Die Alzheimer-Krankheit ist eine fortschreitende neurodegenerative Erkrankung, die durch Gedächtnisverlust, kognitive Beeinträchtigungen und Verhaltensänderungen gekennzeichnet ist. Obwohl es derzeit keine Heilung für Alzheimer gibt, stehen verschiedene Medikamente zur Verfügung, die darauf abzielen, die Symptome zu lindern und das Fortschreiten der Krankheit zu verlangsamen.
Medikamentöse Behandlung von Demenz
Es gibt eine Reihe von Medikamenten, die sich bei der Behandlung von Demenz als nützlich erwiesen haben. Keines dieser Medikamente kann die Demenz heilen oder ihr Fortschreiten vollständig aufhalten. Sie können aber die Symptome der Erkrankung positiv beeinflussen und dazu beitragen, den Verlauf der Demenz um ein bis zwei Jahre zu verzögern. Die Medikamente wirken bei jedem Patienten unterschiedlich gut, daher sollten ggf. verschiedene Medikamente ausprobiert werden.
Acetylcholinesterase-Hemmer
Diese Medikamente erhöhen die Verfügbarkeit des Botenstoffs Acetylcholin im Gehirn und können so Gedächtnis, Konzentration, Aufmerksamkeit und Alltagsfunktionen verbessern. Zu ihnen gehören Donepezil, Galantamin und Rivastigmin. Sie werden im frühen und mittleren Stadium der Alzheimer-Demenz eingesetzt, können aber auch bei der Mischform aus Alzheimer- und vaskulärer Demenz, bei vaskulärer Demenz, Lewy-Körperchen-Demenz und Demenz bei der Parkinson-Krankheit gegeben werden. Bei den letzten beiden Demenzformen hat sich vor allem Rivastigmin als hilfreich erwiesen. Die Medikamente sollten immer so hoch wie möglich dosiert werden, solange dies für den Patienten gut verträglich ist. Meist werden Acetylcholinesterase-Hemmer gut vertragen. Am Anfang der Behandlung kann es aber vorübergehend zu Nebenwirkungen wie Übelkeit, Erbrechen, Durchfall Schwindel und Kopfschmerzen kommen. Wichtig ist deshalb, zunächst mit einer niedrigen Dosis zu beginnen, die dann allmählich, über einen Zeitraum von zwei bis vier Wochen, erhöht wird.
Memantin
Memantin wirkt gegen den Überschuss des Botenstoffs Glutamat im Gehirn und verhindert so eine Überreizung der Nervenzellen. Es wird im mittleren bis späten Stadium der Alzheimer-Demenz eingesetzt und kann hier die kognitiven Funktionen, die Alltagsfunktionen und das Befinden der Patienten verbessern. Im frühen Stadium der Alzheimer-Demenz ist die Wirksamkeit von Memantin dagegen nicht belegt. Es kann auch bei anderen Demenzformen wie der gemischten Demenz und der vaskulären Demenz eingesetzt werden. In machen Fällen wird Memantin im mittleren bis späten Stadium der Alzheimer-Demenz auch mit einem Acetylcholinesterase-Hemmer kombiniert. Zu Beginn der Behandlung kommt es oft zu Nebenwirkungen wie Schwindel, Kopfschmerzen, Verstopfung, Schläfrigkeit und erhöhtem Blutdruck. Diese gehen aber meist nach einiger Zeit wieder zurück.
Andere Wirkstoffe
Bei anderen Wirkstoffen, die immer wieder zur Behandlung der Demenz eingesetzt werden, konnte bisher keine Wirksamkeit gegen die Symptome der Demenz nachgewiesen werden. Dazu gehören zum Beispiel Gingko Biloba, Vitamin E, bestimmte Schmerzmittel oder Hormone. Bei Gingko Biloba, das oft von Ärzten empfohlen oder von Patienten eigenständig eingenommen wird, ist zu beachten, dass es die Blutgerinnung beeinflusst und deshalb nicht zusammen mit Gerinnungshemmern eingenommen werden sollte.
