Einleitung
Emil Krebs (1867-1930) gilt als eines der größten Sprachwunder der Menschheitsgeschichte. Seine außergewöhnliche Fähigkeit, über 60 Sprachen und Dialekte zu beherrschen, und seine Bibliothek mit Büchern in über 100 Sprachen faszinierten seine Zeitgenossen. Nach seinem Tod wurde sein Gehirn zu Forschungszwecken entnommen, um die anatomischen Grundlagen seiner Sprachbegabung zu untersuchen. Dieser Artikel beleuchtet das Leben von Emil Krebs, seine sprachlichen Leistungen und die wissenschaftlichen Untersuchungen seines Gehirns.
Emil Krebs: Ein Leben für die Sprachen
Frühe Jahre und Ausbildung
Emil Krebs wurde am 15. November 1867 in Freiburg in Schlesien (heute Świebodzice, Polen) geboren. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er in Esdorf (Opoczka), Landkreis Schweidnitz (Świdnica). Bereits als Schüler zeigte er eine außergewöhnliche Begabung für Sprachen. Am Evangelischen Gymnasium Schweidnitz belegte er alle angebotenen Sprachen (Latein, Griechisch, Französisch und Hebräisch) und eignete sich autodidaktisch weitere Sprachen wie Neugriechisch, Englisch, Italienisch, Spanisch, Russisch, Polnisch, Arabisch und Türkisch an. So beherrschte er bereits mit dem Abitur im Jahr 1887 zwölf Sprachen.
Nach einem Semester Theologie in Breslau studierte Krebs in Berlin Rechtswissenschaften und gleichzeitig Chinesisch und Türkisch am Seminar für Orientalische Sprachen (SOS). Das SOS wurde aus Mitteln des Auswärtigen Amtes und des Reichskolonialamtes finanziert und sollte Kolonialbeamte und Handelsreisende auf ihren Einsatz im Osten vorbereiten.
Dolmetscher im Auswärtigen Amt in Peking
Nach einer Tätigkeit als Gerichtsreferendar trat Krebs 1893 in den Auswärtigen Dienst ein und wurde als Dolmetscher nach Peking entsandt. Aus der zunächst auf zehn Jahre befristeten Verpflichtung wurde ein Aufenthalt von fast einem Vierteljahrhundert. Im Juli 1901 wurde er zum Ersten Dolmetscher ernannt, 1913 zum Legationsrat.
In China erwarb sich Krebs den Ruf einer überragenden Autorität für Chinesisch, Mongolisch, Mandschurisch, Tibetisch, Japanisch und Koreanisch sowie für Fragen des chinesischen Rechts. Er wurde nicht nur von Botschafter Otto von Hentig geschätzt, sondern auch von chinesischen Autoritäten in sprachlichen Fragen zu Rate gezogen. In den gebildeten Kreisen Pekings war er ein beliebter Gast, und auch die chinesische Kaiserinwitwe empfing ihn gerne als Gesprächspartner.
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Krebs verzichtete auf eine Ernennung zum Konsul und wollte sich dem Konsulatsexamen nicht unterziehen, vermutlich, weil seine eigentliche Berufung die Sprachstudien waren. Er studierte chinesische Schriften zu allen Lebensbereichen und stellte Sprachvergleiche zwischen dem Chinesischen, Mongolischen, Mandschurischen, Tibetischen und Arabischen an.
Rückkehr nach Berlin und weitere Sprachstudien
Mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen am 25. März 1917 musste Krebs aus Peking abreisen. Zurück in Berlin, widmete er sich noch intensiver seinen Sprachstudien. Bis zu seinem Tod nahm er zahlreiche europäische und außereuropäische Sprachen auf, darunter Ägyptisch, Albanisch, Arabisch, Armenisch, Baskisch, Birmanisch, Georgisch, Hebräisch, Japanisch, Javanisch, Koreanisch, Kroatisch, Lateinisch, Norwegisch, Persisch, Russisch, Syrisch, Türkisch, Urdu sowie die Keilschriftsprachen Sumerisch, Assyrisch und Babylonisch.
Ab 1921 arbeitete Krebs im Chiffrierdienst des Auswärtigen Amtes und ab 1923 zusätzlich im Sprachendienst. Außerdem war er als Gerichtsdolmetscher tätig. Der damalige Leiter des Sprachendienstes, Gautier, kommentierte seine Arbeit bewundernd mit den Worten: „Krebs ersetzt uns 30 Außendienstmitarbeiter.“
Krebs nutzte zum Erwerb weiterer Sprachen oft nicht seine Muttersprache, sondern andere Sprachen als „Mittlersprache“. So studierte er Afghanisch, Birmanisch, Gujarati, Hindi, Irisch, Singhalesisch und Portugiesisch über Englisch; über das Russische lernte er Burjätisch, Finnisch, Tatarisch und Ukrainisch; das Baskische eignete er sich ausschließlich über Spanisch an.
