Dopamin-Fasten: Ein Trend zur Reizreduktion aus dem Silicon Valley

In der heutigen, schnelllebigen und digitalisierten Welt suchen viele Menschen nach Wegen, um ihr Wohlbefinden zu steigern und ein erfüllteres Leben zu führen. Ein Trend, der in diesem Zusammenhang immer wieder auftaucht, ist das sogenannte Dopamin-Fasten. Ursprünglich in der Selbstoptimierungsszene des Silicon Valley entstanden, zielt diese Praxis darauf ab, die Reizüberflutung des modernen Lebens zu reduzieren und die Wertschätzung für einfache Freuden wiederzugewinnen.

Was ist Dopamin-Fasten?

Dopamin ist ein Neurotransmitter, der im Gehirn eine wichtige Rolle bei der Belohnung, Motivation und Freude spielt. Es wird ausgeschüttet, wenn wir positive Erfahrungen machen, wie zum Beispiel gutes Essen genießen, Musik hören oder soziale Interaktionen haben. Die Anhänger des Dopamin-Fastens glauben, dass die ständige Stimulation durch moderne Technologien und übermäßigen Konsum zu einer Desensibilisierung gegenüber diesen natürlichen Belohnungen führen kann. Sie argumentieren, dass wir durch zu viel Party, Netflix und Instagram reizüberflutet sind und diese Stimuli nicht mehr genießen können.

Dopamin-Fasten ist eine Form der Verhaltenstherapie, bei der man für einen bestimmten Zeitraum auf Aktivitäten und Reize verzichtet, die bekanntermaßen die Dopaminausschüttung im Gehirn anregen. Dies kann bedeuten, dass man auf soziale Medien, Videospiele, Fernsehen, exzessives Essen, Sex und andere Vergnügungen verzichtet. Ziel ist es, den Dopaminspiegel im Gehirn zu senken und die Sensibilität für natürliche Belohnungen wiederherzustellen.

Die Praxis des Dopamin-Fastens

Die konkrete Umsetzung des Dopamin-Fastens kann variieren. Einige Menschen praktizieren es für einige Stunden am Tag, während andere sich für einen ganzen Tag oder sogar eine halbe Woche zurückziehen. Das Gründerteam der Schlafcoach-App Sleepwell.ai beispielsweise nehme sich häufig einen kompletten Tag Zeit für seine Fastenkur, schreibt BBC. Die Unternehmer aus dem Y Combinator essen nichts, sondern trinken nur Wasser. Sie benutzen weder Handy, Laptop, noch andere technische Geräte. Genauso wie Bücher. Außerdem schränken sie ihre sozialen Kontakte auf wenige Sekunden ein, vermeiden Augen- und Körperkontakt. Die Idee dahinter ist, den Dopaminspiegel so gering wie möglich zu halten.

Während des Fastens konzentrieren sich die Teilnehmer oft auf einfache Aktivitäten wie Spaziergänge in der Natur, Meditation, Tagebuch schreiben oder leichte körperliche Übungen. Das Ziel ist es, eine reizarme Umgebung zu schaffen, die es dem Gehirn ermöglicht, sich zu erholen und zu regenerieren.

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Ziele und erhoffte Vorteile

Die Befürworter des Dopamin-Fastens erhoffen sich eine Reihe von Vorteilen, darunter:

  • Erhöhte Motivation und Fokus: Nach dem Fasten sollen Reize umso stärker wahrgenommen werden, heißt es. Sei es nur ein Gespräch unter Kollegen oder der Kaffee am Morgen. Die Personen sollen motivierter sein, sich besser fokussieren können und produktiver arbeiten.
  • Verbesserte Konzentrationsfähigkeit: Durch die Reduktion von Ablenkungen soll die Fähigkeit, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren, verbessert werden.
  • Gesteigerte Produktivität: Eine erhöhte Motivation und Konzentration sollen zu einer höheren Produktivität führen.
  • Größere Wertschätzung für einfache Freuden: Durch den Verzicht auf übermäßige Stimulation soll die Fähigkeit, kleine Freuden im Leben wieder wertzuschätzen, gefördert werden.
  • Bekämpfung toxischer Verhaltensweisen: Letztlich geht es um die Bekämpfung toxischer Verhaltensweisen.

Kritik und Kontroversen

Das Dopamin-Fasten ist nicht unumstritten. Einige Experten argumentieren, dass es sich um eine irreführende Bezeichnung handelt, da man nicht tatsächlich Dopamin "fasten" kann. Dopamin ist ein essentieller Neurotransmitter, der für viele wichtige Funktionen im Gehirn benötigt wird. Es ist also praktisch unmöglich, Dopamin wirklich zu fasten. Denn nicht nur das Belohnungszentrum, sondern auch andere Bereich im Gehirn brauchen Dopamin, um einwandfrei funktionieren zu können. Es wird also eigentlich ständig irgendwo gebraucht.

