Morbus Bechterew ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung, die hauptsächlich die Wirbelsäule betrifft, aber auch andere Organe wie Augen, Darm und Haut in Mitleidenschaft ziehen kann. Demenz, insbesondere die Alzheimer-Krankheit, ist eine neurodegenerative Erkrankung, die durch Gedächtnisverlust und kognitive Beeinträchtigungen gekennzeichnet ist. Jüngste Forschungsergebnisse deuten auf einen möglichen Zusammenhang zwischen diesen beiden Erkrankungen hin, der in diesem Artikel näher beleuchtet wird.
Morbus Bechterew: Mehr als nur Rückenschmerzen
Morbus Bechterew, auch bekannt als ankylosierende Spondylitis, ist eine rheumatische Erkrankung, die durch Entzündungen der Wirbelsäule und der Kreuz-Darmbein-Gelenke gekennzeichnet ist. Der Schmerz sitzt ganz tief im Rücken, vor allem in Ruhe, nachts oder am frühen Morgen. Strecken, dehnen und ein wenig laufen - Bewegung hilft Menschen mit Morbus Bechterew in den meisten Fällen. Mit verschiedenen wirksamen Therapien helfen wir Ihnen, Ihre Beschwerden zu lindern, schwere Verläufe zu vermeiden und besser mit der versteifenden Wirbelentzündung zu leben.
Die genaue Ursache von Morbus Bechterew ist noch nicht vollständig geklärt. Fest steht jedoch: Die Abwehrzellen des Immunsystems richten sich dabei gegen sich selbst. Statt gegen fremde Krankheitserreger kämpft der Körper gegen eigene Zellen und erkennt diese als „krank“. Ein nicht enden wollender Prozess kommt in Gang - beginnend in den Gelenkkapseln, Gelenken, Sehnenansätzen und im Knorpelgewebe. Es entstehen chronische Entzündungen. Das Gen HLA-B27 steht stark im Verdacht, Mitauslöser von Morbus Bechterew zu sein. Eine gewisse Anfälligkeit für die Bechterew’sche Erkrankung ist vererbbar.
Morbus Bechterew beschränkt sich oft nicht auf die Wirbelsäule: Auch Augen, Darm und Haut können betroffen sein. Bei rund 40 Prozent der Morbus-Bechterew-Patient*innen treten sogenannte extraartikuläre Manifestationen auf.
Auswirkungen auf Auge, Haut und Darm
- Auge: Die Uveitis, eine Entzündung der Augenhaut, ist die am häufigsten auftretende Begleiterscheinung. Das betroffene Auge ist schmerzhaft, gerötet, lichtempfindlich und tränt verstärkt.
- Haut: Bei bis zu 20 Prozent der Morbus-Bechterew-Patient*innen zeigen sich die chronische-entzündlichen Prozesse in Form einer Psoriasis (Schuppenflechte) auch auf der Haut.
- Darm: Etwa 10 Prozent der Patient*innen mit Morbus Bechterew haben zusätzlich eine entzündliche Darmerkrankung wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa.
Weitere Begleiterkrankungen
Wie bei anderen Rheumaformen ist auch bei Morbus Bechterew das Risiko für bestimmte Begleiterkrankungen erhöht. Dazu gehören:
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- Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Chronisch-entzündliche Prozesse können die Entstehung von Arteriosklerose fördern und auch die Blutfettwerte negativ beeinflussen.
- Fatigue: Menschen mit Morbus Bechterew sind häufig von einer starken Müdigkeit und Erschöpfung betroffen.
- Verminderte Knochendichte: Bei einer Mehrzahl der Betroffenen mit Morbus Bechterew lässt sich eine geringere Knochendichte feststellen, woraus eine Osteoporose entstehen kann.
Demenz und Alzheimer: Eine Übersicht
Demenz umfasst Krankheitsbilder, bei denen es zu einer Einschränkung der Gedächtnisleistung und der geistigen Leistungsfähigkeit kommt. Die bekannteste und häufigste Form der Demenz ist die Alzheimer-Erkrankung. Bei der Demenz kommt es zu Eiweißablagerungen, entzündlichen Reaktionen in den Nervenzellen des Gehirns und zu Änderungen der Botenstoffe, die für die Signalübertragung zwischen den Nervenzellen benötigt werden. Dadurch kommt es zu einer verminderten Leistung und einem Absterben der Nervenzellen.
Der mögliche Zusammenhang zwischen Morbus Bechterew und Demenz
Eine aktuelle Studie von Egeberg et al, veröffentlicht in „Annals of Neurology“, beschreibt bei Patienten mit Rosazea ein erhöhtes Risiko, an einer Demenz zu erkranken - insbesondere an Morbus Alzheimer. Evaluiert wurden 5.591.718 Einwohner Dänemarks, älter als 18 Jahre, im Zeitraum zwischen 1997 und 2012. Darunter waren 82.439 Patienten mit Rosazea. 99.040 Personen entwickelten eine Demenz, davon erhielten 29.193 die Diagnose Morbus Alzheimer. Nach Anpassung verschiedener Störfaktoren hatten Rosazeapatienten ein um 7 % erhöhtes Risiko, an Demenz und ein um 25 % erhöhtes Risiko, an Alzheimer zu erkranken, im Vergleich zu Personen ohne Rosazea.
