Der dorsale Vagusnerv: Anatomie, Funktion und Bedeutung für die Gesundheit

Der Vagusnerv, auch bekannt als "Nervus vagus" oder "der umherschweifende Nerv", ist einer der bedeutendsten Nerven im Körper. Er ist der zehnte Hirnnerv (N. X) und entspringt im Hirnstamm. Der Vagusnerv bildet den parasympathischen Teil des autonomen Nervensystems und besitzt zwei Stränge: den ventralen und den dorsalen, welche den Körper mit vielen Verästelungen durchziehen. "Vagus" steht im Lateinischen für "Wandern", was seine vielen Abzweigungen und seine Ausdehnung durch den Körper treffend beschreibt.

Verlauf des Vagusnervs

Der Vagusnerv zieht sich wie ein inneres Steuerkabel durch den gesamten Körper. Er beginnt im Gehirn, genauer gesagt im verlängerten Mark (Medulla oblongata), einem Teil des Hirnstamms. Von dort aus verläuft er durch den Hals, entlang wichtiger Blutgefäße, durch den Brustraum (nahe der Brustwirbelsäule) und reicht bis tief in den Bauchraum.

Der Vagusnerv entspringt beidseitig (also mit einem linken und einem rechten Nervenstrang) im verlängerten Mark (Medulla oblongata). Vom Gehirn aus treten sowohl der linke als auch der rechte Vagusnerv durch eine Öffnung an der Schädelbasis (Foramen jugulare) aus und ziehen dann seitlich entlang des Halses. Nach dem gemeinsamen Durchtritt durch das Zwerchfell erreichen beide Vagusnerven den Oberbauch, wo sie sich weiter verzweigen.

Die zwei Äste des Vagusnervs: Ventral und Dorsal

Der Vagusnerv ist nicht ein einzelner Nerv, sondern besteht tatsächlich aus zwei separaten Ästen, die unterschiedliche Aufgaben erfüllen. Daher der Name "Polyvagal-Theorie" (von griech. "poly"=viel). Anatomisch versorgen die beiden Vagus-Äste unterschiedliche Regionen.

  • Der ventrale Vagusnerv: Er ist für die Entspannung des Nervensystems zuständig und befindet sich in ständigem Wechsel mit dem Sympathikus, der für die Anspannung verantwortlich ist. Er ist evolutionär gesehen der jüngere Anteil des parasympathischen Nervensystems und ist in erster Linie für nonverbale Kommunikation, z.B. über Blicke und Gesten, und Fürsorge zuständig, steht also für emotionale und soziale Kompetenz. Der ventrale Vagus besitzt zusätzlich eine "Myelinisierung" genannte, umhüllende Fettschicht. Wenn der ventrale Vagus gut funktioniert, fühlt man sich sicher, verbunden und ausgeglichen.

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  • Der dorsale Vagusnerv: Er wird aktiviert, wenn der Kampf- oder Fluchtmodus aus dem Sympathikus keinen Erfolg erzielt und das Nervensystem auf Notstand umschaltet. Der dorsale Vagus löst im Notfall Erstarrung oder Rückzug aus. Der dorsale Teil ist weitaus älter als der ventrale. Der dorsale (hintere) Vagus regelt überwiegend die inneren Organe, die unter dem Zwerchfell liegen: den Magen, Teile des Darms, die Leber und die Nieren.

Die Vagusbremse: Regulation der Herzfrequenz

Die Vagusbremse ist jener Pfad des Vagusnervs, der eine Verbindung mit dem Sinusknoten des Herzens herstellt. Diese Verbindung reguliert den Herzrhythmus, indem es den Puls zu einer gesunden Anzahl an Schlägen pro Minute verlangsamt. Ohne diesen regulierenden Einfluss würde das Herz gefährlich schnell schlagen. Die Vagusbremse ist für die Beschleunigung und Verlangsamung des Pulses zuständig, um effektiv auf die Anforderungen im gegebenen Moment zu reagieren.

Die Vagusbremse kann man sich wie die Bremsen am Fahrrad vorstellen. Wenn die Vagusbremse sich zu lösen beginnt, reduziert sich die Energie, die durch den ventralen Pfad fließt und die Energie des Sympathikus, die im Hintergrund fließt, beginnt in den Vordergrund zu treten. Nun ist man bereit für Herausforderungen! Wenn die Vagusbremse wieder angezogen wird, wird der Prozess umgedreht, der Sympathikus rückt in den Hintergrund und der ventrale Vagus kehrt in den Vordergrund zurück. Man entspannt sich wieder! Die Welt kommt einem nicht mehr ganz so schnell vor.

