Disease-Management-Programme (DMP) sind strukturierte Behandlungsprogramme für chronisch kranke Menschen. Sie zielen darauf ab, die Versorgung von Patienten mit chronischen Erkrankungen wie Multipler Sklerose (MS) zu verbessern. In Deutschland nehmen mehr als 7,8 Millionen gesetzlich Versicherte an diesen Programmen teil. Dieser Artikel beleuchtet die Inhalte und Ziele von DMP, insbesondere im Hinblick auf MS, sowie die Rahmenbedingungen und den aktuellen Stand der Entwicklung.
Was sind Disease-Management-Programme (DMP)?
DMP, oft auch als "Chroniker-Programme" bezeichnet, sind strukturierte Behandlungsprogramme, die auf dem aktuellen Forschungsstand basieren und eine hochwertige Versorgung von Patientinnen und Patienten mit chronischen Erkrankungen sicherstellen sollen. Sie werden von den gesetzlichen Krankenkassen in Zusammenarbeit mit Ärztinnen und Ärzten angeboten. Die Teilnahme ist für Patientinnen und Patienten freiwillig und kostenlos.
Das Hauptziel eines DMP ist die Verbesserung der Versorgung von Menschen mit einer chronischen Erkrankung. Eine Behandlung nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft soll Beschwerden verringern, das Fortschreiten der Krankheit aufhalten sowie Komplikationen und Folgeschäden möglichst vermeiden.
Ziele und Inhalte von DMP
DMP beinhalten eine gute Abstimmung unterschiedlicher Behandlungen, regelmäßige Verlaufskontrollen sowie Beratung und Schulung der Betroffenen im Umgang mit ihrer Krankheit. Ein DMP soll die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen betreuenden Fachleuten und Einrichtungen verbessern - zum Beispiel von allgemein- und fachärztlichen Praxen, Kliniken und Reha-Einrichtungen. Durch einen besseren Informationsfluss - etwa durch ausführliche Dokumentationen - sollen die einzelnen Behandlungsschritte gut aufeinander abgestimmt und unnötige Doppeluntersuchungen vermieden werden. Schulungen und regelmäßige Beratungsgespräche unterstützen die Betroffenen beim Umgang mit der Erkrankung. Sie ermöglichen zudem, eigene Wünsche und Bedürfnisse einzubringen und informierte Entscheidungen zu treffen.
DMP bei Multipler Sklerose (MS)
Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) hat eine aktualisierte und erweiterte S2k-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie der Multiplen Sklerose (MS) sowie zu Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen und MOG-IgG-assoziierten Erkrankungen herausgegeben. In Deutschland erhalten laut den Autoren jedes Jahr mehr als 10.000 Menschen die Erstdiagnose MS. Insgesamt gebe es derzeit in Deutschland über 250.000 Betroffene.
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Obwohl im vorliegenden Text keine expliziten Details zu einem spezifischen DMP für Multiple Sklerose aufgeführt sind, lassen sich allgemeine Prinzipien ableiten, wie ein solches Programm aussehen könnte:
- Individueller Therapieplan: Die Ärztin oder der Arzt erstellt einen individuellen Therapieplan. Dieser umfasst unter anderem die medikamentöse Behandlung und andere therapeutische Maßnahmen, Schulungen und regelmäßige Kontrolluntersuchungen, zum Teil auch in anderen Praxen oder Kliniken.
- Regelmäßige Arztgespräche: In regelmäßigen Arztgesprächen können Patientinnen und Patienten die Behandlung und ihre Ziele besprechen und dabei die eigenen Wünsche und Bedürfnisse einbringen.
- Elektronische Dokumentation: Die einzelnen Behandlungsschritte sowie alle Untersuchungs- und Behandlungsergebnisse werden elektronisch dokumentiert. So können alle an der Therapie Beteiligten sie nachvollziehen und bei der weiteren Behandlung berücksichtigen.
- Aktive Mitarbeit der Patienten: Patientinnen und Patienten, die sich für ein DMP einschreiben, erklären sich bereit, aktiv an der Behandlung mitzuarbeiten - zum Beispiel, indem sie je nach individueller Absprache alle 3 oder 6 Monate eine Ärztin oder einen Arzt aufsuchen.