Ein systematischer Review mit Meta-Analyse untersuchte jetzt das Risiko für Demenz bei Morbus Bechterew. Die thailändischen und US-amerikanischen Wissenschaftler durchsuchten dafür die Datenbanken MEDLINE und EMBASE bis Mai 2019 nach Studien zum Thema. Sie schlossen sowohl Kohortenstudien als auch Fall-Kontroll-Studien ein. In der Analyse hatten Patienten mit Morbus Bechterew ein etwa 1,2-fach höheres Risiko für Demenz als gesunde Personen.
Entzündung als gemeinsamer Nenner
Spezifische Proteine, die in der entzündeten Haut bei Rosazeapatienten in erhöhtem Ausmaß gefunden werden, sind auch bei Demenzpatienten erhöht, insbesondere bei Alzheimerdemenzpatienten. Bei der Alzheimerkrankheit liegt eine chronische Entzündung vor. Um die senilen Plaques findet man aktivierte Mikrogliazellen, Zytokine und Komplementfaktoren bzw. Interleukin 1 im Blut. Interleukin 1 ist ein zentrales Zytokin für die Amyloid- Precursor-Protein(APP)-Prozessierung. Betaamyloid ist ein antimikrobielles Peptid (AMP) mit proinflammatorischen Eigenschaften. MMP (Matrixmetalloproteinasen) und AMP sind sowohl bei Rosazea als auch bei Alzheimerdemenz erhöht. Die Hypothese zur inflammatorischen Ursache der Alzheimerkrankheit geht davon aus, dass die Progression durch die Entzündungsmediatoren bedingt wird. AMP und MMP sind im Liquor von Alzheimerpatienten und Patienten mit vaskulärer Demenz invers korreliert mit den kognitiven Leistungen. Der Zusammenhang beider Erkrankungen besteht also in bestimmten Proteinen und inflammatorischen Prozessen, die sowohl in der Haut von Rosazeapatienten als auch im Gehirn von Alzheimerpatienten zu finden sind.
Weitere Forschung erforderlich
Es gibt bestimmte Überschneidungen zwischen der dermatologischen und der neurologischen Erkrankung, die pathogenetischen Links sind jedoch noch ungeklärt. Unter diesen Gesichtspunkten erscheint eine Kausalität zwischen der chronischen Entzündung in und um die Hautgefäße bei Rosazeapatienten und dem Risiko, an M. Alzheimer zu erkranken, eher unwahrscheinlich. Die Tatsache, dass ältere Patienten, bei denen in einem Krankenhaus von einem Dermatologen die Diagnose Rosazea gestellt wurde, ein höheres Alzheimerrisiko aufwiesen, lässt auch die Vermutung aufkommen, dass diesen Patienten mehr Aufmerksamkeit gewidmet wurde und sie einer intensiveren Diagnostik unterzogen wurden. Weitere Studien sind sicher notwendig, um zu erforschen, ob die langjährige Behandlung der Rosazea auch das Risiko modifizieren bzw. reduzieren könnte, eine Demenz zu entwickeln.
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Auch wenn eine Assoziation zwischen Demenz und Rosazea wahrscheinlich ist, existiert bisher noch kein kausaler Link zwischen den beiden Erkrankungen. Ob die rechtzeitige Behandlung mit Tetrazyklinen die Inzidenzrate für Parkinsonkrankheit senken kann, muss erst nachgewiesen werden.
Therapieansätze und Prävention
Eine optimal angepasste Morbus-Bechterew-Therapie ist daher die Basis, um die entzündlichen Prozesse einzudämmen und so das Risiko für Begleiterkrankungen möglichst gering zu halten. Es ist entscheidend, mögliche Begleiterkrankungen oder Manifestationen an Auge, Haut oder Darm frühzeitig zu erkennen - nur dann können sie schnell behandelt und die Therapie angepasst werden. Falls Beschwerden an Augen, Verdauungssystem oder Hautveränderungen auftreten, sollten Betroffene sie möglichst bald untersuchen lassen und die Beschwerden auch in der rheumatologischen Praxis ansprechen.
Da die schädlichen Proteine zusätzlich fehlgefaltet sind, kommt es zu weiteren Entzündungsreaktionen. Genomweite Assoziationsuntersuchungen legen eine Mitbeteiligung von inflammatorischen Prozessen nahe, die die Neurodegeneration bedingen oder sie zumindest aufrechterhalten. Auch epidemiologische Zusammenhänge unterstützen die Entzündungshypothese der Alzheimerkrankheit: Bei Polyarthritispatienten, die jahrzehntelang mit NSAR behandelt wurden, zeigt sich eine nur halb so hohe Prävalenzrate für die Alzheimerdemenz. Ob Tetrazykline, die bei Rosazea verschrieben werden, auch ein therapeutisches Potenzial bei Alzheimerdemenzpatienten haben, kann noch nicht bestätigt werden. Die Annahme einer Therapieoption ist derzeit nur hypothesengeneriert.
Tetrazykline könnten nicht nur für Rosazeapatienten wertvoll sein, sondern aufgrund der Hemmung der MMP-Expression in den endothelialen Zellen sowie der Unterdrückung der Betaamyloidproduktion und der Tauproteinexpression auch neuroprotektive Eigenschaften haben. Ein anderer möglicher Zusammenhang zwischen den beiden Erkrankungen ist eine Schwächung des Immunsystems.
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