Die Kassierer, gegründet vor über 15 Jahren in Bochum-Wattenscheid, sind eine der extremsten Erscheinungen in der deutschen Punkszene. Die Band um Sänger Wolfgang „Wölfi“ Wendland, Schlagzeuger Volker Kampfgarten, Gitarrist Niko und Bassist Mitch Maestro ist bekannt für ihre sonderbaren und derben Texte, die zwischen Erstaunen und Erschrecken schwanken lassen.
"Mein Gehirn, Dein Gehirn" und das Album "Männer, Bomben, Satelliten"
Das Album "Männer, Bomben, Satelliten" erschien anlässlich des achtzehnten Geburtstags der Kassierer. Die Volljährigkeit hört man dem Sound auch an. Womit keineswegs gesagt werden soll, daß ihre berühmt-berüchtigten spätpubertären Scherze fehlen - im Gegenteil. Die Kassierer zünden wie eh und je ihr Feuerwerk an Schlüpfrigkeiten und Attacken gegen den guten Geschmack. Gleichwohl wirken sie gereift, was sich auf die Auswahl und auf die überraschende musikalische Breite ihrer neuesten Produktion auswirkt. Das Spektrum reicht weit über Punkrock hinaus und enthält Ausflüge in Jazz, Chanson, Country and Western, Heavy Metal usw. Die musikalische Vielfalt des Albums reicht von Punk über Jazz und Chanson bis hin zu Country, Western und Heavy Metal. Songs wie "Mein schöner Hodensack" und "Kuckuck" zeigen die Band als boshafte Meister des Neodadaismus.
Auf "Männer, Bomben, Satelliten" finden sich viele Hits wie Ich bin faul, Partylöwe, Das politische Lied, Arsch abwischen, Schnaps und Bier und Meine Interessen. Daneben kurze Blödeleien wie Kuckuck, Der Harn von Rudi Carell oder Warum ich immer so traurig bin.
Inhaltliche Schwerpunkte des Albums
Die Kassierer präsentieren sich auf "Männer, Bomben, Satelliten" als feinsinnige Beobachter, die durchaus befähigt sind, ein differenziertes Statement zur politischen Situation in diesem Lande abzugeben ("Das politische Lied"), Konzepte zur Entlastung der angespannten Lage auf dem Arbeitsmarkt entwickeln ("Schnaps und Bier") oder fundiertes Hintergrundwissen und konkrete Handlungsanweisungen zu Fragestellungen geben, welche die Menschheit wirklich bewegen ("Partylöwe", "Meine Interessen", "Das schlimmste ist, wenn das Bier alle ist"). Somit holen Die Kassierer den Punk endlich wieder von der Straße zurück und hinein ins Feuilleton. Und da gehört er schließlich hin.
Die Kassierer greifen alles aus dem deutschen Sprachgebrauch auf, was den guten Geschmack kränkt. Die Fäkalsprache ist das große Element und alles was links und rechts noch aufgegriffen werden kann. Eigentlich ist das gesungene Wort komplett No-Go, insofern man die Kompositionen nicht mit mindestens zwei zwinkernden Augen betrachtet. Wer hier auf der Suche nach Niveau ist, wird sich den Finger abbeißen. Lediglich wer knapp dreiundvierzig Minuten hirnloses Treiben anpeilt, wird mit vorliegender Wiederveröffentlichung aus dem Jahr 2003 auf Vinyl glücklich.
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Musikalische Vielfalt und Ironie
In der Tat, ein nach wie vor insgesamt echt witziges Album, auch weil die Kassierer musikalisch auf jeden Fall besser als die Durchschnittspunkrumpelkapellen sind, da sie stilistisch unglaublich variieren und wenige Lieder ähnlich klingen. Dennoch gibt es ein paar schwächere Songs, denen es sowohl an musikalischer als auch textlicher Originalität fehlen ("Das Lied vom Hass", "Kommste mit ins Stadion"). Mit "Meister aller Fotzen" konnte ich ebenfalls noch nie etwas anfangen, da in dem NDH-Gewand die Ironie nicht sonderlich geschickt rüberkommt. Aber, sollte das vor 20 Jahren als gezielte Rammstein-Parodie gedacht gewesen sein, kann man den Kassierern beinahe etwas Prophetisches zusprechen. Wenn man den Song vor dem Hintergrund der aktuellen Kontroversen um den Sänger anhört, ist das doch ganz erstaunlich. "Das schlimmste ist, wenn das Bier alle ist" ist zum Überhit der Band geworden. Damals stach der Titel für mich gar nicht so heraus und heute ist er, in meinen Ohren, recht abgedroschen. Vielleicht wie "Linoleum", das auch jede Dorfkapelle covert.
Die Kassierer als Kunst und Provokation
Die Kassierer gelten bekanntermaßen als Kunst, vielleicht deswegen noch kein Aufschrei wegen Political Correctness in der heutigen Zeit. was mich ein wenig wundert.
