Deutsche Gesellschaft für Neurologische Intensivmedizin: Ein Überblick über Leitlinien und Zielsetzungen

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologische Intensivmedizin (DGNI) spielt eine zentrale Rolle bei der Förderung von Wissenschaft, Praxis und Forschung in der neurologischen und neurochirurgischen Intensiv- und Notfallmedizin. Ziel der Gesellschaft ist es, die klinischen Versorgungsstrukturen sowie die wissenschaftliche Fortentwicklung auf dem Gebiet der Neurointensivmedizin und Notfallmedizin zu unterstützen, um Patienten mit schweren neurologischen Erkrankungen eine optimale Behandlung zu ermöglichen.

Die Bedeutung von Leitlinien in der neurologischen Intensivmedizin

Leitlinien sind ein wesentliches Instrument, um die Qualität der medizinischen Versorgung zu verbessern. Sie bieten evidenzbasierte Empfehlungen für die Diagnostik und Therapie verschiedener Krankheitsbilder und sollen Ärzten und Patienten bei der Entscheidungsfindung helfen. Im Bereich der neurologischen Intensivmedizin sind Leitlinien besonders wichtig, da hier oft komplexe und lebensbedrohliche Situationen behandelt werden müssen, die eine schnelle und fundierte Entscheidung erfordern.

Entwicklung und Klassifizierung von Leitlinien

Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. (AWMF) spielt eine zentrale Rolle bei der Entwicklung und Klassifizierung von Leitlinien in Deutschland. Die AWMF unterscheidet verschiedene Entwicklungsstufen von Leitlinien, die den Grad der Evidenz und die methodische Strenge der Entwicklung widerspiegeln:

  • S1-Leitlinien: Diese Leitlinien basieren hauptsächlich auf der Erfahrung und Meinung von Experten.
  • S2k-Leitlinien: Bei diesen Leitlinien findet eine formale Konsensfindung statt.
  • S2e-Leitlinien: Diese Leitlinien basieren auf einer systematischen Evidenzrecherche.
  • S3-Leitlinien: Dies sind die am höchsten klassifizierten Leitlinien. Sie durchlaufen eine systematische Entwicklung mit einer Logik-, Entscheidungs- und Outcome-Analyse, einer Bewertung der klinischen Relevanz wissenschaftlicher Studien sowie einer regelmäßigen Überprüfung.

Zielorientierung von Leitlinien

Leitlinien haben unterschiedliche Zielsetzungen, die je nach Krankheitsbild und Fachgesellschaft variieren können. Einige Beispiele für Zielorientierungen von Leitlinien sind:

  • Evidenzbasierte Diagnostik und Therapie: Entwicklung von Empfehlungen für eine evidenzbasierte Diagnostik und Therapie in Abhängigkeit von Histologie und Tumorstadium (z.B. S3-Leitlinie „Adulte Weichgewebesarkome“).
  • Verbesserung der Versorgung: Verbesserung der Versorgung von Patienten durch verbesserte Koordination der verschiedenen Sektoren und Fachdisziplinen (z.B. NVL-Leitlinie Kreuzschmerz).
  • Symptomkontrolle: Verbesserung der Symptomkontrolle von Kindern und Jugendlichen mit Krebserkrankungen (z.B. S3-Leitlinie in der Pädiatrischen Onkologie).
  • Handlungsempfehlungen: Erarbeitung von Handlungsempfehlungen für die Diagnostik der unterschiedlichen Formen von Kindeswohlgefährdung (z.B. S3-Leitlinie Kindeswohlgefährdung).
  • ** rationale Diagnostik und Therapie:** Anleitung zu rationaler Diagnostik, Therapie und Nachsorge auf einer abgesicherten Evidenzgrundlage (z.B. S3-Leitlinie zu Tumoren der Kopf-Hals-Region).
  • Präklinische Behandlungsleitlinien: Erstellung von präklinischen Behandlungsleitlinien und Handlungsempfehlungen für katastrophenmedizinische Schadenslagen (z.B. S2k-Leitlinie Katastrophenmedizin).

Beispiele für Leitlinien in der neurologischen Intensivmedizin

Die DGNI ist an der Entwicklung und Aktualisierung verschiedener Leitlinien beteiligt, die für die neurologische Intensivmedizin relevant sind. Einige Beispiele sind:

