Viele Menschen in Deutschland leiden unter Migräne. Neben den typischen, oft pulsierenden Kopfschmerzen, die das Alltagsleben erheblich beeinträchtigen können, sind viele Betroffene auch von sogenannten Vorboten-Symptomen betroffen. Diese können bis zu zwei Tage vor der eigentlichen Migräne-Attacke auftreten und das Leben zusätzlich erschweren. Eine aktuelle Studie gibt nun Anlass zur Hoffnung: Ein in den USA zugelassenes Migräne-Medikament namens Ubrogepant könnte nicht nur gegen die Kopfschmerzen selbst helfen, sondern auch bereits gegen diese quälenden Vorboten wirken.
Migräne: Mehr als nur Kopfschmerzen
Migräne ist eine neurobiologisch bedingte Funktionsstörung des Gehirns, bei der die erbliche Veranlagung eine Rolle spielt. Die genauen Ursachen und Mechanismen dahinter werden immer noch erforscht. Fest steht jedoch, dass es sich um eine komplexe Erkrankung handelt, die weit mehr als nur Kopfschmerzen umfasst.
Bei etwa einem Drittel der Migräne-Betroffenen, manche Schätzungen liegen auch höher, macht sich eine Kopfschmerzattacke schon im Vorfeld bemerkbar. Diese sogenannte Prodromal-Phase, auch Vorboten- oder Ankündigungsphase genannt, markiert den frühesten Abschnitt einer Migräne-Attacke. Sie tritt meist mehrere Stunden bis zu zwei Tage vor den eigentlichen Kopfschmerzen auf. Betroffene reagieren zum Beispiel besonders empfindlich auf Licht und Geräusche, sind unruhig und gereizt oder fühlen sich erschöpft, haben Konzentrationsschwierigkeiten und Nackenschmerzen.
Bei etwa 15 bis 20 Prozent der Patientinnen und Patienten tritt kurz vor dem Einsetzen der Kopfschmerzen auch eine Aura-Phase auf. Charakteristisch dafür sind vorübergehende neurologische Symptome, zum Beispiel Seh- und Sprechstörungen, Gefühlsstörungen auf einer Körperseite oder ein Kribbeln im Gesicht. Die Aura-Phase setzt deutlich später ein, entwickelt sich über Minuten und ist meist nach maximal einer Stunde wieder zu Ende. Die Kopfschmerzen beginnen in den meisten Fällen erst danach. Manchmal überlappen sich Aura-Phase und Kopfschmerz-Attacke aber auch.
In der Vorboten-Phase kommt es zuerst zu einer veränderten Aktivität im Hypothalamus, einem Abschnitt des Zwischenhirns, erklärt der Neurologe Charly Gaul vom Kopfschmerzzentrum Frankfurt. Wenn dann die Kopfschmerzen einsetzen, würden Botenstoffe ausgeschüttet, die den Schmerz vermitteln.
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Ubrogepant: Hoffnungsträger gegen Migräne-Vorboten?
Bisher gibt es keine gezielte Therapie für die Symptome der Prodromal- und der Aura-Phase. Das Ziel der Behandlung ist also bislang, die Kopfschmerzen während der eigentlichen Attacke zu lindern, beziehungsweise ihnen vorzubeugen. Hier kommt Ubrogepant ins Spiel.
Ubrogepant zählt zur neuen Wirkstoffklasse der Gepante. Die Medikamente werden als Tabletten eingenommen. Sie blockieren die Andockstelle für einen Botenstoff im Gehirn - das Neuropeptid CGRP. Das Kürzel steht für Calcitonin Gene-Related Peptide. Dockt dieses Peptid an bestimmte Rezeptoren in Gehirn an, führt das zu Entzündungsreaktionen und einem gesteigerten Empfinden von Schmerz. Die Gepante behindern diese Reaktion und mildern so die Migräneattacke.
Die Studie, die Ubrogepant auch als Mittel gegen die Migräne-Vorboten ins Spiel bringt, ist eine Nachauswertung von Daten zu etwa 500 Migräne-Patienten. Die hatten entweder Ubrogepant oder ein Placebo eingenommen, sobald Vorboten-Symptome auftraten und sie Kopfschmerzen in den folgenden ein bis sechs Stunden erwarteten. Die Studie sollte zeigen, ob das Medikament die Kopfschmerzen schon vor dem Entstehen verhindern kann. Das Ergebnis: Ubrogepant konnte tatsächlich einen Teil der Attacken unterbinden.
Die aktuelle Publikation ist eine Nachauswertung von Daten 518 Teilnehmender. Demnach verschwanden beispielsweise bei den Betroffenen die Lichtempfindlichkeits-Probleme bei Einnahme des Präparats Ubrogepant in 19,5 Prozent der Fälle. Beim Placebo passierte dies in 12,5 Prozent der Fälle. Die Nackenbeschwerden verschwanden mit dem Medikament bei 28,9 Prozent und mit Placebo bei dagegen nur 15,9 Prozent der Fälle.
