Einwirken auf das vegetative Nervensystem: Definition, Funktion und Beeinflussung

Das vegetative Nervensystem (VNS), auch autonomes Nervensystem genannt, steuert lebenswichtige Körperfunktionen, die weitgehend unserer willentlichen Kontrolle entzogen sind. Es reguliert Atmung, Herzschlag, Verdauung, Stoffwechsel und die Aufrechterhaltung des inneren Milieus (Homöostase). Dieses komplexe System passt sich ständig an innere und äußere Reize an, um ein Gleichgewicht im Körper zu gewährleisten.

Das vegetative Nervensystem: Eine Definition

Das vegetative Nervensystem ist jener Teil des Nervensystems, der nicht direkt, aber indirekt beeinflusst werden kann. Es wird auch als autonom und unwillkürlich bezeichnet. Es steuert Vitalfunktionen wie Atmung, Herzschlag, Verdauung sowie die Aufrechterhaltung des Körpermilieus. Das VNS sorgt beispielsweise dafür, dass der pH-Wert des Blutes in einem gesunden Organismus immer zwischen 7,35 und 7,45 liegt und die Körpertemperatur um die 37 Grad gehalten wird.

Die zentrale Steuerung des vegetativen Nervensystems befindet sich oberhalb des Stammhirns im Hypothalamus. In diesem Kerngebiet werden die vegetativen Informationen verarbeitet. Von entscheidender Bedeutung ist, dass über den Hypothalamus auch kognitive Informationen wie bewusste bildliche Vorstellungen oder Entspannungsübungen sowie positive und negative Emotionen auf die vegetative Steuerung einwirken.

Die zwei Hauptakteure: Sympathikus und Parasympathikus

Das vegetative Nervensystem besteht aus zwei Hauptkomponenten mit gegensätzlichen Funktionen:

  • Sympathikus: Der "Kampf-oder-Flucht"-Nerv. Er bereitet den Körper auf Aktivität, Stress und Notfallsituationen vor. Er steigert die Herzleistung und die Durchblutung, erhöht den Blutdruck, erweitert die Bronchien und hemmt gleichzeitig die Verdauungstätigkeit. Die sympathischen Nerven entspringen dem Rückenmark vor allem im Bereich der Brustwirbelsäule und der oberen Lendenwirbelsäule und verzweigen sich dann im ganzen Körper.
  • Parasympathikus: Der "Ruhe-und-Verdauung"-Nerv. Er fördert Entspannung, Regeneration und den Aufbau von Energiereserven. Er senkt die Herzfrequenz, erzeugt ein inneres Gefühl von Ruhe, unterstützt das Immunsystem, sorgt für guten Schlaf und wirkt modulierend auf die Verdauung ein. Der Hauptnerv des parasympathischen Nervensystems ist der Nervus vagus, der im Hirnstamm entspringt und sich im Brust und Bauchbereich ausbreitet.

Das enterische Nervensystem: Das "Bauchhirn"

Klassischerweise unterteilt man das vegetative Nervensystem in Sympathikus, Parasympathikus und das enterische Nervensystem des Verdauungstrakts, das relativ autonom die Verdauung steuert. Die Verdauung funktioniert auch ohne den Vagusnerv, da sie ja ein relativ eigenständiges Nervensystem hat, das in der Literatur gerne als „Bauchhirn“ bezeichnet wird, aber es funktioniert nicht optimal. Man kann sich das „Bauchhirn“ ohne Vagusbeteiligung ungefähr so vorstellen wie ein Fahrrad ohne Gangschaltung. Man kann fahren, aber wenn es steil bergauf geht kann man sich den schwierigeren Erfordernissen nicht anpassen. Der Vagusnerv ist für den Magen-Darm-Trakt so etwas wie eine Gangschaltung am Fahrrad, er sorgt für eine optimale Anpassung der Verdauung an die Erfordernisse.

