Logopädische Diagnostik und Therapie bei Parkinson

Im Verlauf einer Parkinsonerkrankung können bei den meisten Patientinnen und Patienten Schwierigkeiten bei der Kommunikation oder beim Schlucken auftreten. Es ist wichtig zu wissen, dass diese häufig ein Teil der Erkrankung sind. Diese Sprach-, Sprech-, Stimm- oder Schluckstörungen beeinträchtigen die Lebensqualität und Gesundheit der Patientinnen und Patienten und sollten dringend durch logopädische/sprachtherapeutische Therapie behandelt werden. Ziel dieses Artikels ist es, einen umfassenden Überblick über die logopädische Diagnostik und therapeutischen Möglichkeiten bei Parkinson zu geben.

Was ist Morbus Parkinson?

Morbus Parkinson (auch Idiopathisches Parkinson-Syndrom genannt) ist, nach den Demenzerkrankungen, die zweithäufigste neurodegenerative Erkrankung in Deutschland. "Idiopathisch" bedeutet, dass die Ursache der Erkrankung noch nicht abschließend geklärt ist. M. Parkinson kennzeichnet sich durch vier typische Kardinalsymptome:

  • Rigor (Muskelsteife)
  • Tremor (Muskelzittern)
  • Bradykinese bzw. Akinese (Bewegungsverarmung bzw. Bewegungsarmut)
  • posturale Instabilität (Haltungsinstabilität)

Unter Bradykinese versteht man die Verlangsamung der Einleitung von Willkürbewegungen. Der Rigor ist eine zunehmende Steifigkeit der Muskulatur, die beim passiven Durchbewegen von Armen und Beinen auffällt. Es handelt sich beim Tremor der Parkinson Krankheit in der Regel um einen Ruhetremor. Die Finger der Hand oder der Arm zittern langsam, während der Körperteil eigentlich in Ruhe ist. Die posturale Instabilität, also eine Instabilität der Körperhaltung, lässt sich dadurch erkennen und nachweisen, dass der aufrecht stehende Patient auf ein leichtes Stoßen nach vorne, hinten oder zur Seite unsicher reagiert und bestenfalls durch einen Ausfallschritt das Fallen vermeiden kann.

Im Verlauf der Erkrankung können weitere Symptome wie z. B. Konzentrationsstörungen, Sprechstörungen, Schluckstörungen sowie psychische Störungen auftreten. Für die Betroffenen ist eine Erkrankung mit dem IPS häufig mit Funktionseinschränkungen, dem Verlust von Lebensqualität und Abhängigkeit verbunden.

Wie äußert sich die Krankheit logopädisch?

Die genauen Entstehungsmechanismen sind beim M. Parkinson auch heute noch nicht hinreichend geklärt. Früher gingen Forscherinnen und Forscher davon aus, dass lediglich die Basalganglien, ein Teil des Gehirns, welcher motorische Programme abstimmt und auswählt, von der Degeneration, also dem Untergang von Neuronen, betroffen waren. In Studien fand man jedoch heraus, dass die Degeneration bereits im Hirnstamm beginnt und sich von dort aus weiter bis hin ins Großhirn ausbreitet. Allerdings treten die bereits genannten Kardinalsymptome erst dann auf, wenn der neuronale Untergang in der Substantia nigra (einem Teil der Basalganglien) bereits begonnen hat, da dieser Untergang zu einem Dopaminmangel führt, welcher in Konsequenz Bewegungsabläufe empfindlich stört. M. Parkinson äußert sich also dementsprechend darin, dass Betroffene Bewegungen nicht mehr optimal ausführen können. Es kommt z. B. zum bekannten Tremor in der Hand, also dem Zittern der Hand, wenn eine Bewegung ausgeführt wird. Dieser Pathomechanismus lässt sich im Prinzip auf alle Bewegungsabläufe übertragen.

