Nervensystem und Hormonsystem: Die Notfallreaktion des Körpers

Unser Körper ist ein Meisterwerk der Anpassung, insbesondere wenn es um den Umgang mit Stress und potenziellen Gefahren geht. In solchen Situationen greift ein komplexes Zusammenspiel von Nervensystem und Hormonsystem, die sogenannte Notfallreaktion. Diese Reaktion ist tief in unserer Evolution verwurzelt und dient dazu, uns in bedrohlichen Situationen bestmöglich zu schützen.

Das vegetative Nervensystem: Unbewusste Steuerung

Alles im Gleichgewicht? Unser Körper reagiert also auf eine beängstigende oder unerwartete Situation mit einer evolutionär bedingten schnellen Reaktion unseres vegetativen Nervensystems. Das vegetative Nervensystem, auch autonomes Nervensystem genannt, entzieht sich unserer willentlichen Kontrolle und steuert lebensnotwendige Funktionen wie Atmung, Kreislauf und Blutdruck. Es arbeitet unermüdlich im Hintergrund, um unser inneres Gleichgewicht aufrechtzuerhalten, auch in Stresssituationen.

Der Sympathikus: Das Gaspedal des Körpers

Der Teil des vegetativen Nervensystems, der uns in Alarmbereitschaft versetzt, ist der Sympathikus, auch "Stressnerv" genannt. Er fungiert als Gaspedal für unser Herz-Kreislauf-System. Der Sympathikus übermittelt die Information "Gefahr" über schnelle Nervenfasern an Herz und Gefäße und steigert so unmittelbar Puls und Blutdruck.

Adrenalin: Der schnelle Hormon-Booster

Gleichzeitig signalisiert der Sympathikus der Nebenniere, das Stresshormon Adrenalin auszuschütten. Dieses Hormon verstärkt die Alarmbereitschaft zusätzlich, indem es ebenfalls Herzschlag und Blutdruck erhöht und die Bronchien erweitert. An die Leber ergeht ein Nervenbefehl, mehr Zucker ins Blut freizusetzen, um den Körper mit zusätzlicher Energie zu versorgen. Parallel dazu wird das Verdauungssystem schwächer durchblutet, und das Blut wird in Muskeln und Herz umgeleitet, um die Leistungsfähigkeit zu steigern.

Die hormonelle Achse: Langsam, aber nachhaltig

Die Botschaft "Gefahr" bewirkt in den Stresszentren des Gehirns - Mandelkern, Hypothalamus, Hypophyse - auch, dass hormonelle Botenstoffe ausgeschüttet werden, die dann - etwas langsamer als es über die Nerven geschieht - über die Blutbahn zu den Nebennieren gelangen. Ebenso wie diese Weiterleitung der Signale vollkommen automatisch abläuft, können wir auch unsere körperliche Reaktion auf übermäßigen Stress nicht einfach per Willensentscheid bremsen.

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Fight-or-Flight: Eine evolutionäre Überlebensstrategie

Die biologischen Stressreaktionen wurden von dem US-amerikanischen Physiologen Walter Cannon in der sogenannten „Fight-or-Flight“-Theorie zusammengefasst. Er erforschte die neurobiologischen Abläufe der Reaktion von Tieren auf Bedrohung und leitete daraus die Kampf-oder-Flucht-Reaktion ab. Diese Theorie beschreibt die schnelle psychische und physische Anpassung an Gefahrensituationen.

Die Stressreaktion beginnt mit der Wahrnehmung. Visuelle Reize gelangen zum ältesten Teil des Hirns, dem Stammhirn oder genauer gesagt: dem periaquäduktalen Grau (PAG). Wenn dieser keine Stressoren (Auslöser für Stress) wahrnimmt, geht die Information weiter ins Großhirn, das sie verarbeitet und speichert. Erst hier wird uns die Information bewusst, und das Denken beginnt.

Wird dem Stammhirn jedoch ein Signal für Gefahr gesendet, bleibt keine Zeit für ausgiebiges Denken. Das Großhirn geht in den Stand-by-Modus, und der Körper übernimmt die weiteren Reaktionen. Das PAG steuert dann sehr schnell die Angriffs- oder Fluchtreflexe.