Die Ergebnisse deuten laut den Studienautoren darauf hin, dass Ubrogepant gegen häufige Vorboten-Symptome bei Migräne wirken könnte. Allerdings plädieren nicht beteiligte Fachleute ebenso wie die Forschenden selbst für eine Folgestudie, die nicht nachträglich analysiert, wie Ubrogepant die Vorboten-Symptome bei Migräne beeinflusst, sondern den Zusammenhang gezielt untersucht. Unklar ist zudem, ob auch andere Gepante ähnlich früh wirken könnten.
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Verfügbarkeit und Nebenwirkungen von Gepanten
Im Dezember 2019 hat die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA das Medikament Ubrogepant zugelassen, um eine akute Migräne mit oder ohne Aura bei Erwachsenen zu behandeln. Vertrieben wird es dort unter dem Handelsnamen Ubrelvy in Form von Tabletten. Die Wirksamkeit wurde in zwei Studien gezeigt.
Übelkeit und Verstopfung zählen zu den häufigsten Nebenwirkungen von Gepanten in klinischen Studien. Manche Patienten berichten auch von Müdigkeit, Überempfindlichkeitsreaktionen, Schwellungen im Gesicht oder Gewichtsverlust.
Welche therapeutische Rolle die Gepante künftig hierzulande spielen werden, ist aus mehreren Gründen noch unklar. Zunächst einmal sind nicht alle Medikamente der Wirkstoffklasse in Deutschland erhältlich. Ubrogepant ist derzeit nicht in Europa zugelassen und laut Fachleuten ist unklar, ob und wann sich das ändern könnte. In Europa zugelassen sind Atogepant und Rimegepant. Atogepant soll dazu dienen, Migräneattacken bei Erwachsenen vorzubeugen und muss dafür täglich eingenommen werden. Rimegepant ist zur akuten Behandlung und zur Prophylaxe episodischer Migräne zugelassen, wird aber voraussichtlich erst im Sommer 2025 in Deutschland verfügbar sein. Grundsätzlich begrüßen Fachleute den neuen Wirkansatz der Gepante, weil er die Therapiemöglichkeiten für Migräne-Patienten erweitert. „Bisher können wir nicht allen Menschen helfen“, so die Neurologin Dagny Holle-Lee. „Ergänzen ist das richtige Wort“, sagte der Neurologe Charly Gaul.
Migräne erkennen und behandeln: Ein wichtiger Schritt
Viele Menschen wissen gar nicht, dass sie Migräne haben, sagt Schmerztherapeut Hartmut Göbel. Das zu wissen sei wichtig, um sie richtig zu behandeln. Migräne und Kopfschmerzen sind in Deutschland weit verbreitet. "Wir unterscheiden 367 Hauptformen von Kopfschmerzen", sagt Schmerztherapeut Hartmut Göbel. Es sei nicht leicht zu unterscheiden, unter welcher Schmerzform Betroffene leiden.
Die meisten Kopfschmerzen lassen sich laut Hartmut Göbel zwei Untergruppen zuordnen: Migräne und Spannungskopfschmerz. Diese sind für 92 Prozent der Kopfschmerzen verantwortlich. Es sei wichtig zu wissen, um welche Art Kopfschmerz es sich handelt, weil sich danach die Behandlung richtet. Gegen Spannungskopfschmerz hilft Bewegung. Betroffene mit Spannungskopfschmerz sollten sich zum Beispiel bewegen. Bei Migräne kann dagegen Bewegung die Schmerzen verstärken. Diese Erkenntnis sei bereits Teil der Diagnostik: Wenn Kopfschmerzen durch Bewegung schlimmer werden, handele es sich höchstwahrscheinlich um Migräne.
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Schon kleinere Änderungen im Alltag können Menschen helfen, die unter leichterer Migräne leiden. Gegen leichte Migräneattacken helfen beispielsweise spezielle Migränemedikamente. Dafür sollten Betroffene in eine spezielle Kopfschmerzsprechstunde gehen, rät Hartmut Göbel. "Gerade weil Migräne über Jahrzehnte immer wieder auftreten kann, sollte man sich schon in frühen Jahren eine gute Diagnose stellen und sich ein gutes Behandlungskonzept aufstellen lassen."
Neben den richtigen Medikamenten gehören zu einem guten Behandlungskonzept ein gleichmäßiger Tagesrhythmus, ausreichend Schlaf, Ausdauersport und Entspannungstechniken. Wer gelegentlich Migräne hat, sollte außerdem immer gut frühstücken mit viel Vollkorn oder anderen komplexen Kohlenhydraten - und zwar direkt nach dem Aufstehen, sagt der Schmerztherapeut.
Tatsächlich leidet laut einer Studie aus dem Jahr 2020 fast jede sechste Frau in Deutschland unter Migräne. Mehr als die Hälfte von ihnen sagt, im Jahr vor der Studie nicht beim Arzt gewesen zu sein. Dabei sei Migräne gut behandelbar und ein Zeichen für besondere Hirnleistungen, sagt Hartmut Göbel.
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