Der Neurobiologe Björn Brembs sieht das Konzept kritisch; das Nervensystem lasse sich durch das Ausblenden von Reizen gar nicht herunterfahren. „Unser Gehirn arbeitet immer relativ gleich stark, nur wo diese Arbeit stattfindet, ändert sich ständig“, erklärt der Wissenschaftler der Universität Regensburg. „Je nachdem, wofür wir es gerade brauchen.“ Es sei zwar möglich, Bereiche, die visuelle Reize verarbeiten, nahezu auszuschalten, indem ein Mensch beispielsweise die Augen schließe, nur seien dann eben andere Bereiche wie etwa das visuelle Gedächtnis umso aktiver. „Die Aktivität verschiebt sich“, sagt der Forscher. Brembs weist zudem daraufhin, dass so ein Dopamin-Entzug auch grundsätzlich schwierig sei, weil der Mensch quasi alles ausschalten müsste, was Spaß erzeugt und somit das Glücks­hormon ausschüttet - auch das Essen und Trinken, Schlaf und genau genommen sogar freudige Erinnerungen. Und falls das gelinge, könne auch das wieder Glückshormone ausschütten. „Selbst die Kontrolle über das Essverhalten kann suchtähnlich werden“, betont Brembs und verweist auf Essstörungen.

Andere Kritiker vergleichen die Therapie mit Meditation. Viele stehen der Fastenkur aber auch skeptisch gegenüber. Roman Liepelt ist Leiter des Lehrstuhls für Allgemeine ­Psychologie an der Fernuniversität Hagen und hat dazu eine klare Meinung: „Im digitalen Zeitalter, in dem permanent von allen Seiten neue Reize auf uns einströmen, hilft es sicher, eine reiz­arme Umgebung zu schaffen und unserem kognitiven System eine Auszeit zu gönnen“, erklärt er. „Besser als ein einmaliger ­exzessiver Reizentzug wäre jedoch, reizarme Phasen dauerhaft in den Alltag einzubauen.“ Dopamin-Fasten, so Liepelt, eigne sich allenfalls dazu, sich des Problems - beispielsweise der digitalen Reizüberflutung - bewusst zu werden.

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass das Dopamin-Fasten in einigen Fällen zu einem Suchtverhalten führen kann, bei dem der Verzicht selbst zum Zwang wird. Der Verzicht auf Dopamin ist ein typisches Suchtverhalten. Besagte Sucht dann wieder zu befriedigen, löst ein ganz natürliches Gefühl von Erleichterung aus, welche wir als positive Erfahrung abstempeln, obwohl es vielmehr die Befreiung von Selbstdisziplin ist.

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Alternativen und verwandte Konzepte

Es gibt eine Reihe von alternativen und verwandten Konzepten, die ähnliche Ziele wie das Dopamin-Fasten verfolgen, aber möglicherweise zugänglicher und weniger restriktiv sind. Dazu gehören:

  • Digital Detox: Dabei verzichtet man bewusst auf die Nutzung digitaler Geräte wie Smartphones, Tablets und Computer, um sich von der ständigen Reizüberflutung zu befreien.
  • Mindfulness und Meditation: Diese Praktiken helfen, die Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment zu lenken und die Achtsamkeit für die eigenen Gedanken und Gefühle zu schärfen.
  • Waldbaden (Shinrin-Yoku): Diese japanische Praxis beinhaltet das bewusste Eintauchen in die Natur, um Stress abzubauen und das Wohlbefinden zu steigern. Der Wald ist für Petra Nürnberger ein Ort, „an dem es holzig riecht, wo die Sonne durch die Baumwipfel schimmert und das Geräusch des Windes in den Ästen nur durch Vogelgezwitscher unterbrochen wird“. Für viele Menschen klingt das lediglich nach einem erholsamen Spaziergang. Doch was die Berlinerin macht, geht weit darüber hinaus. Sie praktiziert Shinrin-Yoku. Der Begriff stammt aus Japan und bezeichnet die fernöstliche Tradition, „in der Waldluft zu baden“. Die dortigen Behörden förderten bereits Anfang der 1980er ein millionenschweres Forschungsprogramm, um die medizinische Wirksamkeit des Waldbadens nachzuweisen. Die Anstrengungen mündeten vor 14 Jahren ins erste Zentrum für Waldtherapie. An vielen japanischen Universitäten wird inzwischen auch eine fachärztliche Spezialisierung in dem Bereich angeboten.
  • Intervallfasten: Statt kalorienreiche Lebensmittel streng zu meiden, verzichtet man dabei nur zeitweise auf Nahrung - je nach Fastenmethode an 16 Stunden am Tag, an zwei Tagen in der Woche oder an jedem zweiten Tag. Ansonsten darf normal gegessen werden.

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