Dopaminüberschuss als Ursache von Tics: Ein umfassender Überblick

Tics sind plötzliche, unwillkürliche und sich wiederholende Bewegungen oder Lautäußerungen, die von den Betroffenen nur schwer oder gar nicht kontrolliert werden können. Sie treten meist im Kindesalter auf und können in ihrer Ausprägung, Häufigkeit und Art stark variieren. Die Ursachen von Tics sind komplex und noch nicht vollständig geklärt, aber es gibt zunehmend Hinweise darauf, dass ein Ungleichgewicht des Neurotransmitters Dopamin im Gehirn eine entscheidende Rolle spielt. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte von Tics, wobei der Fokus auf dem Zusammenhang zwischen Dopaminüberschuss und der Entstehung von Tics liegt.

Was sind Tics? Definition und Klassifikation

Im medizinischen Sinne sind Tics plötzlich einschießende Bewegungen und/oder Lautäußerungen, die sich unregelmäßig wiederholen und von den Betroffenen nicht oder nur schwer gesteuert werden können. Sie beginnen meist im Grundschulalter, können aber auch früher oder später auftreten.

Tics werden in motorische und vokale Tics unterteilt:

  • Motorische Tics: Dies sind Tics, die sich in Form von Bewegungen äußern. Beispiele hierfür sind:
    • Augenzwinkern
    • Grimassieren
    • Arm- und Beinbewegungen
    • Schulterzucken
  • Vokale Tics: Dies sind Tics, die sich in Form von Lautäußerungen äußern. Beispiele hierfür sind:
    • Räuspern
    • Husten
    • Einfache Laute
    • Worte und ganze Sätze (in seltenen Fällen auch Schimpfworte)

Tics können auch nach ihrer Komplexität unterschieden werden:

  • Einfache Tics: Kurze, isolierte Bewegungen oder Lautäußerungen (z.B. Blinzeln, Räuspern).
  • Komplexe Tics: Längere, scheinbar zielgerichtete Bewegungsabläufe oder Lautäußerungen (z.B. Springen, Wiederholen von Wörtern).

Ursachen von Tics: Ein multifaktorielles Geschehen

Die genauen Ursachen von Tics sind noch nicht vollständig geklärt, aber es wird angenommen, dass mehrere Faktoren zusammenwirken. Zu den wichtigsten Faktoren gehören:

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  • Genetische Veranlagung: Studien haben gezeigt, dass Tics in Familien gehäuft auftreten, was auf eine genetische Komponente hindeutet. Familien- und Zwillingsstudien deuten darauf hin, dass genetische Faktoren das Risiko für die Entwicklung der Störung erheblich erhöhen. Es wird davon ausgegangen, dass das Erkrankungsrisiko für ein Tourette Syndrom für weibliche Nachkommen um 5%, für männliche Nachkommen um 10% erhöht ist. Verschiedene beschriebene Genveränderungen konnten bisher nicht bestätigt werden. Es liegt wahrscheinlich ein komplexes Vererbungsmuster zugrunde, bei dem verschiedene Gene dazu beitragen, die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten der Erkrankung zu erhöhen. Je nach verändertem Genort resultiert vermutlich ein anderes klinisches Bild der Erkrankung. Ein viel versprechendes Kandidatengen ist derzeit noch nicht bekannt.
  • Neurobiologische Faktoren: Es gibt zunehmend Hinweise darauf, dass eine Störung im Botenstoffwechsel im Gehirn, insbesondere ein Überschuss des Neurotransmitters Dopamin, eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Tics spielt. Es wird angenommen, dass eine Überaktivität des dopaminergen Systems mit dem Tourette-Syndrom assoziiert ist. Zusätzlich könnten Glutamat- und GABAerge Dysbalancen zur Symptomatik beitragen, indem sie das Zusammenspiel zwischen erregenden und hemmenden Nervenzellnetzwerken beeinflussen. Auch andere Neurotransmitter wie Serotonin, Histamin und Glutamat könnten eine Rolle spielen.
  • Infektionen: In einigen Fällen können Infektionen, insbesondere mit Streptokokken, Tics auslösen oder verstärken. Unter der englischen Abkürzung PANDAS werden neuropsychiatrische Erkrankungen zusammengefasst, die nach einer Infektion mit bestimmten Streptokokken im Kindesalter auftreten können.
  • Psychosoziale Faktoren: Stress, Belastung und traumatische Erlebnisse können Tics verstärken oder auslösen. Psychosozialer Stress sowie die Einnahme von Medikamenten in der Schwangerschaft können im Zusammenhang mit dem Auftreten einer Tic-Störung beim Kind stehen, wie Studien zeigen. Das Gleiche gilt für Rauchen, Alkoholgenuss und den Konsum anderer Drogen in der Schwangerschaft.

