Diabetes und Migräne: Ein komplexer Zusammenhang

Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die durch starke Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen sowie Licht- und Geräuschempfindlichkeit gekennzeichnet ist. Neuere Studien deuten darauf hin, dass der Zuckerstoffwechsel eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Migräneattacken spielt. Es wurden Zusammenhänge zwischen Insulinresistenz, hohen Blutzucker- und Insulinspiegeln und Migräne festgestellt. Besonders stark schwankende Blutzuckerreaktionen nach dem Essen können auf mehreren Ebenen Migräneanfälle fördern. Dieser Artikel beleuchtet den komplexen Zusammenhang zwischen Diabetes und Migräne und zeigt, wie eine personalisierte Ernährung zur Migräneprophylaxe beitragen kann.

Die Rolle des Blutzuckerspiegels bei Migräne

Das Gehirn ist stark von einer kontinuierlichen Glukosezufuhr abhängig, da es über keine eigenen Energiespeicher verfügt. Der primäre Energielieferant für das Gehirn ist Glukose. Eine stabile Versorgung mit Glukose ist für die Gehirnfunktion unerlässlich. Evolutionsbiologisch bedingt genießt das Gehirn eine bevorzugte Versorgung durch im Blut zirkulierende Energielieferanten, was jedoch eine erhöhte Sensibilität gegenüber Schwankungen in der Glukoseverfügbarkeit impliziert. Insbesondere bei Migräne-Betroffenen manifestiert sich diese Sensibilität in einer übermäßigen Reaktivität auf Blutzuckerschwankungen, die potenziell Migräneattacken induzieren können, indem der Körper in eine Art Energiesparmodus versetzt wird. Dieser physiologische Notfallmechanismus möchte den Körper zu Ruhe und Energieeinsparung zwingen.

Blutzuckerschwankungen und erhöhte Blutzuckeranstiege, gefolgt von starken Blutzuckerabfällen, begünstigen Energiedefizite und fördern Entzündungsreaktionen im Gehirn, wodurch Migräneattacken ausgelöst werden können. Ein niedriger Blutzuckerspiegel kann aber auch bereits vorhandene Kopfschmerzen verstärken und in einen Migräneanfall münden.

Hypoglykämie als Trigger für Migräneattacken

Ein niedriger Blutzuckerspiegel (Hypoglykämie) kann bei Migränepatienten eine Migräneattacke auslösen. Das "Migränegehirn" reagiert extrem auf Blutzuckerschwankungen und zwingt den Körper über die Migräneattacke in einen Energiesparmodus. Aus diesem Grund wird Migränepatienten unter anderem empfohlen, regelmäßige Mahlzeiten einzunehmen und keine zu großen Essenspausen zu machen.

Hyperglykämie und Entzündungsprozesse

Sehr hohe Blutzuckerreaktionen nach der Nahrungsaufnahme stehen in Zusammenhang mit inflammatorischen Prozessen, die an der Entstehung von Migräneattacken beteiligt sind. Inflammatorische Mediatoren vermitteln eine Vasodilatation, um eine erhöhte Durchblutung im Entzündungsgebiet zu ermöglichen. Hierbei spielt das Neuropeptid CGRP (Calcitonin gene-related peptide) eine zentrale Rolle, da es eine starke vasodilatatorische Wirkung besitzt und insbesondere auf Gehirnarterien wirkt. Ein stabiler Blutzuckerspiegel kann die Produktion von CGRP hemmen und damit präventiv gegen Migräne wirken.

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Insulinresistenz und Migräne

Bei einer Insulinresistenz reagieren die Körperzellen weniger empfindlich auf Insulin, d.h. sie nehmen weniger Glukose aus dem Blut auf. Folge: Der Blutzucker bleibt hoch und die Bauchspeicheldrüse schüttet vermehrt Insulin aus, um den Blutzucker zu regulieren. Insulinresistenz geht also mit hohen Blutzucker- und Insulinwerten einher. Studien haben Zusammenhänge zwischen Insulinresistenz, hohen Blutzucker- und Insulinspiegeln und Migräne festgestellt.

