Oberschenkelamputation bei Multipler Sklerose: Ursachen, Versorgung und Rehabilitation

Eine Oberschenkelamputation ist ein einschneidender Eingriff, der weitreichende Folgen für die Betroffenen hat. Obwohl sie häufiger bei älteren Menschen als Folge von Gefäßerkrankungen auftritt, kann sie auch bei Menschen mit Multipler Sklerose (MS) notwendig werden. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, die Versorgungsmöglichkeiten und die Rehabilitation nach einer Oberschenkelamputation, insbesondere im Kontext von MS.

Ursachen einer Oberschenkelamputation

Eine Oberschenkelamputation betrifft überproportional häufig ältere Menschen. In 80 bis 90 % der Fälle ist sie die Folge einer peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (pAVK), die oft auf einen Diabetes mellitus, eine terminale Niereninsuffizienz, einen Hypertonus und/oder Adipositas zurückzuführen ist. Sehr viel seltener führen Traumata, Tumore oder auch Infektionen zum Verlust der unteren Extremität.

Bei Menschen mit Multipler Sklerose kann eine Amputation aufgrund von Komplikationen im Zusammenhang mit der Erkrankung erforderlich werden, wie z.B.

  • Schwere und therapieresistente Druckgeschwüre (Dekubitus)
  • Chronische Infektionen
  • Durchblutungsstörungen infolge von Immobilität und Gefäßveränderungen

Auswirkungen der Oberschenkelamputation

Eine Oberschenkelamputation stellt Betroffene vor große Herausforderungen. Neben den physischen Einschränkungen, wie dem Verlust der Mobilität und der veränderten Körperwahrnehmung, spielen auch psychische Faktoren eine wichtige Rolle. Der Verlust eines Körperteils kann zu Depressionen, Angstzuständen und einem verminderten Selbstwertgefühl führen.

Der Verlust des Kniegelenks bei einer Oberschenkelamputation führt zu einer einschneidenden Einschränkung der Beweglichkeit. Um die Mobilität wiederherzustellen, wird bei der Operation darauf geachtet, den Stumpf des Oberschenkels so lang wie möglich zu lassen, um diesen als stabilen Anker für eine Prothese zu nutzen. Damit der Stumpf belastbar ist und keine Druckstellen durch den verbleibenden Knochen entstehen, ist es wichtig, einen ausreichenden Weichteilmantel, bestehend aus Muskeln, Gewebe und Haut, stehen zu lassen und den abgeschnittenen Knochen damit zu decken.

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Versorgung mit einer Prothese

Je nach körperlicher Leistungsfähigkeit und persönlichem Lebensumfeld ist die Versorgung mit einer Prothese Voraussetzung für den Erhalt der Selbstständigkeit und die Teilhabe am privaten, beruflichen, sozialen und kulturellen Leben. Prothesen in Leichtbauweise und/oder mikroprozessorgesteuerte Gelenke mit Unterstützung in der Schwung- und der Standphase zur Stabilisierung bei unebenem Gelände oder bei der Benutzung von Treppen können zu längeren Tragezeiten und größerer Selbstständigkeit führen, sofern der Betroffene motiviert ist, den Umgang mit der Prothese und seine Gehfähigkeiten aktiv zu trainieren und gleichzeitig Fehlbelastungen auf der erhaltenen Seite zu vermeiden.

Die Anpassung einer Prothese ist ein individueller Prozess, der auf die Bedürfnisse und Fähigkeiten des einzelnen Patienten abgestimmt wird. Bis zur endgültigen Prothesenversorgung können Übergangsprothesen, Unterarmgehstützen und Rollstühle nützlich sein.

Arten von Prothesen

Es gibt verschiedene Arten von Oberschenkelprothesen, die sich in ihrer Konstruktion und Funktionalität unterscheiden:

  • Konventionelle Prothesen: Diese Prothesen bestehen aus einem Schaft, einem Kniegelenk und einem Fuß. Der Schaft wird individuell an den Stumpf angepasst und dient als Verbindung zwischen dem Körper und der Prothese.
  • Mikroprozessorgesteuerte Prothesen: Diese Prothesen verfügen überSensoren und Mikroprozessoren, die die Bewegung des Kniegelenks steuern und an die jeweilige Gangsituation anpassen. Dadurch ermöglichen sie ein natürlicheres und sichereres Gangbild.
  • Hybridprothesen: Diese Prothesen kombinieren Elemente konventioneller und mikroprozessorgesteuerter Prothesen.

