Distale Radiusfrakturen gehören zu den häufigsten Frakturen und können erhebliche Auswirkungen auf die Funktionalität und Lebensqualität der Betroffenen haben. Der distale Radius spielt eine entscheidende Rolle in der komplexen Biomechanik des Handgelenks und der Hand, weshalb eine adäquate und zielgerichtete Behandlung unerlässlich ist. Allerdings können sowohl die Fraktur selbst als auch ihre Behandlung zu verschiedenen neurologischen Komplikationen führen. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte dieser Komplikationen, von ihrer Entstehung über ihre klinische Manifestation bis hin zu den therapeutischen Optionen.
Epidemiologie und Risikofaktoren
Nahezu jeder 6. Patient mit einer Radiusfraktur entwickelt neurologische Komplikationen. Die Inzidenz wird in verschiedenen Studien mit sehr unterschiedlichen Werten zwischen 6 und 80 % angegeben. Die Inzidenz für das Auftreten eines Karpaltunnelsyndrom wird mit bis zu 17 % angegeben. Betroffen sind vor allem zwei Patientengruppen: junge, sportlich aktive und häufig männliche Patienten aufgrund von Hochenergietraumata sowie ältere Patienten mit oft postmenopausaler Osteoporose aufgrund von Niedrigenergietraumata.
Risikofaktoren für das Auftreten neurologischer Komplikationen sind vielfältig und können sowohl patientenbezogene als auch fraktur- oder behandlungsbedingte Faktoren umfassen. Dazu gehören ein höheres Lebensalter, vorbestehende psychiatrische Erkrankungen, Frakturhämatom oder dislozierte Frakturen.
Arten neurologischer Komplikationen
Neurologische Komplikationen nach distaler Radiusfraktur lassen sich grob in folgende Kategorien unterteilen:
- Nervenkompression: Hierbei kommt es zur Einengung von Nerven, insbesondere des N. medianus im Karpaltunnel, was zum Karpaltunnelsyndrom führt.
- Sehnenrupturen: Insbesondere die Strecksehnen auf Höhe des Handgelenks sind gefährdet, wobei die lange Daumenstrecksehne (Extensor pollicis longus, EPL) am häufigsten betroffen ist.
- Komplexes regionales Schmerzsyndrom (CRPS): Diese chronische Schmerzerkrankung kann nach jeder Art von Verletzung auftreten und ist durch starke Schmerzen, Schwellung, Farbveränderungen und Bewegungseinschränkungen gekennzeichnet.
- Fehlverheilung (Malunion): Eine unzureichende Reposition und/oder Retention der Fraktur kann zu einer Fehlstellung des Radius führen, was wiederum die Biomechanik des Handgelenks beeinträchtigt und neurologische Symptome verursachen kann.
Nervenkompression: Karpaltunnelsyndrom
Der N. medianus ist der am häufigsten betroffene Nerv nach distaler Radiusfraktur. Das Karpaltunnelsyndrom, das durch die Kompression dieses Nervs im Karpaltunnel entsteht, kann sich durch Taubheitsgefühl, Kribbeln und Schmerzen in den Fingern (insbesondere Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger) äußern. In schweren Fällen kann es zu einer Schwäche der Daumenballenmuskulatur kommen.
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Die Ursachen für die Entstehung eines Karpaltunnelsyndroms nach distaler Radiusfraktur können vielfältig sein:
- Frakturhämatom: Ein Hämatom im Bereich des Karpaltunnels kann den Druck auf den N. medianus erhöhen.
- Dislozierte Frakturen: Verschobene Frakturfragmente können den Karpaltunnel einengen.
- Osteosynthesematerial: Insbesondere palmare Plattenosteosynthesen können in seltenen Fällen zu einer Kompression des N. medianus führen, insbesondere wenn die Platte zu weit distal platziert wird.
In den meisten Fällen treten die Symptome des Karpaltunnelsyndroms nur temporär auf und bedürfen keiner sofortigen weiterführenden Maßnahmen. Bei persistierenden oder sich verschlimmernden Symptomen kann jedoch eine Dekompression des Karpaltunnels notwendig sein.
Sehnenrupturen
Strecksehnenrupturen sind eine gefürchtete Komplikation nach distaler Radiusfraktur, insbesondere nach dorsaler Plattenosteosynthese. Mit Abstand am häufigsten betroffen ist die Sehne des M. extensor pollicis longus (EPL).
Die Ursachen für Sehnenrupturen können vielfältig sein:
- Direkte traumatische Schädigung: Die Sehne kann während der Operation durch den Bohrvorgang oder durch scharfe Kanten des Osteosynthesematerials geschädigt werden.
- Mechanische Irritation: Ein Überstand von Schrauben oder Platten auf der Dorsalseite des Radius kann die Sehne reizen und langfristig zu einer Ruptur führen.
- Mangelnde Durchblutung: Die operative Freilegung der Sehnen kann ihre Durchblutung beeinträchtigen und sie anfälliger für Rupturen machen.
Das Risiko für Strecksehnenrupturen ist besonders hoch, wenn die Schrauben zu lang sind und über die dorsale Kortikalis des Radius hinausragen. Die direkte intraoperative Beurteilung eines etwaigen Überstands bzw. einer Schraubenspitze an der dorsalen Kortikalis ist nicht immer möglich. Daher ist es wichtig, intraoperativ eine Skyline-View-Aufnahme anzufertigen, um einen möglichen Schraubenüberstand zu detektieren.
