Neue Erkenntnisse zu Ursachen und Behandlung von Migräne

Migräne ist eine neurologische Erkrankung, von der in Deutschland bis zu 15 Prozent der Bevölkerung betroffen sind. Charakteristische Symptome sind pochende Kopfschmerzen, Lichtempfindlichkeit und Übelkeit. Die gute Nachricht: Für Migränepatienten gibt es immer mehr Behandlungsmöglichkeiten. Wissenschaftliche Leitlinien werden regelmäßig aktualisiert, um den neuesten Stand der Forschung widerzuspiegeln und Ärzten sowie anderen Heilberufen eine Orientierung zu geben. Erstmals gibt es auch eine Patientenleitlinie, die die wissenschaftlichen Empfehlungen in verständliche Sprache übersetzt.

Aktualisierte Leitlinien zur Migränetherapie

Die aktualisierten Leitlinien zur Migränetherapie beinhalten einige neue Medikamente und Verfahren. "Wir haben sowohl zur Akuttherapie als auch zur Prophylaxe mehrere neue Substanzen", sagt Charly Gaul, Neurologe am Kopfschmerzzentrum Frankfurt und Mitautor der aktualisierten Leitlinie. Die Leitlinie wird jedes Jahr ergänzt und alle fünf Jahre vollständig überarbeitet. Sie dient Medizinern und Angehörigen anderer Heilberufe als wissenschaftliche Orientierung - entscheidet jedoch nicht über die Kostenübernahme durch die Krankenkassen. "Die Leitlinie bezieht sich ausschließlich auf die wissenschaftliche Evidenz“, sagt der emeritierte Neurologe Hans-Christoph Diener, der ebenfalls an der aktualisierten Leitlinie mitgeschrieben hat. Damit auch die Betroffenen selbst einen guten Überblick bekommen, gibt es erstmals auch eine Patientenleitlinie für Migräniker, die die wissenschaftlichen Empfehlungen in verständliche Sprache übersetzt.

Die Rolle von CGRP in der Migränebehandlung

Ein wichtiger Fortschritt in der Migränebehandlung ist das Verständnis der Rolle des Moleküls CGRP (Calcitonin Gene Related Peptide). CGRP kommt im menschlichen Nervensystem vor und wird bei Migräneattacken vermehrt freigesetzt. Seit den 1990er-Jahren wird dazu geforscht, und inzwischen stehen mehrere wirksame Medikamente zur Akutbehandlung und Prophylaxe bereit, die bei CGRP ansetzen. Dazu gehören auch monoklonale Antikörper, die zur Vorbeugung von Migräne eingesetzt werden. "Jetzt wissen wir nach fünf Jahren Erfahrung, dass mehr als die Hälfte der Betroffenen durch das Medikament ihre Migränetage halbieren“, erklärt der Neurologe Hans-Christoph Diener. Ganz neu ist die Substanz Atogepant, die direkt am CGRP-Rezeptor ansetzt und inzwischen für die Migräneprophylaxe zugelassen ist. Sie blockiert den Signalweg des Moleküls und kann so Migräneattacken abmildern.

CGRP-Antikörper und Gepante: Neue Wirkstoffklassen in der Migräneprophylaxe

Neuere Wirkstoffklassen wie CGRP-Antikörper und Gepante wurden für die Migräneprophylaxe entwickelt. Sie bieten meist eine bessere Verträglichkeit als Medikamente wie Betablocker oder Antidepressiva, die ursprünglich für andere Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Depressionen eingesetzt wurden und oft Nebenwirkungen wie Müdigkeit oder Gewichtszunahme verursachen. Trotzdem werden diese Arzneimittel weiterhin zur Migräneprophylaxe verwendet.

CGRP-Antikörper sind spezifisch für die Migräne entwickelt und der größte Vorteil ist die gute Verträglichkeit. Auch hier zeigen viele verschiedene Studien die Wirksamkeit gegenüber einem Placebo und den guten Effekt auf die Lebensqualität.

