Digitalisiertes Lernen: Auswirkungen auf das Gehirn

Die Digitalisierung durchdringt zunehmend alle Lebensbereiche, insbesondere das Lernen. Digitale Medien sind aus dem Alltag von Kindern und Jugendlichen nicht mehr wegzudenken. Sie bieten zwar zahlreiche Vorteile, bergen aber auch Risiken - insbesondere für die kognitive Entwicklung. Die Frage, wie sich digitalisiertes Lernen auf unser Gehirn auswirkt, ist daher von großer Bedeutung.

Der Einfluss digitaler Medien auf das Gehirn

Neurowissenschaftler sind sich einig: Jedes Erlebnis, jede Information, die wir aufnehmen, verändert unser Gehirn. Synapsen werden neu verschaltet, Nervenbahnen gestärkt oder abgebaut. Experten sprechen hier von Plastizität - der Fähigkeit des Gehirns, sich an neue Anforderungen anzupassen. Diese Anpassung ist nicht per se negativ. Wer beispielsweise eine Fremdsprache lernt, erweitert sein neuronales Netz. Das Gehirn ist keine starre Festplatte, auf der einfach Daten gespeichert werden. Es ist ein hochsensibles, dynamisches System.

Multitasking und Konzentrationsfähigkeit

Das menschliche Gehirn kann Routineaufgaben wie Gehen und Kaugummikauen problemlos parallel bewältigen, weil sie automatisiert sind. Komplexe kognitive Prozesse wie Lesen, Schreiben oder Zuhören hingegen konkurrieren um dieselben Ressourcen im Arbeitsgedächtnis. Jede Unterbrechung zwingt das Gehirn, das „Task-Set“ zu wechseln - ein Prozess, der nicht nur Zeit frisst, sondern auch fehleranfällig ist.

Besonders gravierend ist, dass Multitasking die kognitive Leistungsfähigkeit langfristig senken kann. Der Hirnforscher Martin Korte verweist auf Untersuchungen, wonach Menschen, die regelmäßig im Multitasking-Modus arbeiten, schlechtere Gedächtnisleistungen haben. Hinzu kommt ein weiteres Problem: Wir verlieren die Fähigkeit, längere Zeit fokussiert zu bleiben. In Experimenten wurde festgestellt, dass die durchschnittliche Konzentrationsspanne von Erwachsenen seit der Einführung des Smartphones von 15 auf 11 Sekunden gesunken ist.

Multitasking suggeriert Produktivität, erzeugt aber vor allem eines: Stress. Das liegt daran, dass das Gehirn bei jedem Aufgabenwechsel neu fokussieren muss. Dieser ständige Moduswechsel aktiviert das Stresshormon Cortisol. Eine Studie der Universität Sussex fand außerdem heraus, dass Menschen, die regelmäßig mehrere Geräte gleichzeitig nutzen - etwa Laptop, Smartphone und Tablet - eine geringere Dichte an grauer Substanz im Gyrus cinguli aufweisen. Dieser Bereich ist zentral für emotionale und soziale Kontrolle sowie Lern- und Gedächtnisprozesse. Ob Multitasking diese Veränderung verursacht oder ob Menschen mit dieser Eigenschaft eher zum Multitasking neigen, ist noch offen.

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Die unbewusste Beanspruchung durch Smartphones

Selbst wenn wir das Smartphone nicht aktiv nutzen, beansprucht es unbewusst Ressourcen. Der US-Psychologe Adrian F. Ward zeigte 2017 in einer Studie, dass Probanden bei kognitiven Tests deutlich schlechter abschnitten, wenn das Smartphone in Sichtweite lag - selbst wenn es ausgeschaltet war. Liegt das Gerät in einem anderen Raum, steigt die Leistung signifikant. Die Erklärung: Das Gehirn reserviert Kapazitäten, um auf mögliche Signale des Handys zu reagieren. Dahinter steckt ein uralter Mechanismus: unser Belohnungssystem.