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Antikörper-Medikamente: Ein neuer Ansatz
Ein neuer Ansatz sind Antikörper-Medikamente, die direkt an einer der möglichen Krankheitsursache ansetzen. Antikörper-Medikamente richten sich gegen eine mögliche Ursache der Alzheimer-Krankheit: schädliche Proteinablagerungen im Gehirn, sogenannte Amyloid-Plaques. Leqembi (Wirkstoff: Lecanemab) war das erste in der EU zugelassene Antikörper-Medikament zur Behandlung der Alzheimer-Krankheit, kurz darauf wurde auch Kisunla (Wirkstoff: Donanemab) zugelassen. Beide sind seit Herbst 2025 in Deutschland erhältlich.
Lecanemab (Leqembi)
Lecanemab ist ein Antikörper-Wirkstoff zur Behandlung der Alzheimer-Krankheit. In den USA wurde dem Wirkstoff am 6. Januar 2023 unter dem Handelsnamen Leqembi eine vorläufige Marktzulassung erteilt. Die vollständige Zulassung durch die US-Arzneimittelbehörde (FDA) folgte am 6. Juli 2023. Leqembi (Lecanemab) ist der erste Alzheimer-Antikörper, der in der EU zugelassen wurde. Lecanemab ist ein Antikörper-Wirkstoff, der gezielt eine Vorstufe der für Alzheimer typischen Amyloid-beta-Protein-Plaques im Gehirn erkennt und bindet. Dadurch wird das körpereigene Immunsystem aktiviert und baut die Plaques ab beziehungsweise verhindert die Bildung neuer Plaques.
Für wen ist Lecanemab geeignet?
Leqembi und Kisunla richten sich ausschließlich an Menschen im frühen Alzheimer-Stadium, also bei leichter kognitiver Beeinträchtigung (MCI) oder beginnender Demenz. Vor Beginn der Behandlung sind ein Gentest sowie der Nachweis von Amyloid-Ablagerungen (Liquoruntersuchung oder PET-Scan) erforderlich. Die Behandlung erfolgt in spezialisierten Zentren.
Leqembi ist nur für Menschen mit einer Alzheimer-Erkrankung im frühen Stadium zugelassen - also bei leichten kognitiven Beeinträchtigungen (MCI) oder beginnender Demenz. Hinzu kommen mehrere medizinische Voraussetzungen: Es müssen krankhafte Amyloid-beta-Ablagerungen im Gehirn nachgewiesen werden (durch Lumbalpunktion oder Amyloid-PET). Die Patientin oder der Patient darf höchstens eine Kopie des ApoE4-Gens tragen. Wer Gerinnungshemmer einnimmt, darf nicht mit Leqembi behandelt werden.
Wie wirkt Lecanemab?
Lecanemab ist ein sogenannter Antikörper. Er setzt an den für Alzheimer typischen Amyloid-Plaques im Gehirn an. Die Plaques sind wie kleine Müllhaufen, nur dass sie aus verklumpten Eiweißen bestehen. Im Verlauf der Alzheimer-Erkrankung lagern sich die Müllhaufen um die Nervenzellen herum ab, die Zellen werden beschädigt und sterben. Hier kommt Lecanemab ins Spiel: Es bindet an die Bausteine des Eiweißmülls und markiert sie als körperfremd. So vermittelt Lecanemab dem Immunsystem, dass es den Müll abholen soll. Das funktioniert laut Zulassungsstudien bemerkenswert gut: Durch die Behandlung werden die Plaques größtenteils abgeräumt - in Hirn-Scans sind sie dann kaum noch sichtbar.
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Was erreicht Lecanemab bei Patienten?
Was Lecanemab im Gehirn bewirkt, ist ohne Frage ein Durchbruch - und doch warnen die meisten Fachleute vor überzogenen Hoffnungen. Ein Grund: die geringe klinische Wirkung. Der kognitive Abbau kann demnach mit dem Medikament binnen 18 Monaten um 27 Prozent verlangsamt werden. Auch dieser Effekt ist messbar, aber für die Erkrankten kaum zu bemerken, denn ihre Erkrankung schreitet weiter fort - nur eben etwas langsamer.
