Tinnitus und Durchblutungsstörungen im Gehirn: Ursachen, Diagnose und Behandlung

Tinnitus, das Wahrnehmen von Geräuschen ohne äußere Schallquelle, ist ein weit verbreitetes Phänomen. Bis zu 80 % der Gesamtbevölkerung haben im Laufe ihres Lebens schon einmal Symptome wie Ohrensausen oder ähnliche Ohrgeräusche erlebt. Zwischen 5 und 15 % der Bevölkerung leiden unter länger andauernden, störenden Geräuschen. Diese Ohrgeräusche können sich vielfältig äußern, als Sausen, Rauschen, Knacken, Brummen, Pfeifen oder Zischen, und ihre Intensität kann variieren. Die Erkrankung kann ein oder beide Ohren betreffen und sich je nach Tageszeit verändern.

Einführung in Tinnitus

Tinnitus ist definiert als die Wahrnehmung von Geräuschen, die nicht von einer äußeren Schallquelle stammen. Diese Geräusche können sich in vielerlei Formen manifestieren und von Person zu Person unterschiedlich wahrgenommen werden. Die Ursachen für Tinnitus sind vielfältig und oft komplex, wobei Durchblutungsstörungen im Gehirn und Innenohr eine wichtige Rolle spielen können.

Ursachen von Tinnitus

Die Ursachen für Tinnitus sind vielfältig und oft komplex. Es gibt verschiedene Faktoren, die Tinnitus auslösen oder verstärken können.

Durchblutungsstörungen

Eine der Hauptursachen für Tinnitus sind Durchblutungsstörungen der kleinsten Blutgefäße im Innenohr, sogenannte Mikrozirkulationsstörungen. Das Innenohr und insbesondere die Haarzellen in der Hörschnecke (Cochlea) sind auf eine ausreichende Versorgung mit Sauerstoff und Nährstoffen angewiesen. Eine verminderte Durchblutung kann die Funktion dieser Zellen beeinträchtigen und zu fehlerhaften Nervenimpulsen führen, die als Tinnitus wahrgenommen werden.

Durchblutungsstörungen können verschiedene Ursachen haben:

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  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Bluthochdruck, niedriger Blutdruck, Herzrhythmusstörungen und Arteriosklerose können die Durchblutung des Innenohrs beeinträchtigen. Auch die bei Diabetikern auftretenden Langzeitschäden an den Gefäßen können das Innenohr betreffen.
  • Erkrankungen der Halswirbelsäule: Degenerative Veränderungen oder Fehlstellungen im Halswirbelsäulenbereich können über eine Durchblutungsstörung einen zervikogenen Tinnitus bedingen.
  • Kiefergelenksprobleme: Orthopädische Probleme im Bereich des Kiefergelenks und Gebiss-Unregelmäßigkeiten, die Spannungszustände erzeugen, können sich ebenfalls negativ auf die Durchblutung auswirken.
  • Weitere Faktoren: Übergewicht, erhöhte Blutfette, Fettstoffwechselstörungen, erhöhte Gerinnungsneigung des Blutes, Virusinfektionen, übermäßiger Nikotin- und Alkoholkonsum können ebenfalls eine Rolle spielen.

Lärmbelastung

Häufigste Ursache für einen Tinnitus ist eine kurzzeitige, starke Überstrapazierung des Gehörs. Lärmbelästigung ist eine der bekanntesten Ursachen für Tinnitus. Chronische Lärmbelastung, wie sie beispielsweise am Arbeitsplatz oder durch laute Musik entsteht, kann die Sinneszellen im Innenohr schädigen. Aber auch ein akustisches Trauma (Knalltrauma), verursacht durch eine plötzliche, extreme Lautstärke, kann zu Tinnitus führen.

Andere Erkrankungen des Ohres

Andere Erkrankungen des Ohres, wie z. B. Mittelohrentzündungen, Verletzungen des Trommelfells, Tumoren oder auch harmloses Ohrenschmalz können ursächlich sein.

Systemische Erkrankungen

Auch eine Reihe von systemischen Erkrankungen nehmen Einfluss auf Tinnitus-Erkrankungen, so z. B. Stoffwechselerkrankungen (Diabetes), Erkrankungen der Wirbelsäule oder hirnorganische Krankheiten.

Psychische Faktoren

In mehr als der Hälfte der Fälle, so schätzen Experten, ist der auslösende Faktor für einen Tinnitus auf eine langjährige individuelle psychische Problematik zurückzuführen. Stress, Ängste, Überforderung und psychische Erkrankungen können ebenfalls zu Ohrensausen führen.