Das Belohnungssystem und Social Media

Jedes Mal, wenn wir eine Benachrichtigung erhalten oder positive Rückmeldung bekommen, schüttet das Gehirn Dopamin aus. Das Belohnungssystem liegt tief im limbischen System, einem evolutionär alten Teil unseres Gehirns. Normalerweise wird es aktiviert, wenn wir etwas erreichen, das für unser Überleben wichtig ist - Nahrung finden, soziale Bindungen knüpfen oder eine Aufgabe erfolgreich meistern. Social Media imitiert diese Mechanismen künstlich: Jedes Like, jeder neue Follower ist ein kleiner „digitaler Jackpot“. Die Plattformen sind bewusst so gestaltet, dass sie variable Belohnungen bieten - mal gibt es viele Likes, mal weniger.

Neuere Studien aus den USA und Korea zeigen, dass sich durch exzessive Nutzung von Smartphones und Social Media neurochemische Prozesse verändern. Bei sogenannten „Heavy Usern“ wurden veränderte Mengenverhältnisse von Neurotransmittern wie Dopamin und GABA nachgewiesen - ein Muster, das auch bei Suchterkrankungen vorkommt. Bildgebende Verfahren wie MRTs liefern Hinweise darauf, dass exzessive Smartphone-Nutzung nicht nur Verhalten, sondern auch die Anatomie des Gehirns verändert. Wie bereits beim Thema Multitasking erwähnt, berichten Studien von einer Reduktion der grauen Substanz im präfrontalen Cortex - dem Bereich, der für Selbstkontrolle und rationales Entscheiden zuständig ist. Dieser Effekt ähnelt dem, was man bei Menschen mit Substanzabhängigkeiten sieht.

Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche

Bei Jugendlichen ist die Gefahr besonders groß: Ihr präfrontaler Cortex ist noch nicht vollständig ausgereift. Das bedeutet, dass die Fähigkeit, Impulse zu kontrollieren, ohnehin eingeschränkt ist. Das Problem: Digitale Belohnungen sind zu schnell. Während beim klassischen Lernen ein neues Wissen über den Hippocampus in den Langzeitspeicher gelangt, schießen Social-Media-Reize direkt ins Belohnungszentrum. Das Gehirn verknüpft den Klick, nicht die Anstrengung. Langfristig schwächt das die Fähigkeit, Geduld und Ausdauer beim Lernen aufzubringen.

Digitale Medien finden selbstverständlich mittlerweile nicht erst im Teenageralter Einzug in den Alltag Heranwachsender. Tablets und Smartphones gehören heute fast selbstverständlich zum Familienalltag. Viele Eltern geben dem Kind „zur Beruhigung“ das Handy in die Hand - im Wartezimmer, im Restaurant, im Auto. Kurzfristig wirkt das praktisch, langfristig kann es gravierende Folgen haben. Das kindliche Gehirn befindet sich in den ersten Lebensjahren in einer extrem sensiblen Phase. Synapsen entstehen in rasanter Geschwindigkeit, Erfahrungen prägen Strukturen dauerhaft. In den ersten zwei Lebensjahren lernt ein Kind vor allem durch Bewegung, Nachahmung und sensorische Erfahrung. Der Entwicklungspsychologe Jean Piaget nennt diese Phase die senso-motorische Phase. Über Greifen, Krabbeln und Schmecken bildet das Gehirn neuronale Netzwerke für Raumverständnis, Kognition und Sprache.

