Neurotransmitter im synaptischen Spalt (dem Zwischenraum) steigt, beginnen die Botenstoffe an den Rezeptoren an den Außenwänden der Zelle zu binden. Dies kann sowohl eine aktivierende als auch eine hemmende Wirkung haben.
Normalerweise laufen diese Vorgänge an den Synapsen so ab, dass Gefühle, Gedanken und Bewegungen einwandfrei im Gehirn weitergeleitet werden können. Laut der Monoaminmangel-Hypothese kann es zur Entstehung von Depressionen beitragen, wenn Teile dieses komplexen Systems aus dem Ruder laufen. Zum Beispiel wenn die Rezeptoren an den Außenwänden der Nervenzellen nicht richtig funktionieren und die Transmitter zu schnell wieder ins Zellinnere gepumpt werden.
Serotonin und Noradrenalin: Schlüsselbotenstoffe bei Depressionen
Der Name Monoaminmangel-Hypothese bezieht sich konkret darauf, dass an bestimmten Synapsen nicht genügend Botenstoffe vorhanden sind, um eine reibungslose Weiterleitung von Informationen zu gewährleisten. Besonders bekannt sind Serotonin und Noradrenalin. Die Symptome der Betroffenen unterscheiden sich abhängig davon, welche Signalkette gestört ist. Darauf aufbauend werden Depressionen mit verschiedenen Antidepressiva behandelt. Die Medikamente zielen meistens darauf ab, die Konzentration der Botenstoffe im synaptischen Spalt zu erhöhen und dadurch die Kommunikation zwischen den Nerven wieder auf die Bahn zu bringen.
Lesen Sie auch: Revolutionäre Umbrüche durch Demenz und Depression?
Kritik an der Monoaminmangel-Hypothese
Es gibt viele Menschen, bei denen die Behandlung mit Antidepressiva auch nach mehreren Versuchen nicht anschlägt. Sie werden als “behandlungsresistent” bezeichnet. Auch wegen dieser Patient:innen werden immer wieder Zweifel an der Monoaminmangel-Hypothese laut. Studien haben gezeigt, dass ein bestimmter Hirnbereich, der Hippocampus, bei manchen Menschen mit Depression unterdurchschnittlich klein ist.
Eine neue Überblicksstudie kommt zu dem Ergebnis, dass die Serotonin-Hypothese aus den 1960er-Jahren zu kurz greift. Die Hypothese besagt, dass depressive Symptome, wie Niedergeschlagenheit oder Antriebslosigkeit, auf einen Mangel an Serotonin im Gehirn zurückzuführen sind. Die Serotonin-Aktivität am Rezeptor ist bei den meisten gesunden und depressiven Menschen gleich, bei einem kleinen Anteil der depressiven Patient*innen sogar höher. Ein künstlich hervorgerufener Serotonin-Mangel, zum Beispiel durch spezielle Diäten, verursacht zudem keine depressiven Symptome. Die neuen Befunde stellen damit auch den klinischen Nutzen von Antidepressiva infrage. Diese zielen darauf ab, Depressionen durch eine Beeinflussung des Stoffwechsels von Serotonin und anderen Botenstoffen zu behandeln. Antidepressiva wirken vor allem bei weniger stark ausgeprägter depressiver Symptomatik oft nur geringfügig.
Weitere Theorien und Erkenntnisse zum Zusammenhang zwischen Depression und Gehirn
Obwohl die Monoaminmangel-Hypothese lange Zeit im Fokus der Depressionsforschung stand, haben neuere Studien gezeigt, dass die Entstehung und Aufrechterhaltung von Depressionen komplexer sind und weitere Faktoren eine Rolle spielen.
Die Rolle des Hippocampus und des Nervenwachstums
Studien haben gezeigt, dass ein bestimmter Hirnbereich, der Hippocampus, bei manchen Menschen mit Depression unterdurchschnittlich klein ist. Das hat zu der Hypothese geführt, dass bei Depressiven das Nervenwachstum eingeschränkt sein könnte.