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Komplexes regionales Schmerzsyndrom (CRPS)
Das komplexe regionale Schmerzsyndrom (CRPS), früher auch als Morbus Sudeck bezeichnet, ist eine chronische Schmerzerkrankung, die nach Verletzungen oder Operationen auftreten kann. Die genauen Ursachen für die Entstehung eines CRPS sind noch nicht vollständig geklärt, es wird jedoch vermutet, dass eine Kombination aus genetischer Veranlagung, Entzündungsprozessen und Störungen des Nervensystems eine Rolle spielt.
Das CRPS ist durch folgende Symptome gekennzeichnet:
- Starke Schmerzen: Die Schmerzen sind oft brennend, stechend oder bohrend und gehen über das Ausmaß der ursprünglichen Verletzung hinaus.
- Schwellung: Die betroffene Extremität kann anschwellen und sich verfärben.
- Veränderungen der Hauttemperatur: Die Haut kann sich warm oder kalt anfühlen.
- Eingeschränkte Beweglichkeit: Die Beweglichkeit der betroffenen Extremität ist oft eingeschränkt.
- Trophische Störungen: Es kann zu Veränderungen der Haut, der Nägel und der Haare kommen.
Als Faktoren für die Entstehung eines CRPS gelten unter anderem ein höheres Lebensalter, vorbestehende psychiatrische Erkrankungen und eingeschränkte Bewegungen des Handgelenks über einen längeren Zeitraum. In den akuten Stadien des CRPS wird von einer operativen Versorgung abgeraten.
Fehlverheilung (Malunion)
Eine Fehlverheilung des distalen Radius kann zu einer Veränderung der Biomechanik des Handgelenks führen, was wiederum neurologische Symptome verursachen kann. Folgende Fehlstellungen können auftreten:
- Dorsopalmare Reklination: Eine vermehrte dorsale oder palmare Neigung des distalen Radius kann die Druckverteilung im Handgelenk verändern und zu einer Arthrose führen.
- Radiale Verkürzung: Eine Verkürzung des Radius kann zu einer vermehrten Druckbelastung auf das ulnare Handgelenkkompartiment führen, was als "Ulna-Impaction"-Syndrom bezeichnet wird.
- Rotationsfehler: Eine Rotationsfehlstellung des distalen Radius kann die Funktion des distalen Radioulnargelenks (DRUG) beeinträchtigen und zu Instabilität und Schmerzen führen.
Die Behandlung einer Fehlverheilung besteht in der Regel in einer Korrekturosteotomie, bei der der Radius durchtrennt und in die korrekte Position gebracht wird.
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Diagnostik
Die Diagnose neurologischer Komplikationen nach distaler Radiusfraktur basiert in der Regel auf einer Kombination aus klinischer Untersuchung, neurologischer Untersuchung und bildgebenden Verfahren.
Bei Verdacht auf ein Karpaltunnelsyndrom kann eine Nervenleitgeschwindigkeitsmessung (NLG) durchgeführt werden, um die Funktion des N. medianus zu überprüfen. Bei Verdacht auf eine Sehnenruptur kann eine Ultraschalluntersuchung oder eine MRT-Untersuchung durchgeführt werden, um die Integrität der Sehne zu beurteilen. Bei Verdacht auf ein CRPS kann eine Knochenszintigraphie durchgeführt werden, um Entzündungsprozesse im Knochen nachzuweisen. Eine Röntgenaufnahme dient der Beurteilung der Knochenheilung und des Vorliegens einer Fehlstellung.
Behandlung
Die Behandlung neurologischer Komplikationen nach distaler Radiusfraktur richtet sich nach der Art und Schwere der Komplikation.
- Karpaltunnelsyndrom: In leichten Fällen können konservative Maßnahmen wie Ruhigstellung, Schienen und Injektionen mit Kortikosteroiden ausreichend sein. In schweren Fällen kann eine operative Dekompression des Karpaltunnels erforderlich sein.
- Sehnenrupturen: Sehnenrupturen müssen in der Regel operativ versorgt werden. Die gerissene Sehne wird entweder direkt genäht oder durch eine Sehnentransplantation ersetzt.
- CRPS: Die Behandlung des CRPS ist komplex und erfordert einen multidisziplinären Ansatz. Sie umfasst in der Regel Schmerztherapie, Physiotherapie, Ergotherapie und psychologische Betreuung.
- Fehlverheilung: Eine Fehlverheilung kann durch eine Korrekturosteotomie korrigiert werden.
Prävention
Einige neurologische Komplikationen nach distaler Radiusfraktur lassen sich durch sorgfältige operativeTechnik und frühzeitige Mobilisierung vermeiden.
- Sorgfältige operative Technik: Bei der Plattenosteosynthese sollte darauf geachtet werden, dass die Platte nicht zu weit distal platziert wird und dass die Schrauben nicht über die dorsale Kortikalis hinausragen.
- Frühzeitige Mobilisierung: Eine frühzeitige Mobilisierung des Handgelenks kann helfen, die Entstehung eines CRPS zu verhindern.
- Regelmäßige Pinpflege: Bei der Versorgung mit einem Fixateur externe ist eine regelmäßige Pinpflege wichtig, um Infektionen zu vermeiden.
- Berücksichtigung der Watershed-Linie: Bei der Plattenosteosynthese sollte die Lage der Watershed-Linie berücksichtigt werden, um das Risiko von Beugesehnenirritationen zu minimieren.
Fazit
Neurologische Komplikationen nach distaler Radiusfraktur sind vielfältig und können erhebliche Auswirkungen auf die Lebensqualität der Betroffenen haben. Eine sorgfältige Diagnostik und eine individuelleBehandlungsplanung sind entscheidend für ein optimales Ergebnis. Durch sorgfältige operative Technik und frühzeitige Mobilisierung lassen sich einige Komplikationen vermeiden.
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