Personalisierte Ernährung als Migräneprophylaxe

Eine personalisierte Ernährung, die den Blutzuckerspiegel niedrig und stabil hält, stellt eine effektive Migräneprophylaxe dar. Dieser Ansatz basiert auf der Erkenntnis, dass Blutzuckerreaktionen auf Nahrungsmittel stark variieren können, wodurch es individuelle Ernährungsempfehlungen bedarf. Niedrig-glykämische Ernährungsempfehlungen sollten daher anhand des individuellen Blutzuckerstoffwechsels personalisiert werden. Die Personalisierung von Ernährungsempfehlungen kann zudem zu einer höheren Therapieadhärenz führen.

Bei Migräne-Betroffenen wird angenommen, dass Ernährungsformen, die den Blutzuckerspiegel stabilisieren, eine Verbesserung von Migränebeschwerden erreichen können. Dies scheint besonders effektiv bei Betroffenen mit reaktiver Hyperinsulinämie und reaktiver Hypoglykämie zu sein.

Die Bedeutung regelmäßiger Mahlzeiten

Regelmäßige Mahlzeiten sind wichtig, um Blutzuckerschwankungen sowie entsprechende Migräneattacken vorzubeugen. Migräne-Betroffene stellen häufig fest, dass das Auslassen von Mahlzeiten Kopfschmerzen auslösen kann - genauso wie lange Zeiträume zwischen den Mahlzeiten. Die Berücksichtigung regelmäßiger Mahlzeiten wird somit für Migräne-Betroffene empfohlen, um energetischen Defiziten vorzubeugen.

Die Qualität der Mahlzeiten

Es kommt jedoch nicht nur auf die Quantität, sondern vor allem auch auf die Qualität der Mahlzeiten an. Denn bestimmte Nahrungsmittel können zu starken postprandialen Blutzuckeranstiegen führen, welche von signifikanten Blutzuckerabfällen gefolgt werden. Dies ist bedingt durch die Insulinreaktion des Körpers auf erhöhte Glukosespiegel, mit dem Ziel, Energie in Zellen zu transportieren. Inzwischen wurde wiederholt gezeigt, dass der postprandiale Blutzuckerstoffwechsel interindividuell unterschiedlich reguliert ist. Dasselbe Nahrungsmittel kann also bei unterschiedlichen Personen zu verschiedenen postprandialen Blutzuckerreaktionen führen.

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Niedrig-glykämische Ernährung

Eine niedrig-glykämische Ernährung kann eine effektive Migräneprophylaxe sein. Sie hält den Blutzucker eher niedrig und stabil und sorgt somit dafür, dass das Gehirn durchgängig und regelmäßig mit Energie versorgt wird und keine großen Blutzucker- und Insulinspitzen auftreten.

Wie vermeidet man starke Blutzuckerschwankungen?

Es gibt ein paar wertvolle, generell geltende Tipps, um Blutzuckerschwankungen zu vermeiden: Eine regelmäßige Nahrungsaufnahme (alle 3 bis 4 Stunden), das Vermeiden von einfachen Kohlenhydraten wie sie in Weißbrot oder Süßigkeiten zu finden sind und das Bevorzugen von komplexen, langkettigen Kohlenhydraten, wie sie etwa in Vollkornprodukten, Naturreis, Linsen und Gemüse und in gewissem Maße auch in Obst zu finden sind.

Fallbeispiele

Die Fallbeispiele von Pirkko F. und Maike F. zeigen, wie individuell die Blutzuckerreaktion sein kann, obwohl die gleiche Mahlzeit gegessen wurde. Vollkornbrot war für Pirkko F. wie ein Ticket für eine Achterbahnfahrt zwischen Hyper- und Hypogykämie - und für die nächste Migräneattacke, während es für Maike F. "der Retter am Abend" war.

Die DiGA sinCephalea als digitaler Therapieansatz

Das Interesse von Migräne-Betroffenen an einer Ernährungstherapie als Alternative zu medikamentösen Therapien mit ungünstigen Nebenwirkungsprofilen steigt stetig. Die Migräne-App auf Rezept sinCephalea stellt einen solchen nicht-medikamentösen Ansatz dar, indem personalisierte Ernährungsempfehlungen zur Stabilisierung des Blutzuckerspiegels ausgesprochen werden mit dem Ziel Blutzuckerspitzen zu vermeiden und somit Migräneattacken vorzubeugen.

Auf Basis der individuellen Blutzuckerreaktionen, die in den ersten zwei Wochen durch kontinuierliche Blutglukosemessungen (CGM) dokumentiert und Mahlzeiten bewertet werden, werden spezifische Ernährungsempfehlungen erstellt, die auf eine Stabilisierung des Blutzuckerspiegels abzielen.