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  • Akuttherapie des ischämischen Hirninfarktes: Diese S2e-Leitlinie (AWMF-Registernummer: 030-046) gibt Empfehlungen zur Akutbehandlung von Patienten mit einem ischämischen Schlaganfall.
  • Behandlung von spontanen intrazerebralen Blutungen: Diese S2k-Leitlinie (AWMF-Registernummer: 030-002) behandelt die Therapie von spontanen Blutungen im Gehirn.
  • Status epilepticus im Erwachsenenalter: Diese S2k-Leitlinie (AWMF-Registernummer: 030-079) gibt Empfehlungen zur Behandlung des Status epilepticus bei Erwachsenen.
  • Intrakranieller Druck (ICP): Diese S1-Leitlinie (AWMF-Registernummer: 030-105) behandelt die Überwachung und Behandlung des intrakraniellen Drucks.
  • Schädel-Hirn-Trauma im Erwachsenenalter: Diese S2e-Leitlinie (AWMF-Registernummer: 008-001) gibt Empfehlungen zur Behandlung von Patienten mit einem Schädel-Hirn-Trauma.
  • Diagnostik und Therapie der traumatischen und nicht-traumatischen Querschnittlähmung: Diese S3-Leitlinie (AWMF-Registernummer: 030-070) bietet evidenz- und konsensusbasierte Empfehlungen zur Diagnostik und Therapie der traumatischen und nicht-traumatischen Querschnittlähmung für das Gesundheitssystem in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Weitere relevante Leitlinien

Neben den spezifisch neurologischen Leitlinien gibt es auch eine Reihe von interdisziplinären Leitlinien, die für die neurologische Intensivmedizin von Bedeutung sind. Dazu gehören beispielsweise:

  • Diagnostik und Therapie der Kohlenmonoxidvergiftung: Diese S2k-Leitlinie (AWMF-Registernummer: 040-012) gibt Empfehlungen zur Behandlung von Kohlenmonoxidvergiftungen.
  • Sauerstoff in der Akuttherapie beim Erwachsenen: Diese S3-Leitlinie (AWMF-Registernummer: 020-021) behandelt den Einsatz von Sauerstoff in der Akuttherapie.
  • Intravasale Volumentherapie bei Erwachsenen: Diese S3-Leitlinie (AWMF-Registernummer: 001-020) gibt Empfehlungen zur intravenösen Volumentherapie bei Erwachsenen.
  • Prolongiertes Weaning: Diese S2k-Leitlinie (AWMF-Registernummer: 020-015) behandelt die Entwöhnung von der Beatmung bei Patienten mit prolongiertem Weaning.
  • Klinische Ernährung in der Neurologie: Diese S3-Leitlinie (AWMF-Registernummer: 073-020) gibt Empfehlungen zur klinischen Ernährung von Patienten mit neurologischen Erkrankungen.

Ernährungstherapie in der Intensivmedizin

Die Ernährungstherapie spielt eine wesentliche Rolle bei der Behandlung von Patienten auf der Intensivstation. Mangelernährung, hypertone Dehydratation, Sarkopenie und Adipositas sind weit verbreitete ernährungs(mit)bedingte Gesundheitsprobleme bei älteren Menschen mit weitreichenden negativen Folgen. Leitlinien zur klinischen Ernährung bieten evidenzbasierte Empfehlungen zur Prävention und Therapie dieser Probleme.

Relevante DGEM-Leitlinien zur Ernährung

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin e. V. (DGEM) hat eine Reihe von Leitlinien zur klinischen Ernährung herausgegeben, die für die Intensivmedizin relevant sind. Dazu gehören beispielsweise Leitlinien zur:

  • Parenteralen Ernährung bei pädiatrischen Patienten: Diese Leitlinie (Erscheinungsdatum: 1. August 2014) berücksichtigt die große Spannbreite der Physiologie und Physiognomie von Säuglingen, Kleinkindern, Kindern und Jugendlichen.
  • Künstlichen Ernährung: Diese Leitlinie (Erscheinungsdatum: 31. Oktober 2013) behandelt Überwachungsmaßnahmen, die unerlässlicher Bestandteil der künstlichen Ernährung sind.
  • Ernährung von Patienten mit neurologischen Erkrankungen: Diese Leitlinie (Erscheinungsdatum: 31. Mai 2013) optimiert die Ernährung von Patienten mit neurologischen Erkrankungen durch frühzeitiges Screening und Assessment auf Dysphagie und auf Mangelernährung.
  • Klinische Ernährung in der Intensivmedizin: Diese Leitlinie bietet Empfehlungen für die Ernährungstherapie bei kritisch kranken Patienten.

Spezifische Aspekte der Ernährungstherapie

Die enterale und parenterale Ernährungstherapie kritisch kranker Patienten kann u. a. durch den Zeitpunkt des Beginns, die Wahl des Applikationswegs, die Menge und Zusammensetzung der Makro- und Mikronährstoffzufuhr sowie der Wahl spezieller, immunmodulierender Nährsubstrate variieren. Die Durchführung der Ernährungstherapie nimmt Einfluss auf den klinischen Ausgang dieser Patienten. Eine perioperative supplementierende künstliche Ernährung ist auch bei Patienten ohne offensichtliche Mangelernährung indiziert, sofern vorhersehbar ist, dass der Patient für eine längere postoperative Zeitdauer unfähig zur adäquaten oralen Kalorienzufuhr sein wird.

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