Die deutsche Sprache ist reich an Redewendungen, die oft einen tieferen Einblick in die Kultur und Geschichte geben. Eine dieser Redewendungen ist "Das kannst du halten wie die Dachdecker". Dieser Spruch wird verwendet, um auszudrücken, dass eine Entscheidung oder Vorgehensweise im Ermessen des Einzelnen liegt, oft mit der Implikation, dass man es recht willkürlich handhaben kann. Doch woher kommt dieser Ausdruck und was hat der Beruf des Dachdeckers damit zu tun?
Mögliche Erklärungen für den Ursprung
Für die Herkunft der Redewendung "Das kannst du halten wie die Dachdecker" gibt es im Wesentlichen zwei Erklärungen.
Die Unabhängigkeit des Dachdeckers
Die erste Erklärung liegt in der Natur des Berufs selbst. Ein Dachdecker arbeitet meist allein auf dem Dach. Er ist frei und unabhängig. Kein Bauherr beaufsichtigt ihn dort oben direkt. Er kann mehr oder weniger tun und lassen, was er will. Anders als beispielsweise einem Maurer, der von Bauherren oder Architekten leichter zu beobachten ist, konnte man dem Dachdecker, gerade in Zeiten geringerer Sicherheitsauflagen, nicht ständig auf die Finger schauen - denn aufs Dach trauten sich nur die Mutigsten. Somit genoss diese Zunft eine größere Freiheit bei der Einteilung ihrer Arbeit. Diese Unabhängigkeit könnte dazu geführt haben, dass Dachdecker als Sinnbild für eigenständiges Handeln wahrgenommen wurden.
Die Tradition der Wanderjahre
Die zweite Erklärung hängt mit der Tradition der Wanderjahre zusammen. Nach bestandener Gesellenprüfung können Dachdecker auf Wanderschaft gehen. Dabei sollen sie sich in anderen Regionen oder fremden Ländern weiterbilden. Wer auf Wanderschaft gehen will, kann sich aussuchen, mit welcher Zunft er wandert. Zünfte (oder Bruderschaften) sind Zusammenschlüsse von Handwerkern. Sie unterscheiden sich in ihrer Satzung. Es gibt Zünfte, bei denen zwei Jahre und ein Tag gewandert wird, andere wandern drei Jahre und einen Tag. Diese freie Wahl der Zunftzugehörigkeit könnte ebenfalls zur Vorstellung von der Unabhängigkeit des Dachdeckers beigetragen haben.
Die Bedeutung im Laufe der Zeit
Spätestens seit dem 19. Jahrhundert wird mit den Worten „Das kannst du halten wie die Dachdecker“ darauf hingewiesen, dass eine Entscheidung oder Vorgehensweise vollkommen im Ermessen des Angesprochenen liegt - dass also recht willkürlich verfahren werden kann: Hauptsache, das Ergebnis stimmt.
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Das Handwerk im Spiegel der Sprache: Weitere Redewendungen
Das Handwerk hat nicht nur in dieser Redewendung Spuren hinterlassen, sondern ist in vielen weiteren Sprichwörtern und Redensarten präsent. Diese sprachlichen Bilder zeugen von der Bedeutung des Handwerks für die Gesellschaft und Kultur. Einige Beispiele sind:
- "Klappern gehört zum Handwerk": Wer gute Arbeit macht, darf auch zeigen, was er kann. Dieses Sprichwort betont, dass Eigenwerbung und das Präsentieren der eigenen Leistungen legitim sind.
- "Etwas im Schilde führen": Jemanden hat einen Plan. Das kommt aus der Welt der Schildschmiede: Auf dem Schild trug man sein Zeichen - und damit oft auch seine Absicht. Wer ein neues Wappen schmieden ließ, hatte meist etwas vor.
- "Aus dem Nähkästchen plaudern": Geheimnisse & kleine Einblicke teilen - ganz ehrlich und direkt. Aus der Schneiderei: Wer am Nähtisch sitzt, hört viel… und erzählt das ein oder andere auch mal weiter.
- "Ein Geselle sein": Im Handwerk bedeutet Geselle sein mehr als nur eine abgeschlossene Ausbildung. Es steht für Können, Verantwortung, Stolz - und für den nächsten großen Schritt auf dem eigenen Berufsweg.
- "Viele Hände, schnelles Ende": Im Team packt’s sich leichter an - was einer allein kaum schafft, gelingt gemeinsam mit Kraft, Köpfchen und Können.
- "Dampf ablassen": Sich Luft machen, bevor der Druck zu groß wird - im Job wie im Leben.
- "Im Schweiße deines Angesichts": Etwas mit harter, ehrlicher Arbeit schaffen - mit Einsatz, Ausdauer und Stolz.
- "Das ist Arbeit wie beim Uhrmacher": Wenn’s auf jeden Millimeter ankommt. Präzise, geduldig, konzentriert - da steckt echtes Können drin.
- "Etwas in Scherben schlagen": Etwas geht gründlich schief - ein Projekt, ein Plan oder auch mal ein Werkstück. Wenn etwas „in Scherben liegt“, ist’s kaputt und nicht mehr zu retten.