Dopamin und Tics: Ein zentraler Zusammenhang

Dopamin ist ein Neurotransmitter, der eine wichtige Rolle bei der Steuerung von Bewegungen, Emotionen und kognitiven Funktionen spielt. Es wird angenommen, dass ein Überschuss an Dopamin im Gehirn, insbesondere in den Basalganglien, zu einer Übererregbarkeit der Nervenzellen und damit zu Tics führen kann.

Mehrere Studien haben gezeigt, dass Medikamente, die den Dopaminspiegel im Gehirn senken oder die Dopaminrezeptoren blockieren (sogenannte Dopaminantagonisten), die Symptome von Tics reduzieren können. Dies unterstützt die Hypothese, dass ein Dopaminüberschuss eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Tics spielt.

Die genauen Mechanismen, wie Dopamin Tics verursacht, sind jedoch noch nicht vollständig verstanden. Es wird vermutet, dass ein Dopaminüberschuss die normale Funktion der Basalganglien stört, die für die Auswahl und Ausführung von Bewegungen verantwortlich sind. Dies kann zu unwillkürlichen Bewegungen und Lautäußerungen führen, die als Tics bekannt sind.

Das Tourette-Syndrom: Eine komplexe Tic-Störung

Das Tourette-Syndrom ist eine neurologische Störung, die durch das Vorhandensein von multiplen motorischen und mindestens einem vokalen Tic gekennzeichnet ist. Die Tics müssen über einen Zeitraum von mindestens einem Jahr bestehen und vor dem 18. Lebensjahr beginnen.

Die genaue Ursache des Tourette-Syndroms ist noch nicht vollständig geklärt, aber es wird angenommen, dass genetische und neurobiologische Faktoren eine wichtige Rolle spielen. Insbesondere wird eine Störung der dopaminergen Signalübertragung in den Basalganglien vermutet.

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Beim Tourette-Syndrom sind der Nucleus caudatus und das Putamen in ihrer Größe vermindert. Dies führt zu einer gestörten Regulation der Bewegungen und begünstigt Hyperkinesen, die als Tics in Erscheinung treten. Ein wesentlicher Bestandteil der Pathogenese scheint eine Störung der dopaminergen Signalübertragung im Striatum zu sein. Es gibt Hinweise darauf, dass eine Überaktivität des dopaminergen Systems mit dem Tourette-Syndrom assoziiert ist.

Diagnose von Tic-Störungen

Die Diagnose von Tic-Störungen basiert in der Regel auf einer sorgfältigen Untersuchung des Verlaufs und der Ausprägung der Symptome. Der Arzt wird den Patienten (oder die Eltern des Patienten) nach Art, Häufigkeit, Intensität und Verteilung der Tics fragen. Außerdem wird er mögliche Risikofaktoren wie Tic-Störungen in der Familie oder vorausgegangene Infektionen berücksichtigen.

Es gibt auch Fragebögen, die Angehörige oder Eltern über einen Zeitraum von mehreren Wochen ausfüllen können. Diese Angaben dienen dem Arzt dann dazu, einzuschätzen, wie schwer die Tic-Störung ist. International gibt es dafür zum Beispiel die "Yale Global Tic Schweregradskala" (YGTSS).