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Funktionsweise der sinCephalea App

  1. Testphase: In der 2-wöchigen Testphase wird mittels eines leicht anzubringenden Glukosesensors auf der Haut die Blutzuckerkonzentration im Gewebe gemessen. In dieser Zeit führt man ein in-App Ernährungstagebuch und kann neben den normalen Mahlzeiten von uns extra entwickelte Testmahlzeiten auswählen, in den Tagesablauf einplanen und ausprobieren.
  2. Personalisierte Empfehlung: In der 4. Woche erhält man einen ausführlichen Bericht mit den Ergebnissen der Testmahlzeiten und einer ausführlichen Analyse des Ernährungstagebuchs.
  3. Migräneprophylaxe: Um Migräneattacken zu reduzieren, kann man im Anschluss an die Testphase die Lebensmittel, die für eine unerwünschte hohe glykämische Reaktion verantwortlich sind, reduzieren und die Mahlzeiten so kombinieren, dass der Blutzucker eher niedrig und stabil bleibt.

Studien zur Wirksamkeit von sinCephalea

Um die Effekte einer auf personalisierter Ernährung beruhender DiGA auf Migräne zu untersuchen, führte Perfood eine prospektive Studie durch. Dabei zeigte sich, dass die Anzahl der Migränetage nach zwölf Wochen mit einer personalisierten Ernährung um durchschnittlich 2,4 Tage sank, das entspricht 44 Prozent. Derzeit findet eine große klinische Interventionsstudie am Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH) statt.

Diabetes und Migräne: Gibt es einen Zusammenhang?

Verschiedene Untersuchungen aus der Vergangenheit legen einen Zusammenhang zwischen dem Auftreten von Migräne-Attacken und Gefäßerkrankungen nahe. So finden sich zum Beispiel Bluthochdruck und Schlaganfall bei Migräne-Patienten überdurchschnittlich häufig. Insulinresistenz bedeutet, dass die Empfindlichkeit der Körpergewebe auf das Hormon Insulin herabgesetzt ist. Die herabgesetzte Insulinempfindlichkeit ist eng mit einer Reihe von Risikofaktoren für Erkrankungen an Herz und Gefäßen verknüpft.

Migräne und das Risiko für Typ-2-Diabetes

Eine französische Forscher:innengruppe untersuchte über einen Zeitraum von zehn Jahren fast 75.000 weibliche Probandinnen mit und ohne Migräne, alle von ihnen zunächst ohne Diabetes. Über den Untersuchungszeitraum hinweg entwickelten knapp 2.400 von ihnen irgendwann einen Typ 2-Diabetes. Diejenigen Frauen, die eine diagnostizierte Migräne hatten, trugen ein um etwa 30% verringertes Risiko, im Laufe des Beobachtungszeitraums an Typ 2-Diabetes zu erkranken.

Diabetes als Schutzfaktor vor Migräne?

Eine norwegische Erhebung zog die Sache von der anderen Seite auf. Über zehn Jahre hinweg wurden eine Gruppe mit 93.000 Typ 2-Diabetes-Patient:innen und 8.000 Proband:innen mit Typ 1-Diabetes beobachtet. Es zeigte sich, dass beide Gruppen ein signifikant niedrigeres Risiko hatten, an aktiver Migräne mit Attacken zu erkranken als eine nicht-diabetische Kontrollgruppe.

Praktische Tipps für Migräne-Betroffene

Migräne-Betroffene sollten im Alltag stets auf eine durchgängig gute Versorgung des Gehirns mit Energie achten. Regelmäßige Mahlzeiten mit Nahrungsmitteln, die den Blutzucker auf einem hohen Niveau stabilisieren, sind dafür unverzichtbar. Für Betroffene hat es sich bewährt, bevorzugt komplexe Kohlenhydrate zu sich zu nehmen und nicht zu viel Zeit zwischen den einzelnen Mahlzeiten vergehen zu lassen. Dazu gehört, das Frühstück nie auszulassen und es nicht zu spät nach dem Aufstehen zu essen. Es hat sich überdies gezeigt, dass sich bei einigen Betroffenen frühmorgendliche Attacken wirksam vermeiden lassen, wenn sie am Abend zuvor noch eine leichte Mahlzeit mit solchen Kohlenhydraten zu sich nehmen.

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