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CGRP-Rezeptorblocker in Tablettenform (Gepante):

  • Beispiele: Atogepant, Rimegepant
  • Einfache, regelmäßige orale Anwendung
  • Option bei Begleiterkrankungen
  • Sehr gute Studienlage zur Wirksamkeit und Verträglichkeit

Diese Wirkstoffe setzen an einem Botenstoff an, der bei der Entstehung von Migräne eine entscheidende Rolle spielt. Eine Migräne kann mit diesem Medikament direkt prophylaktisch therapiert werden. Sie kommen aber insbesondere auch dann zum Einsatz, wenn herkömmliche Medikamente entweder nicht ausreichend wirken oder wegen Nebenwirkungen nicht gut vertragen werden. Wer mit häufigen Migräneattacken lebt, profitiert oft deutlich von diesen neuen Therapien. Die Entscheidung für eine Migräneprophylaxe sollte immer individuell und nach sorgfältiger Abwägung gemeinsam mit deiner behandelnden Ärztin oder deinem Arzt getroffen werden.

Was sind Gepante?

Gepante sind eine neue Klasse von Medikamenten, die Migräneanfällen vorbeugen und auch im Akutfall helfen sollen. Die Wirkstoffe setzen an einem Botenstoff an, der bei der Entstehung von Migräne eine wichtige Rolle zu spielen scheint: Dem Calcitonin-Gene-Related-Peptide kurz CGRP. Dockt er an bestimmten Stellen im Hirn an, führt das zu einer Entzündungsreaktion. Gleichzeitig steigt die Schmerzempfindlichkeit. Es kommt zu einer Migräneattacke. „Gepante blockieren die Andockstelle“, erklärt Prof. Burkhard Hinz, Direktor des Instituts für Pharmakologie und Toxikologie an der Universitätsmedizin Rostock. Dadurch werden Migräneattacken verhindert oder abgeschwächt.

Was unterscheidet Gepante von bislang gängigen Migräne-Medikamenten?

Es gibt bereits einige Medikamente, die erfolgreich bei Migräne eingesetzt werden. Zur Akutbehandlung schwerer Migräneanfälle sind die sogenannten Triptane empfohlen. Für die Vorbeugung von Migräneattacken (Migräneprophylaxe) werden unter anderem bestimmte Antikörper eingesetzt. Sie binden entweder das CGRP, sodass es erst gar nicht im Gehirn andocken kann. Oder aber sie blockieren - wie Gepante -die Andockstelle selbst, sodass CGRP keine Wirkung entfalten können.

Antikörper werden per Spritze verabreicht. „Sie wirken nicht so schnell, dafür aber länger anhaltend“, so Pharmakologe Hinz. Deshalb kommen sie nur bei der Vorbeugung von Migräneaanfällen zum Einsatz.

Gepante können in Tablettenform eingenommen werden. Sie wirken nach der Einnahme zwar relativ schnell, werden im Vergleich zu den Antikörpern aber auch viel schneller wieder ausgeschieden. Sie sind grundsätzlich sowohl für die Behandlung einer Attacke als auch für die Vorbeugung von Migräne geeignet.

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Für wen sind Gepante geeignet?

Gepante könnten vor allem für Menschen geeignet sein, die Triptane beispielsweise aufgrund ihres Herz-Kreislauf-Risikos nicht einnehmen dürfen. „Triptane bewirken eine Verengung der beim Migräneanfall erweiterten Blutgefäße der Hirnhaut. Sie können aber gleichzeitig auch andere Blutgefäße wie die Koronararterien verengen“, erklärt Schmerzforscher Hinz. Deshalb sollten unter anderem Menschen mit koronarer Herzkrankheit oder nicht medikamentös eingestelltem Bluthochdruck sowie Personen nach Schlaganfall oder Herzinfarkt keine Triptane einnehmen.

