Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, von der schätzungsweise 9 bis 18 % der Weltbevölkerung betroffen sind. In Deutschland und Österreich leiden etwa 10 % der Bevölkerung an Migräne, wobei Frauen etwas häufiger betroffen sind als Männer. Migräne ist durch wiederkehrende Kopfschmerzattacken gekennzeichnet, die mit starken, oft pulsierenden Schmerzen einhergehen und zwischen wenigen Stunden und mehreren Tagen andauern können. Begleiterscheinungen wie Übelkeit und Lichtempfindlichkeit sind typisch. Eine Migräne mit Aura kündigt sich meist durch Seh- oder Sprachstörungen an.
Die Ursachen für Migräne sind noch nicht vollständig geklärt. Es gibt Theorien, die Entzündungen im Gehirn oder Störungen des Energiestoffwechsels in den Mitochondrien vermuten. Auslöser für Migräneattacken können Stress sein, der zu einer Erweiterung der Blutgefäße im Gehirn führt und Entzündungsreize an den Hypothalamus sendet.
Klassische pharmakologische Prophylaxen sind oft nur begrenzt wirksam und verträglich, mit Ansprechraten von bis zu 40-50 % und häufigen Nebenwirkungen. Daher suchen Betroffene vermehrt nach alternativen Behandlungsoptionen.
Der Einfluss von Omega-3-Fettsäuren auf Migräne
Aktuelle Studien deuten darauf hin, dass verschiedene Nährstoffe die Dauer, Intensität und Häufigkeit von Migräneattacken beeinflussen können. Dazu gehören Vitamin B2, Vitamin D, Coenzym Q10, Magnesium und insbesondere Omega-3-Fettsäuren.
Die Bedeutung von Omega-3-Fettsäuren bei Migräne hängt vor allem mit dem Verhältnis von Omega-6- zu Omega-3-Fettsäuren im Körper zusammen. Omega-6-Fettsäuren sind ebenfalls lebensnotwendig, wirken aber wie Gegenspieler zu Omega-3-Fettsäuren. Beide können Lipidmediatoren bilden, die an der Schmerzregulation beteiligt sind. Die von Omega-3-Fettsäuren gebildeten Lipidmediatoren wirken schmerzlindernd.
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Da Omega-3-Fettsäuren essenziell sind und über die Nahrung aufgenommen werden müssen, hat die Nahrungszufuhr einen direkten Einfluss auf die Omega-3-Konzentration im Blut und Gewebe. Die Omega-3-Fettsäuren DHA (Docosahexaensäure) und EPA (Eicosapentaensäure) gelangen über die Blutbahn in das trigeminovaskuläre System im Gehirn, wo der Migräneschmerz ausgelöst wird. Dort sollen sie die Lipidmediatoren ausschütten, die den Schmerz regulieren.
Studienergebnisse zur Wirkung von EPA und DHA
Eine randomisierte, doppelblinde Studie untersuchte die Auswirkungen eines veränderten Verhältnisses von Fettsäuren auf die Lebensqualität und Symptome von Migränepatienten. Die Studie umfasste 182 Patienten (88 % Frauen, durchschnittliches Alter 38 Jahre). Die Kontrollgruppe nahm täglich < 150 mg EPA/DHA auf und deckte ihren Energiebedarf zu 7 % aus Linolsäure. Die Interventionsgruppen erhielten eine Diät mit erhöhtem EPA/DHA-Gehalt (1,5 g/d), wobei in einer Gruppe zusätzlich die Linolsäure auf ≤ 1,8 % gesenkt wurde.
Die Ergebnisse zeigten, dass ein erhöhter Anteil von EPA/DHA den Serumspiegel des antinozizeptiv wirkenden Mediators 17-Hydroxy-Docosahexaensäure (17-HDHA) erhöhte. Dies führte zu einer deutlichen Verminderung der Kopfschmerzfrequenz. Bei alleiniger Erhöhung von EPA/DHA waren es im Mittel zwei Kopfschmerztage weniger pro Monat, bei zusätzlich reduzierter Linolsäure sogar vier. Auch die Kopfschmerzstunden pro Tag reduzierten sich. Die Teilnehmer berichteten über kürzere und weniger starke Kopfschmerzen und konnten teilweise die Medikamenteneinnahme verringern.
Eine im Februar veröffentlichte Meta-Analyse von 40 Studien mit über 6.600 Probanden ergab, dass eine hoch dosierte EPA/DHA-Zufuhr (1,5 g pro Tag und mehr) mit der stärksten Verringerung der Anzahl an Migränetagen und des Schweregrads der Attacken verbunden war. Die Autoren schlossen randomisiert-kontrollierte Studien in ihre Analyse ein, an denen Personen mit episodischer oder chronischer Migräne teilnahmen. Untersuchte Prophylaxebehandlungen waren neben niedrig-, mittel- und hochdosierten EPA/DHA und weiteren mehrfach ungesättigten Fettsäuren die Medikamente Amitriptylin, Candesartan, Cyclandelat, Lamotrigin, Lisinopril, Nortryptilin, Topiramat, Propanolol, Valproat und Venlafaxin. In manchen Studien wurden Wirkstoffe zudem kombiniert.
