Einführung
Die Elektrostimulation des Gehirns ist ein vielversprechendes Feld in der modernen Medizin, das verschiedene Anwendungen zur Behandlung neurologischer und psychiatrischer Erkrankungen bietet. Diese Techniken nutzen elektrische Impulse, um die Aktivität von Nervenzellen im Gehirn zu modulieren und somit therapeutische Effekte zu erzielen. Dieser Artikel beleuchtet verschiedene Formen der Elektrostimulation, ihre Anwendungsbereiche, Wirkungsweisen und die damit verbundenen Chancen und Herausforderungen.
Transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS)
Funktionsweise und Anwendung
Die transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS) ist eine nicht-invasive Methode, bei der ein schwacher, konstanter Gleichstrom über Elektroden auf der Kopfhaut appliziert wird. Dieser Stromfluss beeinflusst die Erregbarkeit von Nervenzellen in den darunterliegenden Hirnarealen. Die tDCS wird in verschiedenen Bereichen eingesetzt, darunter:
- Depression: Ursprünglich als vielversprechende Therapie zur Behandlung von schweren Depressionen (MDD) vorgeschlagen, haben neuere Studien gezeigt, dass tDCS bei einer streng kontrollierten Studie die positiven Ergebnisse anderer kleiner Studien nicht zu unterstützen scheint. Eine Studie, die in "The Lancet" veröffentlicht wurde, untersuchte die Wirksamkeit von tDCS als Zusatzbehandlung zu selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRIs) bei Erwachsenen mit MDD. Die Ergebnisse zeigten keinen signifikanten Vorteil der aktiven tDCS im Vergleich zur Scheinbehandlung. Die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie III am Universitätsklinikum Ulm (UKU) setzt tDCS in der Depressionsbehandlung nicht mehr ein und konzentriert sich stattdessen auf die repetitive transkranielle Magnetstimulation (rTMS).
- Kognitive Verbesserung: Eine Studie der Universität Oxford untersuchte die Auswirkungen der transkraniellen Rauschstromstimulation (tRNS) auf mathematische Fähigkeiten. Dabei wurden Elektroden bilateral über dem dorsolateralen präfrontalen Cortex (DLPFC) platziert, der bei mathematischen Aufgaben aktiviert wird. Die Ergebnisse zeigten, dass die Probanden im tRNS-Arm ihre Leistung im Gedächtnistest verbessern und im Rechentest schneller auf die richtige Lösung kamen. Sechs Monate später waren die Ergebnisse im rRNS-Arm immer noch besser als in der Kontrollgruppe, was auf eine neuromodulatorische Wirkung hindeutet, die die Bildung neuer Nervenverbindungen erleichtert.
- Schlafstörungen: Forscher des Universitätsklinikums Freiburg fanden heraus, dass eine Elektrostimulation die Schlafdauer verringern kann. In einer Studie mit 19 Probanden führte die Stimulation zu einer Verringerung der Gesamt-Schlafdauer um 25 Minuten. Ein chronisch müder Patient, der unter extremer Tagesmüdigkeit litt, zeigte eine deutliche Verbesserung nach der Behandlung mit tDCS.
Vorteile und Nachteile
Vorteile:
- Nicht-invasiv und schmerzfrei
- Geringe Kosten im Vergleich zu anderen Hirnstimulationstechniken
- Mögliche Anwendung im eigenen Zuhause
Nachteile:
- Die Reichweite der Stimulation ist begrenzt
- Die Wirksamkeit bei Depressionen wird in neueren Studien in Frage gestellt
- Weitere Forschung zur Wirksamkeit und Sicherheit ist erforderlich
Transkranielle Magnetstimulation (TMS)
Funktionsweise und Anwendung
Die transkranielle Magnetstimulation (TMS) ist eine weitere nicht-invasive Methode, bei der Magnetfelder verwendet werden, um Nervenzellen im Gehirn zu stimulieren. Ein starkes Magnetfeld wird punktgenau auf einen bestimmten Nervenknoten ausgerichtet, um die Aktivität in neuronalen Netzwerken zu beeinflussen.
- Depression: Die TMS hat sich als wirksam bei der Behandlung von Depressionen erwiesen, insbesondere wenn andere Therapien nicht erfolgreich waren. Die Krankenkassen übernehmen mittlerweile die Kosten für die Behandlung im stationären Bereich.
- Schlaganfallrehabilitation: Die Hirnstimulation mit Strom wird auch bei Schlaganfallpatienten eingesetzt, die an Bewegungs- oder Sprachstörungen leiden. Durch die Stimulation sollen bestehende Nervenverbindungen gestärkt und die Funktionen geschädigter Areale in anderen Bereichen übernommen werden.
Vorteile und Nachteile
Vorteile:
- Nicht-invasiv und schmerzfrei
- Wirksam bei der Behandlung von Depressionen
- Potenzial zur Verbesserung der motorischen und sprachlichen Fähigkeiten nach Schlaganfall
Nachteile:
- Die Behandlung ist aufwendiger als tDCS
- Es sind mehrere Sitzungen erforderlich, um eine Wirkung zu erzielen
- Die langfristigen Auswirkungen sind noch nicht vollständig bekannt
Tiefe Hirnstimulation (THS)
Funktionsweise und Anwendung
Die tiefe Hirnstimulation (THS), auch bekannt als Deep Brain Stimulation (DBS), ist ein neurochirurgisches Verfahren, bei dem Elektroden in bestimmte Hirnareale implantiert werden, um elektrische Impulse abzugeben. Diese Impulse verändern bzw. modulieren krankhafte Erregungsabläufe im Gehirn.