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Bei M. Parkinson kommt es nicht selten auch zu Einschränkungen beim Schlucken, Sprechen und bei der Stimmgebung. Auch diese Einschränkungen sind auf den neuronalen Untergang und den daraus entstehenden Dopaminmangel in den Basalganglien zurückzuführen. Daraus resultieren dann u. a. eine verringerte artikulatorische Präzision, d. h. der oder die Betroffene spricht verwaschen, nuschelig und ungenau. Darüber hinaus ist die Dynamikbreite eingeschränkt, d. h. der oder die Betroffene spricht häufig sehr leise. Außerdem ist die Stimmqualität oft reduziert. Die Stimme klingt behaucht, rau oder heiser. Vereinfacht gesagt sind alle genannten Symptome ein Produkt der Bewegungsverarmung aufgrund des neuronalen Untergangs in der Substantia nigra.

Gleiches gilt für die dysphagie-typischen Symptome bei M. Parkinson. Nicht selten leiden Parkinson-Patientinnen und -Patienten unter einer reduzierten Zungenbeweglichkeit, -kraft und -koordination sowie einer verzögerten Auslösung des Schluckreflexes. Insbesondere die verzögerte Auslösung eines Schlucks kann schwerwiegende Folgen wie Aspiration (Verschlucken) nach sich ziehen. Auch diese Symptome sind eine Folge der gestörten zentralen Bewegungssteuerung in den Basalganglien.

Logopädische Diagnostik bei Parkinson

Eine Sprechstörung stellt sich bei der Parkinson Erkrankung in Form einer zunehmend leisen und monotonen Sprechweise dar. Vervollständigt wird das Krankheitsbild durch sich verstärkende Schwierigkeiten bei der der Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme. Besteck und Trinkgefäße können immer schwerer in Richtung Mund geführt werden. Begleitet wird dies durch sich vergrößernde Störungen bei der oralen Nahrungsverarbeitung (Kauen) und Abtransport (Schlucken). Durch die Muskelschwäche im Kehlkopf funktionieren die Schutzmechanismen (Schließen des Kehldeckels beim Schlucken zur Sicherung der Atemwege) nicht mehr ausreichend. Alle diese Symptome sind bei der überwiegenden Anzahl der Parkinson Patienten auch beim Sprechen und der Stimme erkennbar. Die betroffenen Patienten bemerken ihre unzureichende Sprechlautstärke nicht und bedürfen häufig einen Hinweis vom Gesprächspartner.

Nach der Diagnosestellung sollten Betroffene so schnell wie möglich in logopädische Behandlung überwiesen werden. Zunächst erfolgt eine ausführliche Anamnese gemeinsam mit der Patientin oder dem Patienten zur Einschätzung der Therapieschwerpunkte. Darüber hinaus werden gemeinsam Therapieziele definiert. Im Anschluss erfolgt eine ausführliche Diagnostik.

Ein beliebtes und standardisiertes Diagnostikinstrument zur Einschätzung der Dysarthrophonie bei M. Parkinson ist das Frenchay-Dysarthrie-Assessment (FDA). Der Frenchay deckt alle für die Dysarthrie relevanten Bereiche ab. Durch verschiedene Aufgaben für das Sprechen, Atmen, für die Stimme und die Kommunikation kann am Ende eine detaillierte Behandlungsplanung erfolgen. Mit Hinblick auf die Dysphagie erfolgt ebenfalls eine ausführliche klinische Schluckuntersuchung. Hierbei werden alle schluckrelevanten anatomischen Strukturen im Ruhezustand beobachtet und auf ihre willkürlichen Bewegungen überprüft. Darüber hinaus werden auch Schluckversuche durchgeführt, um darauf aufbauend die Schlucktherapie zu gestalten.

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Manchmal kann es auch sinnvoll sein, dass neben einer klinischen Diagnostik eine apparative Diagnostik hinzugezogen wird. Dies kann z. B. durch eine Fiberendoskopische Evaluation des Schluckaktes (FEES) geschehen. Die FEES ermöglicht mithilfe eines Nasenendoskops die Darstellung der anatomischen Strukturen, die beim Schlucken beeinträchtigt sein können. Durch eine FEES-Diagnostik ist eine gezieltere Behandlungsplanung möglich. Im Anschluss an die abgeschlossene Diagnostik startet dann die individuell angepasste Therapie.

