In der Welt der Musik gibt es immer wieder neue Klänge und Künstler zu entdecken. Manchmal fallen einem in einem Monat nur wenige Alben ins Auge, während andere Monate eine Fülle an Lobenswertem bieten. Es ist wichtig, auch weniger beachteten Werken die verdiente Aufmerksamkeit zu schenken. Diese Betrachtung führt uns zur "Nerven Kartoffel EP" und zu weiteren musikalischen Entdeckungen, die es wert sind, näher beleuchtet zu werden.
Bon Iver und die "For Emma, Forever Ago" EP
Die "For Emma, Forever Ago" wurde erst spät entdeckt, aber nach intensivem Hören steht fest, dass sie in den Jahrescharts viel zu weit hinten platziert war. Die EP besteht aus gerade mal vier Tracks, die es in sich haben. Der Titeltrack entstand gemeinsam mit den Album-Songs, aber "Woods" klingt beispielsweise völlig anders: Er besteht nur aus Justin Vernons Stimme, bzw. dem, was Autotune davon übrig gelassen hat. Trotzdem klingt es nicht grauenvoll, sondern packend.
Antony and the Johnsons: "The Crying Light"
"Kunden, die Bon Iver kauften, kauften auch … Antony And The Johnsons". "The Crying Light" ist ein großartiges Album: Kammerkonzertartige Instrumentierung (weswegen die Band auch unter „Chamber pop“ einsortiert ist), überraschende Wechsel in Takt und Harmonie und über allem eine Stimme, die man nur mit dem Adjektiv „entrückt“ beschreiben kann. Ein Album, wie geschaffen für den Januar: Es passt zu grauen Nachmittagen ebenso wie zu Schneespaziergängen im Sonnenschein. Da ist ein Songtitel wie „New Year’s Day“ nur noch das Tüpfelchen (vielleicht sogar das Herzchen) auf dem i.
Lily Allen: "The Fear"
Spätestens seitdem man sie live gesehen hat, ist man ein bisschen in Lily Allen verliebt. "The Fear" ist auch mit etwas versuchtem Abstand ein toller Song: ausgewogen zwischen Melancholie (Akustikgitarren, der Text) und Partystimmung (die Beats, das Gezirpe) geht er sofort ins Ohr, ohne dabei zu cheesy zu sein.
Franz Ferdinand und schwedische Wiedergänger
Es ist natürlich reiner Zufall, dass ausgerechnet in dem Monat, in dem Franz Ferdinand am Umgang mit Synthesizern scheitern, ihre schwedischen Wiedergänger einen derart gelungenen Tanzbodenstampfer aus dem Ärmel schütteln.
Lesen Sie auch: Diagnose von Schmerzen an der Außenseite des Knies
Bruce Springsteen: "Working On A Dream"
Das neue Album „Working On A Dream“ will einen irgendwie nicht so recht packen, alles klingt so altbekannt. Aber dann kommt „The Wrestler“, der Golden-Globe-prämierte Bonustrack, der an „The River“, „Secret Garden“ oder „Dead Man Walking“ erinnert, und man ist wieder hin und weg.
The Fray und College Rock
Eigentlich soll man sich ja nicht für seinen Geschmack entschuldigen, aber bei College Rock habe ich immer das Gefühl, es trotzdem tun zu müssen. Ich liebe das Debütalbum von The Fray (die Melancholie, die Texte, das Klavier!) und es ist mir egal, dass sie als „christliche Rockband“ gelten. „You Found Me“, die Vorabsingle ihres zweiten, selbstbetitelten Albums, läuft angeblich bei Einslive rauf und runter (Lily Allen läuft sogar auf WDR 2), aber das macht nichts.
Animal Collective: "Merriweather Post Pavilion"
„Merriweather Post Pavilion“, das neue Album von Animal Collective (von denen ich bisher nichts kannte), fällt bei mir in die Kategorie „Sicher nicht schlecht, aber ich wüsste nicht, wann ich mir sowas noch mal anhören sollte“ - und befindet sich dort mit Radiohead und Portishead in bester Gesellschaft. „Brother Sport“ unterscheidet sich in Sachen Unzugänglichkeit und Melodielosigkeit nicht groß vom Rest des Albums, hat aber dennoch irgendwas (sehr präzise, ich weiß), was mich zum Hinhören bringt. Das Repetitive nervt diesmal nicht, sondern entfaltet seine ganz eigene hypnotische Wirkung.