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Wie Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühle das vegetative Nervensystem beeinflussen

Das vegetative Nervensystem reagiert nicht nur auf physische Reize, sondern auch unmittelbar auf psychische Reize: positive wie negative, bewusste, halbbewusste und unbewusste Wahrnehmungen, Gedanken, Meinungen, Einstellungen, Deutungen, Interpretationen, Glaubenssätze, Wertungen, (Vor-) Urteile und auf daraus folgende Gefühle, Emotionen sowie körperliche Empfindungen.

Homöostase: Das dynamische Gleichgewicht

Der Begriff Homöostase - oder besser: Homöodynamik - umschreibt dabei den Gleichgewichtszustand eines offenen und dynamischen Systems, welches durch interne Selbstregulationsprozesse ständig austariert wird. Anspannung bzw. Aktivität und Entspannung bzw. Passivität sollten sich ungefähr die Waage halten. Verändert sich die Ausgewogenheit dauerhaft, ist Krankheit die Folge!

Das Polaritätsprinzip: Zusammenspiel von Sympathikus und Parasympathikus

Unser vegetatives Nervensystem funktioniert hierbei auf der Grundlage des Polaritätsprinzips: Sympathikus als „Anschieber“ und Parasympathikus als „Bremser“ arbeiten in der Gesamtregulation zusammen, wirken jedoch meist als Gegenspieler bzw. Hemmer der anderen Seite. Beide Teile sind quasi wie das Pendel einer Standuhr. Der bildliche Ausschlag des Sympathikus nach links entspricht der nachfolgenden Gegenreaktion des Parasympathikus nach rechts. Auf eine Phase von Anspannung / Aktivität / Außenorientierung / Festhalten / „Tun“ muss also zwingend eine ausgleichende Phase von entsprechender Entspannung / Passivität / Innenorientierung / (Los-)Lassen / „Sein“ folgen. Beispiel: Einem aktiven, arbeitsreichen und zielorientierten Tag sollten sich ein entspannender Abend und ein erholsamer, die Verstandeskontrolle auflösender Schlaf anschließen. Sinn und Ziel des Vegetativums ist Anpassung an Veränderung und letztlich die innere Ausgeglichenheit zum Wohle des Ganzen!

Sinn und Ziel des vegetativen Nervensystems in seinen Anteilen von Sympathikus und Parasympathikus ist die flexible und blitzschnelle Anpassung der Stoffwechselprozesse und Organfunktionen an Veränderungen, ausgelöst über Umwelt- und Inweltreize, sogenannte Stressoren, zu deutsch: Stressfaktoren. Wobei Stress (engl. für Druck) hier als neutraler Begriff zu verstehen ist. Stress meint also nicht immer nur negativen, belastenden, überfordernden bis bedrohlichen Stress, sogenannten Dysstress oder unförderlichen Stress. Ebenso kann Stress auch positiv wirken, Lebenskräfte freisetzen, Energie aktivieren und Denken wie Kreativität anregen und uns zur Höchstform auflaufen lassen. Dauerhaft gesehen dient unser vegetatives Nervensystem somit letztlich der Herstellung einer angemessenen Stressreaktion, einer ausgewogenen und dynamischen „Mitte“ und einer inneren Ausgeglichenheit der Funktionen Aktivität vs. Erholung im stofflich-organischen wie im psychischen Bereich. Im Fachbegriff heißt dies Homöostase des Organismus. Zum Wohle des ganzen Organismus braucht es also immer beide gegenläufigen Anteile des Vegetativums, die sich wechselseitig ergänzen! Der Parasympathikus gleicht die Impulse des Sympathikus aus und umgekehrt! Im günstigen Fall „fließen“ beide Anteile ineinander über, pendeln harmonisch ohne Extreme hin und her. Häufige Auslöser starker vegetativer Pendelbewegungen sind kräftige körperlich, emotional und mental einwirkende Stressreize!

Störungen des vegetativen Nervensystems: Vegetative Dystonie

Eine vegetative Dystonie bedeutet wörtlich eine "fehlregulierte Spannung (Dystonus) des vegetativen Nervensystems". Dieses koordiniert viele wichtige Körperfunktionen, die sich willentlich kaum oder gar nicht beeinflussen lassen - etwa den Herzschlag, die Atmung oder die Verdauung. Entsprechend lassen sich unter dem Überbegriff der vegetativen Dystonie verschiedene Symptome zusammenfassen - von Herz-Kreislauf-Beschwerden und Kopfschmerzen bis zu zitternden Händen und Durchfall.