Stresshormone und Depression
Menschen, die Depressionen haben, haben oft erhöhte Cortisol-Level. In Tierstudien und bei Menschen wurde außerdem gezeigt, dass der Rückkopplungsmechanismus, über den Stressreaktionen im Körper runterreguliert werden, nach traumatischen Erfahrungen teilweise nicht mehr richtig funktioniert. Das führt zu einer dauerhaften Ausschüttung von Stresshormonen, was wiederum das Nervenwachstum im Gehirn hemmt. Für diese Theorie spricht, dass Antidepressiva sich positiv auf die Regulierung der Stressreaktion im Körper auswirken und das Nervenwachstum ankurbeln. Eine Erklärung, die zu der üblicherweise verzögerten Wirkung von Antidepressiva passt. Gegen die Theorie spricht, dass es bei den meisten Patient:innen mit Depressionen keine Anzeichen für eine Überaktivierung der Stressreaktion gibt.
Lesen Sie auch: Demenz und Depression im Vergleich
Das Immunsystem und Entzündungen
Das Immunsystem könnte ebenfalls im Zusammenhang mit Depressionen stehen. In Tierstudien wurde gezeigt, dass chronische Entzündungen im Körper sich auf das Gehirn übertragen können. Dort gibt es spezielle Immunzellen, die Microglia. Chronisch erhöhte Entzündungsfaktoren können die Microglia-Zellen überaktivieren.
Die Rolle der Gliazellen
An einer Depression sind offenbar nicht nur die informationsverarbeitenden Nervenzellen im Gehirn beteiligt, sondern auch die sie umgebenden und stützenden Gliazellen.
Im Jahr 2000 erschien ein Artikel, der darauf eine neue, verblüffende Antwort gab. In den Gehirnen verstorbener junger Menschen mit einer Depression waren die Nervenzellen selbst kaum verändert, aber es fanden sich deutlich weniger Gliazellen im Stirnhirn. Dieser neuen Spur ist Dr. Matthias Schroeter am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig nachgegangen. Im Blut von depressiven Patienten und gesunden Kontrollpersonen suchte er nach einem Eiweiß namens S100 beta, das von Gliazellen gebildet wird. "Was wir sehen können ist, dass die Veränderung im Serum mit den klinischen Veränderungen und auch mit der klinischen Symptomatik verknüpft sind. Also desto stärker die Depression, desto höher der S100-beta-Wert im Serum."Ein deutlicher Hinweis, dass mit den Gliazellen im depressiven Gehirn etwas nicht stimmt. Den Nervenzellen scheint es dagegen vergleichsweise gut zu gehen. "Wir haben auch gleichzeitig Marker für Nervenzellen uns angeschaut und gefunden, dass diese nicht verändert sind bei Patienten mit Depression im Gegensatz zu diesem glialen Marker S100beta. Und das stimmt auch mit diesen Untersuchungen, die eben zeigen können, dass die Glia vor allem geschädigt ist und nicht die Nervenzellen."Max-Planck-Forscher Matthias Schroeter konnte auch zeigen, dass eine wirksame Behandlung der Depression mit Psychopharmaka einen Einfluss auf die Gliazellen hat und damit auf das Eiweiß S100 beta."Weitere klinische Studien haben gezeigt, dass ein guter Therapieerfolg mit einer Absenkung dieses S100-beta-Spiegels im Serum verbunden ist."