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Das, was Kinder am Bildschirm sehen, ist zweidimensional und ohne taktile oder kinästhetische Rückmeldung. Sie können es nicht anfassen, nicht manipulieren, nicht in ein eigenes Handlungsschema integrieren. Die Folge: Wichtige Verknüpfungen zwischen Hirnarealen bleiben unterentwickelt, insbesondere im Stirnhirn, das für Impulskontrolle und logisches Denken zuständig ist. Ein weiteres Problem ist das Belohnungssystem: Bunte Animationen, Geräusche und schnelle Bildwechsel lösen eine Dopaminflut aus. Kleine Kinder können diese Reize noch nicht regulieren - ihr präfrontaler Cortex ist schlicht nicht ausgereift genug, um Impulse zu kontrollieren. Wird das Gehirn zu früh und zu oft dieser Überstimulation ausgesetzt, trainiert es Suchtmechanismen, statt Geduld und Ausdauer. Ebenso wie bei Jugendlichen wird die natürliche Freude an realen Lernerfolgen, die normalerweise das Dopaminsystem aktiviert, untergraben. Was passiert? Frühkindliche Smartphone-Nutzung kann nicht nur die kognitive, sondern auch die soziale Entwicklung hemmen. Warum? Soziale Kompetenzen entstehen nicht am Bildschirm, sondern in der Interaktion: beim Blickkontakt, beim Spielen, beim Erleben von Gefühlsansteckung und Perspektivübernahme. Fehlen diese Erfahrungen, tun sich Kinder später schwer, Empathie zu entwickeln.

Viele glauben: „Je früher mein Kind digitale Geräte nutzt, desto besser ist es für die Zukunft gerüstet.“ Expertinnen und Experten wie Dr. Erika Butzmann sind der Meinung, dass das Gegenteil der Fall ist: Medienkompetenz lässt sich schnell erwerben - aber erst, wenn das Gehirn dafür reif ist. Deshalb empfehlen Fachleute, digitale Medien nicht vor dem Ende des Grundschulalters in die Selbstverantwortung von Kindern zu geben - und in Kindergärten und Kitas ganz darauf zu verzichten. In Skandinavien geht man bereits einen Schritt zurück: Nach einer Phase der Voll-Digitalisierung setzen Länder wie Schweden und Norwegen wieder stärker auf Handschrift, analoge Materialien und freies Spiel.

Auswirkungen auf das Leseverhalten

Wir scrollen, tippen, wischen - und nennen das Lesen. Doch wer digitale Texte konsumiert, liest anders als beim klassischen Buch. Gedruckte Bücher fördern das sogenannte Deep Reading - ein langsames, konzentriertes Eintauchen in einen Text, das kritisches Denken, Analyse und Empathie anregt. Auf Bildschirmen dagegen ist die Standardstrategie das Scannen: Wir überfliegen Texte, suchen nach Schlüsselwörtern, klicken auf Links. Maryanne Wolf warnt, dass sich unser Gehirn langfristig an diese „Hyper-Leseweise“ anpassen könnte: Wer fast nur noch digital liest, trainiert neuronale Netze, die schnelles Erfassen begünstigen, während die Netzwerke für tiefes, reflektiertes Lesen verkümmern.

Digitale Texte sind nicht nur anders aufgebaut, sie enthalten auch zusätzliche Reize: Hyperlinks, Werbebanner, Pop-ups, Buttons. In Experimenten des Leibniz-Instituts wurde deutlich: Selbst nicht angeklickte Links belasten das Arbeitsgedächtnis. Warum? Weil unser Gehirn einen Impuls unterdrücken muss: den Klickwunsch. Diese Unterdrückung kostet Energie und zieht Ressourcen ab, die eigentlich für das Verstehen und Speichern von Informationen benötigt werden. Online-Lesen ist nicht nur oberflächlicher, es macht uns auch schneller müde. Bei einer Recherche im Netz springt unser Gehirn ständig zwischen Tabs, Quellen und Medienformaten hin und her. Jede Entscheidung - „Klicke ich diesen Link oder nicht?“ - beansprucht das Arbeitsgedächtnis. Mehrere Studien bestätigen: Gedruckte Texte bleiben besser im Gedächtnis. Beim Lesen auf Papier sind nicht nur weniger Ablenkungen vorhanden, auch die räumliche Verankerung des Textes (z. B. „oben links auf der Seite“) hilft beim Erinnern. Digitales Lesen wird bleiben - aber wir müssen lernen, es bewusst zu nutzen. Für Lernprozesse bedeutet das: Längere, komplexe Texte lieber auf Papier lesen, digitale Medien gezielt für Recherche und interaktive Inhalte einsetzen.

