Übergewicht und Migräne: Ein komplexer Zusammenhang

Migräne, ein anfallsartig und wiederholt auftretender Kopfschmerz, der oft mit Übelkeit und Erbrechen einhergeht, betrifft schätzungsweise 10 Prozent der Bevölkerung in den westlichen Industrienationen. Frauen sind dabei zwei- bis dreimal häufiger betroffen als Männer. In der Vergangenheit gab es Spekulationen über einen möglichen Zusammenhang zwischen Migräne und Übergewicht. Dieser Artikel beleuchtet die komplexen Zusammenhänge zwischen Übergewicht und Migräne, basierend auf aktuellen Forschungsergebnissen und Expertenmeinungen.

Der Zusammenhang zwischen Körpergewicht und Migräne

Eine US-amerikanische Bevölkerungsstudie mit über 30.000 Teilnehmern, von denen mehr als 60 Prozent Frauen waren, ergab interessante Ergebnisse. Übergewichtige Menschen sind zwar nicht häufiger von Migräne betroffen als schlanke Personen, jedoch zeigte sich, dass mit steigendem Body-Mass-Index (BMI) die Migräneattacken schwerer und häufiger auftreten.

Konkret berichteten bei Normalgewichtigen (BMI 18,5 bis 24,9) etwa vier Prozent über 10 bis 15 Kopfschmerztage pro Monat. Bei Adipösen (BMI 30 bis 35) stieg diese Rate auf 14 Prozent, und bei einem BMI über 35 sogar auf 20 Prozent. Diese Ergebnisse deuten auf einen fast linearen Zusammenhang zwischen Körpergewicht und der Schwere chronischer Migräne hin, wie auch die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) bestätigt.

Eine weitere Studie, veröffentlicht in den "Archives of Internal Medicine", untermauert diesen Zusammenhang. Die Forscher befragten in 120.000 US-Haushalten nach Art und Häufigkeit von Kopfschmerzen sowie nach dem BMI. Von den fast 19.000 identifizierten Migränepatienten litten unter den Normalgewichtigen 6,5 Prozent an 10 bis 14 Migränetagen pro Monat. Dieser Anteil stieg bei Übergewichtigen auf 7,4 Prozent, bei Adipösen mit einem BMI zwischen 30 und 34,9 auf 8,2 Prozent und bei Fettleibigen mit einem BMI über 34,9 auf 10,4 Prozent.

Mögliche Ursachen für den Zusammenhang

Obwohl der genaue Mechanismus, der den Zusammenhang zwischen Übergewicht und Migräne erklärt, noch unklar ist, gibt es verschiedene Theorien.

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  • Entzündungsbotenstoffe: Bei stark übergewichtigen Menschen sind verschiedene Entzündungsbotenstoffe sowie andere körpereigene Transmitter erhöht, die bei Kopfschmerzen eine Rolle spielen könnten. Es ist jedoch unklar, warum sich diese Veränderungen nur auf die Häufigkeit von Migräne, nicht aber auf Spannungskopfschmerzen auswirken.
  • CGRP-Wert: Bei übergewichtigen Migränepatienten ist häufig der Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP)-Wert erhöht, was entzündliche Prozesse begünstigen kann. Dieser Wert ist auch bei Migräneattacken erhöht, was möglicherweise den Zusammenhang zwischen Übergewicht und vermehrten Migräneattacken erklärt.

Eine Studie mit übergewichtigen Migränepatienten, die sich einer bariatrischen Operation unterzogen, zeigte, dass Gewichtsverlust die Frequenz und Schwere der Migräneattacken reduzieren kann. Nach durchschnittlich 7,5 Monaten sank der CGRP-Wert von 252,7 auf 130,1, und die Patienten hatten signifikant weniger Migräneattacken (Reduktion von 21 auf 8 Tage). Auch die Schwere der Migräneattacken nahm ab (von 7,7 auf 4,8 auf einer Skala von 1 bis 10), die Behinderung durch Migräne reduzierte sich deutlich (von 64,4 auf 25,5 auf der MIDA-Skala), und die Lebensqualität verbesserte sich (von 44,6 auf 26,8).