Körperreaktionen bei Kampf und Flucht

Stress ist ein Überlebensprogramm. Durch die Stressreaktion werden die notwendigen Ressourcen für den Körper bereitgestellt, um entweder mit Kampf oder Flucht zu reagieren. Die Bereitstellung der Energie muss für eine schnelle Reaktion also ebenso schnell funktionieren. Hier spielt der Hypothalamus eine zentrale Rolle. Dieser liegt im Zwischenhirn und ist die Schaltstelle zwischen Gehirn und Hormonsystem. Er veranlasst die Ausschüttung von Stresshormonen wie Adrenalin. Das erhöht die Atemfrequenz und den Blutdruck. Hinzu kommt das stoffwechselanregende Hormon Cortisol. Alle überflüssigen Systeme werden heruntergefahren, wie das Immunsystem und die Verdauung. So sammelt der Körper alle Energie kurzzeitig für den Kampf oder die Flucht.

Freeze und Fright: Wenn Kampf und Flucht keine Option sind

Den Stressreaktionen von Kampf und Flucht werden durch den Forscher Jeffrey Gray noch zwei weitere Reaktionen hinzugefügt, nämlich Freeze - Einfrieren. Diese Schreckstarre lässt sich auch bei Tieren sehr gut beobachten, die sich im Angesicht von Bedrohung tot stellen.

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Kämpfen und Flüchten sind Reaktionen, weil Betroffene die Hoffnung haben, so der Situation zu entkommen. Wenn diese Hoffnung nicht besteht oder die Situation ausweglos erscheint, folgt die Starre. Der Mensch ergibt sich der Situation und resigniert. Diese Reaktion kann in realen Gefahrensituationen hilfreich, gar lebensrettend sein (Bspw. bei Opfern von Gewaltverbrechen, Unfällen und in anderen traumatisierenden Situationen). Bei dieser Reaktion wird der Puls heruntergefahren, Denken und Schmerzempfinden werden kurzzeitig ausgeschaltet und auch Erinnerungen danach sind kaum oder gar nicht vorhanden. Bei beispielsweise Zeitdruck heutzutage ist diese Reaktion jedoch nicht förderlich. Erstarren führt in solch einer Situation zu keiner Lösung.

Wird die Gefahr vom Gehirn als zu übermächtig und bedrohlich und Flucht und Kampf als aussichtslos interpretiert, reagiert das limbische System innerhalb von etwa 15 Sekunden mit der Aktivierung des Totstellreflexes. Diese Aktivierung erfolgt durch die Einflussnahme des Parasympathikus bei bereits vorhandener Sympathikusdominanz. Beide grundsätzlich gegensätzlich wirkende Steuerungsmechanismen ziehen die typische Erstarrung und den leblosen, todesähnlichen Zustand des Organismus (tonische Immobilität) nach sich. Der Reflex tritt immer dann auf, wenn "alle Hoffnung verloren ist" und eine Flucht als unmöglich erscheint. Dies gilt insb. für Situationen die abrupt auftreten und extrem ungewohnt sind, für die also keine vergleichbaren "Daten" in Form von Bewertungs- und Bewältigungsstrategien existieren. Insgesamt ist der Totstellreflex in Notsituationen häufiger zu beobachten, als die Reaktionen Flucht oder Kampf.

In der Angststarre versteift sich die Skelettmuskulatur des Betroffenen, die Atmung wird schnell und flach und der Puls sinkt deutlich ab. Die Kontrolle über die Körperfunktionen lässt nach. Der Körper ist wie betäubt und empfindungslos, die Gefühle werden abgeschaltet und es kommt zu intensiver Dissoziation auf körperlicher und psychischer Ebene. Der Körper reagiert selbst bei intensiver und schmerzhafter Stimulation nicht mehr und ist häufig komplett schmerzunempfindlich. Manchmal treten parkinsonähnliche Zuckungen auf. Dabei nimmt das Gehirn die ganze Zeit über bewusst wahr, was passiert, ohne etwas dagegen unternehmen zu können.

Der Totstellreflex ist vor allem an die Emotion Todesangst gekoppelt und durch massive Dissoziation gekennzeichnet. Er kann verbunden sein mit Gefühlen von Ohnmacht, Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein oder auch gekennzeichnet von völliger Angstfreiheit. Viele Opfer berichten von dem übermässigen Drang, sich nicht mehr zu bewegen und konnten sich nur durch Gedanken an Zurückgebliebene und insb. ihre Kinder aus diesem Zustand befreien. Da das Stressniveau nicht durch Ausagieren aktiv abgebaut wird, können Körper und Emotionen noch lange in einem "eingefrorenen" Zustand verharren. Noch Minuten bis Stunden nach Ende der Bedrohung kann die Lähmung anhalten. Aus Tierversuchen wurde deutlich, dass der Totstellreflex direkt proportional zum Angstgrad der Versuchstiere stand, je mehr Angst, desto intensiver und dauerhafter die Starre.