Der Anpassungsprozess

Die Anpassung einer Oberschenkelprothese umfasst mehrere Schritte:

  1. Anamnese und Untersuchung: Der Orthopädietechniker erhebt die Krankengeschichte des Patienten und untersucht den Stumpf, um die individuellen Bedürfnisse und Anforderungen zu ermitteln.
  2. Schaftanpassung: Der Schaft wird individuell an den Stumpf angepasst, um einen optimalen Sitz und eine gute Kraftübertragung zu gewährleisten.
  3. Auswahl der Komponenten: Der Orthopädietechniker wählt die passenden Kniegelenk- und Fußkomponenten aus, die den individuellen Bedürfnissen und Fähigkeiten des Patienten entsprechen.
  4. Probetragen und Anpassung: Der Patient trägt die Prothese probe und der Orthopädietechniker nimmt Feinjustierungen vor, um den Komfort und die Funktionalität zu optimieren.
  5. Gangschulung: Der Patient lernt, mit der Prothese zu gehen und alltägliche Aktivitäten auszuführen.

Rehabilitation

Die Rehabilitation nach einer Oberschenkelamputation ist ein wichtiger Bestandteil des Behandlungsprozesses. Sie dient dazu, die körperlicheFunktion wiederherzustellen, die Selbstständigkeit zu fördern und die Lebensqualität zu verbessern.

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Ziele der Rehabilitation

Die Rehabilitation hat folgende Ziele:

  • Stärkung der Muskulatur
  • Verbesserung der Koordination und des Gleichgewichts
  • Schmerzlinderung
  • Anpassung an die Prothese
  • Erlernen von Kompensationsstrategien
  • PsychischeStabilisierung

Maßnahmen der Rehabilitation

Die Rehabilitation umfasst verschiedene Maßnahmen:

  • Physiotherapie: Durch gezielte Übungen werden die Muskulatur gestärkt, die Koordination verbessert und die Beweglichkeit gefördert.
  • Ergotherapie: Der Patient lernt, alltägliche Aktivitäten mit der Prothese auszuführen und Kompensationsstrategien zu entwickeln.
  • Schmerztherapie: Schmerzen werden mit verschiedenen Methoden behandelt, wie z.B. Medikamenten, physikalischen Therapien undEntspannungstechniken.
  • Psychologische Betreuung: Der Patient erhält Unterstützung bei der psychischen Verarbeitung des Verlustes und der Anpassung an die neue Lebenssituation.
  • Gangschulung: Der Patient lernt, mit der Prothese zu gehen und alltägliche Aktivitäten auszuführen. Die Ansprüche an eine Gangschule sind relativ gut definiert; die Übungen werden mit und ohne Hilfsmittel durchgeführt und adressieren Kraft, Gleichgewicht, Stumpfwahrnehmung und das Gehen mit der Prothese (Stabilität, Prothesenkontrolle), wobei häufig Wert auf ein symmetrisches Gangbild gelegt wird.

Gangbildanalyse

Standardisierte Ganganalysen sind unabdingbar, um eine gewählte Versorgung objektiv zu bewerten und in der Folge auch zwischen subjektiven („gefühlten“) und objektiven Verbesserungen zu differenzieren. Letztere können sowohl Folge therapeutischer (Physio‑, Sport- und Ergotherapie, psychologische Begleitung) als auch orthopädietechnischer Interventionen (Veränderung und Optimierung von Schaft, Aufbau und/oder Prothesenpassteilen) sein.

Je nach Fragestellung reicht der Aufwand für die Beurteilung der bipedalen Lokomotion von „einfachen“ klinischen Tests (10-Meter-Gehtest, Timed-up-and-go-Test) und Fragebögen (Selbst- und Fremdbeurteilung) über die Ermittlung spatio-temporaler (räumlich-zeitlicher) Kennwerte auf instrumentierten Laufstrecken oder Laufbändern bis hin zur Verwendung hochauflösender 3D-Kameras und reflektierender Marker, um die Position des gesamten Körpers bzw. interessierender Segmente während des Gangzyklus kontinuierlich aufzuzeichnen („motion tracking“). Jedoch wird dem Probanden - unabhängig davon, ob er ein Laufband oder eine instrumentierte Teststrecke nutzt - immer bewusst sein, dass er sich in einer Test- und Untersuchungssituation befindet; dieses Wissen kann bereits zu Abweichungen vom „alltäglichen“ Gangbild führen.

Im interaktiven Ganglabor GRAIL (Gait Real-time Analysis Interactive Lab; Motekforce Link, Amsterdam) sind immersive Virtuelle Realität und vielfältige Optionen zur Ganganalyse kombiniert: Zwei instrumentierte und getrennt ansprechbare Laufbänder, ein 3D-Motion-Tracking und optional auch die Integration einer Oberflächen-Elektromyographie erlauben eine umfassende Ganganalyse. Zur Erzeugung der virtuellen Umgebung werden Bilder natürlicher (Wald, Stadt) oder artifizieller Umgebungen mit einer mit der Laufbandgeschwindigkeit synchronisierten Frequenz auf einen großen halbzylindrischen Bildschirm projiziert. Adäquat konfigurierte Lautsprecher unterstützen die Sinnesstäuschung und das Eintauchen („Immersion“) in die Virtuelle Realität. Während der Untersuchung am GRAIL ist der Proband mit einem Gurtsystem gegen Stürze gesichert. Geschwindigkeit, Neigung sowie Seitwärtsbewegung der Laufbänder können unabhängig und für den Probanden scheinbar zufällig variiert werden, um alltägliche Situationen beim Gehen in öffentlichen Räumen (unvorhergesehene Hindernisse, Stolpern etc.) ohne reale Sturzgefahr zu simulieren.