Psychische Auswirkungen

Der exzessive Gebrauch von Smartphones kann nicht nur Suchtverhalten fördern, sondern steht zunehmend auch unter Verdacht, psychische Probleme zu verstärken. Depressionen, Angstzustände und Stresssymptome treten besonders häufig in Zusammenhang mit intensiver Social-Media-Nutzung auf. Erwachsene, aber besonders auch Jugendliche, die stark auf soziale Anerkennung fokussiert sind, vergleichen sich unbewusst mit diesen Bildern - und ziehen den Kürzeren. Das Problem: Social Media zeigt nur einen Ausschnitt der Realität, den schönsten Moment, oft zusätzlich gefiltert. Diese Mechanismen können langfristig depressive Symptome fördern, wie mehrere Studien nahelegen. Die Korrelation ist stark, die Kausalität jedoch schwer zu beweisen - nicht zuletzt, weil seitens großer Plattformbetreiber entscheidende Daten fehlen.

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Die permanente Verfügbarkeit digitaler Inhalte sorgt dafür, dass wir „nichts verpassen“ wollen. Diese Fear of Missing Out (FOMO) treibt viele dazu, ständig aufs Handy zu schauen - selbst nachts. Laut einer britischen Studie unterbricht rund jeder fünfte Jugendliche seinen Schlaf, um Social-Media-Accounts zu checken. Das ständige Bedürfnis, online zu sein, hat inzwischen einen Namen: Nomophobie - die Angst, ohne Smartphone auskommen zu müssen. Ein weiteres Phänomen ist das sogenannte Doomscrolling - das ständige Konsumieren schlechter Nachrichten. Dieser Dauerbeschuss mit Krisenmeldungen führt nicht nur zu einer pessimistischen Grundstimmung, sondern beeinträchtigt nachweislich Aufmerksamkeit und exekutive Funktionen.

Strategien für einen bewussten Umgang mit digitalen Medien

Psychologinnen und Psychologen betonen: Nicht die Technologie selbst ist das Problem, sondern unsere Art, sie zu nutzen.

  • Kein Handy im Bett.
  • Bücher statt endloser Feeds: Lesen auf Papier trainiert Konzentration und Tiefenverständnis.
  • Nicht wahllos durch Feeds scrollen, sondern aktiv entscheiden, welche Inhalte man sehen möchte.

Der Effekt, den Handynutzung auf unser Gehirn hat, hängt davon ab, wie stark wir die Geräte nutzen und was wir an diesen Geräten machen. Grundsätzlich verändere sich das Gehirn in seinen Verschaltungswegen, wenn man etwas Neues tue - auch wenn man die Bedienung eines Handys lerne. "Synapsen werden stärker, Verarbeitungswege werden verändert, weil man besser in der Nutzung wird. Viele Menschen aber nutzen das Handy in einem Multitasking-Modus - zu ganz verschiedenen Zwecken.

Smartphones können einer Studie zufolge selbst dann die Aufmerksamkeit beeinflussen, wenn man sie nicht nutzt. Das berichteten Forscherinnen und Forscher der Universität Paderborn 2023 nach Konzentrationstests im Fachblatt "Scientific Reports". Demnach verringert schon die Anwesenheit eines Smartphones die Aufmerksamkeitsleistung. Zudem habe das Handy negativen Einfluss auf die Arbeitsgeschwindigkeit und die kognitive Leistungsfähigkeit. "Wenn man immer einen Teil der Rechenkapazität im Hirn darauf verwendet, die Handynutzung vorzubereiten, daran zu denken oder das Handy sogar zu bedienen, wenn man etwas anderes nebenher macht, macht uns das mit der Zeit leichter ablenkbar", sagt Korte.

