Dysphagie, oder Schluckstörung, ist ein Zustand, bei dem das Schlucken von Flüssigkeiten oder Nahrungsmitteln erschwert oder gestört ist. Dieser Artikel beleuchtet die neurologischen Ursachen der Dysphagie, die Bedeutung der fiberendoskopischen Schluckuntersuchung (FEES) und die verschiedenen Therapieansätze zur Verbesserung der Lebensqualität der Betroffenen.
Einführung
Das Schlucken ist ein komplexer Vorgang, der das Zusammenspiel verschiedener Muskeln und Nerven erfordert. Störungen in diesem Zusammenspiel können zu einer Dysphagie führen. Menschen mit Schluckstörungen meiden oft soziale Kontakte und haben Angst vor Restaurantbesuchen, was die Bedeutung einer frühzeitigen Diagnose und Behandlung unterstreicht.
Neurologische Ursachen der Dysphagie
Neurologische Erkrankungen sind häufige Ursachen für Dysphagie, die als neurogene Dysphagie bezeichnet wird. Schädigungen des zentralen oder peripheren Nervensystems können die Sprach-, Sprech- oder Schlucksysteme beeinträchtigen. Zu den häufigsten neurologischen Ursachen gehören:
- Schlaganfall: Bei bis zu 80 % der Patienten nach einem akuten Schlaganfall tritt eine Schluckstörung auf, von denen ein Viertel dauerhaft betroffen ist.
- Morbus Parkinson: Diese neurodegenerative Erkrankung kann die Muskelkoordination beeinträchtigen, die für das Schlucken notwendig ist.
- Multiple Sklerose: Die fortschreitende Erkrankung des zentralen Nervensystems kann zu Schwäche und Koordinationsstörungen der Schluckmuskulatur führen.
- Hirntumore: Tumore im Gehirn können die Nervenbahnen beeinträchtigen, die das Schlucken steuern.
- Schädel-Hirn-Trauma: Verletzungen des Gehirns können zu Schäden an den Nerven führen, die für das Schlucken verantwortlich sind.
- Hypoxische Hirnschädigungen: Sauerstoffmangel im Gehirn kann zu Schäden an den Nervenzellen führen, die das Schlucken kontrollieren.
- Demenz: Kognitive Beeinträchtigungen können das Schlucken erschweren.
Diese Schädigungen können zu Dysarthrie/Dysarthrophonie (Sprechstörung) führen, die sich durch Beeinträchtigungen der Artikulation, Sprechatmung, Dynamik, Melodie, Rhythmus und des Sprechausdrucks äußert.
Diagnostik der Dysphagie
Die Diagnostik der Dysphagie umfasst verschiedene Schritte, um die Ursache und den Schweregrad der Schluckstörung zu ermitteln.
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Klinisches Schluckscreening
Direkt bei der Aufnahme ins Krankenhaus wird bei Verdacht auf Dysphagie ein klinisches Schluckscreening durchgeführt. Dabei wird die Kostform (z. B. weiche oder pürierte Kost, angedickte Flüssigkeiten) festgelegt. Bei Hinweisen auf eine schwere Schluckstörung muss zunächst auf orale Nahrungs- und/oder Flüssigkeitsaufnahme verzichtet werden.
Apparative Schluckdiagnostik: Fiberendoskopische Evaluation des Schluckens (FEES)
Die fiberendoskopische Evaluation des Schluckens (FEES) ist ein wichtiges Verfahren zur Beurteilung der Schluckfunktion. Dabei wird ein dünnes, flexibles Endoskop durch die Nase eingeführt, um den Schluckvorgang in Echtzeit zu beobachten. Die FEES ermöglicht es, die verschiedenen Phasen des Schluckens zu beurteilen, das Vorhandensein von Aspiration (Eindringen von Nahrung oder Flüssigkeit in die Atemwege) zu erkennen und die Wirksamkeit verschiedener Schluckstrategien zu testen.
Vorteile der FEES:
- Direkte Beobachtung des Schluckaktes
- Beurteilung der Anatomie und Funktion des Rachens und Kehlkopfes
- Erkennung von Aspiration und Penetration (Eindringen von Material in den Kehlkopf ohne Aspiration)
- Testen verschiedener Nahrungskonsistenzen und Schlucktechniken
- Durchführung am Patientenbett ohne besondere Belastung
Weitere diagnostische Verfahren
- Kehlkopfspiegelung (Laryngoskopie): Untersuchung des Rachens und Kehlkopfes mit einem Endoskop.
- Spiegelung der Speiseröhre (Ösophagoskopie): Endoskopische Untersuchung der Speiseröhre.
- Videofluoroskopie (VFSS): Röntgenuntersuchung des Schluckvorgangs mit Kontrastmittel.