Übergewicht und Migräne bei Jugendlichen

Während der Zusammenhang zwischen Adipositas und Migräne bei Erwachsenen gut belegt ist, ist die Evidenzlage bei Kindern und Jugendlichen nicht so eindeutig. Eine israelische Studie mit über zwei Millionen jungen Menschen im Alter von 16 bis 19 Jahren untersuchte den Zusammenhang zwischen BMI und Migräne.

Die Ergebnisse zeigten, dass Adipositas bei diesen Jugendlichen mit einem deutlich erhöhten Migränerisiko einherging. Bei männlichen Jugendlichen betrugen die adjustierten Odds Ratios für eine Migräne im Vergleich zur Referenzgruppe mit niedrigem Normal-BMI (5. - 49. Perzentil) bei Untergewicht 1,11 (95 %-KI: 1,06 - 1,16), bei Übergewicht 1,13 (95 %-KI: 1,08 - 1,17) und bei Adipositas 1,24 (95 %-KI: 1,19 - 1,30). Diese Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung der Gewichtskontrolle auch im Jugendalter, um das Migränerisiko zu senken.

Ernährung als Einflussfaktor

Neben dem Körpergewicht spielen auch Ernährungsgewohnheiten eine wichtige Rolle bei Migräne.

  • Regelmäßige Mahlzeiten: Das Auslassen des Frühstücks ist keine gute Idee, da ein Energiedefizit in den Morgenstunden Migräneattacken auslösen kann.
  • Spätes Essen: Spätes Essen kann zu Hunger, Übergewicht und einer Senkung des Energieverbrauchs führen, was wiederum die Fettspeicher füllt und Übergewicht begünstigt. Eine Studie in Cell Metabolism zeigte, dass spätes Essen tiefgreifende Auswirkungen auf Hunger, appetitregulierende Hormone und den Energiestoffwechsel hat.
  • Individuelle Auslöser: Bestimmte Nahrungsmittel und Gewürze können bei manchen Menschen Migräneanfälle auslösen. Es ist wichtig, individuelle Auslöser zu identifizieren und zu vermeiden.

Tipps zur Vorbeugung und Linderung von Migräne

  • Gewichtsreduktion: Bei Übergewicht kann eine Gewichtsreduktion helfen, die Frequenz und Schwere der Migräneattacken zu reduzieren.
  • Regelmäßige Mahlzeiten: Achten Sie auf regelmäßige Mahlzeiten, insbesondere ein ausgewogenes Frühstück.
  • Vermeidung von Auslösern: Identifizieren und vermeiden Sie individuelle Auslöser für Migräneattacken, sowohl in der Ernährung als auch im Lebensstil.
  • Ausreichend Flüssigkeit: Trinken Sie ausreichend Flüssigkeit, vorzugsweise Wasser.
  • Stressmanagement: Erlernen Sie Stressbewältigungstechniken, um Stress abzubauen, da Stress ein häufiger Auslöser für Migräne ist.
  • Individuelle Ernährungsberatung: Eine individuelle Ernährungsberatung kann helfen, die Ernährung optimal auf die Bedürfnisse des Körpers abzustimmen und mögliche Auslöser zu identifizieren.

Die Rolle der Neurologisch-verhaltensmedizinischen Schmerzklinik Kiel

Die Neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel unter der Leitung von Prof. Dr. med. Dipl. Psych. Hartmut Göbel bietet spezielle Therapien für Migräne mit und ohne Aura, Migräne-Komplikationen und andere Kopfschmerzarten an. Die Klinik bietet auch eine integrierte Versorgung für Versicherte verschiedener Krankenkassen an.

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