"Was Ihr Wollt" - Shakespeare im modernen Gewand
„Also, Shakespeare hatte auf alle Fälle ’n paar krasse Probleme. Der war bestimmt schwul!“, diagnostizierte ein pickliger 16-Jähriger, der mit seiner ganzen Klasse zum Theaterbesuch genötigt worden war, beim Herausgehen. Als Lehrer - gerade als einer, der sich für seine Schüler interessiert - ist es nicht die schlechteste Idee, mit ihnen eine Inszenierung von David Bösch zu besuchen. Die allerdings werden bei seinem „Was Ihr wollt“ auch nicht mehr so ganz mitgekommen sein, denn heutige Schüler erkennen weder ein Roy-Black-Medley noch die größten Hits des Jahres 1993, wenn sie ihnen vorgesungen werden. Für sie ist die Jugend ihrer älteren Geschwister (wenn überhaupt) ungefähr so weit weg wie Shakespeares Zeit selbst. Und damit vor Viola und ihrem Zwillingsbruder Sebastian, die bei einem Schiffbruch getrennt werden. Viola wird in Illyrien angespült, wo der Herzog Orsino seit Jahren der Gräfin Olivia den Hof macht, die wiederum von ihrem Onkel Sir Toby mit dessen Saufkumpan Andrew verkuppelt werden soll und darüber hinaus von ihrem Haushofmeister Malvolio begehrt wird. Wenn man es so aufschreibt, klingt die Geschichte deutlich mehr nach einer Vorabendserie im deutschen Fernsehen als nach Shakespeare, und in der Tat wirkt es auf der Bühne des Essener Grillo-Theaters auch so. Es ist ein unübersichtliches Wirrwarr, bei dem die einzelnen Charaktere am allerwenigsten wissen, was um sie herum passiert. Ob sie deshalb gleich wie Sir Toby und Andrew, die direkt der White-Trash-Hölle eines Hooliganblocks zu entstammen scheinen, betrunken herumkaspern müssen, ist eine gute Frage. David Bösch hat viele Details in seine Inszenierung eingebaut. Manche wirken durchdacht, andere nur aufgepfropft. Warum zum Beispiel singt das Dienstmädchen Maria an einer zentralen Stelle ausgerechnet „New England“ (in dem es ja eben nicht um eine gesellschaftliche Utopie wie Illyrien, sondern „just“ um das Finden einer neuen Liebe geht)? Wirklich nur, weil Karsten Riedel, seit längerem Böschs treuer Musikant am Bühnenrand, so ein großer Billy-Bragg-Fan ist? Auch der Umstand, dass Nicola Mastroberardino als Sir Andrew eins zu eins aussieht wie Matt Dillon in Cameron Crowes Kultkomödie „Singles“, kann eine Bedeutung haben. „Was Ihr wollt“ wirkt wie eine lose Ansammlung von Zitaten, bei der sich der Regisseur nicht so recht entscheiden konnte, was er damit eigentlich bezwecken wollte. Malvolio (Roland Riebeling) ist die groteske Karikatur einer tragischen Figur, die irgendwann nur noch nervt. Und so schlingert die Inszenierung an der Zielgruppe vorbei. Dass die Schüler den Kuss zweier Männer mit lautem Ekel kommentieren, während kurz zuvor der Kuss zweier Frauen geräuschlos über die Bühne ging, sagt vielleicht etwas über die jugendlichen Zuschauer aus, aber nichts über das Stück.
Christian Dassel und die Dokumentationsreihe "Wo warst Du, als … ?"