Therapie der Dysphagie
Die Therapie der Dysphagie zielt darauf ab, die Schluckfunktion zu verbessern, Aspiration zu verhindern und eine ausreichende Ernährung sicherzustellen. Die Therapie wird individuell auf die Bedürfnisse des Patienten abgestimmt und kann folgende Elemente umfassen:
Logopädische Therapie
Logopäden spielen eine zentrale Rolle bei der Behandlung von Dysphagie. Sie entwickeln individuelle Therapiepläne, die auf die spezifischen Bedürfnisse und Defizite des Patienten zugeschnitten sind. Die logopädische Therapie kann folgende Techniken umfassen:
- Training der Sprechmuskulatur: Übungen zur Kräftigung und Koordination der Muskeln, die am Schlucken beteiligt sind.
- Aktives Atemtraining: Verbesserung der Atemkontrolle zur Unterstützung des Schluckvorgangs.
- Haltungskorrektur: Anpassung der Körperhaltung, um das Schlucken zu erleichtern.
- Training der Atem-Sprech-Koordination: Verbesserung der Koordination von Atmung und Schlucken.
- Stimmtraining: Verbesserung der Stimmfunktion, da die Stimmbänder beim Schlucken eine wichtige Rolle spielen.
- Artikulationstraining/Lautbildungstraining: Verbesserung der Artikulation, um die Nahrungsaufnahme zu erleichtern.
- Übungen zum Sprechtempo: Anpassung des Sprechtempos, um das Schlucken zu erleichtern.
- Schluckmanöver: Erlernen spezieller Schlucktechniken, um Aspiration zu vermeiden.
- Biofeedbackverfahren: Einsatz von Geräten, die dem Patienten Rückmeldung über seine Schluckfunktion geben.
Die logopädische Therapie beinhaltet auch die Anleitung von Betroffenen und Angehörigen im Umgang mit der Schluckstörung, um den Patienten eine hohe Eigenständigkeit zu ermöglichen.
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Ernährungsmaßnahmen
Die Anpassung der Konsistenz der Nahrung ist ein wichtiger Bestandteil der Dysphagie-Therapie. Flüssigkeiten können angedickt und feste Speisen püriert werden, um das Schlucken zu erleichtern. In schweren Fällen kann eine künstliche Ernährung über eine PEG-Sonde (perkutane endoskopische Gastrostomie) erforderlich sein. Die MEDICLIN Bosenberg Kliniken bieten vier verschiedene Schluckkostformen an.
Weitere Therapieansätze
- Nahrungsanpassung: Auswahl geeigneter Nahrungsmittel und Konsistenzen.
- Spezielle, auf den Patienten abgestimmte Schluckregeln: Festlegung von Regeln für das Schlucken, um Aspiration zu vermeiden.
- Kräftigung und Aktivierung der am Schlucken beteiligten Muskulatur auch mithilfe spezieller Schluckmanöver
- Biofeedbackverfahren, die dem Patienten eine kontinuierliche Rückmeldung bzgl. des Therapiefortschritts geben.
- Medikamente: In einigen Fällen können Medikamente eingesetzt werden, um den Speichelfluss zu verringern oder die Muskelaktivität zu verbessern.
- Operation: Bei bestimmten Ursachen der Dysphagie, wie z. B. Tumoren oder Divertikeln, kann eine Operation erforderlich sein.
- Neurostimulation: Verfahren zur Stimulation von Nerven, die am Schlucken beteiligt sind.
- Atemhilfen: In schweren Fällen kann ein Luftröhrenschnitt (Tracheotomie) erforderlich sein, um die Atemwege vor Aspiration zu schützen.
Interdisziplinäre Zusammenarbeit
Die Behandlung von Dysphagie erfordert eine enge Zusammenarbeit verschiedener Fachdisziplinen, darunter:
- Neurologen: Ärzte, die auf Erkrankungen des Nervensystems spezialisiert sind.
- Logopäden: Therapeuten, die auf Sprach-, Sprech- und Schluckstörungen spezialisiert sind.
- Ergotherapeuten: Therapeuten, die Patienten helfen, ihreAlltagsfähigkeiten zu verbessern.
- Physiotherapeuten: Therapeuten, die Patienten helfen, ihre körperliche Funktion zu verbessern.
- Ernährungsberater: Fachleute, die Patienten bei der Auswahl geeigneter Nahrungsmittel und der Anpassung ihrer Ernährung unterstützen.
- Pflegekräfte: Fachkräfte, die Patienten bei der Nahrungsaufnahme und anderen täglichen Aktivitäten unterstützen.
- HNO-Ärzte: Fachärzte für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde.
- Pneumologen: Fachärzte für Lungenerkrankungen.
- Radiologen: Fachärzte für bildgebende Verfahren.
Prävention von Komplikationen
Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung der Dysphagie ist entscheidend, um Komplikationen wie Lungenentzündung, Mangelernährung und Dehydration zu vermeiden. Eine gute Mundhygiene ist ebenfalls wichtig, da sie das Risiko für Lungenentzündungen durch Aspiration von Bakterien deutlich reduzieren kann.
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