Neuroborreliose: Die aktualisierte S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) – Ein umfassender Überblick

Die Lyme-Borreliose, die häufigste durch Zecken übertragene Krankheit in Europa, stellt eine bedeutende Herausforderung für die öffentliche Gesundheit dar. Jährlich infizieren sich in Deutschland zwischen 60.000 und mehr als 200.000 Menschen mit dem bakteriellen Erreger. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) hat in diesem Kontext eine entscheidende Rolle übernommen, indem sie die S3-Leitlinie Neuroborreliose aktualisiert hat. Diese Leitlinie dient als ein wichtiger Wegweiser für Ärzte und Patienten und bietet aktuelle, wissenschaftlich fundierte Empfehlungen für die Diagnose und Therapie dieser Erkrankung des Nervensystems.

Einführung in die Neuroborreliose und die Bedeutung der Leitlinie

Die Neuroborreliose, eine Manifestation der Lyme-Borreliose, betrifft das Nervensystem und kann in 3 bis 15 Prozent der Fälle auftreten. Angesichts der potenziellen Auswirkungen auf die Gesundheit und der Kontroversen um Diagnose und Behandlung ist eine klare, evidenzbasierte Leitlinie von entscheidender Bedeutung. Die DGN hat diese Notwendigkeit erkannt und unter der Leitung von Experten wie Professor Sebastian Rauer und PD Dr. Stephan Kastenbauer eine umfassende S3-Leitlinie entwickelt.

Die S3-Leitlinie der DGN zur Neuroborreliose stellt einen bedeutenden Fortschritt dar, da sie aufwendige Recherchen und einen intensiven Konsensusprozess von 25 Organisationen, darunter das Robert Koch-Institut (RKI) und das Paul-Ehrlich-Institut, umfasst. Diese Leitlinie bietet Ärzten und Patienten Sicherheit auf dem neuesten wissenschaftlichen Stand.

Hintergrund und Entstehung der S3-Leitlinie

Die Entwicklung der S3-Leitlinie Neuroborreliose war ein mehrjähriger Prozess, der von der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) moderiert wurde. Über drei Jahre hinweg arbeiteten Experten verschiedener Fachrichtungen zusammen, um die aktuellen Diagnostik- und Behandlungsleitlinien zu recherchieren, zu diskutieren und abzustimmen.

Einbindung verschiedener Interessengruppen

Um die teilweise diametral entgegengesetzten Ansichten wissenschaftlich abzugleichen, wurden auch die Deutsche Borreliose-Gesellschaft e.V. und der Borreliose und FSME Bund Deutschlands e.V. gezielt in die Entwicklung der S3-Leitlinie eingebunden. Trotz ihrer Einbindung konnten sich diese Organisationen dem wissenschaftlich begründeten Mehrheitsvotum, vor allem zur späten, chronischen Form der Borreliose, nicht anschließen und verfassten Sondervoten, die als Dissensberichte im Leitlinienreport veröffentlicht werden sollten.

Lesen Sie auch: Alles über Schlaganfallhilfe in Deutschland

Gerichtliche Auseinandersetzung und Urteil

Die Deutsche Borreliose-Gesellschaft e.V. und der Borreliose und FSME Bund Deutschlands e.V. waren mit der geplanten Veröffentlichung der Sondervoten nicht einverstanden. Sie forderten eine prominentere Platzierung in der Leitlinie selbst und riefen das Landgericht Berlin an, das im Dezember eine einstweilige Verfügung gegen die Veröffentlichung der Leitlinie erließ. Das Landgericht Berlin wies jedoch den Antrag der beiden Organisationen zurück, die Sondervoten in den Leitlinientext aufzunehmen, und hob die einstweilige Verfügung auf. Somit konnte die DGN die Leitlinie in ihrer ursprünglichen Version veröffentlichen.

Wesentliche Inhalte und Empfehlungen der S3-Leitlinie

Die S3-Leitlinie Neuroborreliose umfasst verschiedene Aspekte der Erkrankung, von der Diagnostik bis zur Therapie. Sie basiert auf einer umfassenden Analyse der verfügbaren wissenschaftlichen Evidenz und bietet klare Empfehlungen für die klinische Praxis.

Diagnostische Kriterien

Die Leitlinie betont, dass die Lyme-Borreliose primär eine klinische Verdachtsdiagnose ist, die durch die Ergebnisse der Labordiagnostik gestützt wird. Abgesehen vom typischen Erythema migrans, das rein klinisch diagnostiziert wird, ist bei Verdacht auf Lyme-Borreliose der Nachweis borrelienspezifischer Antikörper im Serum ggf. auch im Liquor ein entscheidender Baustein für die Diagnosefindung.

Stufendiagnostik

Da es den optimalen Einzeltest für den Antikörpernachweis nicht gibt, sollte bei der Serodiagnostik nach dem Prinzip der Stufendiagnostik verfahren werden:

  1. Stufe: ELISA oder vergleichbare Methoden.
  2. Stufe: Immunoblot (falls der Test der 1. Stufe positiv oder grenzwertig ist).

Für die Diagnose einer Neuroborreliose ist der Nachweis intrathekal (im Nervenwasser) gebildeter Antikörper gegen Borrelien in Liquor/Serum-Paaren vom gleichen Tag erforderlich. Die Bestimmung des Liquor/Serum-Index ermöglicht den Nachweis der borrelienspezifischen intrathekalen Antikörperbildung (= positiver borrelienspezifischer Antikörperindex [AI]).

