Die Fähigkeit, Empathie zu empfinden, ist ein grundlegender Aspekt des menschlichen Sozialverhaltens. Sie ermöglicht es uns, die Gefühle anderer zu verstehen und mitzufühlen, was für den Aufbau von Beziehungen, die Lösung von Konflikten und die Förderung von Zusammenarbeit unerlässlich ist. Die Neurowissenschaft hat in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte bei der Aufklärung der neuronalen Grundlagen der Empathie gemacht. Insbesondere die Entdeckung der Spiegelneurone hat unser Verständnis davon, wie das Gehirn die Emotionen anderer verarbeitet, revolutioniert.
Hirnforschung: Mythos Spiegelneurone
Die Entdeckung der Spiegelneurone jährt sich im Jahr 2022 zum 30. Mal. Diese Nervenzellen, die sowohl beim Ausführen einer Handlung als auch bei der Beobachtung derselben Handlung bei anderen feuern, wurden zunächst im motorischen Kortex von Affen entdeckt. Die ursprüngliche Geschichte der Entdeckung ist jedoch ein Mythos, der sich über die "New York Times" verbreitete. Die eigentliche Entdeckung war unspektakulärer: Die Nervenzellen feuerten auch dann, wenn die Forschenden nach einer Belohnung für die Affen griffen.
Trotz des Mythos entwickelten sich die Spiegelneurone zu den Shootingstars der Hirnforschung und erregten große Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit. Der Neurologe Vilayanur Ramachandran prognostizierte sogar, dass die Spiegelneurone für die Psychologie das sein werden, was die DNA für die Biologie war. Inzwischen hat das wissenschaftliche Interesse an den berühmten Nervenzellen jedoch nachgelassen.
Die Funktionen der Spiegelneurone
1. Handlungen erkennen und nachahmen:
Forschende sind sich größtenteils einig, dass Spiegelneurone es uns ermöglichen, Handlungen zu erkennen und zu imitieren. Werden Hirnregionen mit Spiegeleigenschaften geschädigt, können die Betroffenen Bewegungen schlechter identifizieren als Menschen ohne solche Verletzungen. So fällt es ihnen etwa schwerer, menschliche Bewegungsmuster aus sich bewegenden Punkten herauszulesen. Zudem haben Probanden Probleme damit, Fingerbewegungen zu imitieren, wenn ihr Gyrus frontalis inferior durch magnetische Impulse gehemmt wird.
2. Grundlage für die "Theory of Mind"?
Die Idee, dass im Gehirn Neurone auf die Gebärden anderer reagieren, lädt dazu ein, größer zu denken. Spiegeln sie dann vielleicht auch innere Zustände? Sind sie möglicherweise sogar der Grund, warum wir eine Ahnung davon haben, was in den Köpfen anderer vor sich geht? Fachleute sprechen bei dieser Fähigkeit von der "Theory of Mind".
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In einer viel beachteten Neurostimulationsstudie von 2014 spielten Kognitionswissenschaftler Versuchspersonen Videos von Pantomimen vor. Die Probanden sollten aus einer Reihe von Bildern jenes auswählen, welches am besten zu der dargestellten Handbewegung passte. In einer anderen Bedingung war es zusätzlich wichtig, den Kontext zu beachten, in dem die Handbewegung ausgeführt wurde. Als das Team den prämotorischen Kortex der Teilnehmenden mit magnetischen Signalen hemmte, schnitten diese in beiden Aufgaben schlechter ab.
Für Catmur ist das Experiment kein Beweis dafür, dass Spiegelneurone mentale Zustände wie eine Handlungsabsicht codieren. Die Ergebnisse ließen sich erklären, wenn die Nervenzellen bloß auf die rein äußerliche Handlung ansprechen.
3. Die Wiege unserer Sprache?
1998 stellten Rizzolatti und der englische Neurowissenschaftler und Informatiker Michael Arbib die These auf, die menschliche Sprache sei vor allem durch das Zutun von Spiegelneuronen entstanden. Der Gedanke ist naheliegend: Die italienische Forschergruppe entdeckte die Nervenzellen erstmals in der Area F5 im Motorkortex der Affen. Beim Menschen heißt diese Region "Broca-Areal" und bildet eine der Hauptkomponenten des Sprachnetzwerks. Zudem entladen sich die Neurone, wenn man etwa die Arme bewegt oder anderen dabei zuschaut; da erscheint es durchaus plausibel, dass sie für die Kommunikation über Gesten wichtig sind. Von dort ist es zumindest theoretisch kein weiter Weg zur Entstehung von Sprache.
