Eltern können eine Quelle von Freude und Unterstützung sein, aber auch von Frustration und Konflikten. Viele Menschen kennen das Gefühl, von den Verhaltensweisen der eigenen Eltern genervt zu sein. Ob es Hannas Mutter ist, die zu laut kaut, Marcel, dessen Vater ständig pfeift, oder die immer gleichen Diskussionen über den Beziehungsstatus - Kleinigkeiten können uns aus der Fassung bringen. Selbst Besuche bei den Eltern, die nur alle paar Wochen stattfinden, können mühelos alte Muster reaktivieren. Doch warum ist das so?
Die Ursachen für elterlichen Nervfaktor
Um die Frage zu beantworten, warum uns Verhaltensweisen unserer Eltern so sehr stören, ist es hilfreich, verschiedene Perspektiven zu betrachten.
Der Ablösungsprozess in der Pubertät
Dr. Claus Koch vom pädagogischen Institut Berlin erklärt, dass viele Konflikte mit dem notwendigen Ablösungsprozess zusammenhängen, der mit der Pubertät einsetzt. Bis dahin sind Kinder stark von ihren Eltern abhängig. Eltern sind Vorbilder, auch wenn dies nicht immer bewusst wahrgenommen wird. Als Erwachsene bemerken wir dann oft, dass wir Angewohnheiten von ihnen übernommen haben.
Die Angst, sich nicht genug von den Eltern abgegrenzt zu haben, kann zu einem Gefühl der Unselbstständigkeit führen. Sätze wie "Ganz wie Deine Mutter" können heftigen Widerspruch hervorrufen, da sie das Gefühl verstärken, nicht "anders" genug geworden zu sein. Dabei ist das Ziel des Erwachsenwerdens Autonomie und Unabhängigkeit.
Trigger aus der Kindheit
Manchmal reicht ein einziger Blick am Küchentisch, um uns in die Luft gehen zu lassen. Diese heftigen Reaktionen können durch sogenannte Trigger ausgelöst werden, die uns an Erfahrungen aus der Kindheit oder Pubertät erinnern. Wenn Eltern uns wie kleine Kinder behandeln oder Sätze fallen wie "Iss doch mal anständig", kann dies die Erfahrung triggern, unselbstständig und nicht Herr oder Frau seines eigenen Geschehens zu sein.
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Je höher die Sensitivität für solche Gesten der Eltern ist, desto wahrscheinlicher gibt es ungelöste Konflikte aus der Kindheit, die der eigentliche Grund für die innere Angespanntheit und Aggression sind. Dies passiert oft aus eigener Schwäche heraus.
Rollenmuster und Grenzüberschreitungen
Auch im Erwachsenenalter bleiben wir immer die Kinder unserer Eltern, und Eltern bleiben Eltern. Eine gewisse Form von empfundener Abhängigkeit wird daher immer bestehen. Bei Besuchen fallen wir oft automatisch in alte Rollen zurück, egal ob wir 20 oder 40 Jahre alt sind.
Ein Beispiel für einen Konflikt, der tiefer liegt, ist, wenn Eltern die Grenzen ihrer Kinder überschreiten. Wenn beispielsweise ein Vater aus jedem Glas trinkt, das herumsteht, kann dies als eine Form von Übergriffigkeit wahrgenommen werden, gegen die sich die "Kinder" wehren. Eigentlich geht es darum, dass die Kinder sich wünschen, dass ihre Grenzen respektiert werden und sie als selbstständige und erwachsene Menschen anerkannt werden.
Die Pubertät als Ausnahmezustand
Die Pubertät ist eine Zeit großer Veränderungen und Herausforderungen, sowohl für Jugendliche als auch für Eltern.
Veränderungen im Gehirn und im Bindungsverhalten
Die Pubertät ist ein Ausnahmezustand, da es beim Menschen keine extremere Entwicklung als in diesen Jahren gibt. Körper, Geist und vor allem das Bindungsverhalten verändern sich. Kinder können ihre Liebe zu den Eltern nicht in Frage stellen, da sie bedingungslos an ihre Hauptbezugspersonen gebunden sind. In der Pubertät löst sich diese Bindung jedoch weitgehend auf, und die Eltern werden zu normalen Menschen mit vielen Schwächen.
