Etwa jeder zehnte Deutsche trägt eine kleine Narbe über der rechten Hüfte, die von einer Blinddarmoperation in der Kindheit zeugt. Neueste Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass diese Operation überraschende langfristige Auswirkungen haben könnte: Sie scheint das Risiko, später an Parkinson zu erkranken, zu verringern.
Parkinson: Eine komplexe neurodegenerative Erkrankung
Zittrige Hände, steife Muskeln und verlangsamte Bewegungen sind die typischen Symptome von Parkinson, einer neurodegenerativen Erkrankung, von der weltweit über sechs Millionen Menschen betroffen sind. Diese motorischen Beeinträchtigungen sind entscheidend für die Diagnose der Krankheit. Parkinson manifestiert sich jedoch auch durch andere Symptome. Forscher haben herausgefunden, dass viele Patienten bereits Jahre vor dem Auftreten der ersten charakteristischen Parkinson-Symptome unter Schlafstörungen, Beeinträchtigungen des Geruchssinns oder Magen-Darm-Beschwerden leiden. Letzteres ist besonders interessant, da frühere Studien in den Nervenzellen des Magen-Darm-Trakts von Betroffenen Ablagerungen des Proteins Alpha-Synuclein gefunden haben.
Der Fokus auf den Appendix
Um den Einfluss des Magen-Darm-Trakts auf die Krankheit genauer zu untersuchen, haben sich Bryan Killinger vom Van Andel Research Institute in Grand Rapids und seine Kollegen dem Appendix gewidmet. Auch im Wurmfortsatz des Blinddarms wurden in der Vergangenheit Alpha-Synuclein-Aggregate entdeckt.
Eine schwedische Langzeitstudie liefert Hinweise
Für ihre Studie werteten die Wissenschaftler Krankheitsdaten von 1,6 Millionen Schweden aus, die im Rahmen einer Langzeituntersuchung bis zu 52 Jahre lang begleitet wurden. Dabei stellten sie einen bemerkenswerten Zusammenhang fest: Eine Entfernung des Appendix in jungen Jahren ging im Schnitt mit einem rund 20 Prozent geringeren Risiko für eine spätere Parkinson-Diagnose einher. Bei Personen, die auf dem Land lebten, reduzierte sich dieses Risiko sogar um 25 Prozent. Die Auswertung eines separaten Datensatzes von 849 Parkinson-Patienten ergab zudem: Wer den Blinddarm entfernt bekommen hatte, bei dem hatte sich die Erkrankung in einem höheren Alter manifestiert als bei anderen Betroffenen.
Der Blinddarm als möglicher Faktor bei der Entstehung von Parkinson
Damit zeichnet sich ab, dass der Blinddarm in irgendeiner Art und Weise bei der Entstehung und dem Verlauf von nicht erblichem Parkinson mitwirkt. Aber wie konkret? In der Hoffnung auf neue Einblicke analysierten Killinger und sein Team in einem nächsten Schritt Appendix-Proben gesunder Menschen und Parkinson-Patienten. Das Ergebnis: Sowohl bei Gesunden als auch bei Kranken fanden sie krankhafte Ablagerungen von Alpha-Synuclein.
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Alpha-Synuclein: Ein Schlüsselprotein bei Parkinson
Bei Parkinson lassen sich sogenannte Lewy-Körperchen im Gehirn beobachten. Es handelt sich dabei um Ansammlungen eines Proteins namens Alpha-Synuclein, das für die Zerstörung des Gehirns verantwortlich gemacht wird. Studienautor Dr. Mohammed Z. Sheriff an der Universitätsklinik in Cleveland erklärt, dass sich das Alpha-Synuclein im Verdauungstrakt nachweisen lasse, wenn sich Menschen noch in einem sehr frühen Parkinsonstadium befinden.
Widersprüchliche Ergebnisse früherer Studien
Frühere Studien hatten zu diesem Thema jedoch uneinheitliche Ergebnisse gebracht. Im Jahr 2016 beispielsweise las man im Parkinson-Journal Movement Disorders von einer Studie mit 1,5 Millionen Dänen, dass die Entfernung des Blinddarms das Parkinson-Risiko senke bzw. Daher wurde die aktuelle Studie mit einer sehr viel grösseren Patientenzahl (62,2 Millionen) durchgeführt, um hier Klarheit zu erlangen.
Die Rolle des Mikrobioms
In den letzten Jahren haben sich die Hinweise darauf verdichtet, dass ein enger Zusammenhang zwischen Parkinson und der Zusammensetzung des intestinalen Mikrobioms besteht. Eine aktuelle Studie ergab, dass bei manchen Parkinson-Betroffenen, bei denen eine Appendektomie erforderlich war, eine phylogenetische Veränderung des Darmmikrobioms nachweisbar ist, also eine andere Zusammensetzung der Bakterienstämme im Darm. Doch auch zahlreiche andere Faktoren beeinflussen die Darmflora, z.B. Ernährung, Antibiotika, Rauchen oder Stress.