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Spezielle Aspekte bei Multipler Sklerose

Bei Menschen mit Multipler Sklerose sind einige Besonderheiten in der Versorgung und Rehabilitation nach einer Oberschenkelamputation zu beachten:

  • Berücksichtigung der neurologischen Symptome: Die Rehabilitation muss die individuellen neurologischen Symptome des Patienten berücksichtigen, wie z.B. Spastik,Sensibilitätsstörungen und Fatigue.
  • Anpassung der Therapie: Die Therapie muss an den individuellenVerlauf der MS angepasst werden, da die Symptome undFunktionsbeeinträchtigungen im Laufe der Zeit variieren können.
  • Multidisziplinäres Team: Ein multidisziplinäres Team aus Ärzten, Therapeuten, Orthopädietechnikern und Psychologen ist erforderlich, um eine umfassende und individuelle Versorgung zu gewährleisten.
  • Hilfsmittel: Neben der Prothese können weitere Hilfsmittel erforderlich sein, um die Mobilität und Selbstständigkeit zu fördern, wie z.B. Rollator, Rollstuhl oderElektrostimulationsgeräte.

Fußheberschwäche bei MS

Kommt es zu einer Fußheberschwäche im Rahmen einer Multiplen Sklerose kann der Fuß beim Gehen nicht richtig angehoben werden, schleift auf dem Boden und nur der Vorfuß wird aufgesetzt. Das Gangbild wird als Steppergang bezeichnet und kann zu Stürzen führen, da kleine Unebenheiten des Bodens zu Stolperfallen werden. Das unrunde Gangbild kann ausserdem zu Schmerzen der Hüfte und des Rückens führen. In einer unter dem Knie angebrachte Manschette sind Elektroden eingesetzt, die elektrische Impulse an den nicht mehr angesprochenen Nerv senden. Der Muskelschrittmacher wird individuell auf die Gangparameter der Patient:in eingestellt. Damit schleift die Fußspitze nicht mehr über den Boden und die Sturzgefahr ist minimiert.

Funktionelle Elektrostimulation (FES)

Die funktionelle Elektrostimulation (FES) ist eine Therapiemethode, die bei Multipler Sklerose eingesetzt wird, um Muskeln durch elektrische Impulse zu stimulieren und so das Gehen zu erleichtern. Die FES kann helfen, die Symptome von MS zu lindern und den Verlust von Muskelkraft und -funktion zu reduzieren. Zwei Hilfsmittel, die für die FES bei MS eingesetzt werden können, sind der L300 von Ottobock und der Evomove von Evomotion.

Exopulse Mollii Suit

Der Exopulse Mollii Suit ist eine innovative Behandlungsoption für Menschen mit neurologischen Erkrankungen wie z.B. Multiple Sklerose. Der Anzug besteht aus einer Reihe von Elektroden, die über die Haut verteilt sind und durch elektrische Impulse die Muskelaktivität steuern. Dadurch kann der Anzug bei Spastiken und anderen Bewegungseinschränkungen helfen und somit die Mobilität und Lebensqualität verbessern.

Finanzierung der Versorgung

Alle gesetzlich Versicherten Personen, welche eine Prothese benötigen, steht auch laut SGB V eine Prothese zu. Nachdem ein Kostenvoranschlag bei der jeweiligen Versicherung eingereicht wurde und dieser genehmigt wurde, wird mit der Versorgung begonnen. Private Versicherungen übernehmen in der Regel ebenfalls die Versorgung. Für ein Standardmodell können Sie mit einer gesetzlichen Zuzahlung zwischen 5€ und maximal 10€ je Versorgung rechnen. Für eine Premium-Versorgung, können abhängig vom Modell weitere Kosten anfallen.

Fazit

Eine Oberschenkelamputation ist ein komplexer Eingriff, der eine umfassende Versorgung und Rehabilitation erfordert. Bei Menschen mit Multipler Sklerose sind die besonderen Herausforderungen der Erkrankung zu berücksichtigen, um eine optimaleFunktionswiederherstellung und Lebensqualität zu erreichen. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit und die individuelle Anpassung der Therapie sind dabei entscheidend.

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