Die neurologische Statusuntersuchung ist ein wesentlicher Bestandteil der medizinischen Diagnostik, insbesondere zur Beurteilung des Zustands des Nervensystems und zur Erkennung möglicher neurologischer Erkrankungen. Sie umfasst die systematische Erfassung und Dokumentation von Befunden des Nervensystems. Dabei werden verschiedene Bereiche wie Reflexe, Sensibilität, Motorik und Koordination überprüft, um ein umfassendes Bild des neurologischen Zustands eines Patienten zu erhalten.
Was ist ein neurologischer Status?
Unter dem Begriff neurologischer Status versteht man die detaillierte und strukturierte Untersuchung des Nervensystems. Ziel ist es, mögliche neurologische Erkrankungen zu identifizieren oder auszuschließen. Die Untersuchung umfasst verschiedene Aspekte:
- Reflexe: Überprüfung der Muskeleigenreflexe und Fremdreflexe.
- Sensibilität: Testen der Empfindungsfähigkeiten für Schmerz, Temperatur und Berührung.
- Motorik: Beurteilung von Muskelkraft, -tonus und -koordination.
- Koordination: Untersuchung von Bewegungsabläufen und -koordination.
- Kranialnerven: Spezifische Tests zur Überprüfung der Funktion der zwölf Hirnnerven.
Diese systematische Methode zur Erfassung des funktionellen Zustands des Nervensystems beinhaltet Techniken wie die Reflexuntersuchung und Tremor Assessment Techniken.
Ein Beispiel für die Untersuchung der Reflexe ist der Patellarsehnenreflex: Der Patient sitzt entspannt mit hängenden Beinen, und der Arzt schlägt mit einem Reflexhammer auf die Patellasehne. Eine normale Reaktion wäre ein unwillkürliches Zucken des Unterschenkels.
Wofür wird der neurologische Status verwendet?
Der neurologische Status wird genutzt, um den funktionellen Zustand des Nervensystems zu bewerten und mögliche neurologische Erkrankungen zu diagnostizieren. Durch die systematische Überprüfung können Ärzte:
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- Neurologische Defizite feststellen.
- Erkrankungen wie Schlaganfall, Multiple Sklerose oder Parkinson identifizieren.
- Den Schweregrad und Verlauf von neurologischen Krankheiten evaluieren.
- Die Wirksamkeit von Therapien und Behandlungen überwachen.
Ein neurologischer Status kann durchgeführt werden, um festzustellen, ob ein Schlaganfall der Auslöser ist, wenn ein Patient über plötzliche Schwäche in einem Arm berichtet. Unter anderem würde die Motorik geprüft werden, um die Ausprägung und Lokalisation der Schwäche zu bewerten.
Neurologischer Status: Untersuchungstechniken und Durchführung
Der neurologische Status umfasst verschiedene Techniken, die verwendet werden, um den Zustand des Nervensystems zu beurteilen. Diese Techniken sind essenziell für die Diagnose und Behandlung neurologischer Erkrankungen. Die Durchführung eines neurologischen Status erfolgt schrittweise und systematisch. Diese Schritte helfen, keine wichtigen Details zu übersehen und eine vollständige Beurteilung sicherzustellen:
- Reflexprüfung: Mit einem Reflexhammer werden verschiedene Reflexe getestet, um die Integrität der Nervenbahnen zu überprüfen.
- Sensibilitätsprüfung: Hierbei wird die Empfindungsfähigkeit für Berührung, Schmerz und Temperatur überprüft.
- Motorik: Die Muskelkraft und der Muskeltonus werden beurteilt, um mögliche Schwächen oder abnormale Spannungen zu identifizieren. Die Untersuchung der Kraft von M. deltoideus und M. biceps brachii (C5) sowie die Untersuchung der Kraft der interossären Handmuskulatur (C8-Th1) sind wichtige Bestandteile. Auch die Überprüfung der Kraft der Dorsalflexion des Fußes (L4) und der Plantarflexion (L5-S1) sind relevant.
- Koordination: Tests wie der Finger-Nase-Versuch helfen dabei, Störungen der Bewegungskoordination festzustellen. Die Diadochokinese wird getestet, indem der Proband schnelle alternierende Bewegungen durchführt (z. B. „Glühbirnen einschrauben“).
- Kranialnerventests: Die Funktion der zwölf Hirnnerven wird spezifisch untersucht.
Ein Beispiel für einen Sensibilitätstest ist die Überprüfung des Vibrationsempfindens mit einer Stimmgabel. Hierbei wird die Stimmgabel auf den Knochen gesetzt, und der Patient wird gefragt, ob er die Vibration spürt.