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Wenn die Eltern weiterhin auf ihrer autoritären Stellung beharren, gehen sie dem Nachwuchs nur noch auf die Nerven. Der Jugendliche rebelliert, und die Eltern sind machtlos. Dieser Bindungsverlust ist auch der Grund, warum Jugendliche nun vieles mit sich selbst oder ihren Freunden ausmachen und den Eltern nicht mehr so viel erzählen. Dies macht den Eltern begreiflicherweise Angst, da sie das Gefühl haben, dass ihnen ihr Kind entgleitet.
Liebes- und Kontrollverlust der Eltern
"Eltern erleben durch die Pubertät ihrer Kinder einen regelrechten Liebes- und Kontrollverlust. Die hohe Kunst ist es, diesen Verlust nicht persönlich zu nehmen, sondern als Teil eines wichtigen Ablösungsprozesses zu verstehen", erklärt Monika Czernin. Je besser dies gelingt, desto eher kann aus der alten Eltern-Kind-Beziehung eine neue Beziehung zwischen Erwachsenen werden.
Erschwerend kommt hinzu, dass die Pubertät der Kinder die Eltern mit der unangenehmen Tatsache konfrontiert, dass sie selbst alt werden. Sie müssen früher oder später zurücktreten und der neuen Generation Platz machen. Diese Erkenntnis kann Angst machen. Es bedeutet auch, dass sich die Eltern mit ihrem eigenen Leben beschäftigen müssen: Will ich mit meinem Partner und in meinem Beruf weitermachen wie bisher? Was ist mir wirklich wichtig? Was will ich in der neuen Lebensphase erreichen? Viele Eltern tun sich mit der Neuorientierung schwer, da sie das Gefühl haben, nun nicht mehr gebraucht zu werden - zumindest bis die ersten Enkelkinder da sind.
Stimmungsschwankungen und der Einfluss von Freunden
Die Stimmung von Heranwachsenden kann von himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt schwanken, was normal ist, da ihre Entwicklungsaufgaben groß sind. Der Schritt aus der behüteten Familie heraus kann Angst und Verwirrung auslösen. Außerdem strengt der letzte, enorme Wachstumsschub an, das Gehirn wird noch einmal umgebaut, und die Sexualität erwacht dank der Ausschüttung von Hormonen. "Kennt man den entwicklungsbiologischen Hintergrund dieser Lebensphase, fällt es leichter, die Stimmungsschwankungen der Jugendlichen zu akzeptieren", sagt Erziehungsexpertin Czernin.
Meistens gibt es einen Grund für die miese Laune der Jugendlichen, nur erfahren die Eltern jetzt nicht immer, was los ist. Wer auf schlechte Laune gelassen oder mit liebevollem Humor reagiert und sich interessiert zeigt, erfährt viel über den jugendlichen Alltag. Wer Aufklärung und Antworten einfordert, wird nicht weiterkommen. Offene Fragen locken Jugendliche leichter aus der Reserve.
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Statt sich an Mutter und Vater zu orientieren, orientiert sich der Jugendliche an seinen Freunden. Die Bindung zu ihnen ist nun entscheidend. Die Aufgabe der Eltern ist, ihren jugendlichen Kindern einen sicheren Hort zu geben, eine Rückzugsmöglichkeit von den Schwierigkeiten und der Unbill des Lebens. Kräfte sammeln kann man aber nur an einem Ort der Herzlichkeit, Wärme und Offenheit - nicht jedoch bei Eltern, die die Rückschläge der Jungen kritisieren oder rechthaberisch mit einem "Hab ich dir doch gesagt, dass das nicht funktioniert" quittieren.
Wege zur Lösung und zum besseren Umgang
Wenn Reibereien mit den Eltern schwerwiegender werden und die Lebensqualität beeinträchtigen, ist es wichtig, nach Lösungen zu suchen.
Konflikte erkennen und Distanz schaffen
Eine Beratung oder sogar Therapie ist nur in wenigen Fällen nötig. Wichtig ist, die eigentlichen Konflikte hinter den eigenen Gefühlen zu erkennen. Dann ist es am besten, zu versuchen, langsam von den Eltern Distanz zu bekommen. Es gilt, zu akzeptieren, dass sie sind, wie sie nun mal sind, und die eigentliche Aufgabe des Erwachsenwerdens darin besteht, für sich selbst und andere Verantwortung zu übernehmen.
