Ein Schlaganfall kann das Leben von einem Moment auf den anderen verändern. Viele Betroffene kämpfen mit anhaltenden Lähmungen und Koordinationsstörungen, die ihre Selbstständigkeit und Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Fortschritte in der Neurorehabilitation bieten jedoch neue Hoffnung. Ein vielversprechender Ansatz ist die Verwendung von Elektroden im Gehirn, um die motorische Erholung zu fördern. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte dieser innovativen Therapieform und zeigt, wie sie Schlaganfallpatienten helfen kann, wieder ein normales Leben zu führen.
Was passiert bei einem Schlaganfall?
Ein Schlaganfall tritt auf, wenn die Blutversorgung des Gehirns unterbrochen wird, entweder durch ein verstopftes Gefäß (ischämischer Schlaganfall) oder eine Blutung (hämorrhagischer Schlaganfall). Dies führt zum Absterben von Nervenzellen in den betroffenen Hirnregionen, was zu einer Vielzahl von Ausfällen führen kann, darunter Sprachstörungen und Lähmungen.
Gerade die motorischen Ausfälle stellen viele Betroffene vor eine fast surreale Erfahrung. Der Wille zur Bewegung ist da, doch der Körper reagiert nicht. Manchmal ist die Muskulatur schlaff und kraftlos, manchmal verkrampft sie sich unwillkürlich. In beiden Fällen ist das Zusammenspiel zwischen Gehirn, Nerven und Muskulatur gestört.
Elektrotherapie: Ein Brückenbauer zwischen Wunsch und Fähigkeit
Die Elektrotherapie nutzt elektrische Impulse, um Nervenbahnen und Muskeln zu stimulieren. Diese Impulse ähneln denen, die unser Körper selbst erzeugt, werden aber gezielt von außen gesetzt. Es gibt verschiedene Verfahren, darunter:
- Niederfrequenter Reizstrom: Bringt Muskeln zur Kontraktion.
- Mittelfrequente Ströme: Erreichen tiefere Gewebeschichten.
- EMG-getriggerte Verfahren: Der Patient löst den Impuls selbst aus.
- Funktionelle Elektrostimulation (FES): Unterstützt gezielt Bewegungsabläufe.
Elektrotherapie kann helfen, einen unterbrochenen Kreislauf wieder in Gang zu bringen. Wenn das Gehirn nicht in der Lage ist, einen Muskel zu aktivieren, kann ein externer Impuls helfen, diesen Reiz dennoch zu setzen und so ein Stück Erinnerung an Bewegung wachzurufen.
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Einsatzbereiche und Ziele der Elektrotherapie
Die Elektrotherapie passt sich den individuellen Bedürfnissen der Patienten an und kann in verschiedenen Bereichen eingesetzt werden:
- Aktivierung bei schlaffen Lähmungen: Reizstrom kann Muskeln, die "vergessen" haben, wie sie sich bewegen sollen, einen ersten Impuls geben.
- Spastikreduktion: Bestimmte Stromformen wirken entspannend auf überaktive Muskeln und helfen, den Tonus zu regulieren.
- Funktionelles Training mit Strom: FES steuert gezielt Bewegungen an, z. B. das Anheben des Fußes beim Gehen.
- Training in der Frührehabilitation: Elektrotherapie kann einen ersten Zugang schaffen, wenn Eigenbewegung noch nicht möglich ist.
Die Ziele der Elektrotherapie sind vielfältig:
- Verbesserung der Muskelkraft
- Förderung der Durchblutung und Geweberegeneration
- Unterstützung der motorischen Lernprozesse
- Stärkung der Selbstwirksamkeit
Funktionelle Elektrostimulation (FES): Gezielte Unterstützung für Bewegungsabläufe
Bei der funktionellen Elektrostimulation (FES) werden gezielt Bewegungen angesteuert - z. B. das Anheben des Fußes beim Gehen. Der Strom kommt genau im richtigen Moment und unterstützt das Bewegungsmuster.
Andreas Augsten, Stellvertr., betont, dass sich die Anwendung der Funktionellen Elektrostimulation in der Arm- und Gangrehabilitation bei Hirninfarkt-/Schlaganfallpatienten mit motorischen Defiziten bewährt hat, da eine zielgerichtete Repetition von Bewegungen positive Effekte auf die motorische Erholung hat.
Professor Dr. med. erklärt, dass eine Nervenregeneration sehr lange in Anspruch nimmt und der Muskel ein kritisches Intervall von weniger als zwei Jahren ausweist. Daher ist es für Nervenchirurgen eminent wichtig, dass eine externe Stimulation des Muskels durchgeführt wird.