Die Darm-Hirn-Achse
Seit einiger Zeit ist bekannt, dass die Darmflora (Mikrobiom) viele Stoffwechselvorgänge und andere Prozesse im Körper beeinflusst und zur Entstehung von Krankheiten beitragen kann - dies gilt auch für neurodegenerative Erkrankungen. Zwischen Darm und Gehirn gibt es eine wechselseitige Kommunikation über Nervenbahnen (z. B. den Vagusnerv), die „Darm-Hirn-Achse“. Botenstoffe dieser Kommunikation sind unter anderem Stoffwechselprodukte von Darmbakterien. Tatsächlich wurde mehrfach gezeigt, dass sich die Zusammensetzung des Mikrobioms bei Parkinson von der gesunden Darmflora unterscheidet.
Der Wurmfortsatz als Reservoir
Der Wurmfortsatz („Blinddarm“ bzw. Appendix) dient vermutlich unter anderem als Reservoir für bestimmte Darmbakterien; dies ist z.B. von Bedeutung für unser Immunsystem. Im Darm bzw. vor allem im Appendix konnten außerdem geringe Mengen von unlöslichem α-Synuklein nachgewiesen werden - auch bei Gesunden; bei Parkinson-Erkrankten fand man jedoch etwas größere Mengen (auch schon in der Frühphase, dem sog. Prodromalstadium der Erkrankung). Darüber hinaus wurde gezeigt, dass unlösliches α-Synuklein über den N. vagus ins Gehirn gelangen kann. Schon länger wird daher ein Zusammenhang zwischen einer Blinddarmentzündung (Appendizitis) mit Notwendigkeit einer Operation bzw.
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Die Ergebnisse einer weiteren Studie
Eine Studie untersuchte nun die Korrelation zwischen Mikrobiomveränderungen bei Appendektomie und der Parkinson-Erkrankung. Dazu wurden 20 Stuhlproben von Parkinson-Erkrankten (P) und gesunden Kontrollen (K) - jeweils mit und ohne Appendektomie (+/-APP) bezüglich der bakteriellen Zusammensetzung analysiert und verglichen (P/+APP, P/-APP, K/+APP, K/-APP, jeweils n=5). Das mediane Alter der Teilnehmenden betrug 70 Jahre (IQR 67-71); 60% waren weiblich. Parkinson-Erkrankte hatten tendenziell ein geringeres Gewicht als die gesunden Kontrollpersonen und litten häufiger an schwerer Verstopfung, insbesondere nach der Appendektomie. Diese Unterschiede waren statistisch aber nicht signifikant (p=0,12). Insgesamt zeigte sich, dass die Appendektomie per se die Darmflora beeinflusste. So gab es einen signifikanten Unterschied zwischen appendektomierten und nicht-appendektomierten Teilnehmenden (p=0,047), insbesondere waren sog. Fusobakterien nach Appendektomie reduziert (p=0,047). Weiter fand sich ein signifikanter Unterschied in der phylogenetischen Zusammensetzung des Mikrobioms zwischen gesunden Kontrollen und appendektomierten Parkinson-Kranken, d.h. eine andere Zusammensetzung der Bakterienstämme im Darm. Es gab außerdem einen signifikanten Unterschied im Mikrobiom zwischen Parkinson-Kranken und appendektomierten gesunden Kontrollen. Diese Ergebnisse lassen bei appendektomierten Personen einen Zusammenhang zwischen Darmflora und Parkinson-Erkrankungen vermuten, so die Publizierenden. Sie halten eine Parkinson-Pathogenese für denkbar, bei der als erstes Enterobacteriaceae unlösliches α-Synuklein im Darm induzieren. Dort dient der Wurmfortsatz als Reservoir der Synuklein-Aggregate, die dann im Verlauf über den N. vagus vom Darm ins Gehirn gelangen und sich dort weiter ausbreiten. Es wird jedoch darauf hingewiesen, dass es sich um eine vorläufige Studie handle mit kleiner Teilnehmendenzahl.
Die Rolle von Umweltgiften
Womöglich, so spekulieren die Forscher, könnte es einen Zusammenhang mit Umweltgiften geben - so mehren sich in letzter Zeit die Hinweise darauf, dass sich unter anderem der Kontakt zu bestimmten Schwermetallen, Lösungsmitteln und Pestiziden auf das Krankheitsrisiko auswirkt. „Bekannt ist, dass der Wurmfortsatz des Blinddarms Reste von Lebensmitteln über längere Zeiträume als andere Regionen im Darm enthalten kann. Deshalb ist zumindest denkbar, dass der Wurmfortsatz häufiger und länger mit Umweltgiften, die über die Nahrung aufgenommen werden, in Kontakt kommt“, erklärt der nicht an der Studie beteiligte Mediziner Francisco Pan-Montojo von der Universität München.