Die Kassierer wurden bei ihren drei vielversprechendsten Anläufen von den vermeintlichen Jugendschützern nicht in diese Schmuddelschublade geworfen. Auch wenn mit schweren Geschützen wie "Sexismus", "Gewaltverherrlichung" oder gar "ethischer Desorientierung" auf Alben wie "Der Heilige Geist greift an" oder "Habe Brille" gefeuert wurde, attestierte man den Ruhrpott-Rüpeln - man höre, staune und lache über so viel musische Erkenntnis - Kunst. Und Satire darf bekanntlich alles.
Tja, das ist Punk! Für den einen Hörer sinnloser Unfug, insbesondere was die Texte betrifft, für den anderen Musik-Freak ist es Götterdämmerung, mit dem Finger in der Wunde. Die Nummer Mein Schöner Hodensack gilt für die erste Kategorie, während Das Politische Lied sicherlich mehr als aktuell die verbale Inkontinenz unserer aktuellen Regierung anklagt.
Einblicke in die Bandgeschichte und Live-Auftritte
Die Kassierer feiern Jubiläum, das zwanzigste (mittlerweile sind wir bei 36) das sollte groß in der Kulturfabrik gefeiert werden. Als ich gegen 16:30 ankam standen tatsächlich schon Leute vor dem Tor. Mit Gästeliste und Filmpass kommt man natürlich viel früher rein, wie praktisch. Erstmal den Knorkatorsoundcheck gesehen die sollten Vorband sein. Komischerweise machten diese ihren als erstes, normal ist immer die Hauptband zuerst dran. Aber da waren wohl noch nicht alle da als Soundcheck sein sollte. In der Halle galt für das Konzert übrigens Fotokamera UND Fotohandyverbot. Fotohandys lieferten damals ungefähr 160x120 Pixel. Wer mit einer erwischt wurde flog nach Ermahnung raus bzw. konnte sein Handy / Fotoapperat abgeben und nachher wieder abholen. Das war ne ziemlich volle Kiste die da am Bühnenrand stand und am Ende blieben mehrere Handys über.
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Schon bei Knorkator kochte die Stimmung auf, und die waren auch noch richtig gut hat durchaus Spass gemacht. Das Set war zwar ziemlich zusammengestaucht, die Band machte aber trotzdem einen ziemlichen Abriss auf der Bühne. Der Umbau für die Kassierer ging schnell. Die fingen quasi gleich an wie jedes Konzert so anfängt. Gut ich wusste natürlich das es einen "besonderen Showblock" gibt, so hatte ich doch die Setlist gesehen. Aber dem Publikum machte das nichts aus, wenn 1000 Leute "Sex mit dem Sozialarbeiter" mitsingen hat das schon was. In der Mitte des Sets gabs dann einen "Kassierer Klassiker" abschnitt mit 3 Songs die sonst im grunde nie gespielt werden "Hugo" "Stiefgroßmutter" und sogar "Anarchie und Alkohol" dazu gab es etwas aus dem Showblock von Anfang der 90er und schließlich der Grund warum keine Fotos zugelassen waren. Es gab eine Stripshow, und die Damen wollten nicht Fotografiert werden. Jedes Fotohandy oder Kamera die hochgehalten wurde, wurde gleich eingesackt. Ich bin da wohl der einzige der ein Videodokument dazu hat neben der Band natürlich. Zudem gab es noch den Song "Schiffchen" mit dem ersten Gitarristen der Band auf der Ukulele. Wobei das Konzert danach ganz normal zuende ging. Das Publikum war dann zum Ende hin nämlich auch ziemlich Platt.
Die Kassierer sind live ein in jeder Hinsicht überwältigendes Erlebnis zwischen Extremsuff und Faustfick, das einen krassen Gegensatz darstellt zur Interviewsituation an einem regnerischen Septemberabend in einer Wattenscheider Kneipe namens „Hannes“.
Die Kassierer im Gespräch: Humor, Provokation und Philosophie
Im Gespräch mit der Band wird deutlich, dass hinter der Fassade der Provokation eine gewisse philosophische Tiefe steckt. Volker Kampfgarten definiert Musik als einen Ausdruck des gesteigerten Affektes. Wolfgang Wendland sieht sich selbst als eine Art singender Hausmeister der Band, dessen Gesang aber Stil bildend ist. Die Band betont, dass sie keine Grenzen nach unten setzen, aber auch schon Sachen verworfen haben, die ihnen zu dämlich waren.
Auf die Frage, was ihre Mütter zu ihren Platten sagen, antwortet Wolfgang: Bedingt dadurch, dass wir Brüder sind, haben Volker und ich die gleiche Mutter, und die sagt dann ‚Ja, ist ja ganz schön, aber jetzt hört euch mal ein Gedicht von mir an‘. Und dann liest sie uns ihre Gedichte vor.
Alkohol als Inspirationsquelle?
Alkohol spielt bei den Kassierern eine wichtige Rolle, sowohl auf der Bühne als auch in den Texten. Nico betont, dass Alkohol sonst nicht zu ertragen wäre, 18 Jahre lang mit diesem Blödsinn durch die Gegend zu fahren und nüchtern zu bleiben. Wolfgang hatte bis vor kurzem noch die Hoffnung, Nachfolger von George W. Bush werden zu können, denn der hat mit 40 aufgehört zu saufen. Dann musste ich feststellen, dass man in den USA geboren worden sein muss, um Präsident zu werden, und so saufe ich jetzt einfach weiter.
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