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Heimtherapie mit Elektrostimulation und Hirnleistungstraining
Das Therapieverfahren „mentastim“ zur Bewegungsanbahnung bei Patienten mit Paresen nach Schlaganfall, Schädel-Hirn-Trauma, Gehirnoperation und partieller Querschnittslähmung basiert auf der wissenschaftlichen Erkenntnis, dass das zentrale Nervensystem nach einer Schädigung von Gehirnarealen die verloren gegangenen Bewegungsmuster in anderen, nicht geschädigten Arealen speichern und somit neu erlernen kann. Das Gehirn braucht dafür aber „Anregungen“. Diese kommen aus zwei Richtungen: vom Patienten, wenn er sich eine Bewegung der gelähmten Extremität vorstellt, und vom gelähmten Muskel, der dadurch sein elektrisches Potenzial erhöht. Anders als bei herkömmlichen Elektrotherapien verbindet das Therapiegerät die Elektrostimulation mit einem Hirnleistungstraining und intensiviert dadurch die Therapie.
Bei der Therapie werden Elektroden zur Messung des EMG-Werts und zur Stimulation auf die Haut über dem gelähmten Muskel angebracht. Die „kognitive Bewegungsanbahnung“ beziehungsweise auch der Bewegungsversuch erhöht das elektrische Potenzial des Muskels. Das Potenzial wird dabei als Elektromyogramm (EMG) gemessen. Daraufhin wird der Muskel von den Elektroden elektrisch stimuliert und gibt dem Gehirn die positive Rückmeldung über die geplante Bewegungsausführung. Das Gehirn lernt mit der Zeit neu, den Muskel anzusteuern: durch das wiederermöglichte positive Feedback und aufgrund der häufigen Wiederholungen. Die neue Gerätegeneration enthält zusätzlich ein rein funktionelles Stimulationsprogramm, das beispielsweise zur Behandlung von Muskelspastik und Regulierung des Muskeltonus verwendet wird. Außerdem wird das Gerät neben der Batterievariante auch mit wiederaufladbarem Akkupack ausgeliefert. Das Therapiegerät ist so konzipiert, dass der Patient nach einer Einweisung durch den Arzt oder Therapeuten die Therapiesitzungen selbstständig zu Hause durchführen kann.
Die Rolle der Repetition und des Eigentrainings
Wir wissen aus der Hirnforschung, dass eine sehr häufige Wiederholung von Bewegungen zu einem Wiedererlernen von Bewegung führen kann. Die Fortführung der FES in der Heimanwendung ist besonders wichtig, da durch die weiterführende repetitive Nervenstimulation die neurologischen Regenerationsprozesse beschleunigt werden und einer Inaktivitätsatrophie entgegengewirkt wird.
Professor Dr. med. betont, dass der Vorteil bei der Fa. K&T unter anderem darin besteht, dass die Patienten optimal betreut werden. Der Patient weiß, wenn das Stimulationsgerät von seiner Krankenkasse genehmigt wird, dass ein Mitarbeiter der Firma ihn zu Hause aufsucht, ihm das Gerät erklärt, entsprechend einstellt. Dadurch kann eine optimale Therapie erfolgen. In der Regel wird dem Patienten empfohlen, das Gerät 10 Min. morgens und 10 Min. abends einzusetzen.
Dr. med. weist darauf hin, dass das Gerät mehrmals täglich eingesetzt werden muss, vom Patienten selbst. Kein Physiotherapeut kann das so in der Praxis leisten.
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Transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS): Gehirnstimulation zur Verbesserung der Motorik
Anhaltende Lähmungen und Koordinationsstörungen gehören zu den häufigsten Folgen eines Schlaganfalls. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass eine nicht-invasive Stimulation des Gehirns mit Gleichstrom über Elektroden, die auf dem Kopf angebracht werden, deutliche Effekte auf die beeinträchtigte Motorik hat. Die Ströme dringen in das Hirngewebe ein, wo sie eine lokal erregende oder hemmende Wirkung ausüben.
Die Studie ergab, dass die Effekte der Stromstimulation schon während einer Anwendung zwar ausgeprägt, aber auch viel komplexer als angenommen sind. Die Daten zeigen, dass sensomotorische Funktionen des gelähmten Arms deutlich durch tDCS beeinflusst werden. Die Veränderungen in den Hirnbereichen variierten jedoch in Abhängigkeit von der Aufgabe und der Elektrodenanordnung. Das bedeutet, dass Patienten vor einer Behandlung mit Hirnstimulation genau untersucht werden müssen, um eine zielgerichtete und individualisierte Anwendung zu ermöglichen.
Dr. Friedhelm Hummel konnte nachweisen, dass mit Hilfe der Stimulation eine kurzzeitige Verbesserung der motorischen Leistung bei Schlaganfallpatienten erzielt werden konnte. Die Stimulation der motorischen Hirnrinde mit tDCS führte bei jedem Patienten dazu, dass sie/er die Aufgaben schneller ausführen konnte. Dieser Effekt einer motorischen Leistungsverbesserung hielt noch für mehr als 30 Minuten nach Ende der Stimulation an.