Bei der Reflexprüfung ist es wichtig, immer den gleichen Reflexhammer zu verwenden, um konsistente Ergebnisse zu erzielen. Kenntnisse über häufige Reflexe und deren pathologische Veränderungen, wie Hyperreflexie oder Areflexie, sind für eine genaue Diagnostik unerlässlich. Die Ablenkung der Versuchsperson mit dem Jendrassik-Manöver kann zu zuverlässigeren Reflextests führen.
Untersuchung der Hirnnerven
Die Untersuchung der Hirnnerven ist ein zentraler Bestandteil der neurologischen Untersuchung. Hierbei werden die Funktionen der zwölf Hirnnerven systematisch überprüft, um mögliche neurologische Defizite zu identifizieren.
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- Nervus olfactorius (I): Untersuchung des Geruchssinns. Hier wird beispielsweise ein Alkoholtupfer verwendet.
- Nervus opticus (II): Untersuchung der Sehschärfe (Visus) mit einer Sehtafel und des Gesichtsfelds.
- Nervus oculomotorius (III), Nervus trochlearis (IV) und Nervus abducens (VI): Untersuchung der äußeren Augenmuskeln (Blickfolgeversuch) und der Pupillenreaktion.
- Nervus trigeminus (V): Untersuchung der Sensibilität des Gesichts. Es ist wichtig, die Empfindung bei leichter Berührung für jeden Ast des Hirnnervs V zu testen, einschließlich der Stirn (V1), der Oberkieferregion (V2) und der Unterkieferregion (V3).
- Nervus facialis (VII): Untersuchung der mimischen Muskulatur. Der Proband wird aufgefordert, seine Wangen aufzublasen, um die Stärke der Gesichtsmuskeln zu demonstrieren. Andere Aufgaben können sein: Augenbrauen hochziehen, Augen fest zusammenkneifen, lächeln.
- Nervus vestibulocochlearis (VIII): Untersuchung des Hörens. Beim Weber-Test wird dem Probanden eine vibrierende Stimmgabel auf die Stirn (Mittellinie) gesetzt. Eine Schallleitungsstörung würde dazu führen, dass der Proband ein lauteres Geräusch auf der betroffenen Seite wahrnimmt. Bei Schallempfindungsstörungen wäre der Ton auf der betroffenen Seite leiser. Das Dix-Hallpike-Manöver wird sowohl diagnostisch als auch therapeutisch beim benignen paroxysmalen Lagerungsschwindel (BPLS) angewendet.
- Nervus glossopharyngeus (IX) und Nervus vagus (X): Untersuchung des weichen Gaumens und der Uvula. Es ist wichtig, die Symmetrie des weichen Gaumens zu beurteilen. Die Uvula sollte in der Mittellinie liegen. Heiserkeit oder ein gestörter Hustenreflex weisen auf eine Schädigung des N. vagus hin.
- Nervus accessorius (XI): Untersuchung der Funktion des M. sternocleidomastoideus. Lassen Sie die Person für diesen Test den Kopf gegen Widerstand drehen.
- Nervus hypoglossus (XII): Untersuchung der Zungenbewegung. Lassen Sie die Testperson für diesen Test die Zunge herausstrecken und bewegen Sie sie von einer Seite zur anderen. Bei Läsionen des N. XII weicht die Zunge zur erkrankten Seite hin ab.
Neurologischer Status: Dokumentation
Die Dokumentation des neurologischen Status ist ein entscheidender Schritt, um den Verlauf und die Behandlung von neurologischen Erkrankungen festzuhalten. Eine genaue und strukturierte Dokumentation hilft, wichtige Details nicht zu übersehen und ermöglicht eine effektive Kommunikation zwischen den medizinischen Fachkräften.
In der Dokumentation sollten folgende Punkte enthalten sein:
- Reflexbefunde: Genaue Beschreibung der getesteten Reflexe und ihrer Ergebnisse.
- Sensibilitätsbefunde: Dokumentation der Empfindungsfähigkeit in verschiedenen Körperregionen.
- Motorik: Beschreibung von Muskelkraft, Tonus und eventuellen Auffälligkeiten.
- Koordination: Angaben zu den Ergebnissen der Koordinationstests.
- Kranialnerventests: Genaue Aufzeichnung der Funktion der Hirnnerven.
