Entlieben: Prozesse im Gehirn und Wege zur Überwindung von Liebeskummer

Wer verliebt ist, dem steht die Welt Kopf. Dieses Gefühl, das uns so intensiv beeinflusst, ist Gegenstand der Forschung von Neurobiologen und Anthropologen. Sie haben herausgefunden, dass Liebe nicht nur blind macht, sondern auch süchtig. Die Prozesse, die im Körper und Gehirn von Verliebten ablaufen, ähneln denen einer Sucht. Auch der Schmerz eines verlassenen Menschen kann mit Entzugssymptomen verglichen werden.

Die Neurobiologie der Liebe

Neurowissenschaftler vergleichen Liebe mit einer Sucht, da ähnliche Prozesse im Gehirn ablaufen. Beim Anblick eines geliebten Menschen ist das Belohnungssystem besonders aktiv. Areale, die für Angst oder kritische Bewertungen zuständig sind, weisen dagegen eine verminderte Aktivität auf.

Hormone und Neurotransmitter im Spiel

Bei Verliebten werden vermehrt der Neurotransmitter Dopamin und die Hormone Vasopressin und Oxytocin ausgeschüttet. Dopamin, oft als „Glückshormon“ bezeichnet, sorgt für ein gutes Gefühl und wird mit Belohnung, Euphorie, aber auch Suchterkrankungen assoziiert. Vasopressin und Oxytocin gelten als Bindungshormone. Oxytocin mindert Angst und Stress und trägt dazu bei, dass wir anderen Menschen vertrauen. Es wird verstärkt ausgeschüttet, wenn Mütter ihre Kinder stillen, bei angenehmen Berührungen oder einem Orgasmus - oder beim Blick in die Augen eines geliebten Menschen.

Die Rolle des Belohnungssystems

Studien haben gezeigt, dass beim Anblick des geliebten Menschen Hirnareale wie Hippocampus, Nucleus caudatum, Putamen und Nucleus accumbens aktiv sind. Diese spielen eine wichtige Rolle im Belohnungssystem des Gehirns. Interessanterweise reagieren Verliebte oder Liebende im Gehirn ähnlich auf die Bilder ihrer Liebsten wie Kokainsüchtige oder Alkoholkranke auf ein Bild ihrer Droge.

Die Evolutionäre Bedeutung

Romantische Liebe ist ein grundlegender biologischer Mechanismus, der uns hilft, langfristige Partnerschaften einzugehen und unsere Kinder großzuziehen. Liebe ist ein Bedürfnis, ein Drang wie Hunger oder Durst. Es ist unmöglich, sie auszumerzen.

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Die Schattenseite: Liebeskummer

Manchmal endet die Liebe einfach. Und manchmal wünscht man sich, man könnte sich aktiv entlieben. Der Schmerz, der mit dem Verlust einer geliebten Person einhergeht, wird als Liebeskummer bezeichnet.

Was ist Liebeskummer?

Liebeskummer ist der körperliche und seelische Schmerz über den Verlust oder das Nichtzustandekommen einer Liebesbeziehung. Aus hormoneller Sicht ist Liebeskummer ein regelrechter Ausnahmezustand, der dem Verliebtsein diametral gegenübersteht. Während man frisch verliebt dank Oxytocin und Dopamin auf Wolke sieben schwebt, ist Liebeskummer mit einem starken Anstieg der Stresshormone Cortisol und Adrenalin verbunden - und einem sehr niedrigen Dopaminlevel.

Prozesse im Gehirn bei Liebeskummer

Der Schock bei Liebeskummer ist so groß, dass sich unser Gehirn an dem klammert, was noch zu haben ist: Erinnerungen und Hoffnungen. Es reagiert wie ein Junkie auf einen Drogenentzug und sucht nach Ersatzstoffen. Im Liebeskummer idealisieren wir unseren Expartner oder unsere Expartnerin und die gemeinsame Zeit. Und klammern uns an die Idee, dass vielleicht alles nur ein Irrtum war - und er oder sie es sich bestimmt noch anders überlegt.

Warum tut Liebeskummer so weh?

Liebeskummer bedeutet: Wir verlieren unsere Hauptbezugsperson. Unseren wichtigsten Menschen oder den, von dem wir gehofft hatten, er würde es werden. Das ist für das Bindungswesen, das wir als Menschen sind, ein wahnsinnig harter Schlag. Eine Trennung bringt oft auch eine tiefe Selbstwertverletzung und die Angst vor dem Alleinsein mit sich.

Die Dauer des Liebeskummers

Wie lange Liebeskummer dauert, ist individuell sehr unterschiedlich. Die durchschnittliche Dauer einer Trauerphase nach einer Trennung liegt statistisch gesehen bei etwa zwölf Monaten. Es gibt aber auch Menschen, die jahrelang an einer verlorenen Liebe leiden und nie gänzlich darüber hinwegkommen. Liebeskummer muss aktiv bewältigt und überwunden werden.