Gepante haben dagegen keine gefäßverengenden Eigenschaften. „Man kann sie grundsätzlich bei Menschen mit einer Herz-Kreislauf-Erkrankung verschreiben“, sagt Prof. Dagny Holle-Lee, Leiterin des Westdeutschen Kopfschmerz- und Schwindelzentrums an der Universitätsmedizin Essen. Trotzdem gibt es auch bei dieser Substanzklasse eine Unsicherheit: Im Mäuse-Experiment konnte gezeigt werden, dass ein Schlaganfall unter der Einnahme von Gepanten ein größeres Hirnareal betrifft. Bei Menschen ist das bislang nur theoretisch. „Wenn jemand aber ein hohes Risiko hat, einen Schlaganfall zu erleiden, würden wir diese Präparate derzeit eher nicht geben“, so die Migräne-Expertin. „Auch wenn wir wissen, dass die Gepanten selbst das Risiko für einen Schlaganfall nicht erhöhen.“

Nicht geeignet sind Gepante auch für Menschen mit einer Überempfindlichkeit gegenüber diesen Arzneimitteln. Außerdem vertragen sie sich nicht mit allen anderen Arzneien.

Können Gepante schon gegen Vorboten-Symptome der Migräne wirken?

Eines der neuen Medikamente, Ubrogepant, könnte nicht nur gegen die Kopfschmerzen wirken, sondern auch schon gegen vorhergehende Symptome der Migräne. Das ergab eine Nachauswertung einer Studie, deren Ergebnisse im Mai 2025 im Fachmagazin Nature Medicine veröffentlicht wurde.

Viele Menschen erleben bis zu zwei Tage vor Auftreten der Migräne-Kopfschmerzen - in der sogenannten Prodromalphase - Symptome wie Müdigkeit, erhöhte Empfindlichkeit für Licht und Geräusche, Nackenschmerzen und Konzentrationsschwierigkeiten. Auch eine sogenannte Aura kann auftreten, bei der Menschen Seh- und Sprechstörungen erleben.

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Bislang fehlt gegen die Vorboten der Migräne eine Therapie. Prof. Dr. Holle-Lee weist darauf hin, dass die vorliegende Analyse keine Studie war, die sich gezielt mit dieser Fragestellung befasst hat. „Dennoch liefern die vorliegenden Daten erste Hinweise darauf, dass Ubrogepant in der Vorphase der Migräne wirksam sein könnte“, sagt Holle-Lee dem Science Media Center. „Besonders interessant wäre der Einsatz bereits in der Prodromalphase, da dies eine Therapieerweiterung darstellen würde, die bislang nicht zur Verfügung steht“.

Welche Nebenwirkungen haben Gepante?

In der Zulassungsstudie waren die häufigsten Nebenwirkungen bei der Anwendung von Gepanten Übelkeit und Verstopfung. „Einige Studienpatienten berichteten auch von Müdigkeit. Und tendenziell kommt es unter der Medikation eher zu einem Gewichtsverlust“, berichtet Prof. Holle-Lee, die selbst an einer Studie über Gepante beteiligt war. Die meisten Menschen haben aber kaum oder keine Nebenwirkungen. „Diese Medikamente sind in den USA schon länger auf dem Markt, funktionieren sehr gut und werden von den meisten Patienten auch sehr gut vertragen“, so die Neurologin.

Ab wann sind Gepante in Deutschland verfügbar?

Das erste Gepant kam am 1. März 2025 in Deutschland auf den Markt. Der Name des Arzneistoffs: Atogepant. Dieser Wirkstoff wird allerdings zunächst ausschließlich als Prophylaxe, also zur Vorbeugung von Migräneattacken eingesetzt. „Man muss ihn jeden Tag als Tablette einnehmen“, erklärt Dagny Holle-Lee. Die Neurologin und Kopfschmerzexpertin freut sich, demnächst diese neue Therapiemöglichkeit zur Verfügung zu haben. „Bisher können wir nicht allen Menschen helfen“, sagt sie.

Triptane als Firstline-Therapie bei akuter Migräneattacke

Als mittlerweile evident gesichert gilt, dass Triptane - konkret die Wirkstoffe Eletriptan, Rizatriptan und Sumatriptan - das erste Mittel der Wahl sind, um akute Migräneattacken zu behandeln. Sie gelten (immer noch) als wirksamste Medikation.