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Funktioniert das Zusammenspiel zwischen Sympathikus und Parasympathikus nicht richtig, werden die Symptome manchmal als vegetative Dystonie eingeordnet. Die Beschwerden richten sich danach, ob sich das Spannungsverhältnis zugunsten des Sympathikus oder des Parasympathikus verschoben hat: Menschen mit einer verstärkten Sympathikusaktivität (Sympathikotonie) neigen demnach zu Nervosität, Herzrasen, erhöhtem Blutdruck und Durchfall. Ist dagegen der Parasympathikus dominant (Vagotonie), geht dies eher mit einem niedrigen Blutdruck, kalten Händen und Füßen, Antriebslosigkeit und Verstopfung einher.

Mögliche Symptome einer vegetativen Dystonie

Eine Vielzahl sehr verschiedener Symptome lässt sich mit dem Begriff vegetative Dystonie in Verbindung bringen. Die Beschwerden sind oft nur schwer einzuordnen. Mögliche Symptome einer vegetativen Dystonie sind:

  • Kopfschmerzen
  • Schwindel
  • Durchfall
  • Verstopfung
  • Schlafstörungen
  • Krämpfe
  • Vermehrtes Schwitzen
  • Erhöhter oder erniedrigter Pulsschlag
  • Leichtes Zittern der Hände
  • Kribbeln in den Gliedmaßen

Ursachen und Risikofaktoren

Die vegetative Dystonie hat oft keine klar abgrenzbare Ursache (Ärzte sprechen dann mitunter von "idiopathisch"). Nicht selten spielen mehrere körperliche, seelische und soziale Umstände eine Rolle. So ist es schwierig, einen konkreten Auslöser für die vegetative Dystonie zu finden. Ist eine rein körperliche, organische Ursache für die jeweiligen Symptome nach allen notwendigen medizinischen Untersuchungen ausschließbar, zieht der Arzt eine psychosomatische Ursache in Betracht. Körper und Psyche stehen in einem ständigen Wechselspiel miteinander. Und so ist es nicht ungewöhnlich, dass schwere seelische Belastungen sich auf verschiedene Körperfunktionen niederschlagen. Dazu zählen zum Beispiel permanenter Stress, Trauer, Sorgen und Ängste. Auch hormonelle Veränderungen etwa durch die Wechseljahre oder durch eine Schwangerschaft sind mögliche Auslöser für unklare körperliche Beschwerden, die vom Arzt als vegetative Dystonie oder somatoforme Störung diagnostiziert wird.

Diagnose

Die vegetative Dystonie ist keine Diagnose im Sinne einer konkreten Krankheit, sondern umfasst ein uncharakteristisches Zustandsbild, bei dem offensichtlich verschiedene Funktionen des vegetativen Nervensystems gestört sind. Die Diagnose stellen Mediziner in der Regel dann, wenn keine körperlichen Ursachen zu finden sind. Einen spezifischen Test auf vegetative Dystonie gibt es wegen der Vielzahl der mögliche Symptome nicht.

Behandlungsmöglichkeiten

Wie eine vegetative Dystonie am besten behandelt wird, hängt von ihrem jeweiligen Auslöser und ihrer Ausprägung ab. Bleibt die körperliche Diagnostik ohne Ergebnis, raten Ärzte häufig dazu, zunächst abzuwarten und den Verlauf der Beschwerden zu beobachten - somatoforme Störungen legen sich häufig nach einer Weile von alleine wieder. Ist dies nicht der Fall, empfiehlt der Arzt meist eine Psychotherapie. Einige Psychotherapeuten sind auf somatoforme Störungen beziehungsweise vegetative Dystonie spezialisiert. Mit dieser Unterstützung lernen viele Betroffene, ihre Beschwerden besser einzuordnen und mit ihnen im Alltag umzugehen - dies geschieht zum Beispiel im Rahmen einer kognitiven Verhaltenstherapie. Besonders hilfreich ist es, die Gründe und Gefühle aufzuarbeiten, die hinter den Symptomen stehen. Sind belastende Empfindungen wie Stress, Sorgen oder Trauer aus der Welt zu schaffen oder anders zu verarbeiten, bessern sich auf Dauer meist auch die körperlichen Beschwerden. Auf einige somatoforme Störungen hat körperliche Bewegung einen positiven Einfluss, also Sport oder Spaziergänge. Einigen Betroffenen helfen Entspannungsübungen wie progressive Muskelentspannung, autogenes Training, Tai-Chi oder Yoga. Medikamente sind in den meisten Fällen nicht notwendig, werden bei großem Leidensdruck aber eingesetzt, um die Symptome zu behandeln.