- "Nach Strich und Faden": Etwas richtig ordentlich machen - mit Plan, Sorgfalt und Liebe zum Detail. Keine halben Sachen!
- "Wer rastet, der rostet": Wer stehenbleibt, verliert den Anschluss. Entwicklung kommt durchs Dranbleiben, Lernen und Ausprobieren.
- "Jeder ist seines Glückes Schmied": Glück fällt nicht vom Himmel - du machst es selbst. Step by step. Schlag für Schlag.
- "Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen": Keiner startet als Profi - Meisterschaft kommt durch Übung, Leidenschaft und echtes Anpacken.
- "Alles hat Hand und Fuß": Etwas ist durchdacht, solide und verlässlich.
- "Jemanden einen Korb geben": Eine Absage erteilen - egal ob im Job, beim Flirt oder bei einer Anfrage.
- "Passt wie angegossen": Wenn ein Werkstück genau in die Form passte, war die Arbeit gelungen. Kein Spielraum, keine Korrektur.
- "Sich verheddern, den Faden verlieren": Durcheinander kommen - beim Sprechen, Erzählen oder auch bei der Arbeit. Man verliert den Überblick oder weiß plötzlich nicht mehr, wie es weitergeht.
- "Auf Messers Schneide stehen": Eine Situation ist extrem heikel - ein kleiner Fehler kann alles entscheiden.
- "Einen Dämpfer bekommen": Einen Rückschlag erleben, ausgebremst werden, etwas läuft nicht wie geplant.
- "Einen Zahn zulegen": Wenn’s drauf ankommt, geben wir richtig Gas - natürlich mit Präzision und Verstand.
- "Eine Schraube locker haben": Jemand ist ein bisschen verrückt oder macht ungewöhnliche Sachen - manchmal aber auch kreativ anders!
- "Auf gut Glück!": Ein Sprichwort, das Mut und Pragmatismus vereint.
- "Nägel mit Köpfen machen": Dinge sauber und vollständig erledigen - keine halben Sachen.
- "Alles in Butter": Wenn alles passt, sauber verarbeitet ist und hält, was es verspricht - dann ist alles in Butter.
- "Himmel, Arsch und Zwirn": Ein kreativer Fluch mit Handwerkstradition.
- "Jemanden geht ein Mühlrad im Kopf herum": Man grübelt, denkt in Schleifen, findet keine Ruhe - weil ein Problem gelöst werden will.
- "Die Feuerprobe bestehen": Etwas richtig Schwieriges meistern. Sich beweisen, wenn’s drauf ankommt.
- "Handwerk hat goldenen Boden": Handwerk ist mehr als ein Job - es ist Können, Kreativität und Karriere.
- "Einen Schnitzer machen": Jemand macht einen Fehler - also einen Patzer oder Ausrutscher.
- "Eine lange Leitung haben": Jemand versteht oder reagiert etwas später - braucht also etwas Zeit, bis der Groschen fällt.
- "Das geht (ja) wie’s Brezelbacken!“ oder auch„Läuft wie geschmiert!“: Wenn etwas richtig gut läuft, steckt meist viel Übung und Können dahinter.
- "Jemanden zeigen, wo der Hammer hängt": Jemand ist richtig erfahren, kompetent und weiß genau, wie der Hase läuft.
- "Blau machen": Früher färbten Handwerker Stoffe mit Indigo. Die mussten in der Sonne trocknen - das dauerte. Also legte man einen „blauen Montag“ ein: frei, damit’s richtig wird.
- "Jemandem aufs Dach steigen": Sagt man der betroffenen Personen ordentlich die Meinung und in der Regel handelt es sich dabei keinesfalls um Lobhudelei.
Dachdecker: Mehr als nur ein Handwerk
Es ist wichtig zu betonen, dass die Redewendung "Das kannst du halten wie die Dachdecker" keineswegs eine Abwertung des Berufsstandes darstellt. Im Gegenteil, sie spiegelt eine gewisse Anerkennung für die Unabhängigkeit und das Können der Dachdecker wider. Der Beruf des Dachdeckers ist anspruchsvoll und setzt viel technisches Wissen, hohe Aufmerksamkeit und genaue Absprachen im Team voraus - das genaue Gegenteil des Laissez-Faire-Spruchs also.
Fest steht, dass sich die Redensart nicht auf etwaige Willkür oder Faulheit von Dachdeckern bezieht, sondern auf ihren Mut und die besondere Spezialisierung, die diesem Handwerk zugrunde liegt. Dieses Gewerbe hat Tradition - bis heute können sich Dachdecker in der Ausbildung etwa auf Reetdächer spezialisieren. Reet ist eines der ältesten Materialien, die im Hausbau eingesetzt werden und dient wohl seit den ersten Siedlungen als Dachbedeckung. Allerdings ist Reet brandgefährlich. Im Mittelalter wurden deshalb die Reetdächer durch Hartdachdeckungen ersetzt. Seitdem kommen immer neue Materialien und Techniken der Dachdeckung hinzu.
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