Lesen Sie auch: Unterstützen Sie die Parkinson Vereinigung

Weitere diagnostische Aspekte

  • Eine serologische Diagnostik soll nur bei ausreichendem klinischen Verdacht angefordert werden.
  • Bei der Bewertung der serologischen Untersuchung ist zu beachten, dass bei einem Teil der Patienten aufgrund vorheriger, aber erfolgreich überwundener Infektionen ein positiver Antikörpertest vorhanden ist.
  • Der Nachweis des Chemokins CXCL13 im Liquor korreliert mit dem Auftreten von Symptomen der Neuroborreliose und kann bei der Diagnose unterstützend sein.

Therapieempfehlungen

Die S3-Leitlinie gibt klare Empfehlungen zur Therapie der Neuroborreliose. Patienten, die im Frühstadium der Lyme-Borreliose mit geeigneten Antibiotika behandelt werden, erholen sich in der Regel rasch und vollständig. Üblicherweise zur oralen Behandlung eingesetzte Antibiotika umfassen Doxycyclin oder Amoxicillin als Therapie der Wahl; Therapiealternativen sind Cefuroximaxetil oder Azithromycin. Zur intravenösen Therapie werden Ceftriaxon, Cefotaxim oder Penicillin G eingesetzt. Die empfohlene Therapiedauer bewegt sich in Abhängigkeit von Art, Dauer und Schwere der Manifestation sowie eingesetztem Antibiotikum zwischen 10 und 30 Tagen.

Therapiedauer und Antibiotika

Es bestätigte sich die Therapiedauer von 14 Tagen bei früher und 14-21 Tagen bei später Neuroborreliose. Doxycyclin oral ist Mittel der Wahl, sodass auch bei Neuroborreliose keine i.v. Medikation und keine Kombinationsbehandlungen notwendig sind.

Vermeidung von Übertherapie

Vermeintlich oder tatsächlich persistierende unspezifische bzw. untypische Symptome nach behandelter Neuroborreliose können auf unterschiedlichen Phänomenen beruhen und sollten nicht antibiotisch behandelt werden.

Prävention und Aufklärung

Die Leitlinie enthält auch ein Informationsblatt für Patienten zur Nachbeobachtung eines Zeckenstichs und gibt Empfehlungen zur Prävention einer Borrelieninfektion.

Präventive Maßnahmen

  • Vermeidung von Freilandaufenthalten mit Kontakt zu bodennahen Pflanzen (Gras, Kraut, Strauchwerk).
  • Kleidung, die möglichst viel Körperoberfläche bedeckt.
  • Abwehrmittel (Repellents) für die Haut (z.B. Icaridin oder Diethyltoluamid [DEET]).

Kontroversen und Kritik

Trotz des breiten Konsenses in der wissenschaftlichen Gemeinschaft gibt es weiterhin Kontroversen und Kritik an bestimmten Aspekten der Diagnose und Behandlung der Lyme-Borreliose. Insbesondere die Existenz einer „chronischen Lyme-Borreliose“ und die Notwendigkeit einer Langzeit-Antibiotikatherapie sind umstritten.

Lesen Sie auch: Die Arbeit der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe

Chronische Lyme-Borreliose

Das Phänomen „Chronische Lyme-Borreliose“ wurde 2007 in einer viel beachteten Übersichtsarbeit von Feder et al. im New England Journal of Medicine ausführlich beschrieben. Auch zehn Jahre später werden allerdings immer noch unspezifische Symptome wie Fatigue, muskuloskelettale Schmerzen und subjektive neurokognitive Einschränkungen allzu häufig der Borreliose zugeschrieben.

Langzeit-Antibiotikatherapie

Für eine Langzeitbehandlung der Neuroborreliose mit Antibiotika über mehr als drei Wochen, wie sie von manchen Ärzten durchgeführt wird, gibt es keine wissenschaftliche Grundlage. Sie birgt aber ein großes Risiko für Nebenwirkungen. Als Ärzte stehen wir in der Verantwortung, unsere Patienten vor Heilversuchen, deren Nutzen nicht wissenschaftlich belegt ist, die aber schaden können und für die sie mitunter große Summen aus eigener Tasche aufbringen müssen, zu schützen.

Bedeutung für die Praxis

Die S3-Leitlinie der DGN zur Neuroborreliose hat erhebliche Auswirkungen auf die klinische Praxis. Sie bietet Ärzten eine evidenzbasierte Grundlage für die Diagnose und Behandlung von Patienten mit Verdacht auf Neuroborreliose.

Evidenzbasierte Behandlung

Die verfügbaren AWMF-Leitlinien zur Lyme-Borreliose tragen zur evidenzbasierten Behandlung bei, insbesondere auch zur Vermeidung von unnötiger Diagnostik und Therapie.

Vermeidung von Fehlbehandlungen

Die Leitlinie trägt dazu bei, unnötige und potenziell schädliche Behandlungen zu vermeiden, insbesondere die Langzeit-Antibiotikatherapie bei Patienten mit unspezifischen Symptomen.

Die Rolle der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN)

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) spielt eine zentrale Rolle bei der Entwicklung und Verbreitung von Leitlinien für neurologische Erkrankungen. Mit ihren rund 9000 Mitgliedern sieht sich die DGN in der gesellschaftlichen Verantwortung, die neurologische Krankenversorgung in Deutschland zu sichern. Dafür fördert die DGN Wissenschaft und Forschung sowie Lehre, Fort- und Weiterbildung in der Neurologie. Sie beteiligt sich an der gesundheitspolitischen Diskussion.

Kommission Leitlinien

Die Kommission Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) unter der Leitung von Prof. Dr. Hans-Christoph Diener (Essen) und Prof. Dr. Christian Gerloff (Hamburg) bringt mit ihren circa 80 medizinischen Leitlinien neue wissenschaftliche Erkenntnisse schnellstmöglich in die therapeutische Praxis und damit an die Patienten mit neurologischen Erkrankungen.

tags: #deutsche #gesellschaft #neurologie #borreliose