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Möglichkeiten der Beeinflussung des vegetativen Nervensystems

Obwohl das vegetative Nervensystem autonom arbeitet, gibt es verschiedene Möglichkeiten, es indirekt zu beeinflussen und seine Balance positiv zu verändern:

  • Bewusste Atmung: Gezielte Atemübungen, insbesondere langsames, tiefes Atmen, können den Parasympathikus aktivieren und so Entspannung fördern. Die VNS-Analyse zeigt, wie mithilfe eines speziellen Atemrhythmus, die Anspannungs- und Entspannungswerte wieder ins Gleichgewicht zu bringen sind. Zunächst wird eine Messung aufgezeichnet, um den Ist-Zustand zu dokumentieren. Im Anschluss daran erhalten die Patienten auf einem Bildschirm eine Anleitung, in welchem Tempo sie ein- und ausatmen sollen - im Normalfall sind das sechs Atemzüge pro Minute.
  • Entspannungstechniken: Progressive Muskelentspannung, autogenes Training, Meditation und Yoga können helfen, Stress abzubauen und den Parasympathikus zu stärken.
  • Körperliche Aktivität: Regelmäßige Bewegung, insbesondere Ausdauersport, kann die Balance zwischen Sympathikus und Parasympathikus verbessern.
  • Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit viel Gemüse, Obst und Vollkornprodukten kann das vegetative Nervensystem unterstützen.
  • Craniosacrale Therapie: Die craniosacrale Therapie wirkt regulierend auf dieses vegetative Nervensystem ein.
  • Achtsamkeit: Achtsame Selbst-Erfahrung ist ein wichtiger Schlüssel zur Steigerung der inneren Selbstheilungskraft! Schritt für Schritt sollte das eigene Leben auf den „Gleichgewichtsprüfstand“. Auf einen regelmäßigen Lebenswandel und Wach- / Schlafrhythmus sollte hier großen Wert gelegt werden.
  • Naturerfahrungen: Regelmäßige Naturerfahrungen, Waldspaziergänge, Wanderungen können die innere Sammlungskraft stärken.

Die VNS-Analyse: Einblick in die Funktion des autonomen Nervensystems

Mithilfe einer Herzratenvariabilitätsmessung, kurz VNS-Analyse, kann man neben der Herzfrequenz auch die Aktivitäten des Sympathikus und Parasympathikus optisch darstellen. Dazu legen wir unseren Patienten einen Brustgurt an, der die Herzaktivität ähnlich wie bei einem Elektrokardiogramm (EKG) aufzeichnet. Dauerhafte psychische Belastungen führen hingegen dazu, dass das Gleichgewicht der beiden Nerven gestört ist. Die Herzfrequenz liegt in dem Beispiel bei über 80 Schlägen pro Minute - aufgrund eines sehr hohen Wert des Sympathikus. Der Parasympathikus hingegen ist so niedrig, dass er nicht mehr beruhigend auf den Herzschlag wirken kann. Die VNS-Analyse fällt unter die Methoden des Biofeedbacks. Das bedeutet: Ein Patient führt bewusst eine Handlung aus - hier eine ruhige Atmung - und kann direkt auf einem Bildschirm die Erfolge dessen sehen. Das hilft ihm, ein besseres Gefühl dafür zu bekommen, welch positive Einflüsse eine bewusste Atmung auf den Körper haben.

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