Tod und Vermächtnis
Emil Krebs starb am 31. März 1930 in Berlin an einem Gehirnschlag während einer Übersetzung in seiner Dienststelle im Sprachendienst des Auswärtigen Amts. Er wurde auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf begraben.
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Seine Privatbibliothek mit Schriften in über 100 Sprachen erwarb 1932 die amerikanische Nationalbibliothek (Library of Congress) in Washington D.C. Sein Gehirn wird bis heute zu Forschungszwecken im Hirnforschungszentrum Jülich der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität aufbewahrt.
Die Hirnforschung zu Emil Krebs
Die Suche nach dem "Genie" im Gehirn
Lange Zeit versuchten Hirnforscher, besondere Begabungen im Gehirn anatomisch dingfest zu machen. Dabei wurden die Gehirne von Geisteskranken und Hingerichteten untersucht, später auch die Gehirne herausragender Persönlichkeiten. Die Ergebnisse waren jedoch oft überraschend oder bestätigten lediglich die Erwartungen der Forscher.
So wurde beim Gehirn des Nobelpreisträgers Anatole France festgestellt, dass seine Gehirnmasse um rund ein Drittel unter dem Durchschnitt lag. Nach der Analyse der Hirnwindungen von Albert Einstein berichtete die Neurowissenschaftlerin Sandra Witelson von besonders entwickelten Parietallappen, die - wenig überraschend - der Sitz des mathematischen Denkens sind.
Die Mikrostruktur des Gehirns von Emil Krebs
Die Neurowissenschaftlerin Katrin Amunts vom Forschungszentrum Jülich untersucht die Mikrostruktur des Gehirns, insbesondere die Zellarchitektur in den verschiedenen Gehirnregionen. Auch sie hat sich mit dem Gehirn von Emil Krebs beschäftigt, um herauszufinden, ob sich die für die Sprachverarbeitung zuständigen Areale von denen eines "normalen" Menschen unterscheiden.
Amunts und ihr Team untersuchten die Mikrostruktur des Broca-Sprachzentrums im Gehirn von Emil Krebs. Dabei stellten sie fest, dass sich sein Gehirn von den elf Kontrollhirnen statistisch signifikant unterschied. Krebs verfügte in seinem Sprachzentrum über eine besondere Zellarchitektur, die die neuronalen Informationen möglicherweise schneller und auf breiteren Bahnen durch das Broca-Areal und in andere Regionen schickt.
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Um sicherzugehen, dass das Gehirn von Krebs nicht insgesamt völlig anders konstruiert ist, wurde auch ein Sehareal in die Analysen miteinbezogen. Dort erwies sich Emil Krebs als "voll normal".
Die Bedeutung der Ergebnisse
Amunts betont, dass Emil Krebs ein Einzelfall ist. Um mit Sicherheit sagen zu können, dass es sich bei den gefundenen Unterschieden um ein generelles Merkmal handelt, müsste man mindestens zehn solcher Sprachgenies untersuchen.
Dennoch liefern die Ergebnisse wichtige Erkenntnisse über die neuronalen Grundlagen der Sprachbegabung. Sie zeigen, dass die Mikrostruktur des Gehirns eine wichtige Rolle bei der Verarbeitung von Sprache spielt und dass außergewöhnliche sprachliche Fähigkeiten mit besonderen anatomischen Merkmalen im Gehirn einhergehen können.
Zukünftige Forschung
Amunts und ihr Team arbeiten derzeit an einem mikrostrukturellen dreidimensionalen Atlas des Gehirns, der auf zehn Gehirnen von verstorbenen Körperspendern basiert. Dieser Atlas soll es ermöglichen, Hirnfunktionen, die man bei lebenden Probanden mit modernen bildgebenden Verfahren sichtbar machen kann, auf die Hirnstruktur zu projizieren und so die Zusammenhänge zwischen Gehirnstruktur und -funktion besser zu verstehen.
Ausstellungen und Würdigungen
Emil Krebs ist lange Zeit in Vergessenheit geraten, doch in den letzten Jahren wurde sein Leben und Werk wieder verstärkt erforscht und gewürdigt.
Eine deutsch-polnische Wanderausstellung mit dem Titel "Emil Krebs. An den Grenzen der Genialität", die in Zusammenarbeit mit der Miejska Biblioteka Publiczna w Świdnicy (Stadtbibliothek Schweidnitz) erarbeitet wurde, präsentiert die wichtigsten Stationen seines Lebens und Schaffens. Die Ausstellung wurde bereits an mehreren Orten in Polen und Deutschland gezeigt, unter anderem 2019 in Görlitz und 2020 im Auswärtigen Amt in Berlin.
Auch im Lichthof des Auswärtigen Amts fand eine Ausstellung statt, die Emil Krebs' besonderes Sprachtalent würdigte. Organisiert von Eckhard Hoffmann, Großneffe von Emil Krebs, und kuratiert vom Berliner Künstler Andreas Tschersich, gewährte die Ausstellung Einblicke in Emil Krebs' Leben und Schaffen.