Neu ist die Erkenntnis, dass die Fixkombination von 85 mg Sumatriptan und 500 mg Naproxen eine bessere Wirksamkeit für Schmerzfreiheit nach 2 Stunden und für anhaltende Schmerzfreiheit bis zu 24 Stunden hat als Sumatriptan oder Naproxen allein - und das bei „akzeptablen unerwünschten Arzneimittelwirkungen“.

Nicht-medikamentöse Verfahren

Zudem gibt es Fortschritte bei nicht-medikamentösen Verfahren: Bei der sogenannten Remote Electrical Neuromodulation werden während einer Migräneattacke zum Beispiel am Oberarm Nerven elektrisch stimuliert. Das soll die Schmerzintensität reduzieren. Die Methode ist ab dem zwölften Lebensjahr zugelassen - das ist vor allem deshalb ein Fortschritt, weil es für Kinder und Jugendliche bislang nur wenige Therapieoptionen gibt.

Gesicherte Erkenntnisse zur Wirksamkeit liegen mittlerweile auch für die externe transkutane Stimulation des Nervus trigeminus im supraorbitalen Bereich (Cefaly®) vor als nicht-medikamentöse Akut-Behandlungsoption. Ebenfalls als wirksam bei der Therapie akuter Migräneattacken gilt die Remote Electrical Neuromodulation (REN).

Für Akupunktur gibt es weiterhin lediglich „Hinweise auf eine Wirkung bei der Behandlung des akuten Migräneanfalls“ - problematisch sei allerdings die Qualität der vorliegenden Studien, die keine Aussage zur Evidenz zulassen, heißt es von den Leitlinienautoren.

Migräne vorbeugen statt auf die nächste Migräneattacke warten

Migräneprävention - also eine gezielte Vorbeugung - bedeutet, diesen Kreislauf zu durchbrechen. Sie heilt die Erkrankung nicht - aber sie kann helfen, das Leben wieder flexibler und selbstbestimmter zu gestalten. Weniger oder kürzere Migräneattacken, leichtere Verläufe, kürzere Ausfallzeiten: Für viele ist das ein enormer Gewinn an Lebensqualität.

Wann ist eine Migräneprophylaxe sinnvoll?

Sie kommen aber insbesondere auch dann zum Einsatz, wenn herkömmliche Medikamente entweder nicht ausreichend wirken oder wegen Nebenwirkungen nicht gut vertragen werden. Wer mit häufigen Migräneattacken lebt, profitiert oft deutlich von diesen neuen Therapien. Die Entscheidung für eine Migräneprophylaxe sollte immer individuell und nach sorgfältiger Abwägung gemeinsam mit deiner behandelnden Ärztin oder deinem Arzt getroffen werden.

Wie gut lassen sich mit einer medikamentösen Migräneprophylaxe Migräneattacken vermeiden?

Eine Prophylaxe kann dazu beitragen, dass Migräneattacken seltener, kürzer oder weniger intensiv auftreten. Sie bietet dir die Möglichkeit, dein Leben wieder aktiver und freier zu gestalten - im Alltag, Beruf und Freizeit. Es geht nicht um „mehr Medikamente“ - sondern um mehr Lebensqualität.

Erenumab (Aimovig®)

Erenumab (Aimovig®) ist ein monoklonaler Antikörper, der den CGRP-Rezeptor hemmt. CGRP wird eine wichtige Rolle in der Pathophysiologie der Migräne zugeschrieben. In Migräneattacken finden sich erhöhte CGRP-Spiegel, bei der chronischen Migräne auch zwischen den Anfällen. Durch die intravenöse Gabe von CGRP können bei Migränepatienten migräneartige Kopfschmerzen hervorgerufen werden. Die in der Migräneakuttherapie wirksamen Triptane hemmen die Freisetzung von CGRP. Schließlich konnte mit den sog. Food and Drug Administration (FDA) für die vorbeugende Behandlung von Migräne bei Erwachsenen zugelassen. Die Behandlung wird durch eine Selbstinjektion des Arzneimittels unter die Haut einmal pro Monat durchgeführt. Aimovig ist das erste zugelassene vorbeugende Migränemedikament einer neuen Klasse von Arzneimitteln zur Vorbeugung der Migräne. Sie wirken durch die Hemmung der Aktivität von Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP).

