Eiweißerhöhung im Liquor: Ursachen, Diagnostik und Differenzialdiagnose

Die Analyse des Liquors cerebrospinalis ist ein wichtiges diagnostisches Instrument zur Beurteilung neurologischer Erkrankungen. Eine Eiweißerhöhung im Liquor kann auf verschiedene Pathologien hinweisen, von Infektionen bis hin zu Autoimmunerkrankungen. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen einer Eiweißerhöhung im Liquor, die diagnostischen Schritte zur Abklärung und die differenzialdiagnostischen Überlegungen.

Einführung

Der Liquor cerebrospinalis umgibt das Gehirn und das Rückenmark und dient als Schutzpolster und Transportmedium für Nährstoffe und Abbauprodukte. Die Zusammensetzung des Liquors gibt wichtige Hinweise auf den Zustand des zentralen Nervensystems (ZNS). Eine Erhöhung des Proteingehalts im Liquor, auch Eiweißüberhöhung genannt, ist ein unspezifischer Befund, der weitere Untersuchungen erfordert, um die zugrunde liegende Ursache zu ermitteln.

Grundlagen der Liquoranalytik

Die Liquoranalytik umfasst typischerweise ein dreistufiges Programm:

  1. Zellzahl und Zytologie: Beurteilung der Zellzahl und der Zusammensetzung der Zellen im Liquor (z. B. Lymphozyten, Granulozyten).
  2. Proteinprofil: Bestimmung der Gesamtproteinkonzentration sowie spezifischer Proteine wie Albumin und Immunglobuline.
  3. Spezialanalytik: Je nach klinischer Fragestellung können weitere Untersuchungen wie Erregernachweis, Antikörperindizes oder Demenzmarker durchgeführt werden.

Die Präanalytik spielt eine entscheidende Rolle für die Aussagekraft der Liquoranalytik. Der Liquor sollte zeitnah nach der Lumbalpunktion untersucht werden, um Zytolyse zu vermeiden. Zudem ist eine zeitgleiche Serumprobe erforderlich, da die Proteinkonzentrationen im Liquor von den Serumkonzentrationen beeinflusst werden.

Ursachen einer Eiweißerhöhung im Liquor

Eine Eiweißerhöhung im Liquor kann verschiedene Ursachen haben, die grob in folgende Kategorien eingeteilt werden können:

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Infektionen des zentralen Nervensystems (ZNS)

  • Bakterielle Meningitis: Hierbei werden oft Werte bis zu 10 g/l erreicht. Typischerweise findet sich eine granulozytäre Pleozytose (über 1000 Zellen/μl) und eine deutliche Schrankenstörung (Proteinerhöhung meist > 120 mg/dl). Mögliche Erreger sind Streptococcus pneumoniae und Neisseria meningitidis.
  • Virale Meningitis: Im Vergleich zur bakteriellen Meningitis ist die Proteinerhöhung oft geringer (500-800 mg/l), und es findet sich eine lymphozytäre Pleozytose (weniger als 500 Lymphozyten/μl).
  • Tuberkulöse Meningitis: Hier findet sich eine Mischpleozytose, und der Proteingehalt ist deutlich erhöht (500-3000 mg/l). Der Glukosegehalt ist typischerweise vermindert.
  • Neuroborreliose: Bei der Neuroborreliose, einer durch Zecken übertragenen Infektion mit Borrelia burgdorferi, findet sich eine lymphomonozytäre Pleozytose, meist begleitet von einer Liquoreiweißerhöhung und oligoklonalen IgG-Banden.

Autoimmunerkrankungen

  • Multiple Sklerose (MS): Bei MS liegt typischerweise eine leichte Zellzahlerhöhung (maximal bis 50/µl) mit wenigen transformierten Lymphozyten und Plasmazellen vor. Eine intrathekale IgG-Synthese, die im Krankheitsverlauf persistiert, wird entweder rechnerisch im Quotientendiagramm oder mit deutlich höherer Empfindlichkeit durch liquorspezifische OKB nachgewiesen.
  • Autoimmunenzephalitis: Diese Erkrankungen können sich mit einem neuropsychiatrischen Symptomspektrum manifestieren. Im Liquor findet sich häufig eine leicht bis mäßig ausgeprägte lymphozytäre Zellzahlerhöhung (bis ca. 100/µl), gegebenenfalls eine gering- bis mäßiggradige BLS-Funktionsstörung, oft eine intrathekale IgG-Synthese, am häufigsten in Form einer liquorspezifischen OKB.
  • Autoimmune Polyneuropathien (PNP): Autoimmune PNP werden in akute und chronisch entzündliche Neuropathien unterschieden. Akute Verlaufsformen sind das Guillain-Barré-Syndrom (GBS) und das Miller-Fisher-Syndrom. Die chronischen, immunvermittelten Polyneuropathien (CIP) stellen eine heterogene Gruppe dar, wobei die häufigste Form die chronisch-inflammatorisch-demyelinisierende Polyneuropathie (CIDP) ist.