Der evolutionäre Sinn der Angststarre liegt offensichtlich darin begründet, dass viele Raubtiere ihre Beute nur bei Bewegung angreifen und nicht auf bewegungslose Tiere reagieren. Vermeintlich tote Tiere werden nicht gefressen und können später flüchten. Eine weitere Funktion der tonischen Immobilität ergibt sich aus der auftretenden Schmerzunempfindlichkeit. Todesangst und körperlicher Schmerz des Beutetiers werden im Moment höchster Qual stark vermindert.

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Cortisol: Das Stresshormon mit vielfältigen Wirkungen

In einer aktuellen Studie zeigen Wissenschaftler der Charité - Universitätsmedizin Berlin, dass die Stimulation eines bestimmten Stresshormon-Rezeptors im Gehirn ein erhöhtes Maß an Mitgefühl erzeugt. Stress löst im Gehirn eine komplexe Kette von Reaktionen aus. So signalisiert das Nervensystem der Nebennieren-Rinde, verschiedene Hormone freizusetzen, unter anderem das Hormon Cortisol. Die Nebenniere ist eine paarige Hormondrüse und befindet sich beim Menschen auf den oberen Polen beider Nieren. Das von ihr ausgeschüttete Cortisol wirkt im Gehirn über zwei verschiedene Rezeptortypen, den sogenannten Mineralocorticoid Rezeptor (MR) und den Glucocorticoid Rezeptor (GR).

Die physiologische Wirkweise von Cortisol ist vielfältig. So ist beispielsweise die Erinnerungsfähigkeit bei einem hohen Cortisolspiegel verschlechtert - ein Effekt, den viele Menschen aus Prüfungssituationen kennen. Auch die Fähigkeit, Mitgefühl zu empfinden, scheint in Stresssituationen beeinträchtigt zu sein. Dies ist von besonderer Bedeutung, da im Alltag viele komplexe soziale Interaktionen unter Stress bewältigt werden müssen.

Die Charité-Wissenschaftler Prof. Dr. Katja Wingenfeld, Prof. Dr. Christian Otte und Privatdozent Dr. Stefan Röpke von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Campus Benjamin Franklin untersuchten in ihrer Studie erstmals, welchen Einfluss die gezielte pharmakologische Stimulation des MR-Rezeptors durch den Wirkstoff Fludrocortison auf die Fähigkeit hat, Mitgefühl zu empfinden. Dabei wurden neben gesunden Probandinnen auch Patientinnen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung untersucht.

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Einnahme von Fludrocortison die Fähigkeit, Empathie zu empfinden, also das Ausmaß, in dem die Teilnehmerinnen mit Personen, die auf verschiedenen Bildern szenisch dargestellt waren, mitfühlten, deutlich steigerte“, erklärt Prof. Wingenfeld. „Interessant ist, dass die kognitive Empathiefähigkeit, also das reine Erkennen der Emotion der Personen auf den Bildern, durch die Rezeptorstimulation nicht verändert zu sein scheint.

Stress in der modernen Welt: Chronische Belastung

Unser Körper ist darauf eingerichtet, uns so gut wie möglich vor Gefahren zu schützen. Das Gehirn spielt dabei eine maßgebliche Rolle. In den frühen evolutionären Zeiten, aus denen die Stressreaktion stammt, ging es oft um Gefahren für Leib und Leben. Heute stehen in vielen Gesellschaften andere Gefahren im Vordergrund. Menschen erleben beispielsweise Stress, wenn ihr Selbstwert bedroht ist, wenn sie Angst haben, zu versagen oder von wichtigen anderen Menschen getrennt zu sein. Oder manchmal ganz einfach, wenn etwas nicht so läuft, wie sie es gerne möchten. Doch egal was die Ursache ist, die Stressreaktion läuft immer noch nach dem gleichen alten Muster ab - selbst wenn man sich die stressige Situation nur vorstellt. Dann werden verschiedene Regionen unseres Gehirns aktiv. Wie bei einem guten Team arbeiten diese Regionen zusammen, um uns für Kampf oder Flucht fit zu machen. Manche Teile des Gehirns sind eher für die emotionale Verarbeitung "zuständig", andere fürs Planen und Denken. Wieder andere sorgen dafür, dass die Vorgänge in Gang gesetzt werden, die notwendig sind, damit die Stresshormone ausgeschüttet werden.