Wirksamkeit von Erenumab

In den Zulassungsstudien konnte Erenumab sowohl bei Patienten mit episodischer als auch chronischer Migräne und bisheriger Erfolglosigkeit von maximal zwei (bei episodischer Migräne) bzw. maximal drei (bei chronischer Migräne) Migräneprophylaktika die Zahl der Migränetage im Monat signifikant stärker reduzieren als Placebo. In der STRIVE-Studie (Phase 3) bei episodischer Migräne wurden 70 mg Erenumab und 140 mg Erenumab gegen Placebo getestet. Die 50%-Responderraten (Anzahl der Probanden mit einer Reduktion der Migränetage/Monat um mindestens 50%) lagen bei 43.3% bei 70 mg Erenumab, 50.0% bei 140 mg Erenumab und 26.6% bei Placebo. Der Unterschied zwischen Erenumab 70 und 140 mg war dabei nicht signifikant. Hier wurden Patienten mit einer episodischen Migräne (vier-14 Migränetage/Monat) und einem vorangegangenen Therapieversagen von zwei bis vier Standard-Migräneprophylaktika mit 140 mg Erenumab oder Placebo behandelt. Die Responderrate von 140 mg Erenumab lag bei 30%, die von Placebo bei 14%, der Unterschied war statistisch signifikant. Die Zahl der Migränetage im Monat nahm unter Erenumab um 1,76 Tage (Ausgang 9.3 Tage/Monat) ab, unter Placebo um 0,15 Tage.

Wirtschaftlichkeit und Verordnung von Erenumab

Bei der Verordnung muss auch die Wirtschaftlichkeit berücksichtigt werden. Das Medikament kostet rund 495 Euro pro Monat und ist um ein Vielfaches teuerer als die bisherigen vorbeugenden Medikamente. Aufgrund des Wirtschaftlichkeitsgebotes nach §12 SGB V sollte eine Verordnung nach G-BA-Beschluss jedoch erst dann erfolgen, wenn keine kostengünstigere Alternative mehr zur Verfügung steht.

Nebenwirkungen von Erenumab

Die Fachinformation listet als in den Studien erfasste Nebenwirkungen Reaktionen an der Injektionsstelle (5.6% bei 70 mg Erenumab bzw. 4.5% bei 140 mg Erenumab), Obstipation (1.3% bzw. 3.2%), Muskelspasmen (0.7% bzw. 2.0%) und Pruritus (1.0% bzw. 1.8%) auf. Die meisten dieser Nebenwirkungen waren von leichtem oder mittlerem Schweregrad. Weniger als 2% der Patienten in den Studien brachen die Teilnahme aufgrund unerwünschter Ereignisse ab.

Migräne verstehen und vorbeugen

Viele Menschen fühlen sich im Alltag - und manchmal auch im medizinischen System - nicht ausreichend ernst genommen. Migräne ist jedoch alles andere als harmlos. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) zählt sie zu den zehn Erkrankungen mit der höchsten Krankheitslast weltweit - gemessen an verlorenen gesunden Lebensjahren (DALYs: Disability-Adjusted Life Years). Ein DALY steht für ein Jahr, das aufgrund einer Krankheit wie Migräne entweder mit gesundheitlichen Einschränkungen verbracht wird oder in dem Lebenszeit vorzeitig verloren geht.

Migräne betrifft nicht nur den Kopf. Migräneattacken können den ganzen Menschen aus dem Gleichgewicht bringen - mit Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit, Konzentrationsproblemen oder Sehstörungen. Gerade deshalb ist es so wichtig, Migräne wirksam vorzubeugen.

Die Phasen einer Migräneattacke

Eine Attacke lässt sich in mehrere Phasen aufteilen, Medikamente nimmt man aber gegen die Schmerzphase, sagt Annika Sandre. An manchen Tagen seien die Schmerzen so unaushaltbar, dass sie sich nur noch in ein abgedunkeltes Zimmer legen könne: "Zum Teil muss ich mich übergeben. Das ist besonders schlimm für den Kopf. Dann bin ich im Badezimmer auf dem Kachelboden und kann einfach nicht mehr."