Christian Dassel Reportagen stechen aus dem sonstigen Elend im deutschen Fernsehen heraus und bescheren die wenigen Momente im WDR-Fernsehen, in denen man seine Rundfunkgebühren nicht für verschwendet hält. Als der WDR eine neue Dokumentarreihe von Dassel ankündigte, in der er Menschen porträtiert, deren Lebenswege sich mit der Weltgeschichte gekreuzt haben (11. September, Mauerfall, Tsunami), war man sich sicher, dass dabei Großes entstehen würde. Vermutlich weiß jeder noch, wo er am Nachmittag des 11. September 2001 war, als er zum ersten Mal die Nachrichten aus New York City hörte. Susan Borchert verbrachte den Rest des Tages vor dem Fernseher. Leider werden sie auf eine Art und Weise erzählt, die einem mitunter tierisch auf die Nerven geht: Schnelle, unmotivierte Schnitte; ein On-Screen-Design das wirkt, als hätten Schüler mit iMovie „Matrix“ nachbauen wollen; Rasanz suggerierende Schnurr- und Zirpgeräusche und eine grotesk überdramatisierende Off-Sprecherin machen viel von der Atmosphäre kaputt. In der zweiten Folge über den Fall der Berliner Mauer passt dann alles ein bisschen besser zusammen: Dassel porträtiert einen Mann, der damals wegen Vorbereitung zur Republikflucht im DDR-Gefängnis saß; eine Frau, die ihre Tochter am 10. Er gibt heute ganz offen zu, 28 Jahre seines Lebens einem Unrechtsstaat gedient zu haben - „mit allen meinen Fähigkeiten“ -, aber wenn er vom Befehlsvakuum berichtet, das damals herrschte und die Grenzsoldaten auf sich selbst gestellt zurückließ, kommt auch hier das Menschliche durch. Trotz der stilistischen Schwächen sind die Dokumentationen von „Wo warst Du, als … ?“ berührend und beeindruckend. Die in ihrer eigentlichen Größe unbegreiflichen Ereignisse werden in den Alltag heruntergebrochen und sind dadurch vielleicht nicht verständlicher, aber greifbarer.
Lesen Sie auch: Nurvet Kautabletten Nerven: Die Inhaltsstoffe und ihre Wirkung.
Spontane Online-Konzerte
Die Band hatte via Twitter darauf hingewiesen, dass sie gerade ustream - ein Programm mit dem man live Bewegtbild ins Internet streamen kann - testen würden. Im Laufe der Zeit kamen über 300 Zuschauer vorbei, was einerseits viel für so eine spontane Aktion ist, andererseits auch verdammt wenig für eine Band, die seit Jahren eher die größeren Clubs und Hallen füllt. Und während die Band da so spielte, konnten sich die Zuschauer direkt neben dem Videofenster im Chat unterhalten, ohne dass ihr Gemurmel jemanden gestört hätte. Es sind Geschichten wie diese, die einem zeigen, warum man das Internet mag.
Beobachtungen im Alltag
Man will ja nicht einfach so über fremde Menschen urteilen, die man nur einmal kurz erlebt hat. Trotzdem: Der Typ, der gestern den Einlass an der Live Music Hall mehrere Minuten aufgehalten hat, weil er sich nicht von seiner fast leeren Einweg-Wasserflasche trennen wollte (darauf sei er nicht hingewiesen worden, dies sei ein freies Land, ob er mal den Vorgesetzten sprechen könne, …), der machte schon einen Eindruck, den man als „merkwürdig“ bezeichnen könnte. Das anschließende Konzert war dann nicht mehr merkwürdig, sondern nur noch toll. Eher überraschend war die Konzerteröffnung mit dem wieder ausgegrabenen „Blue Flashing Light“, danach folgte ein Greatest-Hits-Programm, das fast keine Wünsche offen ließ. Fran Healy ist so ungefähr der einzige Musiker auf der Welt, der das Publikum zum Mitklatschen und Arme wedeln - „If you’re still feeling self-confident with your hands in the air: please leave!“ - auffordern darf, ohne dass man sich vor lauter Entertainment-Ekel windet. Das Publikum wird immer heterogener: süße Indie-Mädchen sind natürlich immer noch da (eine Zeit lang waren Travis neben Slut die Band mit dem hübschesten Publikum), aber die älteren Zuschauer, die in immer größerer Stückzahl vorhanden sind (ich habe meinen früheren Erdkundelehrer entdeckt), waren nicht nur deren Eltern. Sie alle eint der selige Gesichtsausdruck, mit dem sie in Richtung Bühne schauen, während sie mal laut, mal leise, mal gar nicht mitsingen. Zuschauer beobachten bei Travis-Konzerten kommt von der Wirkung her einer mehrstündigen Meditation oder einem Wochenende in einer einsamen Waldhütte nahe.
Jugenderinnerungen an "Aktenzeichen XY… ungelöst"
Also weniger er selbst, als viel mehr sein „Aktenzeichen XY… ungelöst“, dass immer dann lief wenn man Freitagabends allein zuhause war. „Derick“ und „Der Alte“ haben einem nie etwas ausgemacht, aber beim „Aktenzeichen“ wusste man ja, dass es um echte Fälle geht, dass man theoretisch selbst einmal von einem kleinen Jungen, der einem grob ähnlich sieht, gespielt werden könnte.
Lesen Sie auch: Warum Eltern manchmal nerven