Ein Team um Stephen Wilson von der Vanderbilt University in Nashville untermauerte diese Theorie 2004 mit Daten aus dem Hirnscanner. Im MRT sollten Versuchspersonen einzelnen Silben entweder lauschen oder sie nachsprechen. In beiden Bedingungen wurden Teile der motorischen Hirnrinde mit Spiegeleigenschaften aktiv.
Es gibt jedoch zahlreiche Befunde, die gegen diese Vermutung sprechen. Schon 1978 fand eine Arbeitsgruppe heraus: Menschen, die auf Grund von Schädigungen im Broca-Areal nicht richtig sprechen können, sind trotzdem in der Lage, Wörter und Sätze genau zu verstehen.
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4. Machen uns Spiegelneurone empathisch?
Die Spiegelnervenzellen, die uns dieses Mitgefühl und die Resonanz ermöglichen, sind angeboren. Aber die Empathie ist es nicht, sondern wir müssen diese Spiegelnervensysteme benützen und zwar dadurch, dass wir als Kleinkinder als Säuglinge gute Erfahrungen machen. Wir müssen selbst Empathie erlebt haben, damit das System der Spiegelneurone in Funktion treten kann und damit das Kleinkind peu a peu selber in die Lage kommt emphatisch zu sein.
Die Spiegelnervenzellen sind Grundlage für das Mitempfinden, sozusagen die technische Vorbedingung. Sie dienen in frühester Kindheit dazu, Bewegungen zu üben, die den Kontakt zu den Eltern unterstützen und später zum Ausdruck von Gefühlen benutzt werden. Den Eltern ermöglichen sie, anregend oder beruhigend auf das Kind einzuwirken. Auch beim Sprechen, wobei ja auch Muskeln bewegt werden, helfen die Spiegelneuronen. Damit aber wirkliches Mitempfinden entsteht, muss das Kind eine gewisse Reife erreichen.
Weitere Hirnbereiche, die an Empathie beteiligt sind
Neben den Spiegelneuronen spielen auch andere Hirnbereiche eine wichtige Rolle bei der Empathie. Dazu gehören:
- Inselrinde: Dieser Bereich ist an der Verarbeitung von Emotionen und Körperempfindungen beteiligt. Studien haben gezeigt, dass die Inselrinde aktiv wird, wenn wir die Emotionen anderer beobachten oder erleben.
- Amygdala: Die Amygdala spielt eine Rolle bei der Verarbeitung von Angst und anderen Emotionen. Sie ist auch an der Empathie beteiligt, insbesondere wenn es darum geht, die Angst anderer zu erkennen und darauf zu reagieren.
- Präfrontaler Kortex: Dieser Bereich ist an der Planung, Entscheidungsfindung und sozialen Kognition beteiligt. Er spielt auch eine Rolle bei der Empathie, insbesondere wenn es darum geht, die Perspektive anderer zu verstehen und moralische Urteile zu fällen.
- Temporo-parietaler Übergang (TPJ): Dieser Bereich ist wichtig für die Theory of Mind, also die Fähigkeit, die Gedanken, Gefühle, Bedürfnisse, Absichten Erwartungen oder Meinungen bei unserem Mitmenschen zu vermuten.
Die zwei Komponenten der Empathie
Die Forschung ist sich heute weitgehend einig, dass Empathie zwei grundsätzlich verschiedene Komponenten umfasst:
- Emotionale Empathie: Das Vermögen, die Emotionen einer anderen Person nachzufühlen. Wir lesen ein Interview mit einem Mann, der bei der Flutkatastrophe im Ahrtal sein Hab und Gut verloren hat, und spüren seine Verzweiflung mit. Wir sehen eine Mutter, die um ihr verstorbenes Kind weint, und fühlen selbst einen Stich in unserem Herzen. Emotionale Empathie lässt uns also empfinden, was unser Mitmensch empfindet. Sie beschreibt unsere emotionale Antwort auf seinen Gefühlszustand.