Dieser subtile Ablauf der Vagusbremse geschieht bei jedem Atemzyklus. Dies ist der Rhythmus des Lebens. Anspannung und Entspannung in ausgewogenem Wechsel sind notwendig, um sich gut zu fühlen. Mit dem Wissen über die Vagusbremse kann man bereits feststellen, in welchem Modus man sich befindet und kommt schnell auf Ideen, die einen in ein besseres Gleichgewicht bringen. Lediglich im dorsalen Zustand des autonomen Nervensystems fällt es einem schwer, etwas zu verändern - man ist immobilisiert.

Funktion des Vagusnervs

Der Vagusnerv ist mit vielen Organen und Körpersystemen verbunden. Deshalb können Störungen im Verlauf oder in der Funktion dieses Nervs eine Vielzahl scheinbar unzusammenhängender Symptome auslösen. Ein eingeklemmter oder überreizter Vagusnerv kann sich auf ganz unterschiedliche Weise bemerkbar machen. Weil er Herz, Magen, Darm, Kehlkopf und viele weitere Bereiche beeinflusst, sind die Symptome oft vielseitig und für Betroffene nicht immer eindeutig zuzuordnen. Besonders tückisch: Diese Symptome können plötzlich auftreten und wieder verschwinden.

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Der Vagusnerv spielt eine entscheidende Rolle für viele wichtige Funktionen im Körper - von der Verdauung über den Herzschlag bis hin zur Stressregulation. Gerät er aus dem Gleichgewicht, kann sich das auf die körperliche und psychische Gesundheit auswirken.

Der Vagusnerv ist mit dem autonomen Nervensystem (ANS) verbunden und ist ein zentraler und dominanter Bestandteil des parasympathischen Teils des ANS. Dieser auch Parasympathikus genannte Bereich ist für Entspannung, Regeneration und Heilung zuständig.

Der Parasympathikus bewirkt als Gegenspieler des Sympathikus folgende regenerative Reaktionen im Körper:

  • Absenkung der Herzfrequenz und des Blutdrucks: stressiges Herzrasen und gefährlicher Blutdruck lassen nach.
  • Verminderung des Tonus der Muskulatur: Angespannte und verkrampfte Muskeln können sich wieder entspannen und lockern.
  • Verengung der Bronchien.
  • Verengung der Pupillen: Die angstgeweiteten Augen bekommen wieder ihre normale Größe.
  • Hemmung der Schweißdrüsen: Der Angstschweiß lässt nach.
  • Verbesserung der Hautdurchblutung: Wir bekommen wieder Farbe ins Gesicht.
  • Anregung der Magen-Darm-Passage: Die Verdauung kann wieder ihre Arbeit aufnehmen.
  • Entspannung des Schließmuskels bei der Darmentleerung: Wir können wieder entspannt auf die Toilette gehen.

Der Vagusnerv hilft dem Körper dabei, vom Alarmzustand (aktivierter Sympathikus) wieder in den Ruhemodus (aktivierter Parasympathikus) zu wechseln. Das ist essenziell für die emotionale Stabilität. Diese Schwächung kann dazu führen, dass der Körper in einem Dauerzustand der Alarmbereitschaft bleibt - mit Symptomen wie Herzrasen, Unruhe, Schlafproblemen oder Reizbarkeit.

Polyvagal-Theorie nach Stephen Porges

Ein besonders spannender Ansatz stammt vom US-Forscher Dr. Stephen Porges, der die sogenannte Polyvagal-Theorie entwickelte. Die Polyvagal-Theorie umschreibt eine neue Sicht auf das Autonome Nervensystem (ANS). Sie besagt, dass das ANS ständig die Umgebung daraufhin untersucht, ob sie sicher, gefährlich oder sogar lebensbedrohlich erscheint. Dazu verwendet es Signale, die sowohl aus der Umgebung als auch aus den inneren Organen an das ANS übermittelt werden.

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Ausgangspunkt der Entwicklung der Polyvagal-Theorie waren Untersuchungen zu Herzfrequenzmustern bei menschlichen Föten und Neugeborenen. In über vierzigjähriger Forschungsarbeit erkannte Porges, dass der Vagusnerv nicht ein einzelner Nerv ist, sondern tatsächlich aus zwei separaten Ästen besteht, die unterschiedliche Aufgaben erfüllen.

Entgegen der landläufigen Annahme steuert nicht das Gehirn das Nervensystem, sondern das Nervensystem gibt auch dem Gehirn entscheidende Handlungsanweisungen. Körper und Gehirn beeinflussen sich in einem Regelkreislauf also gegenseitig.