Rückenmarkstimulation: Ein neuer Ansatz zur Verbesserung der motorischen Kontrolle
US-Forscher haben ein Verfahren zur Nervenstimulation entwickelt, das Schlaganfallpatienten mit Muskelschwäche helfen kann. Dabei werden entlang des Halses dünne Metallelektroden implantiert, die Stromimpulse abgeben, welche Nervenzellen in jenen Rückenmarksbereichen aktivieren, die für die Muskelkontrolle der Gliedmaßen zuständig sind. Dieses System unterstützt noch vorhandene Signale des Gehirns und ersetzt nicht dessen Funktion.
Nach der Implantation erlangten die Patientinnen schnell wieder Kontrolle über ihre Arme und Hände. Eine von ihnen konnte bereits am ersten Tag nach dem Eingriff ihre Hand wieder öffnen und schließen - eine Bewegung, zu der sie neun Jahre lang nicht in der Lage war. Im weiteren Verlauf des Versuchs verbesserte die kontinuierliche Rückenmarkstimulation die Arm- und Handkraft der Teilnehmerinnen sowie ihren Bewegungsumfang und feinmotorische Fähigkeiten. So konnten sie etwa eine Dose sicher greifen oder mit Besteck essen. Die Besserungen hielten Wochen nach Entfernung des Implantats an.
Neuroprothesen: Intelligente Systeme zur Steuerung gelähmter Muskulatur
Ein neues System, eine sogenannte "Neuroprothese", bestehend aus Elektroden, die Stromreize an die gelähmten Muskeln abgeben, einer Computersteuerung und einem Exoskelett, soll künftig ein kontinuierliches Training von zu Hause aus ermöglichen. Punktförmige Elektroden registrieren die Muskelaktivität, eckige Elektroden geben einen Reizstrom ab, um so Muskeln zusätzlich zu aktivieren.
Der Computer sagt mithilfe Künstlicher Intelligenz voraus, welche Bewegung der Patient wahrscheinlich machen will, und hilft ihm, diese zu Ende zu führen. Dazu werden Stromreize an die Muskeln seines Arms gesendet. Ein Exoskelett unterstützt und verstärkt die Bewegungen. Dadurch soll der Patient wieder ein Gefühl für die richtige Motorik bekommen.
Zwischen Technik und Empathie: Wie Mensch und Gerät zusammenspielen
Elektrotherapie ist keine Magie. Sie funktioniert nicht, wenn man sie einfach anschaltet und den Rest dem Gerät überlässt. Ihre Wirkung entfaltet sich erst in der Beziehung - zwischen Mensch, Technik und Therapeut. Entscheidend ist die Begleitung durch eine Therapeutin, die erklärt, einfühlsam nachfragt und motiviert. Auch die Motivation des Patienten spielt eine große Rolle. Umso wichtiger ist es, die Therapie individuell zu gestalten, sie verständlich zu machen und kleine Erfolge sichtbar zu feiern.
Was sagt die Forschung?
Die Forschung zur Elektrotherapie nach Schlaganfall ist vielseitig und in Bewegung. Zahlreiche Studien zeigen, dass Elektrostimulation helfen kann, Muskelaktivität wieder aufzubauen, Spastiken zu reduzieren und funktionelle Bewegungen zu erleichtern - besonders, wenn sie in ein aktives, therapeutisch begleitetes Gesamtkonzept eingebettet ist. Die Kombination von Reizstrom und willentlicher Bewegung scheint besonders wirksam zu sein.
Gleichzeitig zeigt die Forschung aber auch, dass Elektrotherapie kein Ersatz für Bewegung, Therapie und Eigeninitiative ist. Sie ist ein Verstärker, kein Autopilot. Und wie bei allen Interventionen gilt: Was bei der einen Person hilft, kann bei der anderen wirkungslos bleiben - oder sogar kontraproduktiv.
Grenzen der Methode
Elektrotherapie kann viel, aber sie kann nicht alles. Sie ist kein Ersatz für gute Therapie, kein Shortcut zur Heilung und schon gar kein Garant für Fortschritt. Nicht jede:r spricht auf Elektrostimulation an. Der Erfolg hängt von vielen Faktoren ab: vom Schweregrad der Schädigung, vom Zeitpunkt des Einsatzes, von der individuellen Reizleitung, von der Motivation, vom Therapieumfeld. Auch gibt es klare Kontraindikationen, wie implantierte Herzschrittmacher, aktive Hautinfektionen oder neurologische Störungen mit erhöhter Krampfneigung.