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Die 5 Phasen der Trennung

Das Ende einer Beziehung kann uns tatsächlich ähnlich überfordern wie der Tod eines sehr nahen Angehörigen. In Anlehnung an das Trauermodell der Sterbeforscherin Kübler-Ross kann man von 5 Phasen der Trennung sprechen:

  • Leugnung: Am Anfang fällt es schwer zu glauben, dass die Liebe wirklich Vergangenheit sein soll.
  • Ärger: Wir reagieren mit Wut und Aggression.
  • Feilschen: Wir versuchen alles Mögliche, um die Beziehung vielleicht doch noch zurückzubekommen.
  • Depression: Wir verlieren jegliche Hoffnung und kommen ganz im Schmerz an.
  • Akzeptanz: Wir können endlich loslassen und die Veränderung in unserem Leben akzeptieren.

Jede und jeder trauert anders, das gilt auch für Liebeskummer. Die Phasen in diesem Modell laufen auch längst nicht bei allen Menschen nacheinander ab. Sondern oft gleichzeitig oder in veränderter Reihenfolge. Fest steht: Am Ende kommen wir nur über den Liebeskummer hinweg, wenn wir die neue Realität akzeptieren.

Strategien zur Überwindung von Liebeskummer

Es gibt verschiedene Strategien, die helfen können, Liebeskummer zu überwinden und sich zu entlieben:

  • Erinnerungsquellen entfernen: Lösche am besten die digitalen Verbindungen und entsorge die Fotos von deinem oder deiner Ex. Mach Klarschiff und räume alles, was dich an ihn oder sie erinnert, aus deinem Leben.
  • Schreib eine Negativliste über deinen oder deine Ex: Fokussiere dich auf die Dinge, die dich schon immer gestört haben - das macht es dir leichter, dich emotional von einem Menschen zu lösen, der nicht mehr mit dir verbunden sein möchte.
  • Setz dich in Bewegung: Gegen Emo-Stress wie Liebeskummer hilft Sport, am besten in netter Gesellschaft. Das lenkt dich ab. Oder starte ein neues Projekt, dass dich ausfüllt.
  • Drück deine Gefühle aus und komm in Kontakt mit dir: Schreiben, Malen, Dichten, Tanzen, Singen sind gute Mittel, um den eigenen Gefühlen Raum zu geben.
  • Gib dir Zeit für Verständnis, Freundschaft, Wunden lecken: Hol dir so viel freundschaftliche Nähe wie möglich. Nichts ist bei Herzschmerz so wichtig wie gute Freunde, die dir beistehen und dir das Gefühl geben, liebenswert und nicht allein zu sein.
  • Akzeptanz des Alleinseins: In der letzten Phase arrangiert man sich damit, dass es für diese Liebesgeschichte kein Happy End gibt. Aus dem Wirgefühl entwickelt sich langsam wieder ein Ich.

Weitere Tipps und Strategien

  • Die Grey-Rock-Methode: Wenn sich nicht jeder Kontakt vermeiden lässt, wie etwa bei der Kinder-Übergabe, empfiehlt Daniela Nowak die Grey-Rock-Methode: kalt wie ein Stein sein. Kein Small Talk, nur nüchterne Infos und tschüss!
  • Feste Zeiten für den Kummer reservieren: Sie wollen traurig sein und Liebeskummer-Musik hören? Das dürfen Sie. Aber nur an einem bestimmten Termin. Die Idee: Schwappt der Kummer außerhalb des Termins nach oben und quält die Gedanken, kann man ihn unterbrechen mit dem Wissen, dass jetzt nicht der passende Zeitpunkt ist.
  • Ein Neuanfang: Man kann aufräumen und ausmisten, alte Erinnerungsstücke aussortieren und (vorerst) aus dem Sichtfeld verbannen. Auch ein verändertes Äußeres, etwa neue Kleidung oder eine neue Frisur, kann helfen, sich wieder etwas befreiter zu fühlen.

Wann professionelle Hilfe in Anspruch nehmen?

Liebeskummer ist oft keine Kleinigkeit, sondern eine emotionale Krise. Wenn es dir länger schlecht geht, du aus dem Grübeln, Sehnen und der Verzweiflung nicht herauskommst - oder du merkst, dass du deinen Alltag vernachlässigst, dann warte nicht lang, sondern hol dir Hilfe, zum Beispiel bei Psychotherapeuten.

Die positiven Seiten von Liebeskummer

Hat Liebeskummer nun auch etwas Gutes? Ja, schon. Denn man kann am Schmerz wachsen. Studien zeigen zudem, dass es wichtig ist, alle Phasen von Liebeskummer zu durchlaufen, um ihn zu bewältigen. Eine Abkürzung zu nehmen, geht meist schief. Eine Studie des US-Psychologen Gary W. Lewandowski Jr. zeigt übrigens, dass es vielen Menschen nach einer überwundenen Trennung besser geht als vorher.

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