Neurozeption bezeichnet die Fähigkeit des ANS - automatisch und ohne dass man dies bewusst wahrnimmt - die Umgebung ständig darauf zu überprüfen, ob sie sich sicher, bedrohlich oder gar lebensgefährlich darstellt. Nimmt die Neurozeption Signale von Sicherheit wahr, ermöglicht uns der ventrale Vagus Verhaltensweisen wie etwa soziale Interaktion, Spiel, neugierige Erforschung und Kreativität. Der Sympathikus bringt uns in Bewegung und Aktivität. Dies ist natürlich kein "digitaler" Prozess im Sinne von Ein/Aus, sondern ein kontinuierliches Pendeln zwischen den unterschiedlichen Zuständen, in Abhängigkeit von der Neurozeption.

In Gefahrensituationen läuft die Reaktion kaskadenförmig ab. Konkret heißt das, dass ein Mensch, der sich bedroht fühlt, zuerst versucht durch soziale Interaktion die Gefahr zu bannen. Gelingt dies nicht, wird der Sympathikus aktiviert und das System schaltet um auf "Kampf oder Flucht". Reicht dieses immer noch nicht oder werden wir in der Situation überwältigt und können weder kämpfen noch fliehen, geraten wir zunehmend in den Zustand der Erstarrung.

Der Zustand des Autonomen Nervensystems beeinflusst auf diese Weise beispielsweise die Fähigkeit zum Zuhören, zum Verarbeiten von Informationen, in soziale Interaktion treten zu können und generell das gesamte Sozialverhalten.

Störungen des Vagusnervs

Wenn der Vagusnerv gereizt, geschwächt oder blockiert ist, kann das eine Vielzahl von Beschwerden auslösen. Typisch sind unter anderem Herzstolpern, Verdauungsprobleme wie Übelkeit oder Völlegefühl, sowie Schluckbeschwerden oder ein Kloßgefühl im Hals. Auch Kopfschmerzen, Schwindel, chronische Müdigkeit und Nackenschmerzen können mit einer gestörten Vagusfunktion in Verbindung stehen.

Mögliche Ursachen für Vagusnerv-Störungen:

  • Körperliche Faktoren: Verspannungen im Nacken-, Kiefer- oder Brustbereich sowie Fehlhaltungen können den Nerv mechanisch reizen oder einengen. Der Vagusnerv verläuft vom Schädel aus durch den Hals, entlang der Brustwirbelsäule bis in den Bauchraum. Dabei passiert er enge anatomische Räume und ist anfällig für Druck, Reibung oder Einschränkung.
  • Seelische Verfassung: Anhaltender psychischer Stress, ungelöste Konflikte oder emotionale Überlastung können die Aktivität des Vagusnervs spürbar herunterfahren.
  • Entzündungen: Eine chronische Entzündung (wie beispielsweise im Darm) kann über sogenannte Zytokine die Funktion des Vagusnervs hemmen. Gleichzeitig steuert der Nerv auch immunologische Prozesse. Zudem reagieren vagale Rezeptoren sehr sensibel auf Stoffwechselprodukte aus dem Darmmikrobiom. Wenn das Mikrobiom aus dem Gleichgewicht gerät (z. B. durch eine ungesunde Ernährung oder die Einnahme von Antibiotika), kann sich das negativ auf den Vagusnerv auswirken.
  • Hormonelle Dysbalancen: Auch hormonelle Dysbalancen (z. B. in den Wechseljahren oder bei Schilddrüsenerkrankungen) können die Funktion des Vagusnervs beeinträchtigen.

Was dem Vagusnerv guttut

Dem Vagusnerv tut alles gut, was Entspannung, Sicherheit und innere Ruhe fördert.

  • Atemübungen: Besonders wirksam sind tiefe, langsame Atemübungen, da sie direkt den Parasympathikus aktivieren. Bewusstes, ruhiges Atmen ist die effektivste und einfachste Methode, um den Vagusnerv zu aktivieren. Schon nach kurzer Zeit kann sich der Puls beruhigen, und der Körper schaltet in den Erholungsmodus.
  • Singen, Summen, Gurgeln: Durch Summen oder leises Singen entstehen Vibrationen im Hals- und Rachenraum, wo Äste des Vagusnervs verlaufen. Diese Vibrationen können ihn anregen.
  • Kälteanwendungen: Kälte löst im Körper einen kurzen Reiz aus, der den Parasympathikus anregt. Das erreichen Sie einfach, indem Sie sich morgens das Gesicht mit kaltem Wasser abspülen oder beim Duschen zum Schluss 10-20 Sekunden kaltes Wasser über den Nacken laufen lassen.
  • Bewegung: Leichte Bewegung wie Spazierengehen, Radfahren oder Yoga wirkt sich positiv auf den Vagusnerv aus.
  • Soziale Interaktion: Der Vagusnerv reagiert auch auf Emotionen. Lachen, freundliche Gespräche oder Nähe zu vertrauten Menschen fördern die Ausschüttung von Wohlfühlhormonen (z. B. Oxytocin), die den Vagusnerv aktivieren.
  • Vagus-Meditation: Die Vagus-Meditation nach Prof. Schnack ist neurophysiologisch begründet und daher ohne weltanschauliche Prägung. Sie ist schnell und einfach im Stressalltag umsetzbar.