Das alles spricht für eine wichtige Rolle der Gliazellen im Krankheitsprozess der Depression. Worin genau sie besteht ist noch unklar, aber es gibt plausible Hypothesen, bei denen mehrere verschiedene Unterformen der Gliazellen eine Rolle spielen. Da sind zum einen die Mikroglia, die Immunzellen des Gehirns. Entzündungsreaktionen scheinen bei der Depression entscheidend zu sein, sie aktivieren die Mikroglia, die daraufhin beginnen, vermehrt eine Vorstufe des wichtigen Botenstoffes Serotonin abzubauen. Genau dieser Botenstoff ist das Ziel vieler Antidepressiva. Er stellt offenbar auch eine wichtige Schnittstelle für die Funktion der Nerven- und der Gliazellen dar. Die zweite Schnittstelle heißt Glutamat, ebenfalls ein wichtiger Botenstoff. Glutamat hat ein doppeltes Gesicht, es ist unentbehrlich für die Kommunikation der Nerven, aber es ist auch giftig. Deshalb wird überschüssiges Glutamat von einer anderen Gruppe der Gliazellen, von den sternförmigen Astrozyten recycelt. Bei der Depression kommen die Astrozyten dieser wichtigen Aufgaben in einigen emotionalen Zentren des Gehirns aber nicht mehr nach.""Die Störung der Glia kann natürlich dazu führen zu Veränderungen im Glutamat Stoffwechsel in Bezug auf die Neuronen. Das ist ja auch für die Neuronen ein wesentliches Substrat und ein Neurotransmitter im Gehirn, also, dadurch können diese Veränderungen stattfinden. Das kann zu einer Toxizität führen, das kennt man auch vom Schlaganfall zum Beispiel, dass erhöhte Glutamat-Konzentrationen zu Schädigungen von Neuronen und zum Absterben von Neuronen führen können","erläutert Matthias Schroeter. Der gestörte Glutamatstoffwechsel scheint gerade für die Anhedonie wichtig zu sein, für die Unfähigkeit depressiver Patienten, Freude zu empfinden. Auch wenn diese Zusammenhänge noch etwas spekulativ sind, eines steht fest. Eine Depression allein als Problem der Nerven zu sehen, greift zu kurz. Auch der vermeintliche Kleber im Gehirn spielt eine wichtige Rolle im Krankheitsgeschehen.
Weitere Faktoren, die bei der Entstehung von Depressionen eine Rolle spielen
Neben den biologischen Faktoren spielen auch psychologische und soziale Faktoren eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Depressionen.
Lesen Sie auch: Depression und das Gehirn: Eine detaillierte Analyse
Genetische Veranlagung
Es gibt eine gewisse genetische Vorbelastung für das Auftreten einer Depression, wie man beispielsweise an Untersuchungen mit eineiigen Zwillingen herausgefunden hat. So liegt die Wahrscheinlichkeit für einen Menschen, dessen genetisch identischer Zwilling unter einer Depression leidet, dafür, ebenfalls an einer Depression zu erkranken, bei ca. 60% und ist damit deutlich höher als in der Allgemeinbevölkerung. Zwar existiert kein einzelnes Gen, das für Depressionen verantwortlich ist. Aber die Veranlagung bestimmt zumindest die Empfindlichkeit für Depressionen.
Psychologische Faktoren
Noch entscheidender für das Entstehen und die Aufrechterhaltung einer Depression sind psychologische Faktoren wie bestimmte Lernerfahrungen, Lebensereignisse und Persönlichkeitsfaktoren. Im Hintergrund der Entstehung späterer Depressionen stehen häufig verschiedene negative Erfahrungen bereits im Kindesalter. Oft berichten Betroffene, dass ihre eigenen Bedürfnisse nicht gezählt haben und zurückgestellt werden mussten. Häufig wurde die Erfahrung von Ablehnung und Ausgrenzung gemacht und Hilflosigkeit erlebt. In der Ursprungsfamilie galten oft hohe Standards, das Leben war eher auf Pflichterfüllung als auf Genuss ausgerichtet. Als Folge haben Betroffene dann nicht ausreichend gelernt, eigene Gefühle und Bedürfnisse wahrzunehmen. Auch das Mitteilen und Vertreten eigener Bedürfnisse haben die Betroffenen nicht ausreichend gelernt. Das Selbstwertgefühl ist oft nur schwach ausgeprägt oder von einseitig von äußeren Faktoren abhängig (wie zum Beispiel Leistung und Anerkennung).