Die Amygdala: Die "Angstzentrale" des Gehirns

Eine sehr wichtige Hirnregion für unsere Erleben von Stress und Angst ist die Amygdala, ein kleiner, mandelförmiger Komplex von Nervenzellen im unteren Bereich des Gehirninneren. Sie ist Teil des sogenannten Limbischen Systems. Das ist ein Verbund verschiedener Hirnstrukturen im Innern des Gehirns, der eine große Rolle bei der Verarbeitung von Emotionen spielt. Die Amygdala steuert - zusammen mit anderen Hirnregionen - unsere psychischen und körperlichen Reaktionen auf stress- und angstauslösende Situationen. Treffen bei ihr Signale ein, die höhere Aufmerksamkeit erfordern, zum Beispiel, wenn etwas neu oder gefährlich ist, dann feuern ihre Nervenzellen. Wir werden wacher und aufmerksamer. Dies geschieht bereits, bevor wir die Gefahr bewusst erkennen. Ab einer bestimmten Schwelle der Nervenaktivität setzt die Amygdala die Stressreaktion in Gang und aktiviert so die Kampf- und Flucht-Reaktion.

Zwei Wege der Stressreaktion

Um die Kampf- und Fluchtreaktion auszulösen, nutzt die Amygdala zwei Wege. Der schnellere Weg läuft über das sogenannte sympathische Nervensystem, das den Körper auf Aktivität einstimmt. Etwas langsamer ist der Weg über den Hypothalamus. Der Hypothalamus ist ein komplexes Gebilde im Zwischenhirn, das grundlegende Funktionen unseres Körpers steuert. Für die Stressreaktion setzt er eine ganze Kaskade von Hormonen in Gang.

Der schnelle Weg: das sympathische Nervensystem

Über die Nervenstränge des sympathische Nervensystem im Rückenmark gelangt die Information "Gefahr" zum Mark der Nebenniere. Dort werden Adrenalin und - in geringerem Maß - Noradrenalin ausgeschüttet. Diese Hormone nennt man auch Katecholamine. Sie treiben zum Beispiel den Herzschlag und den Blutdruck in die Höhe, sorgen für eine größere Spannung der Muskeln und bewirken, dass mehr Blutzucker freigesetzt wird, so dass die Muskelzellen besser versorgt werden können.

Der "langsame" Weg über den Hypothalamus

Parallel informiert die Amygdala den Hypothalamus, dass Gefahr im Verzug ist. Der Hypothalamus schüttet hormonelle Botenstoffe aus, unter anderem das Corticotropin-releasing-Hormon. Dieses Hormon wirkt auf die Hirnanhangdrüse im Gehirn - auch Hypophyse genannt. Es sorgt dafür, dass sie ein weiteres Hormon freisetzt, das Adrenocorticotropin, kurz ACTH. Es gelangt mit dem Blut zur Rinde der Nebenniere und veranlasst diese, das Stresshormon Kortisol auszuschütten. Kortisol ist ein lebenswichtiges Glukokortikoid, das auch viele andere Funktionen im Körper hat. Ist es im Übermaß vorhanden, kann es den Körper aber auch schädigen.

Zusammen sorgen die Hormone und das sympathische Nervensystem dafür, dass unser Körper mehr Sauerstoff und Energie bekommt, um schnell zu handeln. Gelassenheit kann man lernen.

Was die Hormone bewirken

  • Der Atem beschleunigt sich
  • Puls und Blutdruck steigen an
  • Die Leber produziert mehr Blutzucker
  • Die Milz schwemmt mehr rote Blutkörperchen aus, die den Sauerstoff zu den Muskeln transportieren
  • Die Adern in den Muskeln weiten sich. Dadurch werden die Muskeln besser durchblutet
  • Der Muskeltonus steigt. Das führt oft zu Verspannungen. Auch Zittern, Fußwippen und Zähneknirschen hängt damit zusammen
  • Das Blut gerinnt schneller. Damit schützt sich der Körper vor Blutverlust
  • Die Zellen produzieren Botenstoffe, die für die Immunabwehr wichtig sind
  • Verdauung und Sexualfunktionen gehen zurück. Das spart Energie