"Einige Studien zeigen, dass man im Multitasking-Modus doppelt so lange braucht, um etwas zu lernen. Man macht 40 Prozent mehr Fehler und kann das, was man gelernt hat, schlechter abrufen", sagt Korte. "Menschen, die sehr häufig im Multitasking-Modus arbeiten, haben ein schlechteres Gedächtnis." Dies sei jedoch reversibel, betont er. Zudem gehen dem Experten zufolge mit übermäßiger Handynutzung Zeiten des Tagträumens und Nichtstuns verloren. "Studien zeigen, dass digitale Medien einen auch weniger kreativ machen können, wenn wir sie zu viel nutzen, weil der Leerlauf verloren geht", sagt Korte.

Besonders bei Kindern könne zu viel Zeit vor dem Smartphone oder Tablet negative Auswirkungen haben - und das umso gravierender, je früher sie solche Geräte übermäßig nutzen. "Man sieht an Kindern, die bereits in der Kindergarten- und Grundschulzeit intensiv Zeit vor Tablets und Smartphones verbringen, dass ein wichtiger Verbindungsstrang zwischen den beiden großen Spracharealen, dem Broca-Areal und dem Wernicke-Areal, leidet", erklärt Korte. Zudem könnten sich Kinder, die sehr früh viel am Handy seien, oft weniger gut in die Lage anderer Menschen hineinversetzen. "Sie sind weniger empathisch.

Letztlich könnten Internet- und Handynutzung manche Leute abhängig machen, glaubt Korte. Fachleute sprechen dann von einer Internetnutzungsstörung. Hier sind vor allem Online-Computerspiele von Bedeutung. Computerspielsucht wurde 2017 von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Krankheit anerkannt. Zu den Kriterien dafür gehöre etwa eine verminderte Kontrolle über das Nutzungsverhalten, erklärt Brandhorst. Außerdem: "die Priorisierung gegenüber anderen Lebensbereichen wie Schule, Familie, Freunde, aber auch Körperhygiene, Gesundheit und Schlaf.

Die übermäßige Nutzung von Smartphones und insbesondere sozialer Medien, die vorwiegend per Handy konsumiert werden, steht auch im Verdacht, sich negativ auf die Psyche auszuwirken. Gesichert ist dies aber nicht: Verschiedene Studien deuten zwar auf einen Zusammenhang mit Depressionen und Angststörungen hin, doch andere stellen keine Korrelation fest. Dennoch kann davon ausgegangen werden, dass soziale Medien etwa den sozialen Vergleich fördern. "Gerade Jugendliche vergleichen sich sehr stark. Beispiel Instagram: Wie sehen andere aus? Wie sehe ich aus? Werde ich dem gerecht?", merkt Korte an.

Die Nutzung eines Handys ist laut Hirnforscher Korte nicht per se schädlich. Dafür könne man etwa die räumliche Distanz vergrößern: das Handy zum Beispiel beim Lesen eines Buches abends nicht direkt neben sich legen oder das Gerät in sozialen Interaktionen einfach ausschalten. "Ich würde immer mal wieder hinterfragen, habe ich es noch unter Kontrolle oder nicht", rät Brandhorst.