- Qualitätssicherung: Es gibt verschiedene Maßnahmen, um in den DMP die Qualität der Behandlung sicherzustellen. Beispielsweise werten die Krankenkassen regelmäßig Angaben zu Untersuchungen, Behandlungsschritten und -ergebnissen sowie Schulungen aus. Die Ärztinnen und Ärzte erhalten dann über sogenannte Feedback-Berichte eine Rückmeldung über erreichte Behandlungserfolge, auch im Vergleich zu anderen Arztpraxen. Außerdem nehmen sie an Fortbildungen teil.
Medikamentöse Therapie bei MS
Die Leitlinienautoren haben das bisherige Behandlungs-Stufenschema durch eine Einteilung von MS-Medikamenten in drei Wirksamkeitskategorien ersetzt. Diese Eingruppierung erfolgt anhand der Schubratenreduktion aus den Zulassungsstudien.
- Zur Wirksamkeitskategorie eins gehören Betainterferone, Dimethylfumarat, Glatirameroide und Teriflunomid.
- Zur Kategorie zwei Cladribin, Fingolimod sowie Ozanimod.
- Zur Kategorie drei Alemtuzumab, CD20-Antikörper (Ocrelizumab, off label Rituximab) und Natalizumab.
„Mit zunehmender Wirksamkeit nehmen allerdings auch die seltenen unerwünschten schweren Arzneimittelwirkungen zu“, so die Autoren. Sie stellen außerdem Einstiegs-, Wechsel- und auch Ausstiegsszenarien für die Medikation vor und gehen auf spezielle Situationen ein, zum Beispiel Schwangerschaft, Stillzeit und die MS-Therapie bei Kindern und Jugendlichen und bei alten Menschen. „Die heute verfügbaren Optionen erlauben eine individuelle, nach Verlauf, Krankheitsaktivität und persönlichem Risikoprofil adaptierte Therapie“, sagte Bernhard Hemmer von der Universitätsklinik der Technischen Universität München, der die Arbeit koordiniert hat.
Teilnahmebedingungen und Ablauf eines DMP
Gesetzlich Versicherte mit einer Erkrankung, für die ein DMP angeboten wird, können sich gemeinsam mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt dafür anmelden. Wer mehrere dieser Erkrankungen hat, kann an mehreren DMP teilnehmen - mit wenigen Ausnahmen: Für das DMP Asthma und für das DMP COPD kann man sich nicht gleichzeitig einschreiben. Ebenso wird eine gleichzeitige Teilnahme am demnächst verfügbaren DMP Chronische Herzinsuffizienz und am DMP Koronare Herzkrankheit ausgeschlossen. Die meisten Programme richten sich an Erwachsene ab 18 Jahren.
Patientinnen und Patienten können so lange an einem DMP teilnehmen, wie sie möchten. Chronische Erkrankungen erfordern eine langfristige und regelmäßige Behandlung, die an die Lebensumstände einer Patientin oder eines Patienten angepasst sein sollte. Ein Disease-Management-Programm kann eine Möglichkeit sein, längerfristig besser mit einer Erkrankung zurechtzukommen und den Erfolg der Behandlung zu verbessern. Wer sich in ein DMP einschreibt, arbeitet mit Ärztinnen und Ärzten zusammen, die sich besonders gründlich mit der Therapie einer Erkrankung auseinandergesetzt haben. Die Vorgaben für die Behandlung beruhen auf dem aktuellen Stand des medizinischen Wissens und werden regelmäßig überprüft.
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Rechtliche und organisatorische Rahmenbedingungen
Träger der DMP sind die gesetzlichen Krankenkassen, die sie für ihre chronisch kranken Versicherten anbieten: Sie schließen regionale Verträge mit Vertragsärztinnen und Vertragsärzten und/oder Krankenhäusern. Vor der Zulassung der einzelnen Programme prüft das Bundesamt für Soziale Sicherung (BAS), ob darin die in der Richtlinie des G-BA festgelegten Anforderungen an ein DMP eingehalten werden. Aktuell sind laut BAS rund 7,2 Millionen Versicherte in einem oder mehreren DMP eingeschrieben.
Der G-BA hat die Aufgabe, chronische Erkrankungen auszuwählen, die sich für ein DMP eignen, und die inhaltlichen Anforderungen an solche Programme genauer zu bestimmen. Dabei stützt er sich auf den aktuellen Stand der medizinischen Wissenschaft, der jeweils nach den Prinzipien der evidenzbasierten Medizin aus den vorhandenen klinischen Behandlungsleitlinien ermittelt wird. In regelmäßigen Abständen aktualisiert und evaluiert der G-BA bestehende DMP nach dem aktuellen Stand der Leitlinien.