Weitere Mechanismen der Wirkung von Omega-3-Fettsäuren
Die Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA sind Vorläufer von antientzündlichen Hormonen wie Prostaglandinen der Gruppe 3, Leukotrienen der Gruppe 5, Protectinen, Resolvinen und Maresinen. Eine Studie zeigte, dass Omega-3-Fettsäuren Interleukin-4 und Zytokin IFN-γ signifikant senken können.
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Vitamin D erhöht die Serotoninproduktion im präsynaptischen Neuron, EPA verbessert die Freisetzung aus den serotoninspeichernden Vesikeln in den synaptischen Spalt und DHA erhöht die Sensibilität der Serotoninrezeptoren am postsynaptischen Neuron.
Eine Studie zeigte, dass die Zufuhr von 1,9 g EPA/DHA das Cannabinoid Docosahexaenoylethanolamid (DHEA) signifikant steigern kann, was ein weiteres physiologisches Wirkprinzip in der Prävention bzw. Therapie von Migräne darstellen könnte.
Therapeutischer Einsatz von Omega-3-Fettsäuren bei Migräne: Praktische Hinweise
- Leinöl: Leinöl ist reich an der pflanzlichen Omega-3-Fettsäure ALA (Alpha-Linolensäure). Der Körper kann ALA jedoch nur in geringem Umfang in die wirksamen Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA umwandeln. Daher sollte Leinöl lediglich zusätzlich zu Fisch- oder Algenöl verwendet werden.
- Fischöl: Fischöl ist reich an den lebensnotwendigen Fettsäuren EPA und DHA. Ein gutes Fischöl schmeckt nahezu gar nicht nach Fisch. Erst wenn ein Öl verdorben ist, beginnt es unangenehm zu riechen oder tranig zu schmecken. Bei Fischöl-Kapseln empfiehlt es sich, nach Erwerb einmalig auf eine Kapsel zu beißen, um beurteilen zu können, ob diese ranzig ist.
- Krillöl: Krillöl verfügt über ebenso positive Eigenschaften wie Fischöl, ist aber deutlich teurer.
Bestimmung der notwendigen Dosierung
Jeder Therapie sollte eine Fettsäureanalyse zugrunde liegen. Liegt der ermittelte AA/EPA-Quotient (Verhältnis von Arachidonsäure zu Eicosapentaensäure) bei ungefähr 10, ist eine tägliche Einnahme von 2 g Omega-3 empfehlenswert. Bei einem Quotienten von 15 benötigt der Körper bereits 3 g Omega-3, bei einem Wert über 20 sind 4 g Omega-3 ratsam.
Das Körpergewicht spielt ebenfalls eine Rolle bei der Dosierung. Bei Kindern zwischen 30 und 40 kg ist etwa die Hälfte der beschriebenen Dosierung erforderlich. Bei einem Gewicht von über 100 kg erhöht sich die empfohlene Dosis um 50 %.
Die optimale Aufnahme von Omega-3-Fettsäuren im Körper wird am besten gewährleistet, wenn diese direkt vor, während oder im Anschluss an eine Mahlzeit eingenommen werden. Nach 3 bis 4 Monaten sollte die Fettsäureanalyse ein weiteres Mal durchgeführt werden, um die Therapie individuell anzupassen.
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Kombination mit Curcumin
Eine Studie deutet darauf hin, dass die Kombination von Omega-3 mit Curcumin, einem Inhaltsstoff von Kurkuma, eine Rolle bei der Linderung von Migräne-Symptomen spielen könnte. In einer Studie sank der Entzündungsbotenstoff TNF-α unter Placebo um 9 %, unter Curcumin um 11 %, unter Omega-3 um 14 % und unter der Kombination um 47 %, was synergistische Effekte beider antiinflammatorischer Agenzien belegt. Auch die Anzahl der Migräneattacken sank unter der Kombination deutlich stärker als unter Placebo oder den Einzelwirkstoffen.
Ernährungsempfehlungen
Neben der Einnahme von Omega-3-Fettsäuren in Form von Fischöl oder Algenöl können Sie versuchen, vermehrt Omega-3-Fettsäuren aus Nüssen, Rapsöl, geschroteten Leinsamen oder Chiasamen und fettreichem Fisch (z.B. Hering, Makrele, Lachs) in Ihren Essensplan einzubauen. Auf Linolsäure haltiges Sonnenblumen-, Maiskeim- und Sojaöl sollten Sie dann möglichst verzichten.
Fazit
Die Studienlage deutet darauf hin, dass Omega-3-Fettsäuren, insbesondere EPA und DHA, eine vielversprechende Option zur Prophylaxe von Migräne darstellen können. Eine hoch dosierte Zufuhr von EPA/DHA kann die Häufigkeit und den Schweregrad von Migräneattacken reduzieren. Im Vergleich zu klassischen Migräneprophylaxen scheinen Omega-3-Fettsäuren eine bessere Wirksamkeit und Verträglichkeit aufzuweisen.
Es sind jedoch weitere Studien erforderlich, um diese Befunde zu erhärten und die optimalen Dosierungen und Anwendungsformen zu bestimmen. Eine individuelle Beratung durch einen Arzt oder Ernährungsberater ist ratsam, um die Therapie optimal auf die Bedürfnisse des Patienten abzustimmen.
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