Andere Ursachen

  • Blutungen: Intrazerebrale oder subarachnoidale Blutungen können zu einer Eiweißerhöhung im Liquor führen.
  • Tumoren: Eine Meningeosis carcinomatosa oder lymphomatosa kann ebenfalls mit einer Eiweißerhöhung einhergehen.
  • Traumata: Traumen können eine Reizreaktion hervorrufen, die zu einer Eiweißerhöhung führt.
  • Normaldruckhydrozephalus (NPH): Obwohl seltener, kann auch ein NPH mit einer Eiweißerhöhung im Liquor verbunden sein.

Diagnostische Abklärung

Bei einer Eiweißerhöhung im Liquor ist eine umfassende Anamnese und klinische Untersuchung erforderlich, um die möglichen Ursachen einzugrenzen. Folgende diagnostische Schritte können in Betracht gezogen werden:

  1. Klinische Anamnese und neurologische Untersuchung: Erhebung der Krankengeschichte, aktueller Beschwerden und neurologischer Defizite.
  2. Liquoranalytik: Wiederholung der Liquorpunktion zur Bestätigung der Eiweißerhöhung und zur Durchführung weiterer Untersuchungen wie Zellzählung, Zytologie, Proteinprofil und ggf. Spezialanalytik (z. B. Erregernachweis, Antikörperindizes, Demenzmarker).
  3. Bildgebung: Durchführung einer zerebralen Computertomografie (CT) oder Magnetresonanztomografie (MRT), um strukturelle Veränderungen im Gehirn oder Rückenmark zu beurteilen.
  4. Elektrophysiologische Untersuchungen: Bei Verdacht auf eine Polyneuropathie können Neurographie und Elektromyographie (EMG) durchgeführt werden.
  5. Weitere Laboruntersuchungen: Je nach Verdachtsmoment können weitere Blutuntersuchungen wie Autoantikörper, Tumormarker oder Infektionsserologie durchgeführt werden.

Differenzialdiagnostische Überlegungen

Die Differenzialdiagnose einer Eiweißerhöhung im Liquor ist vielfältig und erfordert eine sorgfältige Abwägung der klinischen und laborchemischen Befunde. Folgende Aspekte sollten berücksichtigt werden:

  • Zeitlicher Verlauf: Akut einsetzende Symptome sprechen eher für eine Infektion, während ein schleichender Verlauf eher auf eine Autoimmunerkrankung oder einen Tumor hindeutet.
  • Zellbild: Eine granulozytäre Pleozytose deutet auf eine bakterielle Infektion hin, während eine lymphozytäre Pleozytose eher für eine virale Infektion oder eine Autoimmunerkrankung spricht.
  • Weitere Liquorbefunde: Ein erhöhter Laktatwert kann auf eine bakterielle Infektion oder eine Meningeosis carcinomatosa hindeuten, während oligoklonale Banden typisch für MS oder andere chronisch-entzündliche Erkrankungen sind.
  • Klinische Symptome: Neurologische Defizite, Kopfschmerzen, Fieber oder Bewusstseinsstörungen können wichtige Hinweise auf die zugrunde liegende Ursache liefern.

Therapie

Die Therapie einer Eiweißerhöhung im Liquor richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache. Bei bakteriellen Meningitiden ist eine sofortige Antibiotikatherapie erforderlich. Virale Meningitiden können in den meisten Fällen symptomatisch behandelt werden. Autoimmunerkrankungen erfordern in der Regel eine immunsuppressive Therapie. Tumoren müssen je nach Art und Ausdehnung chirurgisch, strahlentherapeutisch oder chemotherapeutisch behandelt werden.

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