Logopädische Therapie bei Parkinson

Auf Grund der zuvor beschriebenen Symptome ist eine Unterstützung durch eine logopädische Therapie bei Morbus Parkinson hilfreich, um die Lautbildung zu erhalten und zu fördern sowie die Mimik zu verbessern. Nach einer Grunduntersuchung von Lautstärke und Steigerungspotential, Artikulationsgenauigkeit, Sprechgeschwindigkeit und Fragen zur Lebenssituation und -qualität wählt der Logopäde ein für den Patienten voraussichtlich effektives Behandlungsverfahren aus. Durch regelmäßige Übungen kann so die Stimme wieder aktiviert werden und eine normale und kraftvolle Lautstärke erreichen. Nach einer Therapie können die Übungen selbstständig weitergeführt werden, um dauerhaft die Verringerung der Stimme zu vermeiden.

Ziele der logopädischen Therapie

  • Kräftigung und Training der Stimme durch Stimmübungen und Stimmtherapie (z. B. lautes, deutliches Sprechen)
  • Verbesserung der Artikulation und Verständlichkeit mittels gezielter Sprechübungen
  • Unterstützung beim sicheren Schlucken zur Prävention von Komplikationen wie Aspirationen
  • Strategien für den Alltag, um Kommunikation trotz Sprechstörungen zu erleichtern
  • Erhalt der Lebensqualität und Förderung der sozialen Teilhabe durch verbesserte Kommunikationsfähigkeit

Bereiche der logopädischen Therapie

Stimmtherapie: Viele Menschen mit Parkinson oder ihre Angehörigen bemerken oft, dass die Stimme leiser wird, was die Verständlichkeit beeinträchtigen kann. In der Stimmtherapie werden Methoden, wie zum Beispiel das Lee Silverman Voice Training (kurz: LSVT), verwendet, um die Sprechlautstärke aber auch die Sprachmelodie zu verbessern. Gezielte Übungen zur Stimmlautstärke können helfen, die Bewegungsamplituden der sprechrelevanten Organe zu vergrößern, d. h. gezieltes Lautstärketraining verbessert nicht nur die Sprechlautstärke selbst, sondern auch die Stimmqualität, die Artikulation und die Kommunikation. Das Therapiekonzept LSVT® LOUD arbeitet genau nach diesem Wirkungsprinzip.

Sprechtherapie: Eine undeutliche Aussprache kann ebenfalls die tägliche Kommunikation erschweren. Daher zielt die Sprechtherapie darauf ab die Verständlichkeit zu verbessern. Dafür werden Übungen zur klaren Aussprache, zur richtigen Atmung und zur kontrollierten Nutzung der Stimme durchgeführt.

Sowohl die Stimmtherapie als auch die Sprechtherapie ermöglichen eine bessere Teilnahme an Gesprächen.

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Sprach- und Kognitionstherapie: Es kann passieren, dass Betroffene sich häufiger an Wörter nicht erinnern können oder das Gefühl haben, Sätze nicht mehr so mühelos zu formulieren wie früher. Manchmal ist es auch herausfordernd zu verstehen, was der Gesprächspartner sagt. Im Bereich Sprache und Kognition erhalten Sie gezielte Unterstützung, beispielsweise durch spezielles Wortfindungstraining.

Schlucktherapie (Dysphagie-Therapie): Wenn Menschen beim Essen oder Trinken vermehrt Schwierigkeiten haben, sich zu verschlucken, könnte eine Schluckstörung (Dysphagie) die Ursache sein. Diese Probleme können sich gesundheitlichen Problemen führen. In der Therapie stehen verschiedene Methoden zur Verfügung, um diesen Problemen erfolgreich entgegenzuwirken. Schluckstörungen können in unterschiedlichen Schweregraden auftreten. Da sicheine Schluckstörung häufig im Verlauf einer Parkinsonerkrankung entwickelt, ist eine besonders wichtig, sie frühzeitig zu erkennen und angemessen zu behandeln. Auf diese Weise kann effektiv einer möglichen Verschlechterung entgegengewirkt werden. Im Bereich der Dysphagie können Übungen zur Kräftigung der Zungen-, Wangen- und Lippenmuskulatur sowie Kräftigungsübungen für die Muskulatur des Kehlkopfes sinnvoll sein. Zusätzlich bietet es sich aber auch an, Kompensationsstrategien wie beispielsweise eine Haltungsänderung bei der Nahrungsaufnahme mit der Patientin oder dem Patienten zu erarbeiten oder eine Kostanpassung in Rücksprache mit den Betroffenen vorzunehmen.