Während der Dokumentation könnte ein Eintrag zur Reflexprüfung so aussehen: 'Patellarsehnenreflex: beidseits auslösbar, seitengleich, keine pathologischen Reflexe erkennbar'. Es ist ratsam, standardisierte Abkürzungen zu verwenden, um Platz zu sparen und die Verständlichkeit zu erhöhen.
Neurologischer Status: Normalbefund und häufige Symptome
Ein Normalbefund im neurologischen Status zeigt, dass keine Auffälligkeiten oder Defizite im Nervensystem des Patienten vorliegen. Dabei werden verschiedene Tests durchgeführt und die Ergebnisse dokumentiert.
Ein Normalbefund kann wie folgt aussehen:
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- Reflexe: Alle getesteten Reflexe sind seitengleich und ohne pathologische Auffälligkeiten.
- Sensibilität: Der Patient zeigt eine normale Empfindung auf Berührung, Schmerz und Temperatur in allen getesteten Körperregionen.
- Motorik: Muskeln haben normale Kraft und Tonus, keine Zeichen von Muskelschwäche oder Ataxie.
- Koordination: Der Patient führt Koordinationstests wie den Finger-Nase-Versuch ohne Probleme durch.
- Kranialnerven: Die Funktion der zwölf Hirnnerven ist intakt, keine Auffälligkeiten.
Ein Beispiel eines Dokumentationseintrags: 'Neurologischer Status: Reflexe beidseitig auslösbar und seitengleich, Sensibilität intakt, normale Muskelkraft und Tonus, keine Ataxie, Hirnnervfunktion ohne Auffälligkeiten.'
Ein Normalbefund bedeutet nicht, dass keine Beschwerden vorliegen - es kann weitere Tests oder Untersuchungen erfordern, um die Ursache der Symptome zu identifizieren.
Häufige Symptome, die im neurologischen Status überprüft werden, umfassen:
- Schwäche: Verminderte Muskelkraft, oft in einer bestimmten Körperregion.
- Taubheit: Verlust des Empfindungsvermögens in bestimmten Körperteilen.
- Schwindel: Gefühl der Unsicherheit oder des Drehschwindels.
- Tremor: Unwillkürliche, rhythmische Muskelkontraktionen.
- Sehprobleme: Verschwommenes Sehen oder Verlust des Gesichtsfeldes.
- Kopfschmerzen: Schmerzen, die auf neurologische Probleme hinweisen können.
Ein Patient berichtet über plötzlich auftretende Schwäche in einem Arm und Taubheitsgefühl in den Fingern. Diese Symptome werden im neurologischen Status geprüft, um eine genaue Diagnose zu stellen.
Neurologischer Status in der Notfallmedizin
In der Notfallmedizin ist eine fokussierte neurologische Notfall-Untersuchung von entscheidender Bedeutung. Diese muss immer an die jeweilige Situation und Klinik individuell angepasst und gegebenenfalls erweitert werden. Ein pragmatischer "von Kopf-bis-Fuß"-Ablauf hat sich hier bewährt.
Bewusstseinsbeurteilung
Die quantitative Beurteilung des Bewusstseins erfolgt in der Regel mit der Glasgow Coma Scale (GCS) oder dem FOUR-Score. Die GCS evaluiert drei Komponenten: Augen öffnen, verbale Reaktion und motorische Reaktion. Der FOUR-Score bietet eine breitere Untersuchung, da er auch Hirnstammreflexe und das Atemmuster evaluiert.
Sprache und Sprechen
Die Beurteilung von Sprache und Sprechen umfasst die Erkennung von Sprechstörungen (Dysarthrie) und Sprachstörungen (Aphasie). Hierbei wird der Patient gebeten, Sätze nachzusprechen und allgemeine Gegenstände zu benennen.
Hirnnerven
Die Untersuchung der Hirnnerven umfasst die Überprüfung von Pupillen, Gesichtsfeld, Bulbusstellung, Augenmotilität und Gesichtssensibilität.
Motorik und Sensibilität
Die Untersuchung der Motorik umfasst die Beurteilung der Kraft der oberen und unteren Extremitäten. Die Sensibilität wird durch gleichzeitiges Berühren im Seitenvergleich geprüft.
Meningismus
Ein Meningismus wird durch das Bewegen des Kopfes zum Brustbein geprüft. Ein positiver Befund kann auf eine Subarachnoidalblutung (SAB) oder Meningitis hinweisen.
Spezifische Leitsymptome
Bei spezifischen Leitsymptomen wie Rückenschmerzen, Kopfschmerzen oder Bewusstseinsstörungen sind fokussierte neurologische Untersuchungen erforderlich.
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