Stress und Gedächtnis

Die Amygdala setzt nicht nur die Stressreaktion in Gang. Sie veranlasst auch eine bedeutende Gedächtnisregion im Gehirn, den ganz in der Nähe gelegenen Hippocampus, sich die stressauslösende Situation gut zu merken. Auf diese Weise lernen wir, uns vor dem Stressor in Acht zu nehmen. Kommen wir erneut in eine derartige Situation, läuft die Stressreaktion noch schneller ab. Forschungen haben gezeigt, dass chronischer Stress die Zellfortsätze im Hippocampus schädigen kann. Sie sind Teil der Nervenzelle und wichtig für die Aufnahme von Information. Schrumpfen sie, wirkt sich das negativ auf das Gedächtnis aus.

Denken und Stress

Auch mit dem "denkenden" Teil des Gehirns ist die Amygdala eng verbunden, vor allem mit einem stammesgeschichtlich jüngeren Teil unseres Hirns, dem Stirnlappen. Er ist wichtig für die Kontrolle der Emotionen. Wie der Name sagt, sitzt er hinter der Stirn. Er wird auch präfrontaler Cortex genannt. Mit seiner Hilfe können wir durch logische Analyse und Denken unsere Emotionen beeinflussen. Er spielt eine große Rolle bei der Bewertung, ob wir einen Stressor für bewältigbar halten oder nicht, und für unser Verhalten in der stressigen Situation. Chronischer Stress allerdings kann den präfrontalen Cortex verändern, so dass es schwieriger wird, sinnvolle Entscheidungen zu treffen.

Eingebaute Stressbremse

Zum Glück regen wir uns meistens nach Stress auch wieder ab. Dabei hilft eine eingebaute Stressbremse. Ist nämlich das Stresshormon Kortisol in ausreichendem Maß im Blut vorhanden, merken das bestimmte Rezeptoren im Drüsensystem und im Gehirn, die Glucocorticoidrezeptoren. Daraufhin stoppt die Nebennierenrinde die Produktion von weiterem Kortisol. Das parasympathische Nervensystem - der Teil des Nervensystems, der unseren Körper zur Ruhe kommen lässt - wird aktiv. Wir werden wieder ruhiger und entspannen uns.

Wenn die Hormone aus dem Ruder laufen

Anders sieht es aus, wenn das Zusammenspiel der Hormone nicht optimal funktioniert. Zum Beispiel, wenn nicht genug Rezeptoren vorhanden sind, die merken könnten, dass genug Kortisol vorhanden ist. Oder wenn die vorhandenen Rezeptoren nicht richtig arbeiten. Dann wird die Achse aus Hypothalamus, Hirnanhangdrüse und Nebenniere zu aktiv. Sie produziert zu viel Kortisol.

So etwas kann in schlimmen Fällen zu Denkstörungen, zu Gewebeschwund im Hirn und zu Störungen des Immunsystems führen. Auch die Entstehung von Depressionen wird auf diesen Einfluss zurückgeführt, ebenso Stoffwechselstörungen, die Diabetes fördern.

Frühe traumatische Erfahrungen beeinflussen die Stressreaktion

Intensiver Stress in der frühen Kindheit kann die Arbeitsweise von Genen, die an der Stressreaktion beteiligt sind, so beeinflussen, dass Stresshormone schneller und intensiver ausgeschüttet werden. Das wiesen Neurowissenschaftler aus dem Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München an Tieren nach. Dieser Effekt bleibt lebenslang bestehen. Ähnliche Ergebnisse scheint es unter bestimmten genetischen Bedingungen auch bei Menschen zu geben, die ein Trauma erlebt haben, etwa durch eine Naturkatastrophe, durch Missbrauch oder durch Gewalt.

Fight, Flight, Freeze in der heutigen Welt

Bei allen drei Reaktionen liegt der Knackpunkt im „Kurzzeitig“! Der Mensch ist nicht darauf ausgelegt, diese Stressreaktion über Tage oder Wochen aufrechtzuerhalten. Stress dient dazu, die Energie im Körper zu mobilisieren. Wird diese nicht gebraucht, da der Stress weder durch Wegrennen noch durch Kämpfen gelöst wird, gerät der Körper aus dem Gleichgewicht. Dauerhaft gestresste Menschen können so chronische Krankheiten entwickeln. Lethargie, Depressionen und Burn-out sind die Folge von zu langem Stress, der nicht abgebaut wird. Um es gar nicht erst zu solchen Erkrankungen kommen zu lassen, hilft Resilienztraining. Es stärkt die Widerstandsfähigkeit gegen Stress, und Sie lernen Regulationstechniken für Gesundheit auch in der „stressigen“ Arbeitswelt.