- Bewegungsstörungen: Die THS ist eine etablierte Methode zur Behandlung von Bewegungsstörungen wie Morbus Parkinson, essentiellem Tremor und Dystonie. Durch die Stimulation bestimmter Zielpunkte im Gehirn können Symptome wie Tremor, Muskelsteifigkeit und Bewegungsarmut reduziert werden.
- Epilepsie: Die THS ist auch zur Behandlung der fokalen Epilepsie zugelassen. Hierbei wird im anterioren Thalamus stimuliert, um die Anfallshäufigkeit zu reduzieren.
- Psychiatrische Erkrankungen: Die THS wird zunehmend zur Behandlung psychiatrischer Erkrankungen eingesetzt, darunter Zwangserkrankungen und chronische Depression.
Vorteile und Nachteile
Vorteile:
- Hohe Wirksamkeit bei bestimmten Bewegungsstörungen und Epilepsieformen
- Die Stimulation kann individuell angepasst werden
- Die Behandlung ist reversibel, d.h. die Funktion der Hirnareale bleibt erhalten
Nachteile:
- Invasiver Eingriff mit potenziellen Komplikationen
- Hohe Kosten
- Mögliche Nebenwirkungen wie Sprechstörungen, Gefühlsstörungen und psychiatrische Symptome
Ablauf einer THS-Operation
- Vorbereitung und Planung: Der Patient wird stationär aufgenommen und umfassend untersucht, um die Eignung für die THS zu beurteilen. Dies umfasst eine Bildgebung des Gehirns (Kernspintomographie), neuropsychologische Testungen und eine psychiatrische Vorstellung.
- Stereotaktische Operation: Am Operationstag wird ein stereotaktischer Ring am Schädelknochen befestigt, der der Planung und Navigation dient. Anschließend wird eine Computertomographie des Schädels durchgeführt, um die Zielkoordinaten und den Zugangsweg zu planen.
- Implantation der Elektroden: Nach örtlicher Betäubung wird ein kleines Loch in die Schädeldecke gebohrt. Mikroelektroden werden in das Gehirn eingeführt, um elektrische Ableitungen aus dem Zielgebiet zu ermöglichen und den optimalen Stimulationsort zu detektieren.
- Implantation des Stimulators: In Vollnarkose werden die Kabel und der Stimulator (Impulsgeber) unter der Haut implantiert. Der Impulsgeber ist durch die Haut programmierbar und wird einige Tage nach der Operation erstmals eingeschaltet.
- Anpassung der Stimulationsparameter: Die Anpassung der Stimulationsparameter erfolgt langsam und über viele Tage. Die Weiterbehandlung erfolgt in der Regel in einer Rehabilitationseinrichtung.
Komplikationen und Nebenwirkungen
Trotz sorgfältiger Planung und Durchführung der Operation können Komplikationen auftreten. Dazu gehören:
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- Gehirnblutungen: Bei etwa 2% der operierten Patienten kommt es zu einer Gehirnblutung, die in der Regel sehr klein und umschrieben ausfällt.
- Infektionen: Bakterien können sich an den Implantaten ansiedeln und zu Infektionen führen, die eine Explantation der Implantate erforderlich machen können.
- Technische Komplikationen: Es kann zu einem Ausfall des Impulsgebers oder der Kabel kommen, die einen Austausch erforderlich machen.
- Nebenwirkungen: Je nach Stimulationsort und Elektrodenlage können Nebenwirkungen wie Sprechstörungen, Gefühlsstörungen, Verkrampfungen oder psychiatrische Symptome auftreten.
Elektrokrampftherapie (EKT)
Funktionsweise und Anwendung
Die Elektrokrampftherapie (EKT) ist das älteste Hirnstimulationsverfahren und zeichnet sich durch eine sehr hohe Wirksamkeit und einen schnellen Wirkeintritt insbesondere bei schweren affektiven Erkrankungen aus. Bei der EKT wird unter Narkose ein Krampfanfall durch elektrische Stimulation ausgelöst.
- Schwere Depressionen: Die EKT ist ein hochwirksames Verfahren zur Behandlung von schweren Depressionen, die auf andere Therapien nicht gut ansprechen.
- Katatonie: Die EKT wird auch bei Katatonie eingesetzt, einem Zustand, der durch motorische und psychische Störungen gekennzeichnet ist.
- Bipolare Störungen: Die EKT kann zur Behandlung von manischen und depressiven Episoden bei bipolaren Störungen eingesetzt werden.
Vorteile und Nachteile
Vorteile:
- Hohe Wirksamkeit und schneller Wirkeintritt
- Wirksam bei therapieresistenten Depressionen und anderen schweren psychiatrischen Erkrankungen
Nachteile:
- Erfordert eine Narkose
- Kann vorübergehende kognitive Nebenwirkungen wie Gedächtnisstörungen verursachen
- Hat aufgrund ihrer Geschichte einen schlechten Ruf
Durchführung einer EKT
- Vorbereitung: Der Patient wird ausführlich aufgeklärt und internistisch, neurologisch und anästhesiologisch untersucht.
- Narkose: Der Patient erhält eine Kurznarkose und eine Muskelentspannung.
- Stimulation: Durch elektrische Stimulation im Bereich des Kopfes wird ein therapeutischer Krampfanfall ausgelöst.
- Überwachung: Die Dauer des Krampfanfalls wird durch eine EEG-Aufzeichnung überwacht. Nach dem Aufwachen wird der Patient im Behandlungsraum und auf der Krankenstation überwacht.
Risiken und Nebenwirkungen
Die EKT ist heutzutage ein sicheres Verfahren. Das Risiko für eine schwere Komplikation wird mit 1:50.000 Behandlungen angegeben. Unerwünschte Nebenwirkungen können vorübergehende Kopfschmerzen, Übelkeit und kognitive Störungen sein.
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