Die inhaltlichen Anforderungen an die DMP und Dokumentationsvorgaben sind in der DMP-Anforderungen-Richtlinie geregelt. Hierbei geht es insbesondere um die medizinische Behandlung nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft, aber auch um Qualitätssicherungsmaßnahmen, Anforderungen an die Einschreibung der Versicherten in ein Programm, Schulungen der Ärztinnen und Ärzte und der Patientinnen und Patienten. Zudem sind Vorgaben für die Dokumentation und die Evaluation festgelegt. Anforderungen an die Ausgestaltung von DMP und die für ihre Durchführung zu schließenden Verträge sind zudem in der Risikostruktur-Ausgleichsverordnung (RSAV) geregelt.
Quickcheck DMP
Das Online-Lernprogramm „Quickcheck DMP“ unterstützt Praxen bei der reibungslosen Umsetzung von Disease-Management-Programmen (DMP). Das Angebot eignet sich auch zur Schulung neuer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oder zur Einführung von Praxen, die neu an DMP teilnehmen. Unter anderem erläutert der „Quickcheck DMP“ die wichtigsten Regelungen zur Einschreibung von Patientinnen und Patienten, das richtige Vorgehen bei einem Arztwechsel sowie die Versandwege zur Übermittlung der Dokumentationen.
Weitere Unterstützungsangebote
Eine weitere Leistung, die von Betroffenen in Anspruch genommen werden kann, sind strukturierte Behandlungsprogramme, mit denen chronische Krankheiten besonders effizient behandelt werden können. Dafür arbeiten Ärzte und Ärztinnen sowie Gesundheitsexperten und Gesundheitsexpertinnen über Praxisgrenzen hinaus zusammen. Strukturierte Behandlungsprogramme haben das Ziel, Spätfolgen vorzubeugen und das Wohlbefinden der betroffenen Menschen zu stärken, verfolgt- und das auf dem neuesten Stand der Wissenschaft!
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Als Versicherte haben Sie die Möglichkeit, am Behandlungsprogramm für die Krankheiten Asthma, Brustkrebs, COPD, Diabetes Mellitus, Koronare Herzkrankheit, Osteoporose und Rheumatoide Arthritis teilzunehmen. Chronische Erkrankungen erfordern oft mehrere Behandlungen in verschiedenen Fachrichtungen. Betroffene benötigen verschiedene Hilfsmittel (z. B. Seh- und Hörhilfen, Rollstühle und Prothesen) und Heilmittel (z. B. Podologie, Logopädie, Ergo-, oder Physiotherapie). Da können sich einige Zuzahlungen ansammeln. Deshalb besteht die Möglichkeit, die Belastungsgrenze für Zuzahlungen herunterzustufen.
Rehabilitationsmaßnahmen
DMPs werden in den Alltag der Patienten integriert. Rehabilitationsmaßnahmen erfolgen täglich für einen festgelegten Zeitraum. Ihre Krankenkasse übernimmt die Kosten für eine Rehabilitationsmaßnahme bei chronischen Krankheiten, sofern die medizinischen Voraussetzungen dafür vorliegen. Versicherte haben Anspruch auf eine Reha, wenn dadurch eine Behinderung oder eine Pflegebedürftigkeit verhindert werden kann und keine anderen Sozialversicherungsträger zuständig sind. Die Reha soll dazu beitragen, die Krankheitsfolgen zu verringern und vorzubeugen, dass sich der Gesundheitszustand verschlechtert. Für gewöhnlich dauert eine Reha drei Wochen oder 15 Behandlungstage. Die Behandlung kann ambulant oder stationär stattfinden.
Stellungnahmemöglichkeiten bei DMP
Gelegenheit zur Stellungnahme zur Richtlinie des G-BA zu den Anforderungen an strukturierte Behandlungsprogramme (Disease-Management-Programme - DMP) erhalten bei Vorliegen der gesetzlichen Voraussetzungen:
- Bundesärztekammer, Bundeszahnärztekammer und Bundespsychotherapeutenkammer
- Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit
- für die Wahrnehmung der Interessen der ambulanten und stationären Vorsorge- und Rehabilitationseinrichtungen und der Selbsthilfe sowie die für die sonstigen Leistungserbringer auf Bundesebene maßgebliche Spitzenorganisationen
- Bundesamt für Soziale Sicherung
- jeweils einschlägige wissenschaftliche Fachgesellschaften
- für die Wahrnehmung der Interessen der Anbieter digitaler medizinischer Anwendungen auf Bundesebene maßgebliche Spitzenorganisationen.
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