Nachhaltiges Lernen muss aktiv passieren. Im Gehirn arbeiten Milliarden vernetzter Nervenzellen, verschiedene Areale haben unterschiedliche Aufgaben. Die Digitalisierung verändert Experten zufolge Lernprozesse im Gehirn. Psychologe und Hirnforscher Peter Gerjets vom Leibniz-Institut für Wissensmedien in Tübingen geht davon aus, dass ChatGPT und ähnliche Angebote einen großen Einfluss auf das Bildungswesen haben werden. "Es darf nicht passieren im Bildungsprozess, dass der aktive Lernprozess an ChatGPT ausgelagert und das Gehirn nicht gefordert wird", sagt der Bildungswissenschaftler zum Internationalen Tag der Bildung am 24. Januar. "Es ist wichtig, was im Kopf passiert und was als echte Lernleistung herauskommt. Kognitive Arbeitsleistungen an KI abzugeben sei immer mit der Frage verbunden, ob damit Freiräume entstehen, die das Gehirn für andere Aufgaben nutzen könne. "Fakt ist: Wird eine bestimmte Fähigkeit nicht mehr benötigt, dann werden die Hirnareale, die diesen Skill implementieren, geschwächt."

Schon das Nutzen technischer Geräte wie Tablets beim digitalen Lernen benötigt extra Aufmerksamkeit und Energie, weil neben der inhaltlichen Verarbeitung auch die Bedienung der Technik Konzentration beanspruche, schildert Neurobiologe Martin Korte von der TU Braunschweig. Beim Scrollen über mehrere Seiten hinweg und Eintauchen in Hyperlinks sei es anstrengend, den inhaltlichen Bezug nicht zu verlieren, den Überblick im Kopf wieder herzustellen. Da nun absehbar KI mit Tools wie ChatGPT verstärkt hinzukommen, gelte umso mehr: "Wenn wir beim Lernen durch vorgefertigte Antworten nur passive Zuschauer sind, ist das Lernen nicht nachhaltig", sagt Korte. Aktivität sei wichtig - und ebenso, dass man Inhalte und Informationen reflektieren könne. Daraus entstehe dann Wissen, das im Gehirn abgespeichert werde - was wiederum "die Verschaltungen, also die Struktur des Gehirns verändert".

Eine KI, die verstanden werde in ihren Stärken und Schwächen, könne ein Gewinn sein. "Neue Informationen zu bewerten, auszuwählen, Quellen zu vergleichen - alles das ist Arbeit für den Frontallappen unseres Gehirns. Diese Fähigkeit zur Bewertung wird immer wichtiger", betont Gerjets.

Digitale Demenz:

„Digitale Demenz“ ist ein sehr umstrittener Begriff, der erst 2012 vom Hirnforscher Manfred Spitzer mit seinem gleichnamigen Buch geprägt wurde. Spitzer warnt darin vor den negativen Auswirkungen intensiver Nutzung digitaler Medien, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen. Bei Erwachsenen sieht er die Gefahr, dass mentale und soziale Fähigkeiten beeinträchtigt werden können. Die These der „digitalen Demenz“ von Spitzer ist in der Fachwelt bis heute höchst umstritten.

Insgesamt zeichnet die Forschung ein differenziertes Bild: Während einige negative Effekte übermäßiger Mediennutzung belegt sind, gibt es auch deutliche Hinweise auf positive Wirkungen bei moderater Nutzung. Die Debatte um die „digitale Demenz“ sollte uns also nicht lähmen, sondern uns vielmehr motivieren, digitale Medien und künstliche Intelligenz klug zu nutzen. Der Schlüssel liegt im Übergang vom passiven Konsum zur aktiven, kreativen Gestaltung. Statt endlosen Social-Media-Scrollens und Binge-Watchings könntest du einen eigenen Blog starten, Videos produzieren oder Online-Kurse belegen. Die wahre Gefahr der digitalen Demenz lauert nämlich vermutlich in der Passivität unseres Medienkonsums. Ein aktiver und zielgerichteter Umgang mit digitalen Medien trainiert unser Gehirn, anstatt es zu vernachlässigen.