Kritische Stimmen und Einschränkungen
„Wir waren überrascht, die pathogene Proteinform bei beiden Probandengruppen im Appendix zu finden. Dies legt nahe, dass ihre Präsenz allein nicht die Ursache der Erkrankung ist. Denn Parkinson ist eine relativ seltene Krankheit, die weniger als ein Prozent der Bevölkerung betrifft.
Eine Bevölkerungsstudie an über 1,5 Millionen Schweden hat gezeigt, dass eine Blinddarmentfernung bei Personen, die auf dem Land leben, das statistische Risiko senkt, eine Parkinson-Krankheit zu bekommen. Dies galt besonders für jene Personen, denen der Blinddarm mehr als 20 Jahre vor Krankheitsbeginn entfernt wurde. Als Erklärung vermuten die Studienärzte, dass der Blinddarm zur Entstehung der Parkinson-Krankheit beitragen könnte.
„Das ist eine interessante Annahme, zumal ein Einfluss der Aufnahme von Pflanzenschutzmitteln über den Magen-Darm-Trakt auf die Entstehung einer Parkinson-Krankheit diskutiert wird. Der mechanistische Erklärungsansatz der wissenschaftlichen Veröffentlichung, erste Formen der Parkinsonkrankheit wären sogar schon bei jedem jungen Menschen unter 20 Jahren im Nervensystem des Blinddarms zu finden, widerspricht allerdings meiner langjährigen Erfahrung als Neuropathologe.“
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„Eine Ausbreitung vom Blinddarm zum Gehirn kann auch nicht über den in der Studie vorgeschlagenen Nervenweg erfolgen, weil der Blinddarm nicht vom zehnten Hirnnerven versorgt wird. Sollte der Blinddarm tatsächlich einen Einfluss auf die Häufigkeit der Parkinsonkrankheit haben, müssten indirekte Effekte wie chronische oder länger dauernde Entzündungen des Blinddarms verantwortlich sein.“
Erhöhtes Parkinson-Risiko nach Blinddarmentfernung?
- Patienten, bei denen der Blinddarm entfernt wurde, erkranken laut einer Studie unter der Leitung der Case Western Reserve University wahrscheinlicher an Parkinson. Für die retrospektive Analyse wurden Daten von mehr als 62,2 Mio. Laut Forschungsleiter Mohammed Z. Sheriff konzentrieren sich neue Untersuchungen zur Ursache von Parkinson auf Alpha-Synuclein, ein Protein, das im Magen-Darm-Trakt bereits früh zu Beginn der Erkrankung nachgewiesen werden kann.
Von den 488.190 Patienten mit einer Appendektomie erkrankten 4.470 oder 0,92 Prozent an Parkinson. Von den verbleibenden 61,7 Mio. Patienten ohne Blinddarm-OP erkrankten nur 177.230 Personen oder 0,29 Prozent. Laut dieser Analyse trat Parkinson nach einer OP drei Mal so wahrscheinlich auf. Ähnliche Risikowerte konnten in allen Altersgruppen unabhängig von Geschlecht oder Rasse festgestellt werden. Laut Sheriff besteht ein klarer Zusammenhang zwischen Blinddarm, einer OP und Parkinson.
Fazit und Ausblick
Entsprechend vorsichtig fällt auch das Fazit der Autoren selbst aus. Klar ist ihnen zufolge bisher nur: „Der normale menschliche Blinddarm enthält pathogene Formen von Alpha-Synuclein und beeinflusst das Risiko einer Parkinson-Diagnose.“ Wie so oft in der Medizin heißt es für die Wissenschaftler daher nun erst einmal weiter forschen - und für den Otto Normalverbraucher, keine voreiligen Konsequenzen zu ziehen: „Auf keinen Fall rechtfertigt die Studie eine Blinddarmentfernung zur Vorbeugung einer Parkinson-Erkrankung“, kommentiert Walter Schulz-Schaeffer von der Universität des Saarlandes in Homburg.
Die vorliegende Studie bewertet Prof. Deuschl dennoch als höchst aufschlussreich. „Sie eröffnet Perspektiven für eine verbesserte Diagnostik und Therapie - und somit ein spannendes, weites Forschungsfeld. Möglicherweise können wir mit Hilfe dieser Erkenntnisse neue Biomarker finden, wie zum Beispiel bestimmte Alpha-Synuclein-Aggregate im Wurmfortsatz, die möglicherweise einen Morbus Parkinson vorhersagen können. Ähnliches wurde auch für Kolon-Biopsien schon vorgeschlagen. Auch gilt es zu erforschen, ob solche Aggregate zukünftige Therapietargets darstellen könnten.
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