Ein weiterer wesentlicher Bestandteil der logopädischen Therapie ist die Beratung und Aufklärung der Betroffenen. Da M. Parkinson eine neurodegenerative, also nicht heilbare, Erkrankung ist, liegt die Hauptaufgabe der Logopädinnen und Logopäden darin, den Status quo so lange es geht, aufrechtzuerhalten. Oberstes Ziel der Therapie ist immer eine maximale Lebensqualität für die Betroffenen zu ermöglichen und die Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme sowie die Kommunikationsfähigkeit aufrechtzuerhalten.

Tipps bei einer Schluckstörung

  • Essen Sie nur in Ruhe und nicht „nebenbei"!
  • Nehmen Sie sich Zeit zum Essen!
  • Achten Sie auf eine aufrechte Sitzhaltung!
  • Vermeiden Sie Ablenkung!
  • Sprechen Sie während des Essens nicht!
  • Kauen Sie gründlich!
  • Nehmen Sie nur kleine Bisse/Schlucke in den Mund!
  • Essen Sie nicht hastig!
  • Schlucken Sie kräftig!
  • Machen Sie nach jedem Schluck eine kurze Pause!
  • Schließen Sie, wenn möglich, den Mund beim Kauen/Schlucken!
  • Essen und trinken Sie nicht gleichzeitig!
  • Husten Sie nach dem Essen mehrmals und schlucken Sie mehrmals leer nach.

LSVT LOUD®-Programm

Ein Beispiel ist die standardisierte, evidenzbasierte Intensivtherapie LSVT LOUD®. Diese Methode ist als Intensivtherapie ausgelegt, bei der Patienten 4x wöchentlich therapeutisch und durch intensive häusliche Übungen versorgt werden, um die Stimmkraft und das Sprechtempo nachhaltig zu verbessern. Das Programm beinhaltet mehrere Therapiesitzungen pro Woche sowie intensive Übungen für zuhause.

Dauer und Verlauf der Therapie

Die Dauer der logopädischen Behandlung richtet sich nach den individuellen Symptomen und Bedürfnissen der erkrankten Patienten. Regelmäßige Sitzungen über einen längeren Zeitraum sind sinnvoll und werden durch Atemübungen, Stimm- und Sprechübungen für zuhause ergänzt. Um die Funktionen möglichst lange aufrechtzuerhalten ist eine langfristige ununterbrochene Therapie sinnvoll. Auch eine Reha in spezialisierten Kliniken oder Zentren kann sehr hilfreich sein. Intervallbehandlungen sind oft sinnvoll, damit genügend Zeit für andere Therapien (Physiotherapie, Ergotherapie, Neuropsychologie) bleibt. So sind Sie nicht kontinuierlich, sondern in festgelegten Abständen immer wieder in logopädischer oder sprachtherapeutischer Behandlung.

Häufige Fragen (FAQs)

Wie hilft Logopädie bei Parkinson?

Logopädie unterstützt Menschen mit Parkinson dabei, Sprach-, Sprech- und Schluckstörungen zu verbessern oder möglichst lange zu erhalten. Durch gezielte Übungen werden Stimme, Artikulation und Schluckvorgang trainiert, um die Kommunikation und Lebensqualität zu fördern.

Wann sollte man mit der logopädischen Therapie beginnen?

Es ist empfehlenswert, frühzeitig mit der Logopädie zu starten, sobald erste Symptome wie leise Stimme, undeutliche Aussprache oder Schluckbeschwerden auftreten. Eine frühzeitige Behandlung kann den Verlauf positiv beeinflussen und Komplikationen vorbeugen.

Können auch Angehörige in die Therapie einbezogen werden?

Ja, Angehörige können in die logopädische Therapie eingebunden werden, um Betroffene zuhause zu unterstützen und die Übungen gemeinsam durchzuführen. Das fördert den Therapieerfolg und die soziale Teilhabe.

Wie lange dauert die logopädische Behandlung bei Parkinson?

Die Dauer variiert je nach individuellen Symptomen und Fortschritt. Regelmäßige Sitzungen über mehrere Monate sind üblich, ergänzt durch Übungen für zuhause, um die erreichten Verbesserungen langfristig zu sichern.

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