Belastende Lebensereignisse
Auf diesen "vorbereiteten Boden" trifft dann zum Zeitpunkt des Erstauftritts der Depression häufig eine zusätzliche Belastungssituation. Dies kann zum Beispiel eine Überforderung durch neue Anforderungen sein oder auch ein erlittener Verlust. Wichtig ist hier, dass zumeist kein einzelner Faktor verantwortlich für die Entstehung der Depression ist. Die Betroffenen besitzen eine - durch verschiedene Faktoren bedingte - geringere Toleranz gegenüber seelischen, körperlichen und biografischen Belastungsfaktoren als gesunde Menschen. Diese besondere Verletzlichkeit (Vulnerabilität) spielt bei dem Ausbruch und der Aufrechterhaltung einer Depression eine große Rolle.
Weitere Risikofaktoren
Nach Untersuchung verschiedener depressiver Patienten scheinen folgende Faktoren neben den aufgeführten Mechanismen die Entstehung einer Depression zu begünstigen: weibliches Geschlecht; Single-Dasein; Großstädte; wenig gesellschaftliche Kontakte; niedriger Ausbildungsgrad; Arbeitslosigkeit; Cannabis-Konsum und Alkohol-Missbrauch.
Depressionen: Symptome, Diagnose und Behandlung
Depressionen sind von einer Vielzahl von Symptomen begleitet. Nicht jedes Symptom muss dabei in gleichem Maße zutreffen. Oft fehlen einzelne Anzeichen völlig:
Symptome
Die folgende Liste gibt jedoch einen Aufschluss darüber, welche Indikatoren eine Depression anzeigen können. Je mehr Aspekte zutreffen, desto wahrscheinlicher ist es, dass eine depressive Verstimmung oder Depression vorliegt.
- Körperliche Symptome: Gewichtszu- oder -abnahme, vermehrte Müdigkeit, Appetitmangel, Schlafstörungen
- Seelische Symptome: Gedrückte Stimmung, Interessenverlust, Erschöpfung, Freudlosigkeit, Antriebsmangel, sozialer Rückzug, Konzentrationsstörungen, Anspannung, Reizbarkeit, Nervosität
- Körperliche Beschwerden ohne organische Ursache: Störungen des Verdauungstraktes, sexuelle Funktionsstörungen, chronische Schmerzen, chronische Verspannungen, Sehstörungen, vermeintliche Kreislauf- oder Herzprobleme
Diagnose
Grundsätzlich lässt sich eine depressive Verstimmung von einer Depression aufgrund ihrer Schwere unterscheiden. Depressionen werden in leichte, mittlere und schwere Formen unterteilt. Leichte und mittlere Depressionen werden auch als Depressive Verstimmung bezeichnet. Die schwerste Form wird "Depression" genannt. Im Volksmund werden die beiden Begriffe jedoch häufig synonym verwendet. Eine Charakterisierung des Depressionsgrades erfolgt über die Anzahl der Haupt- und Nebensymptome.
- Die drei Hauptsymptome sind: gedrückte, depressive Stimmung, Interessenverlust, Freudlosigkeit, Antriebsmangel, erhöhte Ermüdbarkeit
- Die sieben Nebensymptome sind: verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit, vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen, Gefühle von Schuld und Wertlosigkeit, negative und pessimistische Zukunftsperspektiven, Selbstmordgedanken, Schlafstörungen, Appetitmangel
Behandlung
Durch eine zielführende Behandlung mit Medikamenten und einer Psychotherapie, die von einer speziellen Ernährung ergänzt wird, kann der Leidensdruck effektiv vermindert werden. Wird die Behandlung ausreichend lange verfolgt und eine effektive Rezidivprophylaxe betrieben, kann die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls minimiert werden.
- Medikamente: Viele antidepressive Medikamente setzen an dieser Stelle an und versuchen, den gestörten Hirn-Stoffwechsel wieder ins Gleichgewicht zu bringen.
- Psychotherapie: Die biografisch-systemische Verhaltenstherapie ist in besonderer Weise geeignet, Ihre persönlichen Mosaiksteine zu identifizieren.
- Ernährung: Ausgewogene Mahlzeiten und wichtige Nährstoffe verändern nicht nur unser Wohlbefinden, sondern können auch Einfluss auf eine Depression nehmen. Die Ernährung bildet damit unter anderem eine wichtige Basis in der Behandlung.
tags: #depression #ubermittlung #botenstoffe #an #das #gehirn