Vagus-Meditation nach Prof. Schnack

Die Vagus-Meditation nach Prof. Schnack besteht aus drei Übungen:

  1. Kehlkopfvibrationen: Summen, Schnurren, Singen und Brummen. Bei der Kehlkopfvibration summt, schnurrt, brummt und singt man und aktiviert so den neunten Hirnnerv (den Zungen-Kehlkopf-Nerv).
  2. Augenpressur: Bei dieser Vagus-Meditationsübung nach Prof. Schnack stimulieren wir den 3. Hirnnerven, den Augennerv. Bitte führen Sie die Übung mit einem sanften Druck auf die geschlossenen Augen durch.
  3. Cinéma interne: Mit Cinéma interne ist der Farbfilm hinter den Augenlidern gemeint, den Sie abrufen können, wenn Sie Ihre Augen schließen und dann versuchen, das Innere der Augenlider anzuschauen.

Der Vagusnerv und das Immunsystem

Es gibt eine wichtige und gut erforschte Verbindung zwischen dem Vagusnerv und dem Immunsystem. Diese Verbindung ist Teil eines komplexen Kommunikationsnetzes, das als neuro-immunologisches System bekannt ist. Eine wichtige Rolle spielt dabei seine Fähigkeit, Entzündungsreaktionen im Körper zu beeinflussen.

Erkrankungen der Hirnnerven IX-XII

Erkrankungen der Hirnnerven und des Hirnstamms führen häufig zu einer erheblichen Belastung der Patienten. Umso wichtiger ist eine schnelle und exakte topografische Zuordnung der klinischen Syndrome. Die auf den Befunden der klinisch-neurologischen Untersuchung basierenden Zusatzuntersuchungen helfen bei der ätiologischen Zuordnung und bestimmen das weitere therapeutische Prozedere. Zur kaudalen Gruppe gehören die Hirnnerven IX-XII.

  • N. glossopharyngeus (IX. Hirnnerv): Es handelt sich in erster Linie um einen sensiblen und sensorischen Nerv. Klinisch lässt sich die Funktion des N. glossopharyngeus am besten über eine Geschmacksprüfung des hinteren Zungendrittels untersuchen. In Analogie zur Trigeminusneuralgie, jedoch wesentlich seltener, kann es zum Auftreten einer Glossopharyngeusneuralgie kommen.
  • N. vagus (X. Hirnnerv): Er versorgt sensibel die Haut der Concha des äußeren Ohres, die Hirnhäute der hinteren Schädelgrube und des Foramen magnum. Klinisch führt die Vagusläsion zu einer unilateralen Gaumensegelparese und einer Stimmbandlähmung mit heiserer Sprechweise.
  • N. accessorius (XI. Hirnnerv): Ist ein rein motorischer Nerv. Klinisch resultieren Lähmungen der Kopfdrehung und Schulterhebung.
  • N. hypoglossus (XII. Hirnnerv): Ist zuständig für die motorische Innervation der Zunge. Klinisch zeigt sich bei einer Hypoglossusparese frühzeitig die resultierende Atrophie mit vermehrter Gyrierung der Oberfläche; durch Überwiegen des M. genioglossus der gesunden Seite kommt es beim Herausstrecken zu einer Abweichung zur gelähmten Seite.

Zwerchfellbruch und der Vagusnerv

Bei der operativen Behandlung eines Zwerchfellbruchs ist es von höchster Bedeutung, umliegende Nerven und Gefäße nicht zu verletzen. Dorsal (hinter) der Speiseröhre verläuft der hintere Vagusast, welcher in den Solarplexus einstrahlt. Um den hinteren Vagus sicher zu schonen wird er nicht von der Speiseröhre gelöst. Auch der vordere Vagus wird nicht von der Speiseröhre gelöst.

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