Gehirntraining:

Apropos Gehirn fit halten - lass uns über gezieltes Gehirntraining sprechen. Eine der effektivsten Methoden dafür sind die sogenannten “Mnemotechniken”. Das sind unterschiedliche Gedächtnistechniken, die dir dabei helfen, Informationen schneller aufzunehmen, besser zu verarbeiten und langfristig abzuspeichern. Du kannst zum Beispiel die Loci-Methode ausprobieren, bei der du Informationen mit bestimmten Orten verknüpfst. Oder wie wäre es mit einer richtig coolen Methode zum Vokabellernen?

Balance finden:

Wie bei so vielen Themen im Leben geht es auch im Umgang mit digitalen Medien letztendlich darum, eine gesunde Balance zu finden. Künstliche Intelligenz und digitale Anwendungen sind weder des Teufels, noch sollten sie kritiklos vergöttert werden - entscheidend ist, wie wir sie einsetzen. Statt die digitale Demenz zu fürchten wie der Teufel das Weihwasser, sollten wir lieber heute als morgen die Chancen des digitalen Lernens ergreifen und gleichzeitig unser Gehirn durch aktive, kreative Nutzung und gezieltes Training fit halten. Ob du nun einen Blog schreibst, eine neue Sprache mit einer Sprachlern-App lernst oder eine Gedächtnistechnik ausprobierst - wichtig ist, dass du lernst, die digitalen Werkzeuge effektiv für dich zu nutzen und einzusetzen, um up to date zu bleiben und auch in Zukunft von ihren Vorteilen zu profitieren.

Die Rolle der Eltern und Erzieher

Seit Kurzem kommen die ersten deutlichen Warnungen von Kinderärzten im Hinblick darauf, wie der Smartphone-Gebrauch von Eltern das Bindungs- und Spielverhalten kleiner Kinder beeinflusst. Beides ist die Grundlage für psychische Gesundheit und emotionale, soziale und kognitive Bildung und jede einschneidende Störung hat Folgen für die weitere Entwicklung.

Damit Kinder in den ersten zwei Jahren eine sichere Bindung zur primären Bezugsperson aufbauen können, benötigen sie die ungestörte Aufmerksamkeit, den feinfühligen Umgang und die weitgehende Anwesenheit dieser Person. Ist die Aufmerksamkeit der Bezugsperson immer wieder abgezogen durch die vollkommene Konzentration auf ein digitales Medium, reagieren die meisten Kinder verstört darauf. Wenn die Eltern jedoch dazu übergehen, ihrem kleinen Kind das hoch interessante Ding zum Spielen zu überlassen, ist es ruhig und zufrieden. Passiert das häufig und langzeitig, wird das Kind in seiner Entwicklung in mehrfacher Hinsicht beeinträchtigt. Die biologisch angelegten Lernprozesse werden gestört, die kognitive und soziale Entwicklung ist eingeschränkt. Des weiteren besteht die Gefahr, später Suchtverhalten zu entwickeln.

In Kitas sollten keine digitalen Medien eingesetzt werden. Da sich derzeit die ganze Gesellschaft in einem Rausch der digitalen Möglichkeiten befindet, ist es jedoch schwer, die Kinder davor zu schützen. Kitas können zwar digitale Medien verbannen, es bleibt jedoch der starke Einfluss durch die Eltern. Hier könnten ErzieherInnen einen Elternabend nutzen, um die Problematik zu vermitteln. Eltern müssten sich ihrer Vorbildfunktion bewusst sein. Wenn sie selbst ständig das Smartphone in der Hand haben, können sie dies den Kindern nicht ausreden. Dann sind sie unglaubwürdig und die Kinder lernen, dass das Smartphone einen besonderen Wert hat. Es gibt inzwischen viele kleinere Studien zum Thema, wie Eltern damit umgehen könnten. Bei drei dieser Studien kam heraus, dass über das gemeinsame Hantieren mit digitalen Medien die Kontrolle der Eltern am besten funktioniert. Das bedeutet, Eltern sollten immer nur kurz dem Kind auf dem digitalen Medium etwas zeigen; das Gerät jedoch nicht aus der Hand geben.

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