Medikamente

Einige Medikamente können das Hörsystem beeinflussen und einen Tinnitus begünstigen. Dazu gehören bestimmte Antibiotika, harntreibende Mittel, Chemotherapeutika, Mittel gegen Malaria, einige Psychopharmaka und höhere Dosierungen von Acetylsalicylsäure (ASS).

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Diagnose von Tinnitus

Eine frühe Vorstellung beim HNO-Arzt ist anzuraten. Hier sollte innerhalb der ersten 24 Stunden eine Untersuchung erfolgen. Die Diagnose von Tinnitus umfasst in der Regel mehrere Schritte:

  • Anamnese: Der Arzt erfragt die Krankengeschichte des Patienten, einschließlich der Art der Geräusche, ihrer Dauer, Intensität und Begleitsymptome.
  • Otoskopie: Der Arzt untersucht das Ohr, um Entzündungen, Verletzungen oder andere Auffälligkeiten auszuschließen.
  • Hörtests: Umfassende Hörtests werden durchgeführt, um den Schweregrad des Tinnitus einzuschätzen und eventuelle Hörminderungen auszuschließen. Spezielle computergestützte Verfahren der Neurootologie (OAE, BERA) können dem HNO-Facharzt Rückschlüsse auf die Innenohrhaarzellfunktion und die Leitfähigkeit des Hörnervs des Patienten geben.
  • Gleichgewichtstests: Ergänzend können Gleichgewichtstests durch den HNO-Arzt durchgeführt werden.
  • Weitere Untersuchungen: Je nach den erhaltenen Befunden müssen bei einigen Patienten auch Untersuchungen beim Augenarzt, Neurologen und Orthopäden veranlasst werden.

Bei der Diagnosestellung ist es wichtig, zwischen subjektivem und objektivem Tinnitus zu unterscheiden:

  • Subjektiver Tinnitus: Nur der Betroffene selbst kann die Ohrgeräusche wahrnehmen. Die Ursache liegt in einer fehlerhaften Informationsbildung oder -verarbeitung im Hörsystem.
  • Objektiver Tinnitus: Der Arzt kann die Geräusche ebenfalls hören oder die Nervensignale nachweisen. Dies kann beispielsweise bei einem durch Gefäßprobleme ausgelösten Tinnitus der Fall sein.

Behandlung von Tinnitus

Die Behandlung des Tinnitus richtet sich nach der Ursache, der Dauer und dem Schweregrad der Erkrankung.

Akuter Tinnitus

Bei akutem Tinnitus wird versucht, die Durchblutung und die Sauerstoffversorgung des Innenohrs zu fördern. Kortisonhaltige Medikamente (auch als Infusionen verabreicht) können mögliche Entzündungen und durch Sauerstoffmangel bedingte Schwellungen der kleinsten Innenohrzellen eindämmen. Dabei ist es wichtig, dass die Behandlung möglichst bald, am besten noch am Tag der ersten Beschwerden begonnen wird.

Ein akuter Tinnitus kann in vielen Fällen auch mit der so genannten hyperbaren Sauerstofftherapie behandelt werden, die jedoch von den gesetzlichen Krankenkassen nicht übernommen wird. Die hyperbare Sauerstofftherapie beruht auf der Annahme, dass bei Tinnitus ein Sauerstoffmangel im Innenohr vorliegen kann. Unter erhöhtem Druck wird daher in der Therapie Sauerstoff in das Gewebe eingebracht, um die Ohrgeräusche zu mindern.

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Subakuter und chronischer Tinnitus

Bei subakutem oder chronischem Tinnitus sind medikamentöse Behandlungen nicht mehr aussichtsreich. Hier versucht man durch eine Umstellung der Lebensweise eine Besserung der Beschwerden zu erreichen. So fördern Stressabbau und Ruhe den Heilungsprozess, der auch durch Entspannungstechniken (z. B. autogenes Training) und Lärmmeidung unterstützt werden kann.

Darüber hinaus können spezielle Hörsysteme den Tinnitus überdecken (Tinnitusmasker). Eine exakte Anpassung dieser Hörsysteme kann im Rahmen der sog. Tinnitus-Retraining-Therapie erfolgen, die über einen Zeitraum von mehreren Monaten abläuft. Diese spezielle Therapie hat eine Habituation, d.h. eine Gewöhnung an den Tinnitus und seine Beherrschung im Alltag zum Ziel.