Gleichwürdigkeit und Respekt
Eva-Mareile und Hannsjörg Bachmann erklären, dass Gleichwürdigkeit eine innere Haltung ist, zu der wir uns als Erwachsene bewusst entscheiden. Es geht darum, jedem Menschen, egal welchen Alters, mit demselben Respekt zu begegnen und ihm dieselbe Würde zuzugestehen. In einer gleichwürdigen Eltern-Kind-Beziehung begleiten Eltern ihr Kind mit echtem Interesse, Wohlwollen und Empathie, fest davon überzeugt, dass ihr Kind immer sein Bestes gibt und sie nicht ärgern, nerven oder provozieren will.
Es lohnt sich, sich für die Wünsche und Bedürfnisse des Kindes echt zu interessieren und sie verstehen zu wollen. Das bedeutet nicht, sie auch erfüllen zu müssen. Kinder sind oft schon zufrieden, wenn Mutter oder Vater klar signalisieren: Ich habe verstanden, was du gesagt hast, dein Wunsch ist bei mir angekommen, auch wenn sich diese Antwort mit einem Nein verbindet.
Eigene Prägung hinterfragen und neue Haltung einnehmen
Viele der heutigen Eltern sind selbst noch eher autoritär erzogen worden und geben diese Haltung als das ihnen vertraute Erziehungsmodell an ihre Kinder weiter. Es ist wichtig, die eigenen - oft autoritären - Prägungen, Einstellungen und Verhaltensmuster kritisch zu reflektieren und sich für eine neue Haltung zu entscheiden. Indem Eltern selbst erproben und vorleben, wie ein gleichwürdiger Umgang in den Erwachsenen-Beziehungen und in der Eltern-Kind-Beziehung aussieht, haben die Kinder ein neues Vorbild, an dem sie sich orientieren und das sie übernehmen können.
Die Wut als Freund nutzen
Wut auf die Eltern kann als ein Signal dienen, dass unverheilte Wunden aus der Kindheit vorhanden sind. Sie kann als Anstoß genutzt werden, um die negativen Kindheitsprägungen aufzuarbeiten. Die Situationen, unter denen man als Kind gelitten hat, haben einen negativ geprägt. Wenn man die Gefühle, denen man damals hilflos ausgesetzt war, heute bei den Eltern wieder durchfühlt, erinnert sich das innere Kind an den Schmerz.
Schritte zur emotionalen Befreiung
Um die Wut auf die Eltern loszuwerden, ist es wichtig, die Ursachen hinter der Wut aufzuarbeiten. Dies erfordert ein strukturiertes Vorgehen, wie beispielsweise das 5-Phasen-Programm "Geprägt! Aber richtig".
- Negative Kindheitsprägungen erkennen: Ermitteln Sie die Situationen, in denen Sie wütend werden, und beleuchten Sie die weiteren Gefühle, die dabei noch empfunden werden.
- Ursprungssituationen entmachten: Versetzen Sie sich zurück in die Situation und betrachten Sie die Handlung der Eltern aus heutiger Sicht. Stellen Sie sich vor, wie Sie als Erwachsener Ihrem damaligen Ich beistehen.
- Glaubenssätze überprüfen und anpassen: Überprüfen Sie Ihre tief verankerten Glaubenssätze und passen Sie diese an.
- Neue Verhaltensweisen üben: Gehen Sie bewusst anders mit Ihren Eltern um als davor, und üben Sie neue Verhaltensweisen.
- Positive Auswirkungen erleben: Erleben Sie die positiven Auswirkungen, die die Entmachtungs- und Glaubenssatzarbeit Ihnen im Hier und Jetzt bringen.
Weitere Tipps für den Umgang mit den Eltern
- Perspektivwechsel: Sehen Sie Ihre Eltern als fehlbare Menschen mit eigenen Herausforderungen. Fragen Sie sich, was ihre Not gewesen sein könnte, als sie Fehler im Umgang mit Ihnen machten.
- Gespräch suchen: Falls Sie und Ihre Eltern offen dafür sind, lohnt es sich oft, das Gespräch zu suchen.
- Eigene Grenzen setzen: Kommunizieren Sie klar, wenn Ihre Eltern Ihre Grenzen überschreiten.
- Sich selbst versorgen: Statt weiter in der Kind- oder Opferrolle den Eltern gegenüber zu verharren, sollten Sie lieber beginnen, sich selbst zu versorgen und sich selbst ein guter Vater oder eine gute Mutter sein.