- Kognitive Empathie: Die Fähigkeit, die Perspektive einer anderen Person zu verstehen, ohne unbedingt ihre Gefühle zu teilen. Eine Pastorin, die einem Mitglied ihrer Gemeinde beim Verlust einer geliebten Person beistehen möchte, muss dazu nicht unbedingt mittrauern. Sie muss aber verstehen, wie es dem Hinterbliebenen geht, um in dieser Situation die angemessenen Worte zu finden. Diese Fähigkeit nennt man kognitive Empathie. Sie versetzt uns dazu in die Lage, eine Situation aus der Warte unserer Mitmenschen zu sehen und so ihre Emotionen und Gedanken rational nachzuvollziehen.
Kann Empathie erlernt werden?
Empathiefähigkeit gilt als Voraussetzung für gute soziale Beziehungen. Sie motiviert uns, anderen zu helfen und uns moralisch zu verhalten, sie erlaubt uns, Konflikte zu vermeiden oder zu lösen, und sie ist wichtig für den Zusammenhalt von Gruppen. Kein Wunder, dass in den letzten Jahrzehnten eine Reihe von Programmen entwickelt wurden, die zum Ziel haben, das Empathievermögen zu steigern. Sehr wirksam scheinen bestimmte Formen der Achtsamkeits-Meditation zu sein. Dabei lernen die Beteiligten, ihre Körperempfindungen, Gedanken und Gefühle bewusst wahrzunehmen und sich auf die Quelle dieser Gedanken und Emotionen zu konzentrieren. Flankierend dazu üben sie, die Perspektive einer anderen Person einzunehmen. Einen etwas anderen Ansatz verfolgt die "Loving Kindness"-Meditation, die ursprünglich aus dem Buddhismus stammt. Sie stärkt zunächst das Gefühl der Selbstliebe, das die Teilnehmenden dann in einem zweiten Schritt auf ihre Mitmenschen übertragen. Beide Programme steigern nachweisbar die Empathie. Einen ähnlichen Effekt scheint Studien zufolge auch Musik zu haben: Kinder, die längere Zeit Musikunterricht hatten, sind oft besser darin, sich in andere einzufühlen. Die Gründe dafür sind noch nicht vollständig bekannt. Musik hat eine starke emotionale Komponente; möglicherweise erleichtert sie es dadurch, die eigenen Gefühle wie auch die der Mitmenschen wahrzunehmen. Wer mit anderen musiziert, teilt diese emotionale Erfahrung zudem mit den Mitgliedern der Gruppe - als Musiker fühlt man also mit anderen zusammen.
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Hyperempathie-Syndrom
Menschen mit diesem Syndrom fühlen sehr stark mit anderen mit. Sie verstehen und teilen die Gefühle anderer Menschen intensiv. Bei manchen Menschen sind die Spiegelneuronen überaktiv. Das ist das Hyperempathie-Syndrom. Diese Menschen fühlen sehr, sehr stark mit. Bei Menschen mit Hyperempathie ist die Amygdala oft sehr aktiv. Sie reagiert stärker auf die Gefühle anderer.
Hyperempathie zeigt sich oft durch intensive Gefühle. Menschen mit Hyperempathie spüren die Emotionen anderer sehr stark. Ein weiteres Symptom ist emotionale Erschöpfung. Mitfühlen kann sehr anstrengend sein. Vor allem, wenn es so intensiv ist.
Menschen mit Hyperempathie-Syndrom können lernen, besser mit ihren Gefühlen umzugehen. Es gibt verschiedene Techniken dafür. Zum Beispiel Atemübungen oder Meditation. Es ist auch wichtig, Grenzen zu setzen. Betroffene sollten lernen, sich nicht zu sehr in die Gefühle anderer hineinzuziehen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist Selbstfürsorge. Das heißt, auf sich selbst und die eigenen Bedürfnisse zu achten. Manchmal kann es auch hilfreich sein, professionelle Hilfe zu suchen. Das kann ein Psychologe oder Therapeut sein. Es gibt auch Selbsthilfegruppen für Menschen mit Hyperempathie.
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