Weitere Therapieansätze

  • Kognitive Verhaltenstherapie (KVT): Diese Therapie zielt darauf ab, belastende Gedanken oder Verhaltensweisen zu erkennen und schrittweise zu ändern. Auf diese Weise kann eine solche Therapie auch helfen, im Alltag besser mit den Ohrgeräuschen zurecht zu kommen.
  • Physiotherapie und manuelle Therapie: Bei Tinnitus, der durch Nackenverspannungen oder CMD verursacht wird, kann Physiotherapie helfen. Durch gezielte Übungen werden die Muskeln entspannt und die Durchblutung verbessert.
  • Gingium®: Das pflanzliche Arzneimittel Gingium® ist zur unterstützenden Behandlung bei Ohrgeräuschen zugelassen. Die pflanzlichen Bestandteile des Ginkgo-biloba-Spezialextraktes können die Mikrozirkulation im Innenohr, also die Durchblutung in den kleinsten Blutgefäßen, verbessern. Auf diese Weise kann Gingium® den Regenerationsprozess des Hörorgans bei Tinnitus unterstützen.

Selbsthilfemaßnahmen

Neben der ärztlichen Behandlung gibt es eine Reihe von Maßnahmen, die Betroffene selbst ergreifen können, um ihre Symptome zu lindern:

  • Stressreduktion: Stress kann die Symptome von Tinnitus verschlimmern. Entspannungstechniken wie Yoga, Meditation oder Atemübungen können helfen, Stress abzubauen.
  • Gesunde Lebensweise: Eine gesunde Ernährung, ausreichend Schlaf und regelmäßige Bewegung können das allgemeine Wohlbefinden verbessern und Tinnitus reduzieren.
  • Lärmvermeidung: Schützen Sie Ihre Ohren vor lauten Geräuschen, indem Sie Ohrstöpsel tragen oder laute Umgebungen meiden.
  • Vermeidung von Stimulanzien: Auf Kaffee, Schwarztee und koffeinhaltige Limonaden sollte man abends weitgehend verzichten. Aufgeben oder zumindest stark einschränken sollte man auch Alkohol.
  • Schlafhygiene: Das Schlafzimmer sollte ausschließlich der Erholung dienen. Um die innere Uhr an einen festen Rhythmus zu gewöhnen, empfiehlt es sich immer zur selben Zeit aufzustehen - auch an den Wochenenden.

Prognose

Bei akutem Tinnitus, der frühzeitig behandelt wird, sind die Chancen auf Heilung recht gut. Mit der Dauer der Erkrankung und vor allem je später nach Beginn eines Tinnitus überhaupt eine Behandlung in die Wege geleitet wird, sinken die Heilungschancen und die Gefahr eines subakuten bzw. chronischen Krankheitsverlaufs nimmt zu. Bei diesen Patienten verbleibt der Tinnitus häufig dauerhaft.

Ein kleiner Teil der Patienten (2,4%) gewöhnt sich nicht an die Ohrengeräusche und leidet in der Folge unter Schlafstörungen, Angstzuständen, Kopf- und Magenschmerzen oder Depressionen. Diese Symptome können sehr belastend sein, so dass die Betroffenen psychologische Unterstützung benötigen.

Tinnitus und Hörsturz

Der Hörsturz ist ein akuter Defekt im Innenohr. Er ist gekennzeichnet durch eine plötzlich auftretende, meistens einseitige und hochgradige Innenohrschwerhörigkeit, die bis hin zur Taubheit gehen kann. Normalerweise ist beim Hörsturz zunächst nur ein Ohr in Mitleidenschaft gezogen. Im weiteren Verlauf kann er jedoch beide Ohren betreffen. Meistens wird der Hörsturz von subjektiv wahrgenommenen Ohrgeräuschen (Tinnitus) begleitet.

Man geht heute davon aus, dass der Hörsturz auf eine verminderte Durchblutung der Blutgefäße des Innenohres zurückzuführen ist. Die Therapie des Hörsturzes ähnelt der Therapie bei akuten Ohrgeräuschen. Nach einer Untersuchung des Ohrs erhalten Sie in der Regel durchblutungsfördernde Infusionen. Dadurch soll das Innenohr besser versorgt werden. Wenn die Behandlung frühzeitig beginnt, kann in den meisten Fällen das Gehör wieder völlig hergestellt werden.

Pulssynchroner Tinnitus

Eine Sonderform des Tinnitus ist der pulssynchrone Tinnitus, bei dem die Ohrgeräusche im Takt des Herzschlags wahrgenommen werden. Eine der häufigsten Ursachen für pulssynchronen Tinnitus ist die durale arterio-venöse Fistel (dAVF). Therapie der Wahl ist der Fistelverschluss in Mikrokathetertechnik (endovaskuläre Embolisation).

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