Die Besonderheiten von Albert Einsteins Gehirn: Eine wissenschaftliche Spurensuche

Albert Einstein, Inbegriff des Genies und einer der bekanntesten Wissenschaftler der Welt, starb 1955. Sein Gehirn wurde jedoch nach seinem Tod Gegenstand intensiver Forschung und Spekulationen. Dieser Artikel beleuchtet die Geschichte der Untersuchungen an Einsteins Gehirn, die dabei entdeckten Besonderheiten und die anhaltende Debatte darüber, ob diese Merkmale tatsächlich seine außergewöhnlichen intellektuellen Fähigkeiten erklären können.

Die eigenmächtige Entnahme und Konservierung von Einsteins Gehirn

Nach Einsteins Tod im Alter von 76 Jahren in Princeton, USA, entnahm der Pathologe Thomas Harvey ohne Genehmigung das Gehirn des Physikers. Entgegen Einsteins Wunsch, verbrannt zu werden, sägte Harvey den Kopf auf, entnahm das Gehirn und konservierte es in Formalin. Später holte er die Zustimmung von Einsteins Familie ein und begann mit seiner Forschung.

Harvey zerlegte das Gehirn in etwa 240 Würfel, fotografierte es aus verschiedenen Perspektiven und fertigte mikroskopische Dünnschnitte an. Er versandte Proben an Neuropathologen in der Hoffnung, die "Quelle der Genialität" zu finden. Diese eigenmächtige Aktion kostete Harvey seine Stelle im Krankenhaus und später seine Approbation als Arzt.

Frühe Untersuchungen und vergebliche Hoffnungen

Die systematische Erforschung der Gehirne von Ausnahmepersönlichkeiten begann bereits im Jahr 1856 mit der Untersuchung des Gehirns des deutschen Mathematikers Carl Friedrich Gauß. Auch von Einsteins Gehirn erhoffte man sich bahnbrechende Erkenntnisse. Trotz der Bemühungen von Harvey und anderen Forschern blieben sensationelle Ergebnisse jedoch aus.

Frühe Untersuchungen ergaben, dass Einsteins Gehirn mit 1,22 Kilogramm leichter war als der Durchschnitt und wiesen keine auffälligen Merkmale auf. Lange Zeit wurden die in aller Welt verstreuten Gehirnwürfel kaum beachtet. Es dauerte bis 1999, bis erneute Untersuchungen Aufsehen erregten.

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Entdeckte Besonderheiten und ihre Interpretationen

Im Laufe der Jahre wurden verschiedene Besonderheiten in Einsteins Gehirn festgestellt, die mit seiner Genialität in Verbindung gebracht wurden:

  • Fehlende Sylvische Fissur: Sandra Witelson von der McMaster University entdeckte, dass ein Teil der Furche, die normalerweise durch den Parietallappen verläuft (Sylvische Fissur), bei Einstein fehlte. Da diese Region für mathematische Fähigkeiten und räumliches Vorstellungsvermögen wichtig ist, wurde die ungewöhnliche Ausformung zunächst mit Einsteins Genialität in Verbindung gebracht. Allerdings fand man diese Besonderheit auch bei Personen ohne außergewöhnliche mathematische Fähigkeiten, so dass die fehlende Sylvische Furche keine stichhaltige Begründung für Einsteins Genialität liefert.
  • Ausgeprägter Hirnbalken: Eine Studie aus dem Jahr 2013 ergab, dass Einsteins Hirnhälften außergewöhnlich stark miteinander verknüpft waren. Er besaß im Vergleich zu anderen Gehirnen einen ausgeprägteren Hirnbalken (Corpus callosum), die Struktur, die beide Gehirnhälften verbindet. Dies deutet auf eine intensivere Kommunikation zwischen den beiden Hemisphären hin.
  • Hohe Anzahl an Gliazellen: In Einsteins Gehirn wurde im Verhältnis zu den Nervenzellen eine hohe Anzahl an Gliazellen gefunden. Gliazellen fördern die Gehirnfunktion im Allgemeinen, und eine höhere Anzahl könnte auf eine gesteigerte Leistung hindeuten. Allerdings ist auch hier Vorsicht bei der Deutung geboten, da es sich auch nur um eine einfache Korrelation handeln könnte.
  • Größere Schläfenlappen: Dean Falk von der Florida State University stellte fest, dass Einsteins Schläfenlappen größer als der Durchschnitt waren und ein besonderes Muster der Hirnwindungen aufwiesen. Sie vermutete, dass dies mit Einsteins Fähigkeit zusammenhängen könnte, eher in Bildern und Gefühlen als in Worten zu denken.

Kritik und alternative Erklärungsansätze

Trotz dieser Entdeckungen gibt es erhebliche Kritik an der Interpretation dieser Besonderheiten als Ursache für Einsteins Genialität. Viele Forscher betonen, dass es sich lediglich um Korrelationen handeln könnte und dass andere Faktoren wie Erziehung, Umfeld und Persönlichkeit ebenfalls eine wichtige Rolle spielen.

Einige Studien deuten darauf hin, dass viele Genies unter psychischen Störungen litten. Es wird vermutet, dass Albert Einstein und Jazz-Pianist Thelonious Monk das Asperger-Syndrom hatten. Auch das Savant-Syndrom, bei dem Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen außergewöhnliche Inselbegabungen entwickeln, wird in diesem Zusammenhang diskutiert.

Eine weitere Theorie besagt, dass hochkreative Menschen unwichtige Informationen weniger stark ausfiltern, was zu einer Reizüberflutung und ungewöhnlichen Gedankenverknüpfungen führen kann.

Das Vermächtnis von Einsteins Gehirn

Obwohl die Suche nach der "Quelle der Genialität" in Einsteins Gehirn bisher keine eindeutigen Antworten geliefert hat, bleibt es ein faszinierendes Forschungsobjekt. Die Untersuchungen haben wertvolle Einblicke in die Struktur und Funktion des Gehirns im Allgemeinen ermöglicht und die Debatte über die Ursprünge von Intelligenz und Kreativität angeregt.

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Einsteins Gehirn ist heute auf verschiedene Museen und Forschungseinrichtungen verteilt. Es dient weiterhin als Erinnerung an einen der größten Denker der Geschichte und inspiriert Wissenschaftler und Laien gleichermaßen, die Geheimnisse des menschlichen Geistes zu erforschen.

Die ethischen Implikationen der Hirnforschung

Der Fall von Einsteins Gehirn wirft auch wichtige ethische Fragen auf. Die eigenmächtige Entnahme und Konservierung des Gehirns ohne Einsteins ausdrückliche Zustimmung ist ein Beispiel für die ethischen Dilemmata, die in der Hirnforschung auftreten können.

Die Vorstellung, dass Genialität auf bestimmte anatomische Merkmale zurückgeführt werden kann, birgt auch das Risiko von Diskriminierung und Stigmatisierung. Es ist wichtig, die Ergebnisse der Hirnforschung kritisch zu hinterfragen und sicherzustellen, dass sie nicht für unethische Zwecke missbraucht werden.

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