Ablauf der Therapie
Die Therapie ist sehr zeitintensiv und geht mit vielen Untersuchungen einher. Wer alle Hürden vom Amyloid-Nachweis bis zum Gentest genommen hat, muss alle 14 Tage für eine einstündige Infusion in die Klinik kommen und anschließend zur Nachbeobachtung bleiben: drei Stunden nach der ersten Behandlung, zwei nach der zweiten und dritten und danach jeweils eine halbe Stunde. Das ist eine Sicherheitsmaßnahme, weil es allein durch die Infusion zu Nebenwirkungen wie Blutdruckschwankungen, Kopfschmerzen, Ausschlag, Fieber oder Schüttelfrost kommen kann.
Im Verlauf der Therapie sind zudem MRT-Untersuchungen (Magnetresonanztomographie) vorgeschrieben. Obligatorisch etwa vor der vierten, siebten und 14. Infusion. Treten Beschwerden wie Schwindel oder Kopfschmerzen auf, werden auch außerhalb der Reihe MRT-Bilder angefertigt. Für die Patientinnen und Patienten bedeutet all das einen erheblichen Zeitaufwand, für die Kliniken große logistische Anstrengungen: Es braucht zum Beispiel spezielle Infusionsstühle, Ressourcen in der Radiologie und Fachpersonal zur Behandlung und Nachbeobachtung. Die aufwendige Therapie werden zumindest zu Beginn wohl nur Kliniken und spezialisierte Zentren durchführen können.
Nebenwirkungen
Die möglichen Nebenwirkungen von Lecanemab haben es in sich. Typisch für Antikörpertherapien, die sich gegen die Amyloid-Plaques richten, sind etwa sogenannte ARIA, „Amyloid-related Imaging Abnormalities“- Auffälligkeiten in der Bildgebung. Dahinter verbergen sich Hirnschwellungen oder Hirnblutungen. Die ARIA können symptomlos verlaufen oder mit Kopfschmerzen, Schwindel, Lähmungen und Krampfanfällen einhergehen. In der Studienphase kam es zu drei Todesfällen, von denen zwei mit der gleichzeitigen Einnahme von Gerinnungshemmern in Verbindung gebracht wurden.
Kosten
Wir rechnen in unserer Gedächtnisambulanz mit Behandlungskosten von etwa 5000 Euro pro Jahr und Patient. Andere Schätzungen liegen höher. Hinzu kommt das Medikament selbst, das in den USA jährlich etwa 25.000 Euro kostet. In Europa könnten rund 30.000 Euro pro Jahr und Patient oder Patientin zusammenkommen. Das mag im Vergleich mit so manchem Medikament aus der Krebstherapie überschaubar erscheinen. Allerdings besteht bei Krebs durch neue Medikamente oft eine Chance auf Heilung. Bei Alzheimer ist das noch nicht der Fall. So gesehen könnte die Behandlung also sehr teuer werden. Bezahlt wird sie zunächst im Rahmen einer vom Hersteller des Medikaments durchgeführten Sicherheitsstudie, in der alle mit Lecanemab behandelten Patientinnen und Patienten registriert sein müssen. Über die Erstattung durch die deutschen Krankenkassen wird erst im Rahmen einer Kosten-Nutzen-Abwägung nach der Markteinführung entschieden.
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Fazit: Lohnt sich Lecanemab?
Viel Aufwand, hohe Kosten, erhebliche Risiken und ein überschaubarer Nutzen. Lohnt sich das neue Mittel überhaupt? Auf jeden Fall. Man darf ja nicht vergessen, um was für eine belastende Erkrankung es hier geht - für die Patienten, die Angehörigen und auch die Gesellschaft. Es sei legitim, um jeden besseren Tag für diese Menschen zu kämpfen.
Donanemab (Kisunla)
Das Alzheimer-Medikament Donanemab (Handelsname Kisunla) ist ab sofort in Deutschland verfügbar. Nur wenige Wochen nach der EU-Zulassung können Patienten mit Alzheimer im Frühstadium - also in der Phase einer leichten kognitiven Störung oder beginnenden Demenz - die Behandlung beginnen, teilte der Hersteller Eli Lilly mit. Allerdings kommt nur ein vergleichsweise kleiner Teil der Alzheimer-Betroffenen für eine Behandlung infrage. Die Behandlung mit Donanemab ist aufwendig, unter anderem weil die Patienten regelmäßig auf Nebenwirkungen kontrolliert werden müssen.
