Die Nerven, ein Post-Punk-Trio aus Stuttgart, bestehend aus Julian Knoth, Max Rieger und Kevin Kuhn, haben seit ihrer Gründung im Jahr 2010 mit ihrer deutschsprachigen Musik nicht nur rebellische Jugendliche, sondern auch das Feuilleton des Spiegels begeistert. Ihre Musik, die sich durch analytische Sprachgewalt und eine Mischung aus aggressivem Sound und ruhigen Momenten auszeichnet, ist ein Spiegelbild der gegenwärtigen westeuropäischen Lebensrealität.
Von Lo-Fi zu Post-Punk: Die Entwicklung der Nerven
Die Band begann ihre Reise im Jahr 2010 in Esslingen bei Stuttgart als noisiges Lo-Fi-Duo. Julian Knoth, Sänger und Bassist, erklärte in einem Interview, dass die Devise damals war, so laut wie möglich zu sein und so viel Lärm wie möglich zu machen. Im Jahr 2012 wurde das Duo durch Kevin Kuhn am Schlagzeug zu einem Trio erweitert, was den Sound der Band in Richtung Punk-Rock mit deutschsprachigen Texten und einer düsteren Note veränderte.
Nach einigen Singles, EPs und Download-Alben veröffentlichten Die Nerven 2012 ihr erstes physisches Album "Fluidum" auf This Charming Man Records. Zwei Jahre später erschien "Fun" (2014), das von Jan Wigger von Spiegel Online als "eine der wichtigsten und besten deutschsprachigen Platten dieses Jahrzehnts" bezeichnet wurde.
"Out": Ein Meisterwerk der Auflehnung
Mit ihrem Album "Out" (2015), das bei Glitterhouse Records erschien, gelang Die Nerven ein Meisterwerk. Das Album ist kantig, laut und aufbegehrend und drückt Haltung, Genervtheit, Frustration und Wut aus. Aber auch Liebe schwingt auf eine gewisse Art und Weise mit. "Out" ist unbequem, widerborstig, bitter und besonders. Die Songs sind so gut, dass man sie erst einmal schreiben muss. Zurecht wird diese Band gefeiert.
Auf "Out" legen Die Nerven diese Explosion an die lange Leine und zögern den großen Ausbruch bei jedem Lied hinaus. Jedes Stück mäandert auf unbehagliche Weise. Die Referenzen liegen vor allem in den 80ern, bei Bands wie Wipers, The Gun Club und Mission Of Burma. Die Nerven sind jedoch weit davon entfernt, ein Abklatsch dieser Zeit zu sein. Auf "Out" packen sie rohe Gewalt in hin- und hergleitende, bedrohlich klingende Songs, bei denen man nicht anders kann, als mit beiden Ohren hinzuhören.
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Das "schwarze Album": Eine Weiterentwicklung des Sounds
Nach vier Jahren Pause meldeten sich Die Nerven mit ihrem selbstbetitelten "schwarzen Album" zurück. Entgegen der Erwartung einer radikalen Zäsur setzten Die Nerven den Weg fort, den sie mit "Fake" eingeschlagen hatten: Weg vom rohen Lärm, hin zu strukturierten Popsongs mit einem Sound irgendwo zwischen Post-Punk und New Wave.
Auf ihrem fünften regulären Studioalbum verfeinern Max Rieger, Julian Knoth und Kevin Kuhn ihren Sound zu ihrer ganz eigenen Wall Of Sound. Erstmals war Rieger auch für Produktion und Mixing verantwortlich, was mutmaßlich zu einem noch saubereren, gleichzeitig aber auch flächigeren Klang geführt hat.
Auf dem "schwarzen Album" singen Julian Knoth und Max Rieger erstmals gemeinsam und das auf gleich mehreren Songs. Das bereichert ihren Klangkosmos und verschafft einigen Songs zusätzliche Dynamik. Die Texte sind düster und fangen das Leben der vergangenen Jahre mit allen Verunsicherungen, wegbrechenden Zukunftsperspektiven und Beklemmungen nüchtern ein.
"Wir waren hier": Ein Blick auf die Hinterlassenschaften der Menschheit
Im September 2024 erschien mit "Wir waren hier" das sechste Studioalbum von Die Nerven. Die Band, die 2010 in Esslingen gegründet wurde, war sich damals vermutlich noch nicht bewusst, wie sehr sie den zukünftigen Zeitgeist bedienen würde. 2012 noch mit Leichtigkeit und Humor Lana Del Reys "Summertime Sadness" als deutschsprachiges Post-Punk-Stück vertonend, verurteilten sie etwa zehn Jahre später mit ihrem Song "Europa" die europäische Politik der Ausgrenzung und Abschottung. Und auch mit ihrem aktuellen Studioalbum "Wir waren hier" treffen Die Nerven den Zahn der Zeit: Denn womit lässt sich das krisenhafte Weltgeschehen besser vertonen als mit sägendem Noise-Rock?!
Der Titel des Albums scheint auf einen Abschied hinzudeuten. Ein Eindruck, dem die Band in einem Statement entgegentritt, zumindest ein bisschen. "Es ist das erste Album, das wir machen, das sich nicht so anfühlt wie unser letztes Album. Und das ist gut so." Um den ernüchternden Blick auf die Hinterlassenschaften der Menschheit gehe es allerdings durchaus.
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Die Nerven: Mehr als nur eine Band
Die Nerven sind mehr als nur eine Band. Sie sind ein Sprachrohr für eine Generation, die mit den Herausforderungen der modernen Welt konfrontiert ist. Ihre Musik ist ehrlich, kompromisslos und regt zum Nachdenken an. Die Nerven scheuen sich nicht, unbequeme Themen anzusprechen und Haltung zu zeigen. Sie sind eine Band, die etwas zu sagen hat und dies auf eine einzigartige und eindringliche Weise tut.
Die Band sieht sich auch nicht nur als Musikgruppe, sondern möchte Grenzen durchbrechen und in den Theater-Kontext rücken. Eine Art von Konzeptkunst und Konzept hinter der Band, wie alles zusammengeht mit Grafik und Video, ist ihnen extrem wichtig. Und auch diese gewisse Art von Interdisziplinarität, dass man eben nicht nur Musik macht und Platten aufnimmt, sondern auch offen ist, mal andere Sachen zu machen.
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