Was passiert bei einer Migräne?

Es erfolgt eine Aktivierung des sogenannten trigeminovaskulären Systems im Gehirn, sodass schmerzvermittelnde Botenstoffe (Neurotransmitter oder Hormone) ausgeschüttet werden. Die übermäßig ausgeschütteten Botenstoffe wirken auf unterschiedliche Strukturen im Gehirn.

Was ist eine Aura?

Bei einer Aura handelt es sich um neurologische Störungen, die über Minuten an- und abklingen. Die häufigsten Auren sind visueller Art, dabei sehen die Patient:innen beispielsweise Lichtblitze, Zickzack-Linien oder Doppelbilder. Auch Gefühlsstörungen oder Sprachstörungen können auftreten.

Schlaganfallrisiko bei Migränepatienten

Das stimmt nur für eine bestimmte Gruppe: Bei Frauen unter 55 Jahren ist die Migräne mit Aura ein unabhängiger Risikofaktor für einen Schlaganfall, wenn eine langjährige Krankheitsdauer und eine hohe Attackenanzahl vorliegt.

Medikamenteneinnahme bei Migräne

Es gibt Akut-Medikamente wie bestimmte nicht-steroidale Antiphlogistika, zum Beispiel ASS, Ibuprofen oder Metamizol, die bei leichten bis mittelschweren Attacken eingenommen werden können. Bei mittelschweren und schweren Attacken gibt es spezifische Migräne-Medikamente, zum Beispiel die Triptane. Diese sollen sogar möglichst frühzeitig eingenommen werden, um die Migräne-Attacke in den Griff zu bekommen. Wenn sich die Attacken häufen, muss man darauf achten, nicht zu viel von diesen Medikamenten einzunehmen, da sie wiederum selber Kopfschmerzen auslösen können.

Weitere Therapieformen

Zur Prophylaxe ist seit dem Jahr 2011 Botox® bei chronischer Migräne zugelassen. Auf diese Therapieform wurde man eher zufällig aufmerksam, da Personen, die an Migräne litten und eigentlich zur Faltenbehandlung darauf zurückgegriffen haben, berichtet haben, dass ihre Migräneattacken weniger wurden. Daraufhin wurden systematische Studien dazu durchgeführt und der Effekt ließ sich an einem großen Kollektiv von Patient:innen mit chronischer Migräne nachweisen.

Seit Ende 2018 sind die Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP)-Antikörper auf dem Markt, diese sind gut verträglich und die Patient:innen injizieren sich das Medikament einmal im Monat selbst.

Seit März 2025 ist ein weiteres spezifisches Akut-Medikament, Lasmiditan, verfügbar (Anm. Red.: eignet sich beispielsweise für Patient:innen, die Triptaen nicht nehmen dürfen oder nicht vertragen).

Wirksamkeit der Prophylaxen

Botox® ist eine elegante, nebenwirkungsarme Therapieform, die sich in vielen Studien als wirksam erwiesen hat und einen positiven Effekt auf die Lebensqualität hat.

Für wen eignen sich die Therapien?

Botox® ist ausschließlich für die Behandlung der chronischen Migräne zugelassen, also wenn die Migräne länger als 3 Monate besteht und mehr als 15 Tage im Monat Kopfschmerzen auftreten, wovon die Hälfte migräneartig sind. Botox® wird dabei circa alle 3 Monate in die Stirn-, Schläfen- und Nackenmuskulatur gespritzt.

Die CGRP-Antikörper sind für Patient:innen, die mehr als vier Mal im Monat Migräne haben.

Lebensstilmodifikation

Regelmäßiger Ausdauersport, ergänzt durch Krafttraining, Entspannungsverfahren, Stressbewältigung sowie Schlaf- und Ernährungshygiene, tragen wesentlich zur Prophylaxe bei. In der Praxis werden diese Basismaßnahmen jedoch häufig unzureichend umgesetzt.

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