Donanemab wird alle vier Wochen per Infusion verabreicht und richtet sich gegen ß-Amyloid-Plaques im Gehirn, wo es deren Abbau unterstützen soll. Die Therapie darf nur von Ärztinnen und Ärzten begonnen werden, die Erfahrung mit Alzheimer-Diagnostik und Zugang zu Untersuchungen per Magnetresonanztomografen (MRT) haben.
Laut Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), ist die Wirksamkeit von Donanemab in den Zulassungsstudien etwas höher gewesen als die von Lecanemab. Zu den Risiken beider Medikamente zählen Veränderungen im Gehirn - etwa Ödeme oder Mikroblutungen. Das Risiko sei unter Donanemab höher, sagte Berlit. Zusätzlich habe sich gezeigt, dass bei beiden Substanzen die Wirksamkeit bei Frauen geringer ausfalle als bei Männern.
Die Anzahl der Patientinnen und Patienten, die tatsächlich für die Behandlung infrage kommen, ist begrenzt. Eine fortgeschrittene Erkrankung, bestimmte genetische Faktoren und auch die Einnahme von Gerinnungshemmern schließen eine Nutzung aus. Der wichtigste genetische Indikator für Alzheimer ist das Risikogen ApoE4, das von beiden Elternteilen vererbt werden kann. Die EU-Kommission empfiehlt das neue Medikament nur für Patientinnen und Patienten, die diese Genvariante entweder gar nicht oder nur einmal in sich tragen.
Weitere Medikamente in der Entwicklung
Die medikamentöse Behandlung von Demenzerkrankungen wie Alzheimer entwickelt sich stetig weiter. Neben den bereits erhältlichen Antikörpern werden weitere Wirkstoffe erforscht, zum Beispiel Blarcamesin, der die natürlichen Reinigungsmechanismen der Nervenzellen aktivieren soll. Es stehen weitere Antikörper und Medikamente in den Startlöchern, die teilweise an einer anderen Stelle des Krankheitsmechanismus ansetzen. Zudem laufen Studien, wie man die Wirkung von Lecanemab verbessern könnte, indem man das Mittel früher verabreicht. Gleichzeitig eröffnen Biomarker neue Möglichkeiten, eine Alzheimer-Demenz frühzeitig durch Bluttests zu erkennen.
Medikamente gegen Begleiterscheinungen
Neuroleptika werden bei bestimmten Begleiterscheinungen der Alzheimer-Krankheit eingesetzt. Dazu gehören herausfordernde Verhaltensweisen wie plötzliche Wutausbrüche sowie Halluzinationen und Wahnvorstellungen. Wegen möglicher Nebenwirkungen ist der Einsatz von Neuroleptika mit Vorsicht zu bewerten. Depressionen treten bei Menschen mit Demenz häufig auf und sollten behandelt werden, da sie sich negativ auf die Lebensqualität und die geistige Leistungsfähigkeit auswirken können. Die S3-Leitlinie Demenzen von Februar 2025 empfiehlt zur Behandlung von Depressionen bei Alzheimer-Demenz den Einsatz von Mirtazapin oder Sertralin.
Die Auswahl des Medikaments sollte individuell erfolgen, da manche Antidepressiva unerwünschte Nebenwirkungen haben können - zum Beispiel ein erhöhtes Sturzrisiko oder eine verstärkte Blutungsneigung. Neben Medikamenten können kognitive Verhaltenstherapie, Bewegungstherapie oder Musiktherapie helfen, depressive Symptome zu lindern.
Palliative Versorgung
Palliative Versorgung kann Menschen mit Alzheimer in allen Krankheitsphasen entlasten - nicht nur am Lebensende. Palliativversorgung bedeutet mehr als die Behandlung körperlicher Beschwerden wie Schmerzen, Atemnot oder Unruhe. Sie berücksichtigt auch seelische und soziale Aspekte sowie persönliche Werte und Wünsche. Ziel ist es, Symptome zu lindern und eine möglichst gute Lebensqualität zu ermöglichen - unabhängig vom Krankheitsstadium. Gerade in fortgeschrittenen Phasen fällt es vielen Menschen mit Alzheimer schwer, ihre Beschwerden mitzuteilen.
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