Noradrenalin: Der anregende Botenstoff

Noradrenalin, auch Arterenol, Levanterenol oder Norepinephrin genannt, nimmt Einfluss auf zahlreiche lebenswichtige Funktionen des menschlichen Körpers, wie zum Beispiel den Blutdruck, die Atmung und den Stoffwechsel. Noradrenalin, eng verwandt mit dem Adrenalin, ist der wichtigste anregende Botenstoff unseres Nervensystems. Er gehört zusammen mit Adrenalin und Dopamin zur Gruppe der Katecholamine.

Die Bildung von Noradrenalin findet im Nebennierenmark, in verschiedenen Hirnzellen und in bestimmten Nervenzellen des vegetativen Nervensystems (Sympathikus) statt. Noradrenalin ist dafür zuständig, den Körper bei psychischen und physischen Belastungen entsprechend zu aktivieren und Körperfunktionen anzupassen. Der Neurotransmitter leitet Stresssignale besonders schnell zum Gehirn und regt die Bildung und Freisetzung von Adrenalin über eine Aktivitätssteigerung des Sympathikus an. Folge daraus ist eine erhöhte Aufmerksamkeit - was dazu führt, dass wir in stressigen Situationen schnell handeln.

Noradrenalin steuert interaktiv die Reaktionskette der Stresshormone und Neurotransmitter. Wenn Belastungen zu hoch werden, kann die Reaktionskette aus dem Gleichgewicht geraten. Bei dauerhafter Stressbelastung ist der Noradrenalin-Wert langfristig erhöht. Dieses Level bzw. das gesteigerte Noradrenalin-Adrenalin-Verhältnis kann auf Dauer nicht gehalten werden. So sinkt der Noradrenalin-Wert bei zunehmender Erschöpfung des Körpers durch Stress signifikant.

Weil der Neurotransmitter Noradrenalin bei Bedarf ausgeschüttet wird, lässt sich die Konzentration des Noradrenalins am besten mit dem zweiten Morgenurin ermitteln, denn in diesem sind zudem die bereits aufgetretenen Tagesbelastungen enthalten. Medikamente wie Antidepressiva können den Noradrenalin-Spiegel verfälschen und müssen berücksichtigt werden.

Noradrenalin wird in der Notfallmedizin verwendet. Das Medikament steht auf der Doping-Liste und ist somit im Leistungssport verboten. Verabreicht wird das Medikament, indem es über einen Perfusor in eine Vene injiziert wird. Nebenwirkungen von Noradrenalin können sehr unterschiedlich sein, weil jeder Körper anders auf Medikamente reagiert. Treten Nebenwirkungen auf, weist dies meist auf eine zu hohe Dosierung oder zu rasche Injektion in die Vene hin. Dies kann zu starkem Blutdruckanstieg und somit zu einem Herabsetzen des Herzschlags und Herzrhythmusstörungen führen.

Bei einem Einsatz des Neurotransmitters in der Schwangerschaft sind keine Auswirkungen auf das Ungeborene zu erwarten. Das Medikament erreicht möglicherweise aber den Mutterkuchen und kann dort zu einer verminderten Durchblutung führen. Außerdem können Krämpfe und eine herabgesetzte Durchblutung der Gebärmutter auftreten. Die Gabe von Noradrenalin in der Schwangerschaft sollte daher nur nach einer ausreichenden Abwägung durch ÄrztInnen erfolgen.

Noradrenalin geht zwar in die Muttermilch über, bleibt aber nur eine geringe Zeit im Körper, da sich der Wirkstoff schnell abbaut. Noradrenalin steht in Zusammenhang mit Krankheiten wie ADHS und Depressionen.

Primärer Grund für das Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndroms (ADHS) ist ein Defizit der Dopaminausschüttung. Wahrscheinlich ist, dass hier ebenfalls eine herabgesetzte Adrenalin- und Noradrenalinausschüttung eine Rolle spielt.

Weil Noradrenalin unter anderem für die Regulation von Emotionen verantwortlich ist, wirkt sich eine Verringerung der Konzentration negativ auf unseren Körper und unsere Seele aus.

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