Um die Tics von anderen Erkrankungen abzugrenzen, wird bei der Untersuchung auch auf äußere Einflussfaktoren und sogenannte Vorgefühle geachtet. Diese gehen den Tics im Gegensatz zu anderen Bewegungsstörungen oft voraus.

Die Symptome mancher Erkrankungen lassen sich mit Tics verwechseln, was der Arzt bei der Diagnosefindung berücksichtigen muss. Zwangshandlungen etwa haben oft große Ähnlichkeit mit komplexen Tics. Auch bestimmte Bewegungsstörungen erscheinen manchmal ähnlich wie Tics. Außerdem kann hinter vermeintlichen Tics möglicherweise auch eine Epilepsie stecken.

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Behandlung von Tic-Störungen

Die Behandlung von Tic-Störungen zielt darauf ab, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Die Wahl der Behandlungsmethode hängt von der Schwere der Symptome und den individuellen Bedürfnissen des Patienten ab.

Zu den wichtigsten Behandlungsansätzen gehören:

  • Psychoedukation: Eine ausführliche Aufklärung der Betroffenen und ihrer Familien über das Krankheitsbild ist wichtig. Oftmals wird die Diagnose einer Tic-Störung erst spät gestellt, daher kann eine verständliche Erklärung und Beratung bereits eine große Erleichterung sein. Auch Lehrerinnen, Lehrer und andere Bezugspersonen sollten einbezogen werden, um Verständnis zu fördern und Strategien für den Umgang mit den Tics zu entwickeln. Bei einer milden Ausprägung des Tics kann die Psychoedukation bereits eine ausreichende Behandlung sein.
  • Verhaltenstherapie: Bei stärker Betroffenen können psychotherapeutische Verfahren helfen, Kompensationsmechanismen zu erlernen. Besonders bewährt haben sich Verhaltenstherapien wie das „Habit Reversal Training“ (HRT) oder das „Exposure and Response Prevention Training“ (ERPT). Diese können die Tics um bis zu 30 Prozent reduzieren. Beide Methoden können sowohl bei Kindern und Jugendlichen als auch bei Erwachsenen angewendet werden.
  • Entspannungstechniken: Entspannungstechniken können begleitend bei der Behandlung von Tic-Störungen eingesetzt werden. Allein angewendet bringen sie jedoch meist keine Besserung. Da sie eine gute Mitarbeit erfordern, sind sie für jüngere Kinder oft weniger geeignet. Sie können aber hilfreich sein, wenn Kinder oder Jugendliche aufgrund starker Tics schwer zur Ruhe kommen.
  • Medikamentöse Therapie: Sie kommen bei schweren Tic-Störungen in Frage. Medikamente können die Tics zwar selten vollständig unterdrücken - sie können sie aber so weit lindern, dass psychosoziale Beeinträchtigungen vermindert werden. Die medikamentöse Einstellung erfolgt langsam, um unerwünschte Nebenwirkungen so weit wie möglich zu vermeiden. Häufig eingesetzte Medikamente sind Neuroleptika, die das Dopaminsystem beeinflussen.
  • Tiefe Hirnstimulation: Die tiefe Hirnstimulation (THS) ist eine bisher experimentelle Methode für Menschen mit therapieresistenten schweren Tic-Störungen. Dabei setzt man Elektroden ein, um bestimmte Hirnregionen zu stimulieren.

Selbsthilfe und Umgang mit Tics im Alltag

Neben den professionellen Behandlungsansätzen gibt es auch einige Dinge, die Betroffene selbst tun können, um mit ihren Tics besser umzugehen:

  • Stress vermeiden: Stress kann Tics verstärken. Daher ist es wichtig, Stressoren im Alltag zu reduzieren und Entspannungstechniken zu erlernen.
  • Unterstützung suchen: Der Austausch mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen kann sehr hilfreich sein.
  • Offen mit der Erkrankung umgehen: Wenn das soziale Umfeld die Störung kennt, kann das den Stress für den Betroffenen deutlich reduzieren.
  • Sich selbst akzeptieren: Tics sind ein Teil der Persönlichkeit. Es ist wichtig, sich selbst anzunehmen und sich nicht für die Tics zu schämen.

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