Das rätselhafte Leben und der Tod von Ulrike Meinhof: Hirntumor, RAF und die umstrittene Todesursache

Am 9. Mai 1976 wurde Ulrike Meinhof in ihrer Zelle in Stammheim tot aufgefunden. Dieser Artikel beleuchtet die komplexen Facetten ihres Lebens, von ihrer Rolle als engagierte Journalistin bis hin zu ihrer Radikalisierung und ihrem Tod, der bis heute Fragen aufwirft. Dabei werden insbesondere die medizinischen Aspekte, wie der Hirntumor und die umstrittenen Obduktionsergebnisse, sowie die politischen Hintergründe beleuchtet.

Frühe Jahre und politisches Engagement

Ulrike Marie Meinhof, geboren 1934, entwickelte sich in den 1960er Jahren zu einer anerkannten linken Publizistin und Kolumnistin bei der Zeitschrift "konkret". Sie setzte sich für die Wiedervereinigung Deutschlands, die Anerkennung der DDR und die Wahrung politischer Freiheiten ein. In ihren Kolumnen kritisierte sie die Regierung Adenauer und die Abhängigkeit der Bundesrepublik von den USA.

Kritik am Nationalsozialismus und Engagement für die Wiedervereinigung

Meinhof analysierte den Nationalsozialismus aus einer verzerrten Perspektive und verstand die Verbrechen der Jahre 1933 bis 1945 als Ergebnis antikommunistischer Herrschaftspolitik im Kapitalismus. Sie forderte eine Wiedervereinigung Deutschlands, die über die Anerkennung der DDR hin zu einem neutralen Gesamtdeutschland führen sollte.

Die Radikalisierung und der Bruch mit dem Establishment

Mit der Zeit radikalisierte sich Ulrike Meinhof und wandte sich der außerparlamentarischen Opposition zu. Sie gab ihre Tätigkeit als Beraterin bundesdeutscher Parteien auf und adressierte ihre Ratschläge an die Regierung der DDR. Nach der Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg im Jahr 1967 missfiel ihr ihre Rolle als bloße journalistische Begleiterin der Apo-Revolte. Anfang 1968 trennte sie sich von ihrem Mann Klaus Rainer Röhl und zog nach Berlin.

Der Weg in den Untergrund und die RAF

In Berlin traf Ulrike Meinhof auf den Anwalt Horst Mahler und die Kaufhaus-Brandstifterin Gudrun Ensslin sowie Andreas Baader. Gemeinsam gründeten sie die Rote Armee Fraktion (RAF).

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Die Gründung der RAF und die Eskalation der Gewalt

Die RAF verstand sich als revolutionäre Organisation, die auf die staatlich immer mehr zunehmende Gewalt gegen den wachsenden Widerstand gegen linken Protest reagierte. Sie strebte an, gegen Gewalt hervorbringende staatliche Strukturen bewaffnet zu kämpfen, auf diesem Weg die Revolution zu befördern und das Privateigentum an Produktionsmitteln abzuschaffen, mit dem Ziel, eine gerechtere basisdemokratische Gesellschaft zu erreichen.

Meinhofs Rolle in der RAF

Ulrike Meinhof gab der Terrorgruppe nicht nur den Namen, sondern auch die menschenverachtende Stoßrichtung vor: „Wir sagen natürlich die Bullen sind Schweine, wir sagen, der Typ in Uniform ist kein Mensch, … und natürlich kann geschossen werden.“ Sie galt als Galionsfigur der ganzen RAF-Epoche, obwohl die schlimmsten Anschläge erst nach ihrem Tod verübt wurden.

Verhaftung und Isolationshaft

Nach rund zwei Jahren auf der Flucht wurde Ulrike Meinhof im Juni 1972 in Hannover festgenommen. Sie wurde in Isolationshaft gehalten, zunächst in Köln-Ossendorf, später in Stuttgart-Stammheim.

Der Hirntumor und die Frage der Zurechnungsfähigkeit

Ein zentraler Aspekt im Leben von Ulrike Meinhof ist ihr Hirntumor, der 1962 operativ behandelt wurde. Die Operation hinterließ "ausgedehnten Gewebsschädigungen" am rechten Schläfenlappen, die möglicherweise ihre Persönlichkeit und ihr Verhalten beeinflusst haben könnten.

Die Operation und ihre Folgen

Am 23. Oktober 1962 bohrte der Hamburger Neurochirurg Rudolf Kautzky den Schädel auf und hob den rechten Schläfenlappen an, um sich zu der Geschwulst unter dem Hirn vorzuarbeiten. Was Kautzky fand, war kein Krebs, sondern nur ein Blutschwamm. Der aber saß so ungünstig, dass der Operateur ihn nicht herausschneiden konnte. Nach der Operation klagte sie nur noch darüber, dass sie nicht mehr so schnell lesen könne, bei starker Müdigkeit auch noch mal Doppelbilder sehe.

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Die Debatte um die Persönlichkeitsveränderung

Es gab Spekulationen darüber, ob die Operation und die damit verbundenen Hirnschädigungen zu einer Persönlichkeitsveränderung bei Ulrike Meinhof geführt haben könnten. Ihre Pflegemutter Renate R. bemerkte Veränderungen in ihrem Verhalten nach der Operation.

Die Rolle des Hirntumors im Prozess

Theoretisch eröffnete sich Ulrike Meinhofs Verteidigern die Chance, den Hirn-Tumor der Mandantin in den Mittelpunkt ihres Prozesses zu rücken -- mit dem Ziel, für eine »krankhafte Störung der Geistestätigkeit« nach Paragraph 51 Absatz 2 des Strafgesetzbuches Strafmilderung zu erreichen.

Hirnforschung und die Suche nach dem "Dämon"

Nach ihrem Tod wurde Ulrike Meinhofs Gehirn zu Untersuchungszwecken konserviert. Der Magdeburger Hirnforscher Bernhard Bogerts untersuchte das Gehirn und stellte fest, dass Meinhof wie Wagner einen Defekt in einer Hirnregion hatte - "räumlich klein, aber strategisch enorm wichtig" - auf die es bei der Steuerung von Aggressivität und Furcht ankommt.

Der Tod in Stammheim und die umstrittenen Umstände

Am Morgen des 9. Mai 1976 wurde Ulrike Meinhof tot in ihrer Zelle in Stammheim aufgefunden. Die offizielle Todesursache war Selbstmord durch Erhängen.

Zweifel an der Selbstmordthese

Gegen diese staatliche Version sprachen eine Vielzahl von Indizien, die in den folgenden Wochen durch eine unabhängige internationale Untersuchungskommission gesammelt wurden: Bei Ulrike Meinhof wurden Quetschungen an den Waden, Hautabschürfungen und Verletzungen im rechten Hüftbereich festgestellt, die nicht beim Erhängen entstanden sein konnten. Da der Tod nicht durch einen Genickbruch eingetreten war, hätte sie erstickt sein müssen. Die typischen Merkmale des Erstickungstodes, z.B. Blutungen in den Augenbindehäuten, wurden aber nicht festgestellt. Die Befunde deuteten statt dessen auf Tod durch Abdrücken der Hauptschlagader mit anschließendem Herzstillstand: Dieser Tod konnte aber nicht durch Erhängen ausgelöst werden.

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Die Obduktionsergebnisse und ihre Interpretation

Die Obduktionsergebnisse waren umstritten und wurden von verschiedenen Seiten unterschiedlich interpretiert. Einige Experten wiesen darauf hin, dass die Verletzungen und fehlenden Merkmale eines Erstickungstodes Zweifel an der Selbstmordthese aufkommen ließen.

Bis heute ungeklärte Fragen

Bis heute sind die genauen Umstände von Ulrike Meinhofs Tod ungeklärt. Die Zweifel an der Selbstmordthese halten sich hartnäckig und befeuern Spekulationen über einen möglichen Mord.

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